Mise à jour sur la pétitionWeiterbetrieb CO2-freier Kernkraft für mindestens 10 Jahre!Atomkraft in den Ruhestand?
Uwe MielkeDresden, Allemagne
2 avr. 2023

Ende der Atomkraft: "Wir schicken mit Isar-2 einen kerngesunden 50-Jährigen in den Ruhestand" - frei lesbarer Artikel aus der SZ vom 29.03.2023 - In einem emotionalen Auftritt kritisiert Guido Knott, der Chef von Preussen-Elektra, den Atomausstieg, klagt über die Stigmatisierung seiner Mitarbeiter - und spricht über die doch noch offene Möglichkeit eines Comeback. 

https://www.sueddeutsche.de/bayern/atomausstieg-isar-2-essenbach-bayern-atomkraft-ausstieg-energie-1.5778088

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Das Handelsblatt war füher einmal eine Stimme der deutschen Wirtschaft, welche aber mittlerweile zu einem regierungsnahen Kolportage-Blatt verkommt. Dessen ungeachtet gibt es einen lesenswerten Artikel zum nahenden Atomausstieg, welcher allerdings zumindest eine Registrierung als Leser erfordert. Desshalb hier einige Auszüge aus dem Artikel vom 31.03.2023 ... Atomausstieg - Diese Folgen hat Deutschlands Sonderweg in der Energiepolitik

https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/atomausstieg-diese-folgen-hat-der-sonderweg-in-der-energiepolitik/v_detail_tab_comments/29066852.html

Von Blackout bis Braindrain – mit dem Atomausstieg verbinden sich viele Ängste. Wie groß die Risiken wirklich sind – und was jetzt passieren muss, damit die Energiewende nicht scheitert.

Während viele andere EU-Staaten weiterhin auf die Atomkraft setzen, schaltet Deutschland Mitte April seine letzten drei Kernkraftwerke ab.

Die Angst vor Stromausfällen und steigenden Strompreisen ist groß. Um beides zu vermeiden, setzt Deutschland verstärkt auf französischen Atomstrom.
Aber der Ausstieg kann auch neue Impulse für Deutschland bieten: Ein beschleunigter Ausbau der erneuerbaren Energien, neue Gaskraftwerke und mehr Innovation durch Wasserstoff-Technologie.

Eon-Chef Leonhard Birnbaum sieht den Kohleausstieg 2030 in Gefahr, wenn nicht schnell Investitionsentscheidungen fallen. Warum, lesen Sie hier.
Die Kernkraft spaltet Deutschland – bis kurz vor Schluss. „Es ist typisch grüne Doppelmoral, dass Robert Habeck lieber dreckigen Kohlestrom produziert, als sauberen Atomstrom zu nutzen“, kritisiert Martin Huber. Der CSU-Generalsekretär will die verbleibenden drei deutschen Atomkraftwerke „mindestens über den Winter 2023/24 weiterlaufen lassen“, das sei gut für das Klima und könnte „den Strompreis signifikant senken“.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) vertritt ebenso klar die Gegenposition: Die Risiken der Atomkraft seien letztlich unbeherrschbar, die Bedeutung der Atomkraft für die Versorgungssicherheit minimal, daher ist für Lemke klar: „Es bleibt beim Atomausstieg Mitte April.“

Atomkraft: Ausstieg aus dem Atomausstieg nicht in Sicht.
Über kaum ein anderes Thema ist in der Geschichte der Bundesrepublik so gestritten worden wie über den Atomstrom. Bilder von Großdemos in Brokdorf und in Wackersdorf haben sich in das Gedächtnis vieler Deutscher eingebrannt. Doch bald ist alles vorbei. Es verbleiben nur noch wenige Tage, ehe die letzten drei in Deutschland noch aktiven Atomreaktoren – Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 – endgültig vom Netz gehen.

