NEUSTART 2​.​0

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Wir sind viele.
Und dies ist ein offener Brief.

Zunächst sollten wir begreifen, dass die Kultur als einer der wichtigsten Orte unserer vielfältigen Gesellschaft fungiert, sie erschafft Welten, arbeitet unabhängig  und kritisch, und vermittelt Werte. Kunst und Kulturstätten sind wichtige Foren der Begegnung und des gesellschaftlichen Austausches, Orte an denen man sich vergegenwärtigen kann, dass wir eine Gesellschaft bilden und zusammen einen lebhaften Diskurs führen können.

Der zweite Lockdown ist eine Bedrohung für die Diversität der Kunst und Kultur.
Ohne all das entwickelt sich die Gemeinschaft zurück zum „Individuum“, ein passiver Zustand der das Mitgestalten des Zeitgeistes und des Jetzt außen vor lässt. Ohne diese Orte, ohne die Kunst und Kultur, ohne den Austausch, gibt es nur noch ein vages Erinnern an eine kulturelle Echtheit.

Kurz: keine Kulturstätten = keine gesellschaftliche Reflektion

Die Krise zeigt deutlich, dass der Stellenwert der Kunst und kulturschaffenden Menschen durch die Politik bloß geringgeschätzt und geschützt wird. IKEA muss unbedingt geöffnet bleiben, das Theater lieber nicht. Ohne Einkaufszentren ist das Leben nicht lebenswert, Museen könnten dafür ja schließen.

Subsumiert: Kultur ist Freizeitaktivität!

Die Kunst und Kultur wird und wurde bisher immer als gegeben erachtet und gerade jetzt in dieser langen Krisenzeit werden die Menschen, die hinter all dem stecken, kaum gesehen. Die Menschen, die tagtäglich daran arbeiten unsere Kultur und unseren Zeitgeist zu reflektieren, sind jetzt zu Millionen in ihrer Existenz bedroht und fühlen sich allein gelassen mit ihren schweren finanziellen Nöten. Das Hinnehmen von prekären Beschäftigungen und die geringe soziale Absicherung von selbstständigen KünstlerInnen und Freischaffenden rächen sich nun in der Krise, wie in so vielen anderen Branchen auch. Vom Applaus allein zahlt niemand die Miete. Die Entscheidung der Regierung zur Schließung von Theatern, Museen und kleineren Kulturstätten lässt nun auch den letzten anerkennenden Applaus verstummen. Und mit ihm verlässt uns nun auch der Mut in die Zukunft zu blicken.

Die Regierung stellt Milliarden an Geldern bereit für “NEUSTART” Förderungen - Arbeitsstipendien für Freischaffende in Kunst und Kultur. Diese Hilfen sollen von der Krise getroffene KünstlerInnen wieder ein sicheres Fundament bieten. Also genau all diesen Menschen helfen, die durch fehlende finanzielle Puffer momentan keinen Beitrag zu unser Kultur mehr leisten können. Darunter fallen freischaffende KünstlerInnen, Projekträume, Off Spaces, Kunstvereine, kleine Galerien und Theater genauso, wie BühnenkünstlerInnen, Musikschaffende und die Kunstvermittlung. Die Vergabe dieser Hilfen jedoch von den gleichen Akteuren koordinieren zu lassen, die sich sonst auf die Produktion von international wettbewerbsfähigen Kassenschlagern konzentrieren, ist unter diesem Gesichtspunkt einfach nur eine perfide Anmaßung.

Die Zeit der Krise ist keine Zeit für elitäre Vergabesysteme.
Ist keine Zeit der Spitzenförderung von Blockbuster-Formaten oder bereits etablierten Kunst- und KulturakteurInnen.

Um eine lebendige Kultur zu erhalten, bedarf es Diversität und einen chancengleichen Zugang zu den Schauplätzen der Gesellschaft und die bleibt in der Krisenzeit besonders denjenigen als erstes verwehrt, die sich noch nicht durch öffentliche Hand oder hochkarätig dotierte Galerien/Theater/Platten-Verträge gefördert wissen.

Geld sucht Geld, die Liste des letzten Kunstfonds Neustart Stipendiums und anderen Stiftungen, zeigt wie elitär und/oder willkürlich (Kulturprojekte Berlin GmbH) die Vergabe der wohlgemeinten „Nothilfen“ selbst in Krisenzeiten noch ist. Auf der Liste tummeln sich doppelt und dreifach geförderte und etablierte KünstlerInnen, deren Namen schon längst Einlass in das Kulturkapital unseres Landes erhalten haben.

Gilt es aber nicht gerade jetzt kleinere AkteurInnen der Kultur zu fördern, diejenigen Menschen, bei denen durch die Krise als erstes das Licht im Studio ausgehen wird? Gilt es nicht dafür zu sorgen, dass wir auch noch nach der Krise auf eine lebendige und pluralistische Kulturlandschaft schauen können, anstatt nur den großen Playern der Szene das kulturelle Sprachrohr zu überlassen?

