Wenn Helfer nicht helfen und Ärzte gewalttätig werden ... Sind Ärzte unantastbar?

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Wenn mein ärztlicher Kollege gerade dabei ist, meinem Patienten das falsche Bein zu amputieren - und ich bemerke das - muss ich ihn dann darauf hinweisen oder darf ich mich auf "Arbeitsteilung" berufen und sagen "Der wird seinen Fehler hoffentlich schon noch merken, der ist ja selber Arzt und ich darf ihm dann nicht reinreden...." ?!

Dr. Müller ist Facharzt für Beine und wird von seinem Kollegen Meyer zu einem gemeinsamen Patienten ins Krankenhaus gerufen. Meyer ist fachfremd und unerfahren, in Ausbildung, aber trotzdem gerade dabei, eine Amputation des rechten Beins des Patienten vorzubereiten. Dr. Müller stellt bei seiner Untersuchung fest, dass das Bein völlig gesund ist und daher natürlich nicht amputiert werden darf. Seinem Kollegen teilt er das aber nicht mit, sondern verlässt das Klinikum wortlos.

Ein Landgericht und bislang auch das Oberlandesgericht sind der Meinung, dass Dr. Müller sich hierum aber nicht weiter kümmern muss. Schon gar nicht muss er seinen Kollegen, der ihn um Mitbeurteilung gebeten hat, darauf hinweisen. Dr. Müller darf sich darauf berufen, dass fachfremder unerfahrener Kollege Meyer die Lage schon beurteilt hat und sich darauf hoffen, dass er seinen Fehler schon noch rechtzeitig erkennen wird.

Es kommt, wie es kommen muss. Das Bein wird amputiert und es bestätigt sich durch ein gerichtliches Sachverständigengutachten, dass das Bein eindeutig und völlig gesund war und jeder Facharzt das sofort erkannt hätte.

Arzt Meyer allerdings sagt, er sei nicht verantwortlich: "Ich habe doch Dr. Müller hinzugezogen. Der hat mir aber nichts gesagt!“ 

 

Der konkrete Fall - ein Kieler Krimi aus dem echten Leben


Ich möchte Euch hier die schockierende und unglaubliche Geschichte meiner Freundin erzählen.


Vorgeschichte

Meine Freundin hatte an einem Freitag Abend einen Unfall. Sie war vom Pferd gefallen. Sie stellte sich im Universitätsklinikum in Schleswig-Holstein (UKSH Kiel) vor. Aus fachärztlicher Sicht wurde die Situation als nicht kritisch beurteilt.  Der behandelnde neurologische Facharzt empfahl trotzdem die Nacht noch da zu bleiben, um ganz sicher zu gehen. Das ist nicht unüblich und so blieb meine Freundin zur Beobachtung über Nacht dort. Der zuständige Facharzt vermerkte noch in der Nacht "Entwarnung".


Am nächsten Morgen wollte sie - wie vom Facharzt prognostiziert - das Krankenhaus verlassen. Dienst hatte jetzt aber ein fachfremder junger unerfahrener Arzt in Ausbildung. Ein Anästhesist.

Er entschied, ohne dies zu begründen, dass meine Freundin entgegen den zuvor erteilten Auskünften bleiben müsse. Dies wollte meine Freundin nicht. Sie wollte - in Begleitung ihres Freundes - absprachegemäß nach Hause. Plötzlich behauptete der Arzt, sie sei in akuter Lebensgefahr, es könnte zu einer Hirnblutung kommen, wenn sie das Bett verlasse. Schon ein Transport in einem Rettungswagen sei wegen der Erschütterungen beim Fahren auf einer Straße lebensgefährlich. Eine Aufklärung, woher er diese Behauptungen nahm - in Widerspruch zur mehrfachen fachärztlichen Einschätzung zuvor -  verweigerte der Arzt ausdrücklich:

"Es wird nicht mehr geredet".


Zusammen mit fünf weiteren Personen überfiel er daraufhin urplötzlich meine Freundin und schleppte sie über mehrere Meter zu ihrem Krankenbett und warf sie gewaltsam darauf. Anschließend fesselte man sie unter massiver Gewaltanwendung an beiden Händen, beiden Beinen und beiden Füßen. Der Freund meiner Freundin erhielt aus unbekannten Gründen Hausverbot und musste die Station sofort verlassen. Vor der Stationstür musste er die verzweifelten Hilfeschreie meiner Freundin hilflos mit anhören, die überhaupt nicht wusste, wie und warum ihr geschah.

Es ist stark anzunehmen, dass ihr Freund deswegen Hausverbot erhielt, weil er im Falle einer Einsichtsunfähigkeit oder Bewusstlosigkeit seiner Freundin Vorsorgebevollmächtigter war und es eine einschlägigen Patientenverfügung gab, die die Vorgänge allesamt untersagte. Doch man weigerte sich, diese Patientenverfügung zu lesen. 