Ein erneuter Ausstieg aus dem Ausstieg ist nicht in Sicht. „Ich bedaure das. Nicht nur emotional“, bekennt Leonhard Birnbaum, Vorstandschef des Energiekonzerns Eon, im Handelsblatt Interview: „Das ist das Ende einer Groß-Technologie in Deutschland, ohne Zweifel.“

Wie riskant ist dieser deutsche Sonderweg? Wächst jetzt das Risiko von Blackouts? Steigen die Strompreise? Reißt Deutschland seine Klimaziele? In diesem Artikel beantwortet das Handelsblatt-Energieteam die wichtigsten Fragen rund um den Atomausstieg – und nennt die gewaltigen Herausforderungen, die schleunigst angegangen werden müssen, damit die Stromversorgung in Deutschland auch ohne Kernkraftwerke sicher, bezahlbar und ökologisch zumindest halbwegs vertretbar bleibt.

Für Eon-Chef Leonhard Birnbaum ist zum Beispiel klar: „Es braucht viel schnellere und viel einfachere Verfahren – und zwar überall. Sonst fährt die Energiewende gegen die Wand.“

Klar ist auch: Deutschland kann sich den Atomausstieg nur erlauben, weil wir uns künftig verstärkt auf Atomstrom-Lieferungen aus Frankreich verlassen. Das kann man pragmatisch nennen. Oder scheinheilig. 

Das sind 5 Risiken, die jetzt drohen:

1. Kommt im nächsten Winter der Blackout?

Etwas mehr als sechs Prozent der deutschen Stromerzeugung stammten im vergangenen Jahr noch aus den letzten drei Atomkraftwerken (AKWs) des Landes. Bis zum 15. April dürfte dieser Anteil allerdings bereits gesunken sein. Denn von den ursprünglich möglichen vier Gigawatt Leistung der verbliebenen AKWs sind Mitte März gerade mal drei Gigawatt übrig. 25 Prozent haben die Meiler wegen der schwindenden Leistung der Brennstäbe bereits eingebüßt. 

Eines ist laut Strommarktexperte Fabian Huneke vom Beratungsunternehmen Energy Brainpool klar: Es geht nicht um die Gefahr eines unvorhergesehenen, großflächigen Stromausfalls, also eines Blackouts. „Der droht weder mit noch ohne Kernkraftwerke“, sagt Huneke. „Es geht darum, wie wir volkswirtschaftlich optimal durch eine Mangelsituation kommen.“ Vorher habe die Situation entspannt ausgesehen, „jetzt ist die Lage etwas angespannter“.

Sollte Strom im kommenden Winter vorübergehend knapp werden, etwa weil Wind- und Solaranlagen nicht genug liefern und zugleich zu wenig Importstrom über die Grenze fließt, würde in einem ersten Schritt Großverbrauchern wie etwa Industriebetrieben der Strom abgeschaltet. Die Entscheidung darüber, wer vom Netz genommen wird, treffen die Betreiber der Stromübertragungsnetze.

Bis Mitte vergangenen Jahres war die „Verordnung zu abschaltbaren Lasten“ (AbLaV) in Kraft, in der geregelt war, welche Vergütungen Unternehmen bekommen, wenn sie kurzfristig und freiwillig vom Netz gehen. Eine Nachfolgeregelung wird zwar immer wieder mal erwogen und gefordert, ist aber aktuell nicht in Sicht. Die sogenannten „Lastabwürfe“ liegen daher im Moment einzig im Ermessen der Netzbetreiber.

Was kostet mehr? Die Industrie im Ernstfall für ein paar Stunden abzuschalten und die damit verbundenen Folgekosten? Oder ist es teurer, die AKWs mit neuen Brennstäben auszustatten, inklusive aller damit einhergehenden Risiken für Umwelt, Gesellschaft und Politik? 

