Substanz-Gesellschaft. Ein Manifest für unseren Baubestand


Substanz-Gesellschaft. Ein Manifest für unseren Baubestand
Das Problem
Das „Manifest Substanzgesellschaft“ der Initiative Haus Marlene Poelzig ruft zu Transformationen in Denkmalschutz, Denkmalpflege und Umbaukultur auf und fordert ein Umdenken im Umgang mit dem Baubestand. Es stellt Forderungen und Lösungsvorschläge vor und ruft dazu auf, diese auf einer breiten gesellschaftlichen Basis umzusetzen.
Das Manifest kann hier heruntergeladen werden.
[English short version]
The “Manifesto Substance Society” of the Initiative House Marlene Poelzig calls for transformations in monument protection, monument preservation and conversion culture. Moreover, it demands a rethinking in dealing with existing buildings. It presents demands and proposed solutions and calls for these to be implemented on a broad societal basis.
The manifesto in English can be downloaded here.
„Die Zukunft war früher auch besser.” Karl Valentin
Auch unsere Gegenwart wird einmal Vergangenheit sein – so wie unsere heutige Bausubstanz einst Zukunftsvision war. Selbst modernste Neubauten sind nur Ausdruck heutiger Standards und Ansprüche, die sich in naher Zukunft sicher ändern werden. Doch wir können uns ständigen Abriss und Neubau nicht leisten. Wer also Zukunft gestalten will, sollte das Bestehende reparieren, verbessern, weiterbauen – nicht abreißen und ersetzen, sondern fortschreiben.
Wir wünschen uns eine Gesellschaft, die das Werk früherer Generationen ebenso ernst nimmt wie ihre eigenen Zukunftsvisionen, die mutig Veränderungen angeht, aber nicht der Illusion erliegt, besser zu sein. Hierbei geht es nicht um Stil oder Ideologie, sondern um einen realistischen Blick auf die gebaute Gegenwart als zukünftige Vergangenheit. Diese Gesellschaft beginnt mit Wertschätzung der Substanz.
Zusammenfassung
Die Zukunft unserer Städte liegt unweigerlich im Umgang mit dem Bestand. Wir haben fünf Forderungen mit Lösungs- und Umsetzungsvorschlägen für zukunftsgerechte Ansätze formuliert, die sich an die gesamte Gesellschaft richten: An Bürger*innen, Fachöffentlichkeit, Verwaltung, öffentliche und private Eigentümer*innen sowie Investor*innen.
Unsere Städte und Siedlungen stehen in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Erhalt und Weiterentwicklung und müssen dabei auf wechselnde Herausforderungen reagieren. Oft wird anhand von vermeintlichem Verwertungsdruck und falschen Kriterien darüber entschieden, was bewahrt oder entsorgt wird. Im Ergebnis wird zu wenig umgenutzt und umgebaut, und zu viel wertvolle Bausubstanz verfällt und wird abgerissen. Das bedroht Kulturgüter, verschwendet Ressourcen, beschleunigt den Klimawandel und erhöht die Mietpreise für den Profit Weniger.[1]
Die Lösung liegt nicht im stärkeren Schutz des gesamten Baubestandes durch Gesetze, sondern in dessen gesellschaftlicher Wertschätzung. In diesem Manifest definieren wir diesen in drei gleichwertige Teile, die jeweils unterschiedliche Beurteilung, Pflege und Entwicklungsstrategien erfordern: Alltagssubstanz, Besonders Erhaltenswerte Bausubstanz und Denkmale.
Die Grundlage für eine gesellschaftliche Wertschätzung der Bausubstanz ist zwingend eine „substanzielle Partizipation”. Damit meinen wir einen Paradigmenwechsel, der Inhalte in den Vordergrund stellt: Modellhafte Prozesse und deren verständliche Vermittlung sind notwendig – statt oberflächlicher Kommunikation und Marketing. Die schiere Masse der bestehenden Bausubstanz muss auch in der (Aus)Bildung thematisiert und verankert sein – sie muss Erhalt und Umbau eindeutig vor Neubau stellen.
