Actualización de la peticiónUnterstützen Sie die Aufarbeitung der Misshandlungen der „Verschickungskinder“Kieler Studie zu Gewaltanwendungen gegen Kinder in Verschickungsheimen von St.Peter-Ording
Anja RöhlBerlin, Alemania
15 oct 2022

Am 11.10.22, um 9 Uhr fand im Strandgut-Hotel die Präsentation einer Studie der Kieler Universität statt, die die Gemeinde St. Peter-Ording in Auftrag gegeben hatte. Augenzeugen der Initiative berichten von einer differenzierten, wertschätzenden Atmosphäre der Forschenden während der Veranstaltung, auf der die verschiedenen „Gewaltkategorien“ während der Verschickungen eingehend zur Sprache kamen und durchaus deutlich wurde, dass die in den Verschickungsheimen „etablierte Gewalt“ keine Einzelfälle waren. Und diese eine ganz besonders schwere Qualität besaßen, die sich durch bestimmte Alleinstellungsmerkmale, wie brutale Essenseinfütterungen (Kurerfolg Gewichtszunahme), Toilettenverbot, u.ä. auszeichnete. Leider wurde, in den ersten Presseveröffentlichungen dazu, aus der Präsentation nur ein einzelner Satz herausgenommen und zum Fazit der ganzen Studie erklärt: Der NDR (s.u.) zB. schrieb: “Die Aktenstudien aus St. Peter-Ording können nach Angaben der Autoren nicht belegen, dass es systematische Gewaltanwendungen aus niederen oder ideologischen Beweggründen gab, wie etwa Sadismus“. Das wurde dann der Titel: Keine systematische Gewaltanwendungen in Verschickungsheimen.

Betroffene haben aber genau dafür viele Belege gesammelt und wie genau wird hier „Systematik“ definiert? Allein auf der Web-Seite der Heimortgruppe St. Peter-Ording der Initiative Verschickungskinder sind zahlreiche Belege für systematische Gewaltanwendungen besonders auch für Betroffene aus St.Peter-Ording aufgeführt, unter anderem eine einjährige Recherche- und Forschungsarbeit eines Betroffenen, Thilo Eckhardt, in dessem Filmbeitrag die Recherchereise der Heimortgruppe St.Peter-Ording ausführlich dokumentiert wird. 

Was war die Vorgeschichte? Durch die Heimortgruppe SPO der „Initiative Verschickungskinder“ kam es 2021 zu einer Reise ehemaliger Verschickungskinder nach St.Peter-Ording. Die Betroffenen sahen sich ihre ehemaligen Qualstätten an. Es gab regen Austausch zwischen Gemeinde und Betroffenen, es gab engagierte Presseberichte. Der Bürgermeister versprach ein Gutachten in Auftrag zu geben. Das Team um den Professor Graeff in Kiel übernahm den Auftrag. Die Untersuchung beruht nach eigenen Angaben auf mehreren Tausend Seiten Archivmaterial, zehn Einzelinterviews, Daten des Nexusinstituts und Daten einer externen Erhebung. Der Forschungs-Verein AEKV e.V. war von Beginn des Projekts an in die Vorarbeiten einbezogen worden. Dieser geht nach seinen eigenen Erhebungen durchaus von systematischer Gewalt in Verschickungsheimen aus. Dafür wurden Belege in fast allen Berichten Betroffener gefunden, denn es ähneln sich die Bestrafungen, die Demütigungen, die Methoden, und sie unterscheiden sich wesentlich von den pädagogisch damals zeitgleich (1950-1980) üblichen Umgangsformen mit Kindern in normalpädagogischen Institutionen. Unseres Erachtens ist von einer Systematik schon da auszugehen, wo in einem der wichtigsten Werke zeitgenössicher Fach-Information zur Verschickung, herausgegeben von einem Kinderarzt, Sepp Folberth (1964), mit von hochdotierten Professoren und Heimleitern geschriebenen Fachaufsätzen, Besuchsverbot, Briefzensur, strenger Umgang mit Bettnässern und Kindern mit „Apartigkeiten“ nicht nur gerechtfertigt, sondern regelrecht eingefordert werden. Ein aus 18 verschiedenen Strafen bestehender Katalog bildet hier den Gipfelpunkt. Das findet sich zeitgleich damals in keinem Kindergarten, keiner Schule, wurde auch auf keiner Erzieherfachschule in den 50/60/70er Jahren propagiert. (Beleg: Folberth, Sepp (1964): Kinderheime Kinderheilstätten, Pallas-Verlag, Lochham, S.72.) Und diese 18 Strafen finden sich in den Erinenrungsberichten der Betroffenen. In den weit über 10.000 Berichten, die der Verein AEKV e.V. bundesweit, per Fragebogen gesammelt hat, werden sie oft noch weit übertroffen, ebenso in den öffentlich sichtbaren Berichten der Initiativen-Webseite: www.verschickungsheime.de Der in dem Folberth-Buch schreibende Autor Dr. Hans Kleinschmidt, Verfasser dieser 18-Punkte-Strafenliste, Heimleiter in Bad Dürrheim, leider auch mit unrühmlicher Euthanasievergangenheit, wurde sogar noch 1974 als Dozent für Mitarbeitende in Verschickungsheimen nach Borkum geholt, als dort Gewalthandlungen gegen Kinder öffentlich wurden, wie es im Fachaufsatz über das Adolfinenheim, (Kindererholungsheime alsForschungsgegenstand, 2022, Röhl, Sozialgeschichte.online)  belegt wurde:    https://sozialgeschichte-online.org/2022/04/13/anja-rohl-kindererholungsheime-als-forschungsgegenstand/