(Grafik: zwischen 1985 und 2010 lag der CO2-freie Atomstromanteil in Deutschland stabil über 25%, im Jahr 2000 betrug er sogar 30%)

Die Antwort steht und fällt nach wie vor mit Deutschlands Nachbarland Frankreich. Weil viele der AKWs dort repariert werden müssen, kann Frankreich nicht so zuverlässig und so viel Strom exportieren wie gewohnt. Stattdessen mussten Deutschland und andere Länder zuletzt vermehrt einspringen und Strom über das europäische Netz nach Frankreich schicken. Eigentlich hatte sich die Situation in den vergangenen Monaten wieder entspannt.

Eine Meldung von Anfang März beunruhigt Strommarktexperten jedoch: Die französische Atomsicherheitsbehörde hat neue Risse im Leitungsrohr zweier weiterer AKWs entdeckt. „Wegen möglicher Folgen und der erhöhten Wahrscheinlichkeit eines Bruchs“ stufte die Behörde den Riss als Störfall ein. 

Gibt der französische Atombetreiber EDF in den nächsten Wochen Entwarnung, sieht es gut aus mit der deutschen Stromversorgung im kommenden Winter. Wenn nicht, droht zwar kein Blackout, aber die Möglichkeit von kurzzeitigen Abschaltungen für Großkunden rückt ein Stück näher.

2. Drohen Deutschland in den kommenden Jahren mehr Stromausfälle?

Wenn man sich auf die Aussagen der Bundesnetzagentur verlässt, dann bleibt das Stromnetz auch nach der Abschaltung der letzten drei AKWs und bei einem raschen Aus für die Kohlekraftwerke stabil. Das jedenfalls legt der Bericht der Behörde zum Stand der Stromversorgungssicherheit in Deutschland nahe, den das Bundeskabinett Anfang Februar verabschiedet hatte.

Darin heißt es, die sichere Versorgung mit Elektrizität sei gewährleistet – trotz des steigenden Stromverbrauchs durch Wärmepumpen, E-Mobile oder Elektrolyseure, trotz Kohleausstieg bis 2030 und trotz der Stilllegung der letzten AKWs.

Das auch im europäischen Vergleich „sehr hohe Versorgungssicherheitsniveau in Deutschland“ könne aufrechterhalten bleiben, lautet das Resümee der Bundesnetzagentur. Der Bericht betrachtet die Jahre ab 2025, wenn also der Ausbau der erneuerbaren Energien weiter fortgeschritten ist als heute.

Doch natürlich ist die Stabilität eines Stromnetzes letztlich eine physikalische Frage und nichts, was sich per Kabinettsbeschluss regeln lässt. Nicht alle teilen zudem den Optimismus der Bundesnetzagentur. Selbst Klaus Müller, Präsident der Behörde, hat in den vergangenen Wochen immer wieder darauf hingewiesen, dass die Rechnung nur aufgeht, wenn alles klappt.

Heißt konkret: Der Ausbau der Erneuerbaren muss voranschreiten, und die derzeit fehlenden Back-up-Kraftwerke müssen schnell gebaut werden, die zunächst mit Erdgas und später mit Wasserstoff betrieben werden sollen. Sie kommen künftig immer dann zum Einsatz, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.

Solche Phasen treten immer wieder auf und können sich im ungünstigsten Fall über zwei Wochen hinziehen. Mit gespeichertem Strom lassen sie sich nicht überbrücken. 

In dem Bericht heißt es außerdem, Deutschland werde „perspektivisch zu einem Nettoimporteur“ von Strom. Doch auch das steht unter Bedingungen. Es sei erforderlich, dass der unterstellte Ausbau an erneuerbaren Energien „und auch die Investitionen in konventionelle Anlagen in Europa realisiert werden“, so der Bericht. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass Deutschland in Knappheitssituationen verlässlich auf Strom aus den Nachbarländern zurückgreifen kann. 

Das ist aber keineswegs sicher. Kritiker sagen, die Bundesnetzagentur unterstelle für die nächsten Jahre eine viel zu hohe Verfügbarkeit der französischen AKWs. Die Behörde gehe von Werten aus, die selbst die Annahmen der Franzosen deutlich überträfen. Alexander Weiss, Leiter des globalen Energiesektors bei McKinsey, weist auf einen anderen Aspekt hin: „Europaweit werden disponible Kapazitäten abgebaut“, warnt er.

