Studie zu Missbrauchsvorfällen: Offener Brief an die Deutsche Bischofskonferenz

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Offener Brief an die Deutsche Bischofskonferenz

Sehr geehrte Bischöfe,

im Vorfeld der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz haben erste Presseveröffentlichungen aus der MHG-Studie erschütternde Erkenntnisse zutage gebracht. Bekannt wurde nicht nur die hohe Zahl der dokumentierten Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch Kleriker in Deutschland (wobei davon auszugehen ist, dass die Dunkelziffer wesentlich höher liegt), sondern auch eine strategische Verschleierung der Vorfälle und eine systematische Deckung der Beschuldigten durch das kirchliche System (u.a. Spiegel 12.09.2018; Zeit 12.09.18, Stern 12.09.18, SZ 12.09.18, FAZ 18.09.18). Die einhergehende öffentliche Diskussion erregte nationale und internationale Aufmerksamkeit, sowohl unter Katholik*innen als auch Nicht-Katholik*innen. Die katholische Kirche hat – auch und vor allem unter Gläubigen – damit an Vertrauens- und Glaubwürdigkeit eingebüßt.

Die Verfasser*innen sind die gewählten Vertreter*innen in den stipendiatischen Gremien des Cusanuswerks sowie weitere ehemalige und aktive Stipendiat*innen[⁕]. Wir begreifen uns als überzeugte und engagierte Christ*innen, die sich der Verantwortung der Kirche, von der wir uns als Teil verstehen, stellen möchten. Wir tun dies in dem Wunsch, in unserem Studieren, Arbeiten und gesellschaftlichen Wirken zu dieser Kirche stehen zu können, die uns alle auf vielfältige Weise in unserem Leben geprägt und begleitet hat und es vielfach noch immer tut. Die aktuell im Raum stehenden Vorwürfe und erwiesenen Missstände, die durch die nun bekannten Ereignisse noch einmal beschämend konkretisiert worden sind, machen uns wütend, entsetzt, fassungslos. Wir sehen uns mit der Frage konfrontiert, wie wir die Institution Kirche unter diesen Umständen mittragen, mitverkörpern können und wollen. Durch unsere Anteilnahme oder persönliche Erfahrung sind wir tief betroffen von dem Leid, das Menschen erfahren haben, die von Diakonen, Ordensleuten und Priestern misshandelt und missbraucht wurden. Den Rechtfertigungszwang – uns selbst und anderen gegenüber – können Sie uns nicht abnehmen. Aber wir erwarten nun klare und unmissverständliche Signale von Ihnen und der gesamten Amtskirche, die eine ehrliche, transparente und umfassende Aufarbeitung der Geschehnisse zusichern. Wir fordern von Ihnen, als oberste Repräsentanten der katholischen Kirche in Deutschland, dass Sie zu gerechter Aufklärung, Aussöhnung und Prävention von sexuellem Missbrauch beitragen. Im Folgenden sind die konkreten Punkte aufgeführt, an denen unserer Ansicht nach akuter Handlungsbedarf besteht.

(1)  Ausbau Präventionsmaßnahmen / Anlaufstelle für Betroffene

Hintergrund: Die Anlaufstellen für Betroffene sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen in den einzelnen Diözesen sind zum Teil nach wie vor von kirchlichen Amtsträgern oder Angestellten der Diözesen besetzt.

Forderung: Wir fordern die Einstellung von unabhängigen Missbrauchsbeauftragten und die Einrichtung entsprechender Anlaufstellen, die mit nachweislich psychologisch geschultem Personal ausgestattet sind. Das Angebot soll möglichst unbürokratisch und leicht zugänglich sein, Gespräche vertraulich behandeln und bei Bedarf auch anonym in Anspruch genommen werden können. Die Betroffenen sollen vollumfängliche Unterstützung und Einsicht in den Verfahrensprozess erhalten, sowohl, was die Aufklärung ihres Falles angeht, als auch den Hergang bei Anzeige der Tat sowie Entschädigungs- und Ersatzleistungen. Die betreuenden bzw. beratenden Personen sollen außerdem die Befugnis erhalten, die Betroffenen kirchenunabhängig auf einem niedrigschwelligen, einheitlichen, transparenten und effektiven Ermittlungsprozess zu begleiten.

