Statement der Studierenden gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung an der WWU

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Als Studierende der WWU positionieren wir uns unter anderem gegen Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus, Verschwörungstheorien und Rassismus. Aus diesem Grund haben wir uns mit der Frage auseinandergesetzt, ob Prof. Dr. med. Paul Cullen von der Medizinischen Fakultät weiterhin unterstützt werden sollte.

Die WWU steht mit ihrer Lehre für „Gleichstellung von Menschen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion und Weltanschauung, sexueller Orientierung und physischer und psychischer Beeinträchtigungen (…) Das Diversity Management des Exzellenzclusters dient dazu, ein wissenschaftliches Umfeld zu schaffen, das die soziale Vielfalt und Heterogenität der Forschenden würdigt und ihre unterschiedlichen Potenziale und Kompetenzen fördert.“ [1]

Prof. Dr. med. Cullen ist Professor der WWU, an der er Vorlesungen der klinischen Chemie hält. Cullen ist zudem Vorsitzender des Bundes Ärzte für das Leben e.V. [2], die sich mit ihrer "Lebensschutz-Bewegung" aktiv gegen Abtreibungen und Sterbehilfe einsetzen. Öffentlich tritt Cullen regelmäßig auf Demonstrationen [3], wie dem Tausend Kreuze Marsch auf, um gegen Schwangerschaftsabbrüche vorzugehen. [4] 
Die "Lebenschutz-Bewegung" wurde in der Vergangenheit bereits für ihre Nähe zur rechten Szene, ihren expliziten Antifeminismus und ihr radikales Auftreten kritisiert: "Unterschiede in der Nähe oder Distanz zu Neonazis oder AfD, abstoßende Holocaust-Vergleiche oder Uneinigkeit in der Frage, wie zentral Religion im eigenen Weltbild ist, haben bisher keine Zusammenarbeit zwischen der »Lebensschutz«-Bewegung und einem sich organisierenden Antifeminismus verhindert. Gesellschaftlich und ideologisch drohen gefährliche Diskursverschiebungen nach rechts und die Vertiefung diverser Gräben​​​​​​."​[5]

Zuletzt ist Prof. Dr. Cullen öffentlich zusätzlich durch seine Einstellung bezüglich fragwürdiger Behauptungen hinsichtlich der Corona Pandemie aufgefallen. Er tritt im Netz in Kanälen auf, welche explizit die Corona-Pandemie verharmlosen oder leugnen und schürt dort Ängste vor der COVID-19 Impfung. [6] [7]  
In einem seiner Vorträge beim Lebensrecht-Forum in Kassel am 19. Nov. 2016 spricht er davon, dass "[seine] Gegner [...]  das gesamte polit-mediale Establishment, fast die gesamte Unterhaltungsindustrie und die Dinosaurier-Medien auf ihrer Seite [hätten]. Dazu noch [...], mächtige Finanzinteressen wie die Soros-Stiftung, Chuck Feeneys Atlantic Philanthropies, die Bill und Melinda Gates-Stiftung, große Teile der Kirchen und nicht zuletzt der Universitäten.“ 
Er spricht hier weiterhin von „Kulturkampf“ und „Meinungsdiktatur“. Er behauptet: „Ziel der herrschenden gesellschaftlichen Kräfte ist es, den Menschen radikal zu isolieren. Ihm sollen seine familiären, nationalen, kulturellen und bildungsabhängigen, seine religiösen Bindungen, ja selbst seine geschlechtliche Identität entrissen werden. (…) Es [brauche] deshalb nicht nur den Marsch für das Leben sondern einen neuen Marsch durch die Institutionen.“[8]

Cullen stellt selbst fest, dass Äußerungen von Minderheiten, wenn sie genügend oft rezitiert und verbreitet werden einen erheblichen Einfluss auf einen öffentlichen Diskurs haben können. Eine umfassenden Analyse des Institute for Strategic Dialogue zeigte,"dass 5% der bei Hateful-Speech aktiven Accounts 50% der Likes für herabwürdigende Kommentare generieren".[9] Diese Strategie möchte Cullen nutzen: „Selbst mit 5% der Bevölkerung kann man ein Umdenken in der gesamten Gesellschaft herbeiführen.“ [8] Wollen wir das ein solches Umdenken stattfindet? 

Wenn es um die Unterstützung Cullens in der Lehre geht, treffen verscheidene Grundwerte aufeinander: Auf der einen Seite stehen die Freiheit der Lehre und die persönliche Meinungsfreiheit jedes/jeder Einzelnen und auf der anderen Seite, das Grundrecht auf Selbstbestimmung der Frau, und die Verteidigung eines Diskurses, der respektvoll und wissenschaftsbasiert geführt wird. Dass die Meinungsfreiheit jedes Menschen ein unstrittiges Gut ist, steht außer Frage. Diskutiert werden sollte, in wiefern es einem außerplanmäßigen Professor zusteht, seine Professur zu nutzen, um seine persönliche Meinung öffentlich auf diese Art und Weise zu verbreiten.