Unter disponiblen Kapazitäten versteht man Kraftwerke, die beliebig an- und abgeschaltet werden können, also etwa Atom-, Kohle- oder Gaskraftwerke. Gaskraftwerken kommt dabei eine besondere Rolle zu, weil sie sich sogar sekundenschnell hoch- und runterfahren lassen. Zusammengenommen sind die Atom-, Kohle- und Gaskraftwerke Garanten für gesicherte Leistung, die jederzeit verlässlich zur Verfügung steht – anders als Windräder oder Photovoltaikanlagen.

Offenbar ist man sich auch in der Bundesnetzagentur darüber im Klaren, dass die Schlussfolgerungen des Berichts sehr optimistisch sind. Anders ist schwer zu erklären, dass kurz vor der Beschlussfassung durch das Kabinett noch ein Passus ergänzt wurde, in dem es heißt, um die Versorgungssicherheit unter allen Umständen sicherstellen zu können, „werden und müssen in ergänzenden Betrachtungen explizit auch Szenarien betrachtet werden, die kritische Situationen und hierzu auch weiter ein vernünftiges Worst-Case-Szenario abbilden“.

Die Bundesnetzagentur werde „weiter regelmäßig die Sicherheit der Energieversorgung monitoren“. Soll heißen: Damit die Stromversorgung in Deutschland trotz Atom- und ab 2030 auch Kohleausstieg sicher bleibt, ist viel Arbeit erforderlich.

3. Wie stark steigen die Strompreise durch den Atomausstieg?

Vor der im Herbst getroffenen Entscheidung, die drei verbliebenen Atommeiler bis zum 15. April durchlaufen zu lassen, hatte es hitzige Debatten gegeben. So forderte etwa die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, mit der Atomkraft weit über das Frühjahr 2023 hinaus zu planen, um die Versorgung zu sichern und das Preisniveau zu dämpfen: Man sollte für alle drei Anlagen „über eine Laufzeitverlängerung von fünf Jahren nachdenken“.

Außerdem müsse geprüft werden, ob die drei Kernkraftwerke reaktivierbar seien, die bereits Ende 2021 stillgelegt wurden. So könne man dafür sorgen, dass die Preise im Rahmen blieben.

Zu dieser Forderung passt eine bemerkenswerte Analyse, die das Beratungsunternehmen Afry Anfang März veröffentlicht hat: Wenn in Deutschland im kommenden Jahr sechs Kernkraftwerke laufen würden statt wie geplant null, würde das zu einer Preisreduzierung im Stromgroßhandel zwischen acht und 23 Prozent führen.

„Der Effekt für Gesamteuropa wäre durch die Verflechtung der europäischen Strommärkte deutlich höher“, heißt es bei Afry. Der Exportanteil für den zusätzlichen Nuklearstrom betrüge 61 Prozent, die Kostenreduzierung für Gesamteuropa läge bei 36,9 Milliarden Euro. „Damit verbunden zeigen sich in der Modellierung für Gesamteuropa eine Reduzierung des Erdgasverbrauchs von circa 60 Terawattstunden und eine Reduzierung des CO2-Ausstoßes um circa 34 Millionen Tonnen“, so die Berater.

Doch die Ergebnisse von Afry sind umstritten. Mirko Schlossarczyk von der Beratungsfirma Enervis erklärt: „Wir gehen davon aus, dass sich der Strompreis durch eine Abschaltung der drei verbliebenen Atomkraftwerke im Jahresmittel im Großhandel um etwa zehn Euro je Megawattstunde erhöhen könnte. Wenn man diesen Wert auf die Endkunden herunterbricht, so ergibt sich daraus rechnerisch eine Strompreiserhöhung um einen Cent je Kilowattstunde.“ 

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4. Kann Deutschland seine Klimaschutzziele trotz Atomausstieg erreichen?

