Carolin SchelerSpringe, Germany
Apr 30, 2025

Liebe Unterzeichnende der Petition,

von Herzen danke ich Ihnen für Ihre Unterstützung bei dieser Petition. Es sind in der Kürze der Zeit beinahe 200 Unterschriften zusammengekommen, was mich sehr freut!

Um Sie zu informieren, wofür Ihr Einsatz trotz der weiterhin erfolgenden Schließung so wichtig war, wende ich mich über diese Verteilerfunktion noch einmal an Sie.

Am 29.4., einen Tag vor der Schließung von Tripoli Feinkost, ist nun endlich ein Artikel in der Zeitung zu dem Thema erschienen. Wenngleich ich sehr erfreut bin, dass überhaupt berichtet wird, fehlt darin die entscheidende Zuspitzung, nämlich, dass es nach wie vor fragwürdig ist, warum die Edeka keinen Platz für die 20 qm des kleinen Unternehmens mehr hat, obwohl der Markt um eine erhebliche Fläche vergrößert wird.

Auch der Inhaber bestätigte mir gegenüber, dass – wenngleich sich Edeka rechtlich einwandfrei verhält – das Argument mit dem Platz in sich nicht stimmig erscheint. Eine Stellungnahme von dem Marktleiter habe ich nicht erhalten, obwohl ich darum gebeten hatte, auch die Edeka-Minden hat auf meine Nachfrage keine Antwort gesendet. Diese ausbleibenden Antworten zeigen für mich ein mangelndes Interesse an dem kleinen Unternehmen.

Ganz offenkundig lässt sich hiervon ableiten, dass wohl ganz schlicht kapitalistische Wachstumsabsichten hinter der Entscheidung von Edeka stehen – ohne Rücksicht auf Verluste. Dieser Umstand ist für sich genommen schon bedauernswert, denn gerade in kleinen Städten, aber auch gesamtgesellschaftlich nimmt die Vielfalt im Angebot ab, kleine inhabergeführte Läden haben immer weniger eine Chance.

In meiner Petition habe ich allerdings noch einen weiteren Aspekt angeführt, der nicht offenkundig als Grund für die Verdrängung von Tripoli Feinkost gelten mag, der mich aber dennoch hat aufhorchen lassen. Und zwar ist es für mich auffällig, dass weder Ernsting’s family noch der Kiosk von den Ladenflächen weichen muss. Lediglich das kleinste Unternehmen, das ausgerechnet mediterrane Spezialitäten verkauft, muss den Laden aufgeben. Zumindest in der Wirkung bestürzt mich diese Beobachtung. Es mag von der Edeka tatsächlich keine Absicht dahinterstehen, dennoch ist das Signal, das davon ausgeht, überaus Besorgnis erregend. In einem Land, in dem es inzwischen salonfähig geworden ist, von Remigration zu sprechen, sollte so eine geschäftliche Entscheidung von Edeka mit sehr viel mehr Sensibilität und kommunikativer Transparenz vorgenommen werden. Das Schweigen vonseiten Edekas hinterlässt daher bei mir ein wirklich mulmiges Gefühl.

In den letzten Jahren habe ich mich aus persönlichen Gründen intensiv mit verschiedenen antirassistischen Positionen befasst und beginne dadurch feinere Antennen für strukturelle Machtungleichgewichte zu entwickeln. Im Austausch mit deutsch-türkischen Mitbürger*innen Springes wurde das Gespräch, auch ohne dass ich mich selbst in diese Richtung geäußert habe, thematisch schnell mit dem aktuellen politischen Klima in Verbindung gebracht. Man bekomme es in diesen Zeiten immer deutlicher zu spüren, wenn man nicht "typisch deutsch" aussieht. Auch wenn die Kündigung durch Edeka nicht aus rassistischen Gründen erfolgt sein mag, könnten sich – zumal ohne eine ausdrückliche Stellungnahme von Edeka – viele, die selbst rassistische Gedanken hegen, möglicherweise von dem großen deutschen Unternehmen Edeka in ihren eigenen Ansichten bestätigt sehen. Hier hilft es auch nicht, dass Edeka sich Vielfalt auf die Fahnen schreibt.

Es braucht also, wenn sich ein deutsches Unternehmen dazu entscheidet, lediglich dem in diesem Fall libanesischen Mieter zu kündigen, meines Erachtens wirklich eine bessere Kommunikation, um das antidemokratische Klima in Deutschland nicht weiter zu begünstigen und zu befeuern.

Man kann mir jetzt vorwerfen, dass ich selbst rassistisch agiere, indem ich die libanesische Inhaberschaft so deutlich benenne. Doch wenn ich eines im Zuge meiner Auseinandersetzung mit Antirassismus gelernt habe, dann ist es, dass wir als Gesellschaft lernen müssen, unsere Unterschiede zu sehen, um Ungleichheiten zu begegnen. Anders ist es tatsächlich gar nicht möglich. Um diese Spannung auszuhalten, ist Ambiguitätstoleranz nötig, doch in der Sache ist es dann möglich, sich vollkommen klar zu positionieren: nämlich für den Erhalt von Vielfalt auf allen Ebenen, unternehmerisch und kulturell.

In diesem Sinne bedeuten die fast 200 Unterschriften besonders viel. Sie sind als Zeichen wichtig, um sich hinter das kleine Unternehmen zu stellen und zu zeigen, dass einige Menschen dieser Entwicklung nicht mit Gleichgültigkeit begegnet sind.

Ich werde nun noch einmal mit der Edeka-Minden Kontakt aufnehmen und ihnen die Auflösung der Geschichte vor Ort sowie meine Schlussfolgerungen, die ich hier ausführe, zu schildern. Es ist vermutlich ein Tropfen auf den heißen Stein und wird in dieser akuten Sache nichts ändern. Ebenso wie unsere Unterschriften nichts Konkretes geändert haben. Dennoch: Als Zeichen der Solidarität sind Gesten wie diese von unschätzbarem Wert.

In tiefer Dankbarkeit und mit herzlichen Grüßen,

Ihre Carolin Scheler

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