In St. Peter Ording ist das Besondere, dass dort einer der Heimleiter eine NS-Vorgeschichte hatte, die vom heute dort noch lebenden Sohn vehement heruntergespielt wird. Godber Kraas’ , Sohn des Hugo Kraas, hatte 1979 das Kindererholungsheim seines Vaters übernommen und streitet Gewalt in seinem Heim ab. Auch zuhause hätte es eher gemütliche Abende mit dem Akkordeon und Polonäsen gegeben. Er behauptet, es habe immer scharfe Jugendamtsüberprüfungen und einen guten Personalschlüssel gegeben, die Gewinnspanne sei extrem niedrig gewesen und sein Vater sei zwar Mitglied von NSDAP, SA und der Leibstandarte Adolf Hitler gewesen, aber habe nach dem Krieg die FDP mitgegründet. Ein NDR-Bericht von 2021 kommt bzgl. der Gefährlichkeit des Vaters zu einem anderen Schluss: https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/kurheime-ns-funktionaere-101.html Ebenso bezüglich der abgestrittenen Unregelmäßigkeiten. Alle die in den Recherche-Grundsatzwerken: Das Elend der Verschickungskinder, 2021, Röhl, und: Die Akte Verschickungskinder, 2021, Lorenz, ausgewerteten Akten von Verschickungsheimen in sämtlichen Verschickungsregionen sprechen eine andere Sprache. Hier fanden sich in den untersuchten Akten Belege für Unterbesetzung, Überbelegung, hohe Gewinnspannen und Systematik der Bestrafungen und schwarzen pädagogischen Grundsätze. Dasselbe gilt auch für die Gutachten über verschiedene Verschickungsheime der Diakonie in Niedersachsen. Dieselben Miss-Stände, dieselben Beschwerdebriefe, dieselben Argumentationen in den Antworten auf Beschwerdebriefe. Ab wann nennen wir ein Geschehen “systematisch”? Das ist eine wichtige Frage.

Frau Prof. Dr. Christiane Dienel vom Nexus-Institut und im Vorstand des AEKV e.V. zu den Ergebnissen der Kieler Studie befragt, findet an der Studie vor allem die Diskrepanz zwischen den Betroffenenberichten und den Selbstaussagen der Mitarbeitenden interessant, sie sagt: Ja, die Diskrepanz zwischen den Erlebnisberichten und der Selbsteinschätzung der Akteure (Ärzte, Eltern, Betreuerinnen) ist wirklich erklärungsbedürftig.

Was die Studie einwandfrei belegt, sind besondere Gewaltanwendungen gegen Kinder in den Verschickungsheimen, die eine Gruppe von fast 12 Millionen Kinder betrifft, daher: Wir brauchen Unterstützung für die vielen Betroffenen mit Beratungsbedarf, es braucht Unterstützung der individuellen, selbstbestimmten und gesellschaftlichen Aufarbeitung und Recherche des Phänomens der Kinderverschickungen, es braucht eine Aufarbeitung der Zustände aller ehemaligen Verschickungsheime in der ganzen Bundesrepublik. Unterstützten Sie die Forderungen nach Bundesweiter Anerkennung und Unterstützung! Verbreiten Sie unsere Petition weiter, danke! 

Lesen Sie selbst: https://epages.mopo.de/data/165010/reader/reader.html?#!preferred/0/package/165010/pub/219005/page/20/alb/5961619

12.10.2022 Redaktion

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