Ein Argument für den Weiterbetrieb der drei Atomkraftwerke ist auch immer wieder die Klimafreundlichkeit der Kernkraft. Selbst Klimaaktivistin Greta Thunberg spricht sich aus diesem Grund öffentlich für den Weiterbetrieb der Kraftwerke aus: „Wenn AKWs schon laufen, glaube ich, dass es ein Fehler wäre, sie abzuschalten und sich der Kohle zuzuwenden“, sagte die Fridays-for-Future-Gründerin in einem Interview.


Nach Schätzung von Experten verursacht ein Atomkraftwerk über den gesamten Lebenszyklus im Schnitt zwischen 70 und 180 Gramm CO2 pro Kilowattstunde Strom. Ein Kohlekraftwerk kommt dagegen laut der Entwicklungsorganisation Oxfam auf 940 Gramm CO2 pro Kilowattstunde. Besser fürs Klima als Kohle ist Kernkraft also allemal.

Allerdings gilt: Die CO2-Emissionen der Stromerzeugung sind gedeckelt. „Wir haben mit dem europäischen Emissionshandel ein Sicherheitssystem, das uns das Klimarisiko des Weiterbetriebs von Kohlekraftwerken praktisch neutralisiert“, sagt Felix Matthes vom Öko-Institut.

Kraftwerksbetreiber müssen für jede emittierte Tonne CO2 ein Emissionszertifikat kaufen, die Zahl der Zertifikate ist begrenzt und reduziert sich von Jahr zu Jahr. Der Emissionshandel definiert somit eine feste Obergrenze für die CO2-Emissionen im Energiebereich.

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5. Verbaut sich Deutschland den Zugriff auf die Nukleartechnologie der Zukunft?

Ein Argument der Atomkraftbefürworter: Mit dem Ende der Kernkraft in Deutschland hat die Bundesrepublik nicht mehr teil an der Weiterentwicklung dieser Technologie. „Wir schneiden damit einen ganzen Forschungszweig ab und wissen gar nicht, was in zehn, zwanzig Jahren noch alles kommen kann“, warnte Eon-Aufsichtsratschef Karl-Ludwig Kley im Handelsblatt-Interview.

Dabei gibt es auch in Deutschland, ganz unabhängig vom Betrieb der letzten drei Kraftwerke, eine nukleare Forschungs- und Start-up-Szene. So sitzt in München das viel beachtete Jungunternehmen Marvel Fusion, das an dem Traum der Kernfusion forscht.

In Hessen hat der Kernphysiker Markus Roth, Professor an der TU Darmstadt, ein weiteres Fusions-Start-up namens Focused Energy gegründet. Die Kernfusion ist so etwas wie der Heilige Gral der Energiewelt: Anders als bei der bisher praktizierten Kernspaltung entsteht bei dem Verschmelzen zweier Atomkerne nur sehr wenig Atommüll.

Auch am ersten Versuchsmodell eines Kernfusionsreaktors ist Deutschland über die EU beteiligt. Der International Thermonuclear Experimental Reactor (Iter) steht im Süden Frankreichs und wird von China, Indien, Japan, Südkorea, den USA und der EU finanziert.

Trotzdem ist auch Physiker Hartmut Zohm vom Max-Planck-Institut für Plasmaphysik überzeugt: Die nukleare Technologie werde mit dem Atomausstieg beerdigt. „Wenn man den Schritt mit der Fusionsenergie gehen will, muss man mit radioaktivem Material umgehen können. Und das Know-how stirbt dann langsam aus.“

Schon jetzt werden Kerntechnik-Lehrstühle nicht mehr nachbesetzt, Tausende von Fachkräften sind in den vergangenen Jahren abgewandert, Firmen haben umgesattelt.

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P.S.: Der weitere Text gibt im wesentlichen nur noch Regierungspolitik wieder.