(2)  Vereinheitlichung der innerkirchlichen Bearbeitungsverfahren / Strafanzeigen

Hintergrund: Der Verfahrensprozess, wie ein gemeldeter Missbrauchsfall innerkirchlich weiterverfolgt und bearbeitet wird, ist zurzeit undurchsichtig und wird in den einzelnen Diözesen sehr unterschiedlich gehandhabt. Dass beispielsweise bislang nicht jeder Fall zwingend zur Strafanzeige gebracht werden muss, steht in Bezug auf sexuellen Missbrauch im Einklang mit dem von der Bundesregierung initiierten Arbeitskreis „Runder Tisch Sexueller Kindesmissbrauch“, der sich gegen eine Anzeigepflicht von sexuellem Missbrauch ausspricht. Damit soll weiterhin ermöglicht werden, dass Betroffene, insbesondere in Beratungsstellen, vertraulich Hilfe erhalten. Bei einer strafbewehrten Anzeigepflicht hingegen wären alle, die von möglichen Fällen sexuellen Missbrauchs erfahren, zur Erstattung einer Anzeige verpflichtet, um sich nicht selbst strafbar zu machen. Der Runde Tisch hat stattdessen „Leitlinien zur Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden“ erarbeitet, die im Zuge der Selbstverpflichtung von Institutionen und Vereinigungen umgesetzt werden können. Diese Selbstverpflichtung bedeutet, dass Informationen über Fälle möglichen sexuellen Missbrauchs in der Institution schnellstmöglich an die Strafverfolgungsbehörden weitergeleitet werden, mit verpflichtender Rücksichtnahme auf die körperliche und psychische Gesundheit des Opfers. Ziel der Leitlinien ist zu verhindern, dass Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern oder Jugendlichen aus Eigeninteresse der Institution vertuscht oder aus Nachlässigkeit nicht weiter verfolgt werden.

Forderung: Wir erwarten schnelle, nachhaltige und transparente kirchenrechtliche Verfahren, deren Vereinheitlichung und Verbindlichkeit wir für unabdingbar halten. Es soll anhand offen zugänglicher und verpflichtender Normen nachvollziehbar sein, wie in Beschuldigungsfällen innerkirchlich ermittelt wird, wie die einzelnen Meldeverfahren ablaufen, die kirchenrechtliche Verfahren und/oder eine Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft nach sich ziehen, und welche Sanktionen für welche Taten verhängt werden müssen. Alle deutschen Diözesen sollen grundsätzlich den „Leitlinien zur Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden“ verpflichtet sein. 

(3)  Konsequente Entlassung erwiesen straffälliger Kleriker

Hintergrund: Aus der Presseberichterstattung zur MHG-Studie geht hervor, dass bei Bekanntwerden eines Missbrauchsfalles die Bereitschaft der Kirche, Täter zu bestrafen, „nicht sehr ausgeprägt“ gewesen sei (vgl. Zeit 12.09.18). Hinweise sprechen dafür, dass erwiesen Beschuldigte oft an einen anderen Ort versetzt worden seien. Selbst dann wäre die aufnehmende Gemeinde nicht mit entsprechenden Informationen über die jeweilige Beschuldigung versorgt worden und hätte so keine geeigneten Maßnahmen zum Schutz Minderjähriger ergreifen können. Nur ein Drittel der Beschuldigten habe sich einem kirchenrechtlichen Verfahren stellen müssen, zumal seien Sanktionen bei Schuldfeststellung oft minimal ausgefallen, wenn nicht ganz unterblieben (Spiegel, 12.09.18).

Forderung: Wir fordern die fristlose Entlassung all jener Personen, die sich erwiesenermaßen des sexuellen Missbrauchs strafbar gemacht haben und sich derzeit noch im Dienst der katholischen Kirche befinden. Eine innerkirchliche Versetzung erachten wir unter keinen Umständen als eine angebrachte Reaktion auf Missbrauchsvorwürfe; sie muss umgehend aus dem kirchlichen Maßnahmenkatalog gestrichen werden. Wir erwarten auch bei zukünftig aufgedeckten und strafrechtlich erwiesenen Missbrauchsfällen die konsequente Entlassung der Täter. Beschuldigte müssen für die Dauer der Aufklärung wirksam aus dem Umfeld von Minderjährigen herausgelöst werden, um weitere Gefährdung auszuschließen.