Nach einem fachärztlichen gerichtlichen Sachverständigengutachten war die fachärztliche Einschätzung der Klinik insoweit richtig, als dass meine Freundin nicht in Lebensgefahr oder Blutungsgefahr war und das Verhalten des fachfremden Arztes, der aber die Stationsaufsicht hatte, sei unvertretbar gewesen. Ein grober Behandlungsfehler.

Hätte die behauptete Lebens- oder Blutungsgefahr vorgelegen, wären schon lautes Reden, Anschreien oder Stress geeignet gewesen, gerade erst die Hirnblutung auszulösen oder die Gefahr hierfür erheblich zu erhöhen. Wenn schon lautes Reden, was gilt dann erst für den Stress der Gewaltanwendung und Fesselung?!

Der Arzt hätte meine Freundin dann tatsächlich in ernste Lebensgefahr gebracht. Wenn sie das dann überhaupt überlebt hätte, wäre sie ziemlich wahrscheinlich geistig behindert gewesen. 

Immer wieder sind die Reaktionen von Menschen, Patienten, ja sogar Rechtsanwälten: "Ärzte dürfen das!" "Ärzte dürfen das, wenn der Patient in Lebensgefahr ist" "Der Patient muss sich dem fügen!"

Das ist absolut falsch!

Rechtlich gesehen dürfen Ärzte das nicht!

Bei einem einsichtsfähigen Menschen gilt das Selbsbestimmungsrecht bis zur Selbstaufgabe. Also auch bei Lebensgefahr darf er selbst entscheiden, egal, wie jung oder alt er ist, ob er unheilbar krank ist oder nur einen Zeh gebrochen hat.

Der Bürger hat ein LebensRECHT gegenüber dem Staat, keine Lebenspflicht.
Der Arzt hat eine Behandlungspflicht, KEIN BehandlungsRECHT.

Das Bundesverfassungsgericht hat jüngst erst entschieden, dass Menschen ohne richterlichen Beschluss sowieso nicht gefesselt werden dürfen (und es auch damals nicht durften), es sei denn, man kann nicht länger warten, weil eine akute Gefahr unmittelbar droht. Hier konnte man 40 Minuten vom Erstkontakt bis zur Fesselung warten. Eine akute unmittelbar bevorstehende Gefahr behauptete nicht einmal der Arzt selbst !

Bundesverfassungsgericht, Urteile vom 24. Juli 2018
2 BvR 309/15 und 2 BvR 502/16

https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2018/bvg18-062.html

Die Fixierung muss immer das letzte Mittel sein, wenn alle anderen Versuche, auf den Patienten einzuwirken, gescheitert sind.

Einwirken heißt dabei nicht, der Patient muss sich der MEinung des Arztes anschließen. Einwirken heißt, man muss den Patienten aufklären und wenn er sich gegen eine Behandlung entscheidet und einsichtsfähig ist, also versteht, was er da entscheidet und, dass er bei Nicht-Behandlung sterben könnte, dann muss der Arzt das akzeptieren.

Und genau da liegt das Problem.Es fällt ganz offenkundig vielen Ärzten schwer. Wer nicht um jeden Preis sein Leben retten will, gilt scheinbar automatisch als unvernünftig und muss damit zu seinem - vermeintlichen - Glück gezwungen werden.

Nun.
Eine medizinische Aufklärung erfolgte über den ganzen Zeitraum nicht. Ein Facharzt besuchte meine Freundin auch nicht. Eine über die bloße Beobachtung durch den fachfremden Stationsarzt hinausgehende medizinische Behandlung erfolgte ebenfalls nicht. Sie blieb - ohne Grund - trotzdem bis zum nächsten Morgen gefesselt. Sie war dem Arzt komplett hilflos ausgeliefert.


Als sie am nächsten Morgen aufwachte, kam der - wie gesagt fachfremde - Arzt und sagte, sie könne jetzt gehen, die angebliche Lebensgefahr sei inzwischen vorüber. Ohne Untersuchung oder irgendeine Form von medizinischer Behandlung außer Bettruhe.


Das alles war schon schlimm genug.


Die Täter - der Arzt und das Klinikum - haften mit Schmerzensgeld und Schadensersatz. Das Gericht sagte, der Arzt hätte meine Freundin wenigstens aufklären müssen. Und er hätte auch nach dem Eindruck des Gerichts "die Eskalation der Situation von Anfang an gesucht". Er wollte einfach seine Macht demonstrieren. Und/oder er dachte, wenn der Patient sich trotz behaupteter Lebensgefahr nicht am Hirn operieren lassen will, dann muss man ihn wegen dieser einer Geisteskrankheit gleichzusetzenden Unvernunft halt zwingen dürfen. Das ist rechtlich grob falsch. Zumindest ein stationsüberwachender Arzt in einer Klinik muss das wissen.

