

Gespräch mit dem toten Großvater -
Eine wahre Geschichte?
Hat/te man einen Großvater, wenn dieser schon tot war, bevor man / bevor ich auf die Welt kam?
Geredet wurde nie über ihn - nirgends stand ein Foto von ihm - lange war mir gar nicht klar, dass es einen Großvater gegeben haben muss, sonst hätte es meinen Vater / seine Geschwister nicht gegeben - gebe es mich und meine Geschwister nicht...
Jetzt habe in zwei Fotos von ihm - eines in Uniform hoch oben in den Bergen - Skier und Skistöcke daneben -
Nach vielem Bohren - erzähl Mal was von ihm - was hat er gemacht - kam wenig bis gar nichts -
Er hat die Merkur-Bergbahn gefahren bis vor dem Krieg... aus dem Krieg kam er nicht mehr zurück - verhungert in russischer Gefangenschaft - so hieß es... Habe ich lange geglaubt -
Hat er wirklich Radios gebaut und mitgenommen, als er wieder Richtung Osten ging?
Ich bin zum Radio / wollte immer zum Radio - habe ich das wegen ihm getan? - Zufall? - Kein Zufall?
Großvater stirbt in der Ferne - kommt nicht mehr zurück - wird Anfang 1947 zum Tode erklärt - die Oma erhält Witwenrente - kriegt ihre fünf Kinder durch.
Also kein Zufall, dass ich zum Radio 'wollte' - zum Radio bin...
Als Kind in der Kindersendung "Ohr am Rohr" mit Ernst Ebel - als Teenager Postkarten auswählen für die Top Ten mit Frank Laufenberg - später Telefondienste am Sonntagvormittag für Elke Heidenreich, Walter Schumacher, etc. ...
Ja, Ich wollte zum Radio.
Das war mein Traum - denke ich noch immer -
Nur der Weg dorthin sollte kein leichter werden.
Der Sender wollte ein Studium - Ich wusste nicht wofür ich mich entscheiden sollte -
Germanistik und Kunstgeschichte in Heidelberg - Ich wurde krank / wurde depressiv...
Zurück nach Baden-Baden - Es geht mir wieder gut.
Ich will zum Funk -
Dieses Mal studiere ich Medienpädagogik in Bonn. Kaum bin ich da - werde ich depressiv - esse nichts mehr - die Eltern holen mich zurück -
Eine Klinik in Stuttgart soll mir helfen - tut sie und tut es nicht - Ich bin immer noch depressiv - rutsche aber auch leicht ins Manische...
Nächster Versuch Bonn - wieder depressiv...
Ich kann nicht nach Baden-Baden zurück, denke ich - zwei Studiengänge abgebrochen -
Ein Buchhändler-Volontariat in Siegburg - ein Praktikum in einer Restauration-Schreinerei - mein Leben ist aus den Fugen...
Ein Anruf aus Baden-Baden - Meine älteste Schwester hat eine kleine Wohnung für mich -
Ich schaue sie mir an - bin hin- und hergerissen - soll ich soll ich nicht -
Ich frage meinen Arzt - der kann mir die Entscheidung nicht abnehmen - hat aber den Rat, wenn die Stadt dir gut tut, dann komm zurück -
Die Stadt tut gut - die Stadt gibt Kraft - hier war ich zu Hause -
Ich komme zurück -
Die Höhen und die Tiefen kommen mit.
Eine Psychiaterin nennt die Diagnose: manisch-depressiv - ab jetzt nehme ich Lithium und regelmäßig Imap-Spritzen und schaffe mein Volontariat bei "Stadtradio Karlsruhe".
Meine große Liebe - ein Zeitungsredakteur - will von jetzt auf gleich nach Wiesbaden - Ich will mit / mit ihm gehen / mit ihm zusammen sein...
Eine Woche spaeter verabschiede ich mich heulend von allem, was mir lieb ist - von Menschen und Orte - bin wieder entwurzelt - Wiesbaden ist seine Stadt - Jahre nach unserer Trennung "erfahre" in den Rheingau - zweimal krank in Wiesbaden - zweimal krank im Rheingau - heißt vier Mal Psychiatrie, wenn das Lithium abgesetzt oder reduziert worden war -
Das Coaching in Baden-Baden Varnhalt - alle drei Wochen - hat mir geholfen, diese dunkle Zeit zu überwinden.