(4)  Sanktionierung von Vertuschung und Aktenvernichtung zu Missbrauchsfällen

Hintergrund: Es ist aus der genannten Presseberichterstattung bekannt geworden, dass in mindestens zwei Diözesen für die Untersuchungen relevante Personalakten vernichtet oder manipuliert worden seien (Spiegel 12.09.18; Zeit 12.09.18).

Forderung: Den lediglich bedingten Aufklärungswillen einiger Diözesen, wie er in der zum Teil nur sehr gering ausgeprägten Kooperationsbereitschaft mit den Ersteller*innen der Studie zum Ausdruck kommt, halten wir für nicht hinnehmbar. Wir fordern eine Nennung und ggf. auch die Sanktionierung der unkooperativen Diözesen. Im Falle der strategischen Aktenmanipulation bzw. -vernichtung fordern wir die Entlassung der Verantwortlichen. Keine Toleranz gegenüber Kindesmissbrauch bedeutet auch keine Toleranz gegenüber denjenigen, die sich einer rückhaltlosen Aufklärung widersetzen.

(5)  Konsequente Auseinandersetzung mit der spezifischen Rolle seelsorglicher Autorität im Missbrauchsgeschehen

Hintergrund: Das Problem geht über die einzelnen Fälle sexuellen Missbrauchs hinaus. Es wurde bekannt, dass drei Viertel aller Betroffenen mit den Beschuldigten in einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung standen (vgl. Spiegel 12.09.18). Beschuldigte hätten bewusst ihre geistliche Autorität genutzt, um Betroffene unter Druck zu setzen oder emotional zu manipulieren.

Forderung: Machtmissbrauch in der Seelsorge, auch jenseits von sexuellem Missbrauch, muss eigens zum Thema gemacht werden. Dies muss durch regelmäßige, verpflichtende, praxisorientierte Fortbildungen durch entsprechend geschulte Expert*innen ergänzt werden, die nicht in einem kirchlichen Arbeitsverhältnis stehen. Entsprechende Forschungsprojekte und Untersuchungen sollten dieses Vorhaben umfassend unterstützen, um bestehende Strukturen und Kulturen seelsorglicher Macht, die sich für Missbrauch anfällig erweisen, aufzubrechen.

(6)  Ende der defensiven Haltung und der Relativierungen

Hintergrund: Der Missbrauch geht weiter. Laut Berichterstattungen über die Studie gibt es nicht nur deutliche Hinweise darauf, dass die getroffenen Häufigkeitsangaben die tatsächlichen Verhältnisse unterschätzen, sondern auch, dass „für den gesamten Untersuchungszeitraum“ von einem „Andauern des Missbrauchsgeschehens“ auszugehen ist (vgl. Zeit 12.09.18; ZDF 12.09.18) – und das trotz der inzwischen ins Leben gerufenen Präventionsmaßnahmen.

Forderung: Die deutschen Bischöfe sollen öffentlich anerkennen, dass die tatsächlichen Zahlen höher sind als die in der Studie genannten, und zukünftig auf Relativierungen und Versuche, den Missbrauch als ein Problem der Vergangenheit darzustellen, verzichten.

(7)  Vollumfängliche Aufklärung durch Folgestudien

Hintergrund: Laut Süddeutscher Zeitung (13.09.18) stellte im Rahmen der MHG-Studie nur ein Drittel der Bistümer alle Akten bis zurück ins Jahr 1946 zur Verfügung. Weiterhin wurde bekannt, dass den Studienersteller*innen der Zugriff auf die Originalakten der katholischen Kirche durchgängig verwehrt geblieben ist. Stattdessen lag die Auswahl der Daten und Akten in Händen der Diözesen. Dies hat zur Folge, dass die Unabhängigkeit der Datenauswahl nicht gewährleistet ist und die Unsicherheit über die Dunkelziffer der Missbrauchsfälle erhöht wird.

Forderung: Die MHG-Studie ist nur als Anfang der Aufklärung von sexuellem Missbrauch in der deutschen katholischen Kirche zu sehen, nicht als Ende. Durch weitere Folgestudien soll das Dunkelfeld der MHG-Studie verringert werden. Den Verfasser*innen soll eine unabhängige und uneingeschränkte Primärdatenauswahl ermöglicht werden. Wir erwarten eine vollumfängliche (Online-)Publikation der aktuellen Studie wie auch aller nachfolgenden Studien, damit deren Ergebnisse der Öffentlichkeit leicht und dauerhaft zugänglich sind.