Wir wollen uns, als Studierende der WWU von den oben genannten antifeministischen, dirkriminierenden und populitischen Aussagen klar distanzieren. Wir halten diese besonders vor dem Hintergrund der Verbreitung von Verschwörungstheorien, insbesondere bezüglich der Corona-Pandemie und einem Erstarken von rechten und frauenfeindlichen Positionen, sowie populistischer Regierungen für äußerst relevant. Wir befürchten, dass die Legitimation solcher radikalen, kompromisslosen Positionen durch ein Mittragen der WWU zu einer Verschiebung der öffentlichen Debatte darüber, was als politisch tragbar gilt, führt. Wir sind der Meinung, dass Prof. Dr. med. Cullen seinen Titel und seine Position innerhalb der WWU nicht missbrauchen sollte, um seinen persönlichen Ideologien mehr Tragweite zu verleihen.

Wir befürworten einen kontroversen Diskurs zu moralisch umstrittenen Themen bezüglich des Lebensanfangs und Lebensendes. Von unserer Seite ist deutlich zu betonen: Uns geht es also nicht um eine Untergrabung oder Ausschließung der persönlichen Meinung. Cullen macht jedoch deutlich, dass er selbst nicht an einem politischen Diskurs interessiert ist: Ziel sei es nicht, „[seinen] Gegner zu überzeugen, sondern ihn zu besiegen“ [8] Wir halten es aus diesem Grund für wichtig sich gegen Meinungsmache und poulistisches Auftreten zu positionieren, damit ein friedlicher Dissenz in einer pluralen und offenen Gesellschaft weiterhin möglich bleibt. 

Die medizinische Fakultät steht für einen gleichberechtigten, respektvollen und wissenschaftlichen Austausch mit- und untereinander und dies gilt es zu fördern.

[1] GLEICHSTELLUNGSKONZEPT, Seite zuletzt aufgerufen am 11.01.2021, 22:53 Uhr https://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/organisation/gleichstellung/gleichstellungskonzept.html

[2] Hippokratischer Eid – Berufung in diesem Sinne: Die Ärzte für das Leben e.V.​​​​​​​ von Adam Franke und Paul Cullen​​​​​​​, Seite zuletzt aufgerufen am 11.01.2021 um 22:51 https://aerzte-fuer-das-leben.de/ueber-uns/

[3] Prof. Dr. Paul Cullen - Marsch für das Leben 2015, Bundesverband Lebensrecht, Video vom 23.09.2015, zuletzt aufgerufen am 11.01.2021 um 23:01 Uhr https://www.youtube.com/watch?v=zfkUt0vOLec

[4] DER „1000-KREUZE-MARSCH“ UND DIE RADIKALEN ABTREIBUNGSGEGNER*INNEN​​​​​​​, MSLREX, Seite zuletzt aufgerufen am 11.01.2021 um 22:50 Uhr https://muensterlandrechtsaussen.blackblogs.org/2020/10/11/der-1000-kreuze-marsch-und-die-radikalen-abtreibungsgegnerinnen-in-muenster/

[5] Eike Sanders über die »Lebensschutz«-Bewegung und den Fall Kristina Hänel, Seite aufgerufen am 11.01.2021, 22:49 Uhr  https://gbp.vdaeae.de/index.php/143-2017/2017-4/1061-gbp-4-2017-eike-sanders 

[6] Prof. Dr. Paul Cullen - Die neue Impfstoffe, YouTube-Video, zuletzt aufgerufen am 11.01.2021, 22:55 Uhr, by Anwälte für Aufklärung https://www.youtube.com/watch?v=kw1Ni9Yi53I Video vom 30.11.2020

[7] Corona Aktuell: Warum Impfungen gegen Corona vielleicht keine gute Idee sind (Paul Cullen), Seite zuletzt aufgerufen am 11.01.2021, 22:56 Uhr, RPP Institut, Video vom 08.09.2020 https://www.youtube.com/watch?v=O-42QVqIXtY 


[8] Eine Veränderung in den gesellschaftlichen Verhältnissen ist jetzt möglich! Gastbeitrag von Prof. Paul Cullen, Seite zuletzt aufgerufen am 11.01.2021, 22.52 Uhr https://kath.net/news/57579

[9] Phillip Kreißel, Julia Ebner, Alexander Urban und Jakob Guhl, Hass auf Knopfdruck: Rechtsextreme trollfabriken und das Ökosystem koordeinierter Hasskampagnen im Netz, London 2018, https://www.isdglobal.org/wp-content/uploads/2018/07/ISD_Ich_Bin_Hier_2.pdf (abgerufen am 25.11.2020)