Auch die Staatsanwaltschaft stellte fest, dass der Arzt eine massive Freiheitsberaubung und Körperverletzung begangen hatte. Wir reden hier von einem Zeitraum von über 24 Stunden in gefesseltem Zustand.

Meine Freundin wurde erst am Sonntag entlassen. Etwas mehr als 36 Stunden nach dem Unfall.


Die Wegschau-Ärztin


Meine Freundin war leider vor vielen Jahren schon einmal Opfer von massiver Gewalt gewesen und litt unter einer posttraumatischen Belastungsreaktion (PTBS). Um dieses vorherige Gewalt-Erlebnis zu verarbeiten, war sie bereits ein Jahr in Psychotherapie bei einer Fachärztin für Psychotherapie und Allgemeinmedizin gewesen, die auch psychotraumatologisch und sozialmedizinisch ausgebildet ist.

Sie rief in dieser Notsituation ihre Therapeutin auf dem Handy an, schickte eine SMS mit den Worten "HILFE!". Die Therapeutin rief zurück, meine Patientin konnte nur kurz die allernötigsten Angaben berichten, nämlich, dass sie gefesselt worden sei, weil sie angeblich in Lebensgefahr sei, die Fachärzte das ihr und ihrem Freund aber zuvor anders mitgeteilt hätten.

Diese Fachärztin rief der Arzt an. Ohne das Einverständnis meiner Freundin. Er erhielt schon am Telefon diverse durch die Schweigepflicht geschützte Informationen über meine Freundin. Die Therapeutin verriet ihm sämtliche Diagnosen, die sie in der Therapie gestellt hatte uvm, bloß, weil der Arzt danach fragte. Sie kam nicht auf die Idee, meine Freundin vorher mal genauer nach dem Sachverhalt zu fragen oder ob und welche Angaben sie überhaupt weitergegeben wissen will. Der Arzt fragte die Therapeutin nach ihrer Einschätzung und ob die Patientin absprachefähig sei. Er suchte wohl einen Weg raus aus der Misere, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Die Therapeutin sagte, sie sei bei ihr in den bisher gut 47 Therapiestunden über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr immer absprachefähig gewesen. Aber die Patientin sei emotional geladen (was wohl bei massiver Gewaltanwendung, Fesselung und Menschenrechtsverletzungen nicht nachvollziehbar ist?!) und daher lege sie ihre Hand dafür nichts Feuer.


Einige Zeit SPÄTER kam diese Ärztin dann ins Klinikum. Meine Freundin war bereits etwa 3 bis 4 Stunden gefesselt. Statt meiner Freundin Trost zu spenden oder ihr sonstwie seelischen Beistand zu spenden, meinte die Ärztin nur zu ihr, sie solle Verständnis für die Täter haben. Die Therapeutin meinte, der Arzt wirke auf sie völlig überfordert. Die Fesselung sei bestimmt Ausdruck ärztlicher Fürsorge. Sicherlich wolle sich der Arzt damit doch nur vor einem Haftungsfall schützen für den möglichen Fall, dass vielleicht doch noch Komplikationen entstehen (dann hätte man meine Freundin gegen ihren Willen am Hirn operiert!). Sie bestätigte meiner Freundin, dass sie bei klarem Verstand sei und daher selbst über das ob und wie einer medizinischen Behandlung entscheiden dürfe. Sie wäre sich daher sicher, dass meiner Freundin gerade Unrecht geschehe und sie später vor Gericht Recht bekommen würde. Sie hätte jetzt aber Urlaub. Dann verließ sie meine Freundin, ohne dem Arzt ihre Erkenntnisse mitzuteilen.


All das bestreitet die Ärztin nicht mal!

Sie hätte dem Arzt mitteilen können, dass meine Freundin ihrer fachärztlichen Meinung nach bei klarem Verstand ist und somit selbst entscheiden darf. Der Arzt hätte spätestens dann nicht mehr anders gekonnt, als meine Freundin sofort zu entlassen.
Sie hätte den Arzt zB auch bitten können, die Fesseln zu lockern. Ihr war klar, dass durch die Fesselung die seelischen Folgen der Tat noch schlimmer sein würden.

Es wurde kein Facharzt gerufen. Der Stationsarzt erklärte nicht einmal, wie er zu seiner von der fachärztlichen Meinung abweichenden Beurteilung einer angeblichen Lebensgefahr kam.

