Anja RöhlBerlin, Germany
Jul 20, 2022

Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, liebe Unterzeichnende unserer Petition –

Ein ganz herzliches Danke für eure gewaltige Solidarität. Eben waren wir noch am Boden zerstört nach der Nachricht, dass die Bundesregierung schlicht die Verantwortung verneint. Das war wie ein Schlag ins Gesicht – wir haben uns wieder gefühlt wie damals nach den „Kinderkuren“: nicht ernst genommen und erniedrigt. – Und jetzt erleben wir Eure Unterstützung und Solidarität. Wir sind nicht allein, und unser Anliegen ist keine Kleinigkeit, die man mal so eben wegschieben kann. Danke dafür!

Was es jetzt braucht, ist politischer Druck! Auf die zuständige Bundesministerin Lisa Paus, aus deren Hause diese Ansage kam, man sei nicht zuständig und werde keinerlei Unterstützung für die Anerkennung und Aufarbeitung der vieltausendfachen Kindesmisshandlungen geben.

Hier haben wir eine Mail entworfen, die ihr mit einem Click ans Ministerium schicken könnt. Natürlich könnt ihr den Text auch noch verändern, besonders wenn ihr selbst von Verschickung betroffen wart. Bitte helft uns, erhöht den Druck, bis die Bundesregierung endlich Verantwortung übernimmt. Danke!

Nähere Infos zu unserer Initiative und den Vernetzungsmöglichkeiten: www.verschickungsheime.de 

Herzliche Grüße an alle!

von Anja Röhl


Hier die Muster-mail: 

An die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Frau Lisa Paus: lisa.paus@bundestag.de

Per Email in Kopie an: heike.schmid-obkirchner@bmfsfj.bund.de

Betreff:

Warum übernehmen Sie keine Verantwortung für die Aufarbeitung vieltausendfacher Kindesmisshandlungen in bundesfinanzierten Kurverschickungen? 

Sehr geehrte Frau Ministerin, 

ich habe eine Petition auf Change.org für die Aufarbeitung der Kindesmisshandlungen in den „Kinderverschickungen“ unterzeichnet. Diese Petition hat in weniger als 48 Stunden schon 28.000 Unterzeichnende gefunden,  von denen sehr viele sich in Kommentaren als Betroffene zu erkennen geben. Allein das ist ein Beleg, was für riesige Ausmaße die Misshandlungen hatten: Zwischen 1948 und Anfang der 1980-er Jahre, ausschleichend bis Anfang 90er, wurden mehr als 8 Millionen Kinder  im Alter zwischen zwei und vierzehn Jahren auf so genannte „Kinderkuren“ verschickt, wo sie vielfältige Misshandlungen erlitten. Auch Arzneimittelversuche und Todesfälle kamen vor. Ehemalige Verschickungskinder haben sich in einer Initiative organisiert und Ihrem Ministerium umfangreiche Informationen über die Misshandlungen zur Verfügung gestellt. Alle bisherige Forschung beweist, dass die Misshandlungen keine Einzelfälle waren, sondern System hatten und viele Zehntausende Kinder betrafen. Sie wurden aus der Kranken-und Rentenversicherung auf Grund von Bundesgesetzen finanziert.

Trotzdem wurden die ehemaligen Verschickungskinder bei einem Gespräch am 7. Juli 2022 in Ihrem Hause (auf das die Initiative 1,5 Jahre lang warten musste) kalt abgewiesen – die Bundesregierung sei nicht zuständig, und die ehemaligen Verschickungskinder sollten sich in Zukunft auch nicht mehr mit Unterstützungsbitten melden. Es habe eine klare Entscheidung „auf politischer Leitungsebene“ zwischen Ihrem federführenden Ministerium, BMG und BMAS gegeben, dass die Bundesregierung hier NICHTS unternehmen werde. 

Darüber bin ich fassungslos. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Sie persönlich diese Haltung vertreten, dass Sie sich hinter Zuständigkeitsfragen verstecken und die Betroffenen kalt abweisen. In einem Interview zu Amtsantritt haben Sie gesagt, Sie seien in die Politik gegangen, weil Sie unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben gerechter machen wollen. Für mich ist der Umgang mit so gewaltigen Kinderrechtsverletzungen ein Prüfstein auf das Verantwortungsbewusstsein und die grundsätzliche Haltung der Familienministerin, unserer Regierung und unserer Gesellschaft gegenüber ihren schutzwürdigsten Mitgliedern, den Kindern. Man hat ihnen in den Verschickungsheimen Fürchterliches angetan. Dies einfach zu ignorieren, so wie es jetzt „auf politischer Leitungsebene“ offenbar geschehen ist, ist ein Armutszeugnis für Ihre Politik. Wollen Sie wirklich der traurigen Geschichte verweigerter und verzögerter Aufarbeitung von Kindesmisshandlungen und Menschenrechtsverletzungen in Deutschland ein weiteres Kapitel hinzufügen?

Deshalb bitte ich Sie, die – sehr maßvollen – Forderungen der Initiative Verschickungskinder zu unterstützen: die Einrichtung einer bundesweiten Koordinierungsstelle für Selbsthilfe und Vernetzung, die Schaffung eines Dokumentationszentrums und Unterstützung der vielen Bürgerforschungs-Gruppen. Es geht nicht um individuelle Entschädigungen, sondern um die Übernahme von Verantwortung für geschehenes Unrecht. Eine Regierung und eine Familienministerin, die sich dem verweigert, verlieren in meinen Augen jede Legitimation im Einsatz gegen Diskriminierung und für Schwächere. 

Mit freundlichen Grüßen

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