Letztlich kann die breite Bevölkerung vom Umgang mit bestehender Architektur profitieren, wenn er zur Sicherung von gewachsenen Sozialstrukturen und bestehenden Preisniveaus (bezahlbare Bestandsmieten) beiträgt. Dieses Manifest soll Allianzen in Politik und Fachöffentlichkeit stärken, um den Weg frei zu machen für Lösungen, die maßgeblich durch die Bevölkerung umgesetzt werden.
Forderung 1: Alltagssubstanz muss mehr wertgeschätzt werden!
Alltagssubstanz macht den überwiegenden Teil der Bausubstanz in Deutschland aus (ca. 59 Prozent). Alltagsgebäude gelten zwar als Zweckbauten ohne besonderen funktionalen oder baukünstlerischen Anspruch. Doch insbesondere aus ökonomischer und ökologischer Sicht sind sie oftmals erhaltenswert. Der Umbau von Alltagssubstanz muss gegenüber dem Neubau attraktiver und gefördert werden, denn letzteren können wir uns nicht mehr erlauben. Umbau kann die Qualität eines Gebäudes zudem erheblich steigern:
- Lösungsansatz: Graue Energie von Gebäuden als Kapital bei Baufinanzierung zulassen.
- Lösungsansatz: Anreize für „Wertschätzungsanalyse” beim Verkauf einer Immobilie geben.
Beispiel für Alltagssubstanz (© Jonathan Schmalöer)
Forderung 2: Besonders Erhaltenswerte Bausubstanz (BEB) muss städtebauliche Priorität werden!
BEB (ca. 30 Prozent der Bausubstanz) umfasst geschichtlich bedeutende, stadtbildprägende und für die Umgebung typische Gebäude, wie z.B. Gründerzeitviertel. In diesem flexiblen, noch nicht in der Breite genutzten Begriff liegen enorme Chancen: für Stadtentwicklung durch die Weiternutzung von Bausubstanz anstatt durch Neubau, für Nachverdichtung, für energetische Sanierung und für ein von allen geschätztes Stadtbild:
- Lösungsansatz: BEB einheitlich definieren und Leitbild formulieren, sichtbar machen sowie verbreiten.
- Lösungsansatz: Umbaustandards entwickeln und „Umbaustudien” förderfähig machen.
Beispiel für Besonders Erhaltenswerte Bausubstanz (© Jonathan Schmalöer)
Forderung 3: Denkmalschutz muss als Denkmalpflege und -entwicklung weitergedacht werden!
Gebäude, Ensembles und Stadtbereiche unter Denkmalschutz (ca. 3 Prozent der Bausubstanz) stehen stellvertretend für einzelne Zeitschichten – schöne und schwierige, alte und junge – und machen diese für heutige und kommende Generationen ablesbar. Wir müssen künftig mehr Denkmale schützen, sie aber mit den bestehenden Möglichkeiten auch flexibler entwickeln. Hierfür brauchen wir in der Praxis einen kraftvollen und zukunftsgerechten Umgang und mehr Transparenz und Veränderbarkeit:
- Lösungsansatz: Genehmigungspraxis im Denkmalschutz flexibler gestalten und Handlungsspielräume für den Umgang mit „Originalsubstanz” bieten.
- Lösungsansatz: Die Möglichkeiten digitaler Vernetzung und Datenerhebung für Denkmalschutz frühzeitig nutzen.
Beispiel für Denkmalsubstanz (© Jonathan Schmalöer)
Forderung 4: Bausubstanz und Umbaukultur müssen auch in der Ausbildung gestärkt werden!
Abriss und Neubau sollten nur als Ausnahme und letzter Ausweg möglich sein, wenn dies bspw. aus energetischen oder ökologischen Gründen die nachweislich beste Lösung ist (sogenannte Beweislastumkehr) – Umbau wird so zum Standard. Für diese Umbaukultur brauchen wir qualifizierte Umsetzer*innen, die eigene Lösungen finden. Hierfür müssen Kompetenzen in Bildung sowie Ausbildung gestärkt und Leistungen im Rahmen von Preisen honoriert werden:
- Lösungsansatz: Zusammenarbeit zwischen Planenden, Handwerk und Baugewerbe signifikant ausbauen.
- Lösungsansatz: Substanzerhalt und Umbaukultur vor Neubau priorisieren und dies in Ausbildung, Lehre und mittels Auszeichnungen verankern.