Natürlich, das Geld ist auch so wichtig und gut angelegt. Kultur besteht allerdings aus mehr als nur Kassenschlagern, es braucht genau die Vielfalt, die als erstes verloren gehen wird, wenn wir nur den Exzellenzen eine finanzielle Sicherung anbieten. Mit Nothilfe hat dieses Programm wenig zu tun. Die Niederlande machen es vor mit ihren unbürokratischen Zuschüssen für Selbstständige, das Einfüllen der Steuernummer, ein kurzer Check der wirtschaftlichen Tätigkeit sollte genügen um Gelder für bedürftige Kulturschaffende zu verteilen (Tozo, tijdelijke overbruggingsregeling). Sonst fragen wir uns spätestens beim Blick in die Spielpläne der Theater und Ausstellungskalender in den nächsten Monaten, warum nur noch die großen Produktionen übrig geblieben sind.

Wir fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen für Kulturschaffende während der stark eingeschränkten Zeiten oder eine erneute, faire und chancengleiche Verteilung des „NEUSTART“-Geldes.

Unabhängig von elitären Stiftungen und erschwerenden Bürokratiehürden.
Bundesweit und einheitlich.

We are many.
And this is an open letter.


It is important to state that the cultural sector is an essential agent in our multifaceted society—it creates worlds, acts independently and critically, and communicates values. Art and its lived spaces are important platforms for cultural exchange and discourse. It is a medium that allows us to visualize to one another that we can form a society and sustain a constructive dialogue.


The second lockdown poses a threat to our various institutions of Art and Culture. In their absence our ideas of community will regress to that of the “individual,” a passive state that deflects its responsibility to the collective designing of our shared reality, the zeitgeist. Without these spaces, without Art and Culture, without discourse, we’re left with little more than a vague memory of cultural honesty.


In short: no cultural institutions = no societal reflection


This crisis has made clear how little value and regard the political system holds for the arts and those working in the cultural sector. It is imperative we keep IKEA open, but go ahead and close the theater. Without shopping malls life just isn’t worth living, and we’re prepared to sacrifice the museums in order to save them.


In summary: culture is a recreational activity!


Historically, art and culture has been a visible agent in our daily landscape, but suddenly in this moment of prolonged crisis those people that compose and move through these fields have been swept under the rug. These people that day-by-day labor to uphold our culture and reflect on our zeitgeist are now left by the millions to survive their financial-devastation in abandoned solitude. The taking for granted of the precarious forms of employment often attributed to freelance artists and self-employed professionals, not to mention the lack of access to forms of social security, becomes more severe in this moment of crisis. You can’t pay the bills with applause alone. The government’s decision to close theaters, museums and smaller cultural centers stamps-out the last echoes of applause—and with them our courage to look to the future.


The government set aside billions of euros in the form of “rehabilitation” funds—grants for freelancers in the arts and cultural sector. This aid should once again provide those artists affected by the crisis with a sound foundation; to be more specific, it should reach all those people who, due to lack of a financial buffer, cannot work to sustain our cultural sector. These include, but are not limited to, self-employed artists, project spaces, art associations, small galleries and theaters, as well as stage performers, musicians, and those working in art education. To allow the distribution of this aid to be coordinated by those same actors that otherwise concern themselves with the production of internationally competitive box-office hits is nothing more than a perfidious ploy.


There is no time for elite reward-systems in this time of crisis. It is not the time for pompous funding of blockbuster-formats or other established art and cultural institutions.


In order to sustain an animated cultural sector you need diversity and equal-opportunity access to society’s stages. And in a moment of crisis, such as the one in which we find ourselves, those first denied access to such spaces are those who have yet to know the support of the public sector or the patronage of first-class galleries, theaters or record labels.


Money begets money—the list of recipients of the most recent Kunstfonds Neustart Stipendiums, and other such grants, shows how elitist and/or arbitrary (Kulturprojekte Berlin GmbH) the awarding of such well-meaning “emergency funds” is, even in times of crisis. You will find the same set of established artists populating these lists; those whose names have long since secured their position in our country’s cultural capital.


Is it not more urgent to support the less-established cultural workers, those who are most vulnerable to the crippling effects of the crisis? Looking beyond the crisis, should we not move to secure the existence of a multifaceted cultural landscape, instead of leaving the stage to the few “big-players” of the scene?


Of course money is only as important as where it’s spent. The cultural sector is comprised of more than just box-office hits, it depends on the variety that is only made possible by a horizontal distribution of financial support. The program of financial support we have now has little resemblance to an emergency fund. The Netherlands have set the bar with their unbureaucratic grant-system for freelance workers; the filling in of your tax ID number and a brief check of your professional profile should be enough to justify the receiving of funds for eligible workers in the culture sector (Tozo, tijdelijke overbruggingsregeling). If we continue down our current path, we’ll be asking ourselves in the coming months why it is that only exhibitions of the ‘permanent collection’ are to be found on the cultural calendar.


We demand an unconditional standard income for cultural workers during these restricted times, or a reevaluated distribution of the “rehabilitation”-funds. A program that is independent of elitist foundations and unburdened by bureaucratic hurdles—comprehensive and nationwide.