Fünf Dinge, die sich jetzt bewegen müssen:

1. Mehr Tempo beim Ausbau der Erneuerbaren Energien

(Wind- & Solar-Ausbau zur Abdeckung von 80% der Stomverorgung) ...

2. Deutschland braucht schleunigst neue Gaskraftwerke (min. 25 GW)

Das Bundeswirtschaftsministerium hat im Februar die „Plattform Klimaneutrales Stromsystem“ gestartet. Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft sollen in den kommenden Monaten Vorschläge für das künftige Strommarktdesign entwickeln. Eines der wichtigsten Ziele: Anreize für den Bau zusätzlicher Kraftwerke zu schaffen, die immer dann einspringen, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.

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Es ist schwer vorstellbar, dass in Deutschland bis zum Ende des Jahrzehnts 50 Großkraftwerke geplant, genehmigt und gebaut sein werden. Brancheninsider sagen, es fehle dazu schlichtweg an allem: an Fertigungskapazitäten der Gasturbinenbauer, an qualifizierten Behördenmitarbeitern für die Genehmigungsprozesse und an Ingenieuren und Facharbeitern für den Bau.

Dabei gelten 25 GW als die untere Grenze der erforderlichen Back-up-Kapazitäten. Wenn es aber zu langsam vorangeht mit den neuen Gaskraftwerken, wird sich der Kohleausstieg bis 2030 nicht halten lassen.

3. Deutschland muss seine Haltung zu Atomkraft in anderen Staaten klären

Atomkraft spaltet. Innerhalb der EU wurde das Ende Februar deutlich, als sich eine Gruppe von Mitgliedsländern zu einem Pro-Atom-Klub formierte. Vorn mit dabei ist Frankreich, weitere zehn Staaten gehören dazu: Rumänien, Bulgarien, Slowenien, die Tschechische Republik, die Slowakei, Polen, Ungarn, Kroatien, die Niederlande und Finnland.

In einer gemeinsamen Erklärung bekräftigten die Klubmitglieder bei ihrem ersten Treffen „ihren Willen, die europäische Kooperation auf dem Feld der Atomenergie zu stärken“. Die Mitglieder betonen die Rolle der Atomkraft im Kampf gegen den Klimawandel.

An dem Treffen des Pro-Atom-Klubs nahm auch Schweden teil, unterzeichnete die Erklärung aber nicht. Das wurde damit erklärt, dass die schwedische Regierung gerade die EU-Ratspräsidentschaft führt und damit zur Neutralität verpflichtet sei.

Stockholm plant aber den Bau neuer Reaktoren. Weitere EU-Mitglieder sollen ihr Interesse an dem Bündnis bekundet haben, etwa Italien, die baltischen Staaten sowie Belgien. Auf der anderen Seite stehen insbesondere Deutschland, Österreich und auch Spanien. Dieses Trio bildet den harten Kern der Atomkraftgegner in Europa.

Die gegensätzlichen Positionen zur Atomkraft sind insbesondere für das deutsch-französische Verhältnis zur Belastung geworden. Vor gut einem Jahr stritten Berlin und Paris bereits über die Aufnahme der Kernenergie in das EU-Regelwerk für nachhaltige Investitionen der Finanzbranche, die sogenannte Taxonomie. Man einigte sich auf den Kompromiss, dass Atomkraft und Erdgas in der Taxonomie als „Übergangstechnologien“ berücksichtigt werden. 

Aktuell wird über die Frage gerungen, ob mit Atomstrom hergestellter Wasserstoff gleichberechtigt neben grünem Wasserstoff aus Strom- und Windkraft anerkannt wird. Die Franzosen wollen zum Exporteur von Wasserstoff werden und setzen alles daran, dass mit Atomstrom hergestellter Wasserstoff das Siegel „grün“ erhält.

