Tauben-Streik II - Mein Opa war nie Opa - Nie normal und nie un-normal - Er war tot - blieb im Krieg


Mein Opa war kein Opa - nicht als er in den Krieg ziehen musste und auch nicht, als er Anfang 1947 für tot erklärt wurde -
Mein Opa war erst im Nachhinein zum Opa erklärt worden -
Er war ja Vater von fünf Kindern - einer Tochter und vier Jungs - er war verheiratet mit meiner / unserer Oma - die hatte später neun Enkel -
Mein Opa hat die Merkurbergbahn auf den Hausberg in Baden-Baden gefahren - seine Tochter durfte mal auf dem Oberschenkel sitzen - das war das Größte - heute undenkbar -
Heute gibt es aber auch keine solche Väter und Großväter mehr -
Viele - zu viele hat der Krieg wie Bäume gefällt...
Mein Opa soll Radios gebaut haben und sie mit an die Ostfront genommen haben - Er kam nicht zurück - Gefangenschaft hat ihm das Leben gekostet -
Zu Hause warten Frau und fünf Kinder - das hat ihrer aller Leben verändert -
Es hat lange gedauert, bis ich als Kind kapiert hab, daß zu einer Oma natürlich auch ein Opa gehört hätte - mein Vater und seine Geschwister einen Vater gebraucht - die Oma einen Mann an ihrer Seite gebraucht hätte -
Ob er getötet hat - töten musste - kaum einer, der in diesen Wahnsinns-Krieg musste, hat wohl nicht von seiner Waffe Gebrauch gemacht - Jeder, der in diesem Krieg war, hat wohl Gräueltaten gesehen, erlebt, die er / sie nie vergessen hat - worüber er / sie nie reden konnte -
Mein Opa ist tot -
Er hat wohl nie mit seiner Familie über sein Erlebtes im Krieg an der Ostfront geredet - hat seine Erfahrung Anfang 1947 mit ins Grab genommen -
Mir war als Kind nie klar, wie sehr seine Familie ihn - Mann und Vater - vermisst haben - wie das Vermissen für seine "Enkel/innen" spürbar, wenn auch nicht erklärbar war -
Unser Vater hat mir und meinen vier Geschwistern beigebracht, was er in seiner Kindheit wohl vermisst hat -
Wir waren alle im Turnverein, konnten schnell ohne Stützrädern Fahrrad fahren, Schlittschuhlaufen auf Wald- und Mummelsee, konnten Schlitten- und Hängerfahren und natürlich Skifahren bei Tag- und bei Flutlicht und wir sind alle super Autofahrer/innen geworden - Einparken, Öl-Stand messen, Reifen wechseln können, war ein Muss -
Er war nicht Merkurbergbahn-Fahrer - wie sein Vater - er war Omnibusfahrer in Baden-Baden...
Was hätte aus all den Kindern - Enkel/innen - Töchtern - Söhnen - Müttern - Vätern - Omas - Opas werden können - hätte man ihr Leben nicht "einfach" ausgelöscht -
Ausgelöscht - vernichtet - in einem wahnsinnigen Krieg - Wahnsinnige auf beiden Seiten der Linien -
Ich muss jedesmal weinen -
bei beiden "Geschichten", die ich gleich setze -
Sie sind so unfassbar -
Sie sind in all ihrer Grausamkeit wahr...
Und ich möchte beiden Seiten - auch wenn ich "erst" 1962 geboren bin, sagen, dass es mir unendlich weh tut.
Wehtut,
wie vielen Menschen auf beiden Seiten der Linie so viel Leid angetan wurde. So viele Tote - so viele Familien, die weiter leben mussten, obwohl es kaum zu ertragen gewesen sein kann -
Menschen, die fehlen - fehlen.