Forderung 5: Für mehr Bestandserhalt muss Partizipation substanzieller werden!
Bestandserhalt muss noch stärker zur gemeinsamen Zukunftsaufgabe werden. Die Zivilgesellschaft sollte durch transparente Kommunikation früher eingebunden und aktiviert werden. Dafür brauchen wir partizipative, moderierte Entscheidungsprozesse, bspw. zur Entwicklung von Erhaltungs- und Pflegekonzepten. Sowohl modellhafte Prozesse als auch digitale Beteiligungsmöglichkeiten bieten hier wichtige Chancen:
- Lösungsansatz: Kritische Masse über Storytelling und modellhafte Prozesse erreichen.
- Lösungsansatz: Neue Kooperationen für partizipative Planungsprozesse aufbauen.
Hier kann das gesamte Manifest mit der Langfassung der Forderungen sowie Lösungsansätze heruntergeladen werden!
Über dieses Manifest
Dieses Manifest ist das Ergebnis jahrelangen bürgerschaftlichen Engagements. Die 2020 gegründete Initiative Haus Marlene Poelzig setzte sich in einer breiten Allianz für den Erhalt des 1928 von Marlene Poelzig entworfenen Hauses in Berlin-Westend ein, um dort eine Residenz für „Meisterinnen des Bauwesens” einzurichten. Trotz des Engagements wurde das nicht unter Denkmalschutz stehende Haus im Winter 2021 abgerissen. Der Diskurs brach jedoch nicht ab. Im November 2024 nahm das öffentliche, vom Landesdenkmalamt geförderte Symposium Substanz? im Berliner Kunstgewerbemuseum den Abriss zum Anlass, um neue Impulse für Transformationen in Denkmalschutz, Denkmalpflege und Umbaukultur zu entwickeln. Die Beiträge und Diskussionen des Symposiums bilden die Grundlage für dieses Manifest. Die ausgewählten Themenstränge leiten sich von einigen der inhaltlichen Schwerpunkte der Initiative ab – insbesondere aus der Auseinandersetzung mit „Orten mit Substanz” sowie Partizipation.
Beitragende:
Ioan Brumer (Baukreisel), Dr. Marta Doehler-Behzadi, Tamara Granda Ojeda (Initiative an.ders Urania), Theresa Keilhacker (Präsidentin Architektenkammer Berlin), Kollektiv perspektiv;wechsel, Prof. Ulrike Lauber (Architektin), Lena Löhnert (Initiative an.ders Urania), Prof. Dr. Matthias Noell (Universität der Künste), Samira Ozminski, Dr. Cordelia Polinna (Forward Planung und Forschung GmbH), Jórunn Ragnarsdóttir (Architektin), Dr. Christoph Rauhut (Landesdenkmalamt), Prof. Mikala Holme Samsøe (Technische Hochschule Augsburg), Tanja Scheffler (TU Dresden), Sofie Schnitger (Wohnungsbaugenossenschaft Ostseeplatz), Bene Wahlbrink (Initiative an.ders Urania), Dr. Ulrike Wendland (Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz), Teilnehmende des Symposiums und weitere
Herausgebende: Initiative Haus Marlene Poelzig, Jan Schultheiß, Felix Zohlen | Berlin, Juni 2025
Weitere Informationen: https://hausmarlenepoelzig.de/
Grafik: Irene Szankowsky
Bilder: Jonathan Schmalöer im Rahmen des Baukreisel-Projekts „Dem doppelten Verlust – vom Verschwinden von Bausubstanz und Stadtidentität“
Gefördert durch Landesdenkmalamt Berlin
Fußnote:
[1] Das Statistische Bundesamt geht von ca. 14.000 Gebäudeabrissen pro Jahr aus, doch die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, da in weiten Teilen Deutschlands keine Abrissgenehmigung erforderlich ist. Laut Umweltbundesamt machten im Jahr 2022 Bau- und Abbruchabfälle etwa 54 Prozent des deutschen Abfallaufkommens aus (7,3 Tonnen Bauabfälle pro Sekunde waren das im Jahr 2020); Vgl. auch https://abriss-atlas.de/

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Das Problem
Das „Manifest Substanzgesellschaft“ der Initiative Haus Marlene Poelzig ruft zu Transformationen in Denkmalschutz, Denkmalpflege und Umbaukultur auf und fordert ein Umdenken im Umgang mit dem Baubestand. Es stellt Forderungen und Lösungsvorschläge vor und ruft dazu auf, diese auf einer breiten gesellschaftlichen Basis umzusetzen.