Der Preis für den deutschen Atomausstieg: Deutschland wird auf absehbare Zeit verstärkt auf den Import von Atomstrom aus anderen Staaten angewiesen sein, vor allem aus Frankreich. Sich angesichts dieser Abhängigkeit gleichzeitig gegen die französische Atompolitik zu stemmen ist politisch ziemlich unglaubwürdig und belastet die Beziehungen zum engen Verbündeten Frankreich.

4. Deutschland muss rasch eine Wasserstoff-Wertschöpfungskette aufbauen

Die Back-up-Kraftwerke der Zukunft werden zunächst mit Erdgas betrieben. Damit sind sie zwar klimafreundlicher als mit Steinkohle oder Braunkohle betriebene Kraftwerke. Aber ein klimaneutrales Stromversorgungssystem lässt sich mit Erdgas nicht erreichen. Darum sollen die Kraftwerke „H2-ready“ sein, also auf den Betrieb mit Wasserstoff vorbereitet sein. Dieser Wasserstoff soll klimaneutral sein.

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Das Problem wird sein, innerhalb der nächsten Jahre die erforderliche Infrastruktur aufzubauen. Tausende Kilometer bestehender Erdgasleitungen müssen auf den Wasserstoffbetrieb umgestellt werden. Es müssen viele Milliarden Euro in den Aufbau von Elektrolysekapazitäten in Deutschland investiert werden, um den nötigen grünen Wasserstoff zu gewinnen.

Allerdings werden die in Deutschland produzierten Wasserstoffmengen nicht ausreichen, um damit Kraftwerke zu betreiben und den Bedarf der Industrie zu decken. Deshalb arbeiten Politik und Wirtschaft in Deutschland daran, Wasserstoff-Importstrukturen aufzubauen. Entscheidendes Vehikel ist die von der Bundesregierung mit 4,4 Milliarden Euro ausgestattete Stiftung „H2 Global“. Diese schließt langfristige Abnahmeverträge im Ausland, um Wasserstoffproduzenten Planungs- und Investitionssicherheit zu geben.

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Noch ist die Wasserstoff-Wertschöpfungskette nur ein kühner Plan. Für den Aufbau eines klimaneutralen Stromversorgungssystems ist sie aber unverzichtbar. In den kommenden Jahren muss sich also sehr viel tun, wenn das klimaneutrale Stromversorgungssystem Realität werden soll.

5. Das Stromnetz muss flexibel und digital werden

Der Erfolg der Energiewende steht und fällt mit dem Ausbau der Stromnetze. Das gilt auf der Ebene der Übertragungsnetze, die große Mengen Strom quer durchs Land transportieren. Es gilt aber auch für die Verteilnetze. Sie bringen den Strom auf lokaler Ebene bis hin zum Hausanschluss. Die Verteilnetze müssen digitaler werden, damit sie die Herausforderungen bewältigen, die mit der Energiewende einhergehen.

Denn mit einem stetig steigenden Anteil von Wind- und Sonnenstrom wird die erzeugte Strommenge zwangsläufig stärker schwanken als bislang. Dafür reicht schon ein durchziehendes Wolkenfeld oder ein abflauender Wind. Solche kurzfristigen Schwankungen gibt es bei Atom- und Kohlekraftwerken nicht.

Die Stromerzeugung verlagert sich zudem stetig in den vergleichsweise dünn besiedelten Norden und Nordosten Deutschlands. Hier entstehen die großen Windparks, direkt an der Küste und künftig auch in der Nord- und der Ostsee.

Schon heute fehlt es an Leitungskapazitäten, um den Windstrom in die Industrie- und Bevölkerungszentren im Süden und Westen der Republik zu bringen. Darum sind gerade die beiden Atommeiler in Süddeutschland – Isar 2 und Neckarwestheim 2 – für das Gesamtsystem von Bedeutung.

Hinzu kommen Kapazitäten konventioneller Kraftwerke, die die Bundesnetzagentur zur Absicherung des Gesamtsystems als Reserve jenseits der deutschen Grenzen gemietet hat, etwa in Österreich. Das ist eine unbefriedigende und teure Lösung, die Jahr für Jahr viel Geld kostet.

