
Liebe Freundinnen und Freunde,
als in Aachen zwei junge Männer von der Justiz verfolgt wurden, weil sie Lebensmittel vor dem Müll gerettet hattet, habt ihr alle großartige Solidarität geleistet. Ich möchte euch hier mit dieser Nachricht auch um Solidarität in Zeiten der Corona-Pandemie bitten: Um Hilfe, die in den offiziellen Handlungsempfehlungen der hohen Politik kaum vorkommt. Und ich möchte eine Kritik an der "Hilfe" der Regierenden äußern, die vor allem die Profite der Banken und Konzerne sichert, aber kaum denen hilft, die Hilfe am dringendsten nötig hätten.
1. Natürlich gelten die wissenschaftlichen Erkenntnisse. Wenn es gelingt, die weitere Ausbreitung des Virus einzudämmen, wird es weniger Infektionen, weniger Erkrankte und vor allem weniger Tote geben. Vor allem aber zeigt ein Blick nach Italien, was droht: Ein über Jahre kaputt gekürztes und privatisiertes Gesundheitswesen kann einem Ansturm nicht gerecht werden. Es kann zusammenbrechen und vielen Menschen nicht oder nur schlecht helfen Unnötige Todesopfer wären die Folge. Es ist nicht nachvollziehbar, warum nicht lebensnötige Betriebe weiter laufen und Menschen in viel zu vollen Bussen und Bahnen zur Arbeit fahren müssen, um dort oft mit viel zu wenig Abstand zu Kolleg*innen zu schaffen. Hier wären schnelle und entschlossene Maßnahmen nötig (und die entsprechenden Hilfen für kleine Unternehmen und vor allem Beschäftigte, bisher hilft die Bundesregierung vor allem Banken und Konzernen).
Trotz dieser Fehler der Regierenden sollten wir unseren Beitrag leisten. Haltet euch deswegen an die Grundregel: Vermeidet physischen Kontakt mit anderen Menschen. Achtet auf Hygiene.
2. Dabei werden schnell die Menschen vergessen, die zu den Risikogruppen gehören. Alte Menschen, Menschen mit geschwächtem Immunsystem oder andere, für die das Virus eine erhöhte Gefahr bedeutet halten sich logischerweise viel konsequenter an die Empfehlung - für sie geht es viel unmittelbarer um Leben und Tod. Völlig unverständlich ist es, dass es keine sofortigen Hilfen für Empfänger*innen von Armutsrenten gibt, die auch jetzt noch jobben müssen, um über die Runden zu kommen.
3. In vielen Städten wurden die Tafeln bereits geschlossen oder passiert das in den nächsten Tagen. Hunderttausende besonders finanziell benachteiligte Menschen werden sich verzweifelt fragen, wie sie ohne zu klauen an Lebensmittel kommen sollen. Es bräuchte nicht nur bei Armutsrenten, sondern auch bei den viel zu geringen Hartz IV-Bezügen, Geldern für Asylbewerber*innen und anderen sogenannten Sozialleistungen deutliche Aufstockungen.
4. Leistet Hilfe!
- Aktivitäten im Freien gelten, sofern sie in kleinen Gruppen und mit reichlich Abstand zueinander unternommen werden, als ungefährlich. Die Tonnen sind erfahrungsgemäß auch in Zeiten von Hamsterkäufen gut gefüllt. Man kann gut containern gehen, und mit den geretteten Lebensmitteln auch Menschen unterstützen, die finanziell grad verzweifeln. Jetzt gilt natürlich noch viel stärker als sowieso: Das Containern muss endlich entkriminalisiert werden!
- Menschen in Isolation brauchen Hilfe bei Alltäglichem. Kennt ihr Betroffene im gleichen Haus oder in der Nachbarschaft? Bietet Hilfe beim Einkaufen, beim Gassigehen, beim Medikamente abholen etc. an! Kennt ihr eure Nachbarschaft nicht so gut? Hängt entsprechende Zettel in den Hausflur, an die Türen der Nachbar*innen oder auch draußen in die Öffentlichkeit. In vielen Städten hat sich über soziale Netzwerke schnell eine solche selbstorganisierte Nachbarschaftshilfe gebildet - beteiligt euch!
- Nicht zuletzt brauchen Betroffene aber auch Sozialkontakte. Bietet Gespräche an, ohne die Betroffenen in Gefahr zu bringen: Von Balkon zu Balkon oder übers Telefon.
5. Kritische Stimmen unterstützen
Solche Ausnahmesituationen führen schnell dazu, dass Kritik an der Politik der Regierenden verebbt. Versammlungen, also auch Demonstrationen sind sowieso stark eingeschränkt oder sogar verboten. Aber gleichzeitig ist es deren Politik, die das Gesundheitswesen auf ein Minimum kaputt gespart hat und Menschen dazu zwingt, auch krank zur Arbeit zu gehen. Es ist wichtig, auch in Krisenzeiten das nicht zu vergessen.
Gleichzeitig ist diese Krise auch für kritische Stimmen eine Existenzfrage. Politische Gruppen und Initiativen leben von Gesprächen und Diskussionen in Nachbarschaften. Finanzielle Einnahmen bleiben aus, aber Mieten und Ähnliches muss weiter bezahlt werden. Es ist wichtig, solche Kräfte am Leben zu halten, denn hohe Mieten, Militarisierung und Aufrüstung oder ein mieses und unterfinanziertes Bildungswesen sind auch noch Probleme, wenn die Corona-Krise hoffentlich bald überstanden ist. Wer also solche Initiativen kennt: Vergesst sie nicht!
Konkret möchte ich auf eine Crowdfunding-Aktion des Manifest-Verlags hinweisen und euch zur Beteiligung bitten. Er hat unter anderem mein Buch "Volle Bäuche statt volle Tonnen!" verlegt und dem Kampf für die Entkriminalisierung des Containerns damit stark unter die Arme gegriffen: Über dieses Buch konnten Erfahrungen aus der Aachener Kampagne verbreitet, politische Hintergründe beschrieben und vor allem Kontakte geknüpft werden. Seitdem konnte die nicht zuletzt die durch dieses Buch gestiegene Aufmerksamkeit dazu genutzt werden, wertvolle Hilfen an Menschen zu vermitteln, die selber angeklagt wurden, weil sie containert hatten.
Jetzt ist der Verlag durch die Corona-Krise akut bedroht. Während bei den großen Playern zwar die Profite sinken (was sie jedoch mit Entlassungen und Kurzarbeit und vor allem riesigen Vermögen ganz gut kompensieren können), geht es ihm wie vielen anderen kleinen, unabhängigen Projekten um die Existenz. Und damit auch um die Verfügbarkeit von Büchern, die sich der kapitalistischen Profitlogik entgegenstellen und deswegen von großen Verlagen nicht herausgegeben würden.
Deswegen der dringende Aufruf: Wer die Möglichkeit hat sollte sich an der verlinkten Crowdfunding-Aktion beteiligen! Und zusätzlich diese Info verbreiten. https://www.startnext.com/linke-literatur-erhalten
Ich danke euch.
Bleibt gesund! Und solidarisch!
Beste Grüße von Chris aus Aachen