Das Manifest kann hier heruntergeladen werden.
[English short version]
The “Manifesto Substance Society” of the Initiative House Marlene Poelzig calls for transformations in monument protection, monument preservation and conversion culture. Moreover, it demands a rethinking in dealing with existing buildings. It presents demands and proposed solutions and calls for these to be implemented on a broad societal basis.
The manifesto in English can be downloaded here.
„Die Zukunft war früher auch besser.” Karl Valentin
Auch unsere Gegenwart wird einmal Vergangenheit sein – so wie unsere heutige Bausubstanz einst Zukunftsvision war. Selbst modernste Neubauten sind nur Ausdruck heutiger Standards und Ansprüche, die sich in naher Zukunft sicher ändern werden. Doch wir können uns ständigen Abriss und Neubau nicht leisten. Wer also Zukunft gestalten will, sollte das Bestehende reparieren, verbessern, weiterbauen – nicht abreißen und ersetzen, sondern fortschreiben.
Wir wünschen uns eine Gesellschaft, die das Werk früherer Generationen ebenso ernst nimmt wie ihre eigenen Zukunftsvisionen, die mutig Veränderungen angeht, aber nicht der Illusion erliegt, besser zu sein. Hierbei geht es nicht um Stil oder Ideologie, sondern um einen realistischen Blick auf die gebaute Gegenwart als zukünftige Vergangenheit. Diese Gesellschaft beginnt mit Wertschätzung der Substanz.
Zusammenfassung
Die Zukunft unserer Städte liegt unweigerlich im Umgang mit dem Bestand. Wir haben fünf Forderungen mit Lösungs- und Umsetzungsvorschlägen für zukunftsgerechte Ansätze formuliert, die sich an die gesamte Gesellschaft richten: An Bürger*innen, Fachöffentlichkeit, Verwaltung, öffentliche und private Eigentümer*innen sowie Investor*innen.
Unsere Städte und Siedlungen stehen in einem ständigen Spannungsfeld zwischen Erhalt und Weiterentwicklung und müssen dabei auf wechselnde Herausforderungen reagieren. Oft wird anhand von vermeintlichem Verwertungsdruck und falschen Kriterien darüber entschieden, was bewahrt oder entsorgt wird. Im Ergebnis wird zu wenig umgenutzt und umgebaut, und zu viel wertvolle Bausubstanz verfällt und wird abgerissen. Das bedroht Kulturgüter, verschwendet Ressourcen, beschleunigt den Klimawandel und erhöht die Mietpreise für den Profit Weniger.[1]
Die Lösung liegt nicht im stärkeren Schutz des gesamten Baubestandes durch Gesetze, sondern in dessen gesellschaftlicher Wertschätzung. In diesem Manifest definieren wir diesen in drei gleichwertige Teile, die jeweils unterschiedliche Beurteilung, Pflege und Entwicklungsstrategien erfordern: Alltagssubstanz, Besonders Erhaltenswerte Bausubstanz und Denkmale.
Die Grundlage für eine gesellschaftliche Wertschätzung der Bausubstanz ist zwingend eine „substanzielle Partizipation”. Damit meinen wir einen Paradigmenwechsel, der Inhalte in den Vordergrund stellt: Modellhafte Prozesse und deren verständliche Vermittlung sind notwendig – statt oberflächlicher Kommunikation und Marketing. Die schiere Masse der bestehenden Bausubstanz muss auch in der (Aus)Bildung thematisiert und verankert sein – sie muss Erhalt und Umbau eindeutig vor Neubau stellen.
Letztlich kann die breite Bevölkerung vom Umgang mit bestehender Architektur profitieren, wenn er zur Sicherung von gewachsenen Sozialstrukturen und bestehenden Preisniveaus (bezahlbare Bestandsmieten) beiträgt. Dieses Manifest soll Allianzen in Politik und Fachöffentlichkeit stärken, um den Weg frei zu machen für Lösungen, die maßgeblich durch die Bevölkerung umgesetzt werden.