Sexueller Missbrauch ist ein gesamtkirchliches Problem; die genannten Missstände und ihre Lösungsmöglichkeiten begrenzen sich nicht auf Deutschland. Gerade deshalb fordern wir die deutschen Bischöfe auf, ihre Verantwortung bis in die Kirchenspitze zu tragen, und sich für eine weltweite Bekämpfung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche einzusetzen.

Mit der Hoffnung auf Veränderung,

Die Unterzeichnenden[⁕]


Vorstand der Stipendiatinnen und Stipendiaten

Daniel Rockel     Elisabeth Luft     Carolin Schlüter


Weitere gewählte Vertreter*innen in den stipendiatischen Gremien

Marie Louise Aicher     Paula Ballmaier     Tobias Fleckenstein     Katharina Hauck     Hermann Körner     Linus Mührel     Lukas Offermann     Sandra Perino     Marie-Luise Quakulinski     Christiane Ruhrmann     Isabella Tegethoff     Nicola Trenz     Benedikt Weigl


Aktive und ehemalige Stipendiat*innen des Cusanuswerks

Doris Reisinger     Christian Schnurr     Matthias J. Tögel     Christina Zühlke     Nils Stockmann     Merle Erpenbeck     Gereon Bönsch     Mirjam Kappes


Dieser offene Brief wird zusätzlich unterstützt von den Personen, die sich in die unter diesem Schreiben verfügbare Unterschriftenliste eintragen.

[⁕] DISCLAIMER: Die Verfasser*innen und Erstunterzeichner*innen sind gewählte Vertreter*innen in den stipendiatischen Gremien (2018/2019) des Cusanuswerkes sowie weitere ehemalige und aktive Stipendiat*innen der bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk. Sie agieren selbstständig. In diesem Statement geben sie allein ihre eigenen Überzeugungen wieder und sprechen nicht für das Cusanuswerk.


QUELLEN:

FAZ, 18.09.18: http://www.faz.net/aktuell/rhein-main/katholische-kirche-studie-liefert-zahlen-zu-missbrauchsvorwuerfen-15793222.html

SPIEGEL, 12.09.18: http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/katholische-kirche-in-deutschland-studie-zaehlt-3677-missbrauchsopfer-a-1227688.html

SPIEGEL, Interview mit Christian Pfeiffer, 14.09.18: http://www.spiegel.de/plus/katholische-kirche-kriminologe-christian-pfeiffer-ueber-missbrauch-in-der-kirche-a-00000000-0002-0001-0000-000159428627

STERN, 12.09.18: https://www.stern.de/politik/deutschland/studie-in-bischofskonferenz-kindesmissbrauch-in-katholischer-kirche-weit-verbreitet-8354758.html

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 12.09.18: https://www.sueddeutsche.de/panorama/missbrauch-in-der-katholischen-kirche-franziskus-beruft-gipfeltreffen-ein-1.4126201

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 13.09.18: https://www.sueddeutsche.de/panorama/missbrauchsskandal-die-kirche-weigert-sich-die-kontrolle-abzugeben-1.4129180

TAGESSCHAU, 12.09.18: https://www.tagesschau.de/inland/uebergriffe-katholische-kirche-101.html

ZDF, 12.09.18: http://blog.zdf.de/papstgefluester/2018/09/12/missbrauch-in-deutschland-und-der-welt/

ZEIT, 12.09.18: https://www.zeit.de/2018/38/sexueller-missbrauch-bischoefe-kirche-studie

ZEIT, 12.09.18: https://www.zeit.de/news/2018-09/12/katholische-kirche-dokumentiert-3677-missbrauchsfaelle-180912-99-925799

Leitlinien zur Einschaltung der Strafverfolgungsbehörden

https://beauftragter-missbrauch.de/recht/strafrecht/verdachtsfall-und-anzeigepflicht/#Kirchen-keineAnzeigepflicht

https://add.rlp.de/fileadmin/add/Abteilung_3/Kinderschutz/Leitlinien.pdf

https://www.bmjv.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Verdacht_Kindesmissbrauch_Einrichtung.pdf;jsessionid=78DB678991A6E50B9B4FC841C7F56E69.1_cid289?__blob=publicationFile&v=11

 

 



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