Mit dem AKW-Aus steigt der Druck, die Übertragungsnetze schneller auszubauen. Die Fertigstellung von Leitungs-Großprojekten wie „Südlink“ und „Südostlink“ dürfte sich aber noch bis Ende des Jahrzehnts verzögern. So gab es erste Überlegungen für die Leitung „Südlink“ bereits 2012, 2016 sollte der Bau beginnen, die Fertigstellung war für 2022 angepeilt.

Doch nach Angaben der beiden Übertragungsnetzbetreiber Tennet und TransnetBW, die die Leitung bauen, ist mit einer Fertigstellung erst Ende 2028 zu rechnen. Planung und Genehmigung der einzelnen Leitungsabschnitte werden regelmäßig von Protesten und Gerichtsverfahren begleitet, die immense Verzögerungen zur Folge haben. 

Doch auch auf lokaler Ebene gibt es viel zu tun, um die Stromversorgung fit zu machen für die neue Zeit jenseits von Atom und Kohle. 1,8 Millionen dezentrale Anlagen – etwa Photovoltaikmodule auf Dächern oder Biogaskraftwerke – speisen mittlerweile in die Verteilnetze ein. Das ist erst der Anfang. Es werden weitere dezentrale Erzeugungsanlagen hinzukommen – und viele neue Abnehmer, beispielsweise E-Autos und elektrische Wärmepumpen.

Das Verteilnetz von morgen muss sich darauf einstellen, es muss digitaler werden, flexibler und intelligenter. Elektroautos etwa könnten künftig beladen werden, wenn gerade Strom übrig und entsprechend billig ist, umgekehrt könnten die Akkus von Elektroautos, die gerade ans Netz angeschlossen sind, bei Engpässen sogar als Stromquelle dienen.

Dafür sind unter anderem sogenannte Smart Meter erforderlich. Die intelligenten Stromzähler sind in Deutschland allerdings noch die Ausnahme. Anders als in Staaten wie Finnland, Estland, Italien, den Niederlanden oder Schweden.

(Grafik: Smart-Meter in Europa: Schweden 100% ; Italien 98,5% ; Frankreich 90% ; Niederlande 87,4% ; Großbrittanien 49% ; Polen 15,4 % ; Griechenland 2,6% ; Deutschland 0,3% ;  Quelle(n): Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE), ACER)

Dabei sind die smarten Geräte erforderlich, um auch die kleinste Ebene der Verteilnetze zu digitalisieren. Nur so könnten Netzbetreiber online regeln, wer wann Strom ins Netz einspeist oder aus dem Netz zieht – und es ihren Millionen Kunden entsprechend berechnen oder vergüten.

Das „Gesetz zum Neustart der Digitalisierung der Energiewende“ des Bundeswirtschaftsministeriums soll die Digitalisierung der Netze vorantreiben und den Einsatz intelligenter Stromzähler forcieren. Um den Einbau solch intelligenter Zähler wirtschaftlich attraktiv zu machen, sollen ab 2026 dynamische Stromtarife zum Standardangebot aller Stromlieferanten gehören. Aktuell müssen lediglich Stromlieferanten mit mehr als 100.000 Abnehmern ihren Kunden einen solchen dynamischen Stromtarif anbieten, bei denen der Strom zu Zeiten billiger wird, in denen viel davon vorhanden ist.

Dynamische Stromtarife ergeben allerdings erst Sinn, wenn genügend Kunden einen Smart Meter besitzen. Das bringt die Energieversorger in die Bredouille: Gasumlage, Energiepreisbremse und Krise binden aktuell so viel Personal – für die Digitalisierung bleibt da nicht viel Zeit. Also wird das Angebot für den dynamischen Stromtarif häufig hinter drei Klicks möglichst tief im Netz versteckt. 

---ENDE---

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