Forderung 1: Alltagssubstanz muss mehr wertgeschätzt werden!
Alltagssubstanz macht den überwiegenden Teil der Bausubstanz in Deutschland aus (ca. 59 Prozent). Alltagsgebäude gelten zwar als Zweckbauten ohne besonderen funktionalen oder baukünstlerischen Anspruch. Doch insbesondere aus ökonomischer und ökologischer Sicht sind sie oftmals erhaltenswert. Der Umbau von Alltagssubstanz muss gegenüber dem Neubau attraktiver und gefördert werden, denn letzteren können wir uns nicht mehr erlauben. Umbau kann die Qualität eines Gebäudes zudem erheblich steigern:
- Lösungsansatz: Graue Energie von Gebäuden als Kapital bei Baufinanzierung zulassen.
- Lösungsansatz: Anreize für „Wertschätzungsanalyse” beim Verkauf einer Immobilie geben.
Beispiel für Alltagssubstanz (© Jonathan Schmalöer)
Forderung 2: Besonders Erhaltenswerte Bausubstanz (BEB) muss städtebauliche Priorität werden!
BEB (ca. 30 Prozent der Bausubstanz) umfasst geschichtlich bedeutende, stadtbildprägende und für die Umgebung typische Gebäude, wie z.B. Gründerzeitviertel. In diesem flexiblen, noch nicht in der Breite genutzten Begriff liegen enorme Chancen: für Stadtentwicklung durch die Weiternutzung von Bausubstanz anstatt durch Neubau, für Nachverdichtung, für energetische Sanierung und für ein von allen geschätztes Stadtbild:
- Lösungsansatz: BEB einheitlich definieren und Leitbild formulieren, sichtbar machen sowie verbreiten.
- Lösungsansatz: Umbaustandards entwickeln und „Umbaustudien” förderfähig machen.
Beispiel für Besonders Erhaltenswerte Bausubstanz (© Jonathan Schmalöer)
Forderung 3: Denkmalschutz muss als Denkmalpflege und -entwicklung weitergedacht werden!
Gebäude, Ensembles und Stadtbereiche unter Denkmalschutz (ca. 3 Prozent der Bausubstanz) stehen stellvertretend für einzelne Zeitschichten – schöne und schwierige, alte und junge – und machen diese für heutige und kommende Generationen ablesbar. Wir müssen künftig mehr Denkmale schützen, sie aber mit den bestehenden Möglichkeiten auch flexibler entwickeln. Hierfür brauchen wir in der Praxis einen kraftvollen und zukunftsgerechten Umgang und mehr Transparenz und Veränderbarkeit:
- Lösungsansatz: Genehmigungspraxis im Denkmalschutz flexibler gestalten und Handlungsspielräume für den Umgang mit „Originalsubstanz” bieten.
- Lösungsansatz: Die Möglichkeiten digitaler Vernetzung und Datenerhebung für Denkmalschutz frühzeitig nutzen.
Beispiel für Denkmalsubstanz (© Jonathan Schmalöer)
Forderung 4: Bausubstanz und Umbaukultur müssen auch in der Ausbildung gestärkt werden!
Abriss und Neubau sollten nur als Ausnahme und letzter Ausweg möglich sein, wenn dies bspw. aus energetischen oder ökologischen Gründen die nachweislich beste Lösung ist (sogenannte Beweislastumkehr) – Umbau wird so zum Standard. Für diese Umbaukultur brauchen wir qualifizierte Umsetzer*innen, die eigene Lösungen finden. Hierfür müssen Kompetenzen in Bildung sowie Ausbildung gestärkt und Leistungen im Rahmen von Preisen honoriert werden:
- Lösungsansatz: Zusammenarbeit zwischen Planenden, Handwerk und Baugewerbe signifikant ausbauen.
- Lösungsansatz: Substanzerhalt und Umbaukultur vor Neubau priorisieren und dies in Ausbildung, Lehre und mittels Auszeichnungen verankern.