 


Petitionsgrund


Jeder muss helfen, wenn er Unfälle, Gewalt oder Unglücksfällen sieht und Hilfe zumutbar ist. Jeder muss in solchen Situationen wenigstens die Polizei oder den Krankenwagen rufen. Sonst macht man sich wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar.

Nicht so die Therapeutin. Sie kann dem Opfer erst Vorwürfe machen. Und dann kann sie das Opfer links liegen lassen und seelenruhig in den Urlaub fahren. Sie darf sich darauf verlassen, dass ein von ihr selbst als unerfahren und überfordert beschriebener Stationsarzt


Das Landgericht Kiel hat nämlich nun ein Urteil gesprochen, in dem es dieser Ärztin attestiert hat, dass sie wegschauen durfte und das auch optimales Vorgehen ist.

Sie bekam attestiert: "Das hast Du gut gemacht!"

Unglaublich? Aber wahr!

Die Ärztin habe die Patientin ja im Krankenhaus besucht, mehr könne man nicht verlangen. Es sei nachvollziehbar, dass sie ihre Erkenntnisse, die zur Befreiung meiner Freundin geführt hätten, nicht mitgeteilt hätte.

Meine Freundin hat kein Vertrauen mehr zu Ärzten oder Therapeuten. Genau den Menschen, die ihr helfen könnten, das schreckliche Trauma zu bewältigen. Sie ist mit ihrem Schmerz und ihrem Leid allein. Ohne Aussicht auf Hilfe von außen. Wieder einmal.


Was meine Petition soll

Ich möchte sowohl den Richtern, die es in Ordnung fanden, dass eine Zeugin von Gewalt - eine Ärztin - nicht geholfen hat, obwohl es ihr ohne großen Aufwand möglich war, vor Augen führen, dass wir Wegschauen verachten, es nicht als richtig oder gar Recht empfinden. 

Und ich möchte, dass diese Ärztin, die vom Gericht attestiert bekommen hat, dass Wegschauen völlig ok, ja sogar Goldstandard, war, versteht, dass sie - trotz des unglaublichen Urteils - hätte helfen müssen und auch in Zukunft auch helfen soll und muss - als Mensch und ganz besonders als Angehörige eines Heilberufes!

Wie geht es weiter?

Das Urteil ist nicht rechtskräftig.
Die Instanz ist aber abgeschlossen und somit kann das Urteil nicht mehr abgeändert werden. Die Richter haben abschließend entschieden.

Die Berufung läuft.


Wenn Richter in Gerichtsurteilen "im Namen des Volkes" Wegschauen als Goldstandard betrachten und in der Urteilsbegründung dem Täter auch noch unverhohlen attestieren

"Das hast Du gut gemacht!"

- welche Botschaft wird dann erst an die Haupttäter gesendet?

Ein deutlicheres Zeichen gegen Zivilcourage und für das Wegsehen kann man nicht setzen !


Teilen wir dem Landgericht Kiel mit, was wir von solcher Empathielosigkeit und menschlicher Kälte gegenüber dem Opfer halten! Dass das keine Rechtsprechung "im Namen des Volkes" ist!

Teilen wir dieser Ärztin mit, dass Wegschauen und sich aus der Verantwortung für eigenes Unterlassen stehlen, nicht die Lösung sind!

 


Der hippokratische Eid - das aktuelle Genfer Gelöbnis - gilt es für diese Ärztin etwa nicht?


 "Als Mitglied des medizinischen Berufsstandes:
Gelobe ich feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen;
Die Gesundheit und das Wohlbefinden meines Patienten wird oberstes Gebot meines Handelns sein;
Ich werde die Autonomie und Würde meines Patienten respektieren;
[...]
Ich werde die Ehre und die edle Überlieferung des ärztlichen Berufes fördern;
[...]
Ich werde mein medizinisches Wissen nicht dazu verwenden, Menschenrechte und bürgerliche Freiheiten zu verletzen, selbst unter Bedrohung;
Dies alles verspreche ich feierlich und frei auf meine Ehre."

 


Wie könnt ihr helfen?

Schritt 1: Petition zeichnen, per Mail bestätigen (Achtung! Geht manchmal per Handy nicht!)
Schritt 2: Freunde und Bekannte auf die Petition aufmerksam machen
Schritt 3: Druckt einfach diesen Text aus und an die Adressaten senden:

Präsidentin des Landgerichts Kiel
Ulrike Hillmann
Schützenwall 31 - 35
24114 Kiel

Oder mailt es an die Pressestelle:

pressestelle@lg-kiel.landsh.de

sowie an die Justizministerin

Dr. Sabine Sütterlin-Waack
Lorentzendamm 35
24103 Kiel

Pressestelle: oliver.breuer@jumi.landsh.de

Bei Fragen oder für Vordrucke wendet Euch auch gern an mich!