
Vladislav Altbregin

Oct 13, 2016
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.10.2016, Rhein-Main-Zeitung, Seite 39
Wildtierarche kämpft um die Existenz
In Rodgau kümmert sich ein Verein seit Jahren um in Not geratene einheimische Wildtiere. Doch jetzt hat der Kreis Offenbach ihm die Genehmigung der Auffangstation versagt.
Von Eberhard Schwarz
RODGAU. Wenn Petra Kipper von ihrer Tätigkeit erzählt, ist ihr die Begeisterung anzumerken. Allein in diesem Jahr habe die Wildtier-Arche in Rodgau 15 Rehkitze aus ganz Deutschland großgezogen, sagt sie. Die meisten Tiere habe sie später an die Fasanerie in Wiesbaden abgegeben. Polizei, Feuerwehr, Ordnungsämter, Bürger, Tierrettungsdienste bis aus Bayreuth und Stuttgart gaben Tiere in Notfällen bislang in Kippers Obhut. Doch seit Ende Juli darf der Verein keine Wildtiere mehr aufnehmen. Der Kreis lehnte es ab, eine neue Erlaubnis „zum Halten von Tieren in einem Tierheim oder in einer ähnlichen Einrichtung" zu erteilen.
Seit 30 Jahren kümmert sich Kipper ehrenamtlich um die Pflege von einheimischen Wildtieren. Sogenannte Exoten hielt sie schon immer als Haustiere; auch dafür wurde sie zur Ansprechpartnerin. Bartagame, eine Vogelspinne, und Schlangen, darunter Königspython und Grüner Baumschnüffler, bevölkern die Terrarien in von Kipper gemieteten Räumen. An ihrem Privathaus befinden sich zudem Außengehege, in denen Eichhörnchen, Füchse, Marder und Singvögel bis zur Auswilderung untergebracht werden können.
Aus dem ehrenamtlichen Engagement entwickelte sich eine berufliche Tätigkeit: Als selbständige Referentin für Tier- und Naturschutz bietet Kipper Schulungen für Lehrer und Erzieher, aber auch für Polizei, Feuerwehr und Firmen an. Außerdem hält sie Vorträge vor Schulklassen und in Kindergärten.
2010 entstand der Verein Wildtier-Arche, dessen Vorsitz Kipper übernahm. Darin engagieren sich auch vier Tierärzte, eine Zootierpflegerin und eine Tierheilpraktikerin: „Geballte Sachkunde", nennt es Kipper. Seither betreibt der gemeinnützige Verein die Auffangstation für verletzte und elternlose Wildtiere. Sie werden aufgezogen und versorgt, bis sie wieder in die Natur zurückkehren können. Bisher kümmerte sich die Wildtier-Arche um rund 500 Tiere im Jahr.
Derzeit trägt der Verein einen Konflikt mit dem Kreis Offenbach aus. Als Gründe für die verweigerte Erlaubnis nennt der Kreis ,,mangelnde geeignete Räumlichkeiten für die Unterbringung der Tiere sowie fehlende Sachkunde für verschiedene Tierspezies". Bis Ende Oktober werde die Wildtier-Arche noch geduldet.
Man sei aber bereit, an einem gerichtlichen Mediationsverfahren teilzunehmen, sagte eine Sprecherin des Kreises. Der Verein müsse den Nachweis erbringen, dass die Person, die sich um die Tiere kümmere, sachkundig sei. Ein Tierarzt könne bestätigen, dass er die Verantwortung für die Wildtier-Arche übernehme. Möglich sei auch, einen Sachkundenachweis vorzulegen.
Kipper kann die Argumentation des Kreises nicht nachvollziehen. Bei der Erlaubnis nach Paragraph 11 des Tierschutzgesetzes gehe es darum, Haus- und Heimtiere dauerhaft zu halten: „Sie halten dauerhaft in der Regel aber keinen Fuchs und kein Eichhörnchen," 2011 habe der Verein eine bis Juli 2016 befristete Halteerlaubnis für heimische Wildtiere bekommen, was den Sachkundenachweis voraussetzt. Die Haltung von Exoten sei bislang an sie selbst und ihre berufliche Tätigkeit gekoppelt; der Kreis habe die Genehmigung hierfür erst Ende 2015 verlängert. Den Antrag des Vereins, künftig auch Exoten aufnehmen zu dürfen, habe der Kreis abgelehnt. Sie sei damit einerseits sachkundig und zuverlässig, um exotische Tiere für ihre Vorträge zu halten. Andererseits sei sie aber nicht sachkundig, um Exoten aufzunehmen, sagte Kipper: „Da beißt sich ja die Katze in den Schwanz."
Dadurch, dass die Halteerlaubnis für heimische Wildtiere befristet gewesen sei, „geht meine Sachkunde nicht verloren". Eine Rodgauer Tierärztin, die auch dem Vereinsvorstand angehört, erklärte sich schon 2014 bereit, die Verantwortung für die Wildtier-Arche zu übernehmen. Das Schreiben wurde dem Kreis damals zugefaxt; Kipper legte eine Faxbestätigung dafür vor.
Unterstützung bekommt Kipper aus der Politik: Die Rodgauer SPD und die Rodgauer Stadtverordnetenfraktion "Zusammen mit Bürgern" sprachen sich ebenso für den Erhalt der Wildtier-Arche aus wie die Kreistagsfraktion der Linken. Die Grünen im Kreistag stellten dazu jüngst eine Anfrage.
Inzwischen klagt der Verein beim Verwaltungsgericht Darmstadt, um die Genehmigung doch noch zu erhalten, „wenn sie denn erforderlich ist", wie der Wiesbadener Rechtsanwalt Ulrich Rommelfanger anmerkte, der den Verein vertritt. Nach seiner Meinung bedarf es keiner Genehmigung. Der Paragraph 11 des Tierschutzgesetzes werde in Hessen unterschiedlich angewandt. Es gebe auch eine Rechtsprechung, wonach man in bestimmten Fällen eine solche Genehmigung nicht brauche, etwa wenn Tiere in Not seien. Der Kreis führe fehlende Sachkunde und Zuverlässigkeit der Vereinsvorsitzenden an, Ihre Sachkunde habe Kipper nachgewiesen. Rommelfanger fügte hinzu, für ihn sei bislang nicht zu erkennen, „wodurch die bislang bestandene Zuverlässigkeit jetzt in eine sogenannte Unzuverlässigkeit umgeschlagen sein soll".
Kipper hatte 2013 eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen die Leiterin des Veterinäramts beim Kreis Offenbach erhoben. Ob dies eine Rolle spielt, lässt sich nicht belegen. Nach Rommelfangers Worten würde der Verein ein Mediationsverfahren bevorzugen. Die Sprecherin des Kreises machte deutlich, dass der Kreis „keine Fakten schafft, bevor das Mediationsverfahren beendet ist". Ziel des Kreises sei nicht, "die Wildtier-Arche zu schließen".
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