Forderung 5: Für mehr Bestandserhalt muss Partizipation substanzieller werden!
Bestandserhalt muss noch stärker zur gemeinsamen Zukunftsaufgabe werden. Die Zivilgesellschaft sollte durch transparente Kommunikation früher eingebunden und aktiviert werden. Dafür brauchen wir partizipative, moderierte Entscheidungsprozesse, bspw. zur Entwicklung von Erhaltungs- und Pflegekonzepten. Sowohl modellhafte Prozesse als auch digitale Beteiligungsmöglichkeiten bieten hier wichtige Chancen:
- Lösungsansatz: Kritische Masse über Storytelling und modellhafte Prozesse erreichen.
- Lösungsansatz: Neue Kooperationen für partizipative Planungsprozesse aufbauen.
Hier kann das gesamte Manifest mit der Langfassung der Forderungen sowie Lösungsansätze heruntergeladen werden!
Über dieses Manifest
Dieses Manifest ist das Ergebnis jahrelangen bürgerschaftlichen Engagements. Die 2020 gegründete Initiative Haus Marlene Poelzig setzte sich in einer breiten Allianz für den Erhalt des 1928 von Marlene Poelzig entworfenen Hauses in Berlin-Westend ein, um dort eine Residenz für „Meisterinnen des Bauwesens” einzurichten. Trotz des Engagements wurde das nicht unter Denkmalschutz stehende Haus im Winter 2021 abgerissen. Der Diskurs brach jedoch nicht ab. Im November 2024 nahm das öffentliche, vom Landesdenkmalamt geförderte Symposium Substanz? im Berliner Kunstgewerbemuseum den Abriss zum Anlass, um neue Impulse für Transformationen in Denkmalschutz, Denkmalpflege und Umbaukultur zu entwickeln. Die Beiträge und Diskussionen des Symposiums bilden die Grundlage für dieses Manifest. Die ausgewählten Themenstränge leiten sich von einigen der inhaltlichen Schwerpunkte der Initiative ab – insbesondere aus der Auseinandersetzung mit „Orten mit Substanz” sowie Partizipation.
Beitragende:
Ioan Brumer (Baukreisel), Dr. Marta Doehler-Behzadi, Tamara Granda Ojeda (Initiative an.ders Urania), Theresa Keilhacker (Präsidentin Architektenkammer Berlin), Kollektiv perspektiv;wechsel, Prof. Ulrike Lauber (Architektin), Lena Löhnert (Initiative an.ders Urania), Prof. Dr. Matthias Noell (Universität der Künste), Samira Ozminski, Dr. Cordelia Polinna (Forward Planung und Forschung GmbH), Jórunn Ragnarsdóttir (Architektin), Dr. Christoph Rauhut (Landesdenkmalamt), Prof. Mikala Holme Samsøe (Technische Hochschule Augsburg), Tanja Scheffler (TU Dresden), Sofie Schnitger (Wohnungsbaugenossenschaft Ostseeplatz), Bene Wahlbrink (Initiative an.ders Urania), Dr. Ulrike Wendland (Deutsches Nationalkomitee für Denkmalschutz), Teilnehmende des Symposiums und weitere
Herausgebende: Initiative Haus Marlene Poelzig, Jan Schultheiß, Felix Zohlen | Berlin, Juni 2025
Weitere Informationen: https://hausmarlenepoelzig.de/
Grafik: Irene Szankowsky
Bilder: Jonathan Schmalöer im Rahmen des Baukreisel-Projekts „Dem doppelten Verlust – vom Verschwinden von Bausubstanz und Stadtidentität“
Gefördert durch Landesdenkmalamt Berlin
Fußnote:
[1] Das Statistische Bundesamt geht von ca. 14.000 Gebäudeabrissen pro Jahr aus, doch die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen, da in weiten Teilen Deutschlands keine Abrissgenehmigung erforderlich ist. Laut Umweltbundesamt machten im Jahr 2022 Bau- und Abbruchabfälle etwa 54 Prozent des deutschen Abfallaufkommens aus (7,3 Tonnen Bauabfälle pro Sekunde waren das im Jahr 2020); Vgl. auch https://abriss-atlas.de/

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Petition am 30. Mai 2025 erstellt