Es war wie Sauerstoff - einmal tief einatmen - dann wieder zurück nach Hessen - zurück zur Arbeit nach Rheinland-Pfalz - nach Mainz...
Als ich begriffen habe, dass mir die Fremde nicht gut tut, versucht habe, in eine Redaktion nach Baden-Baden zu wechseln, war es schon zu spät. Ich kam nicht mehr weg aus Mainz -
Erst als ich alles auf- und abgegeben habe, was mich in Mainz / an Mainz 'gefesselt' hat, konnte ich gehen / musste ich gehen -
Sie waren mir zuvor gekommen - Sie hatten gedroht, mich mit der Polizei abführen zu lassen. Da bin ohne mich von irgendwem zu verabschieden raus...
Vier sex. Übergriffe in all der Zeit waren praktisch nie ein Thema...
Wer so geht, muss schuldig sein - Ich hatte es ihnen leicht gemacht.
Niemand interessierte sich jetzt noch für die Wahrheit - Ich war weg. Ich musste alle /alles zurück lassen. Kolleg/innen - Freund/innen, die auf einmal nur Kolleg/innen waren.
Ab da ging ich durch die Hölle und erlebte erstmals, wie Einsamkeit die Seele schwächt -
Du warst einsam in russischer Gefangenschaft - fern von Frau und Kindern und dem Haus, das du für euch gebaut hast.
Du hast alles verloren - zurück lassen müssen - Ich habe alles verloren...
Du dein Leben - Ich und mein Leben - wir kämpfen noch.
Ich habe keine Schuld auf mich geladen - für die vier Übergriffe kann ich nichts - außer, dass ich mit diesen vier Kollegen gerne zusammen gearbeitet habe - aber ist das ein Freifahrtschein über griffig zu werden?
Ich habe sie nicht sofort geoutet - Scham - Angst, dass man mir nicht glaubt - Ist dann ja auch so passiert...
Die vier Psychiatrie-Aufenthalte habe ich zunächst für mich behalten -
Wo sollte ich mich da schuldig gemacht haben, dass mir der Rausschmiss gedroht hat - dass sie mich rausgeschmissen haben und binnen weniger Tage alles über mich löschten ...
Meine Beiträge sind noch im Archiv -
Im Internet wurde alles über mich sofort gelöscht -
Von dir ist auch fast alles gelöscht.
Dein Leben, das Wenige, das ich über über dich weiß, passt auf ein DIN-A5 Blatt...
Warum hat kaum einer über dich geredet? Haben sie sich für dich geschämt? - Nein.
Hast du sie getäuscht? - Vermutlich.
Hast du deine Frau / meine Oma betrogen? - Ja.
In Baden-Baden? - Nein.
An der Front? - Ja.
In Polen/Nein.
In der Tschechoslowakei/Nein.
In Russland? - Ja.
Vor 45? - Nein. Nach 45? - Ja. Warst du in Gefangenschaft? - Nein. Du bist dort geblieben und dann erschossen worden. - Ja. Erschossen von den Russen?Nein.
Erschossen von den Deutschen? - .... Ja -
Verstehe ich das richtig. Der Krieg war vorbei und du bist dort geblieben?
Ja.
Wann hast du dich in diese andere Frau verliebt? Vor 45? -
Vor 44? - Ja.
Das meinen sie, wenn sie sagen, du hättest nicht mehr fort gemusst? - Ja.
Du bist also 44 zurück nach Russland. - Ja.
Da gab es diese andere Frau schon und deshalb bist du zurück? - Ja.
Wusste die Oma, warum? -
Sie hat es gespürt.
Und deine Kinder - hast du sie nicht vermisst? -
Doch - aber diese Frau habe ich geliebt - sagt er auf einmal.
Deine Oma war doch noch so jung, als wir heirateten / heiraten mussten, weil sie schwanger war...
Von dir? ... Und dann hast du Radios gebaut und bist einfach weg - hast die Oma mit fünf Kindern alleine gelassen und wusstest, dass du nicht mehr zurück kommen würdest / zurück kommen wolltest wegen dieser anderen Frau in Russland? - Ja.
Jetzt verstehe ich, dass sie dich tot geschwiegen haben - und vielleicht hat Oma ihnen ja nie die wahre Geschichte über dich erzählt?
Du bist also nicht in einem Gefangenenlager gestorben? - Nein.
Und in welchem Jahr bist du gestorben? - Anfang 1947 - das stimmt. Die Oma -
Meine Frau - hat ab da die Krieger-Witwen-Rente bekommen.
Das haben die Deutschen so unterschrieben und ließen die Familie im Glauben, er sei in russischer Kriegsgefangenschaft gestorben, statt zu zugeben, dass sie ihn erschossen haben, weil er sich mit einer Russin / mit dem Feind eingelassen hatte?
Und sie -
Haben sie sie auch erschossen - Sie war hochschwanger. Vor meinen Augen - nachdem sie sie vergewaltigt hatten?
Wo war das?
In Tschechien. Wir wollten vor den Deutschen, die zurück kamen, flüchten. Sie haben uns eingeholt und die Situation sofort erkannt -
Und sie haben euch - kurzerhand in Tschechien - Nähe Brno ermordet -
Deshalb dort die kleine Tafel mit meinem Namen...
Du warst knapp davor - aber zu spät - das Tor war schon geschlossen - Aber, ich wusste, dass du da warst...
Zwei deiner Söhne waren doch auch mal da - es gibt sogar ein Foto von diesem Täfelchen - meine Tante wollte es mir zeigen -
Aber, warum ich?
Du willst nicht vergessen sein?
Du willst, dass ich die Geschichte aufschreibe -
Und jetzt? Soll ich sie wem geben? Erzählen? Auf die Petition? Die Website? Meiner Therapeutin G.-B zeigen? - Ja
Kann ich das dann so lassen?
Und sagst du mir noch, warum du mich gesucht hast? -
Weil du schon immer interessiert warst - deshalb bist du auch Journalistin geworden - weil du dich für die Geschichten der Menschen interessierst - und weil ich denke, dass du mich trotz allem verstehen kannst und nicht verurteilst.
Ich gehöre trotz allem zu euch nach Baden-Baden. Ich hab das Höllhäusel ausgesucht und dort ein Haus für meine Familie gebaut und deine Oma konnte durch meinen Tod und die VdK das Haus halten und ihre / unsere fünf Kinder satt kriegen...
Es heißt, sie habe eine Kommunion um ein Jahr verschoben, weil sie gehofft hatte, du würdest wieder zurück kommen -
Noch einmal - Hat sie gewusst, dass du wegen einer anderen Frau zurück nach Russland bist? - Nein.
Hat sie es je erfahren? - Ja.
Durch meinen Tod. Ihr Ältester hat so lange um die Witwenrente gekämpft, dass er die Umstände, die zu meinem Tod führten, erfahren hat. -
Und er hat es ihr gesagt? - Ja. Und die anderen wussten es dann auch? - Ja.
Und ab da wurde nie mehr über dich geredet? - Bis zwei Brüder mit dem Motorrad nach Tschechien gefahren sind...
Bin ich wegen dir zum Radio? - Nein.
Ich habe schreiben gelernt - das ist gut.
Ich habe angefangen Russisch zu lernen in der 9. Klasse - wegen dir? - Nein.
Ich war krank wegen dir? - Nein.
Aber das Weggehen von Baden-Baden hat dich krank gemacht -
Du musst geerdet sein - bei deinen Wurzeln sein - das krampfhafte Ausreißen der Wurzeln und das Leugnen deiner Herkunft macht dich krank.
Dein Opa sagt jetzt 'Lebe wohl' - 'Lebe' ab jetzt dein Leben.
Ich lasse dich jetzt los und gehe zurück zu den Toten -
Danke, dass du dich für den letzten Teil meines Lebens interessiert hast und
meine Lebensgeschichte dahingehend korrigiert hast -
Das ist jetzt endlich die Wahrheit.
Danke -
Danke, dass du das für mich getan hast -
Danke, dass du mir dabei geholfen hast -
Alles Gute nun für deinen weiteren Lebensweg -
Ich bin dann mal weg.
Opa / Dein Opa -
Und mach das endlich mit der Traumkugel wahr - bevor ein -
JA -
Mache Ich.
Für Dich - für Mich...
Deine Geschichte - meine Geschichte -
Endlich wahr?
Endlich wahr -
Wenn auch schwer zu glauben ...
Billy Joel und Leningrad -