

Offener Brief gegen Zensur an der Universität Bern


Offener Brief gegen Zensur an der Universität Bern
The Issue
* english version below *
Offener Brief
Zurückgezogene Raumnutzungsbewilligung für die Podiumsveranstaltung «Justice And Accountability For Palestine»
Sehr geehrte Frau Richter
Sehr geehrter Herr Sager
Sehr geehrter Herr Abriel
Sehr geehrte Frau Mayer
Sehr geehrter Herr Brönnimann
Sehr geehrter Herr Chan
Am 30. Juni 2025 hätte in den Räumlichkeiten der Universität Bern eine Podiumsdiskussion, organisiert von Amnesty Switzerland und unter Teilnahme der Generalsekretärin von Amnesty International, Agnès Callamard sowie der UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, stattfinden sollen. Die Leitung der Universität Bern verweigerte den Organisator*innen jedoch kurzfristig ihre Räume. Dieses Verhalten der Universitätsleitung sowie die dafür angeführte Begründung schockieren, befremden und beschämen uns zutiefst.
Die Leitung der Universität Bern versuchte sich noch Ende Mai dieses Jahres als Ermöglicherin und Befürworterin einer offenen Gesprächskultur zu inszenieren.¹ Gegenüber „uni aktuell“ erklärte die Rektorin Frau Virginia Richter, dass es „höchste Zeit“ für ein Gespräch über die Situation in Palästina/Israel an der Universität Bern sei. Frau Richter betonte ferner, dass sie das „offene Gespräch, das eigentlich selbstverständlich für den zwischenmenschlichen Umgang ist“, bevorzuge. Mit dem Veto des gleichen Leitungsgremiums gegen eine Gesprächsveranstaltung mit der renommierten Menschenrechtsexpertin Albanese macht es jedoch für alle deutlich, wie ernst es diesem Gremium tatsächlich mit der offenen Gesprächskultur ist. Sobald es darum geht, auch Palästinenser*Innen Menschenrechte zuzuerkennen, greift die Universitätsleitung augenblicklich zu autoritären Mitteln. In einem politischen Manöver opfert die Unileitung unversehens die von Frau Richter beschworene „Offenheit“, welche gemäss ihren eigenen Aussagen zur Universität gehört. An dieser Stelle sei nochmals auf die erst kürzlich von der Rektorin geäusserten und im Newsletter der Universität veröffentlichten Worte verwiesen:
„Dass es an der Universität Bern Zensur gebe, dem widersprach Virginia Richter in der Diskussion vehement. Und den Vorwurf, zu lange mit einer öffentlichen Diskussion gewartet zu haben, retourniere sie an die Anwesenden: Statt darauf zu warten, dass die Universitätsleitung neue Formate etabliere, stehe es allen frei, aktuelle Bedürfnisse und von den Studierenden geäusserte Wünsche aufzunehmen und selbst Veranstaltungen dazu zu lancieren, so die Rektorin“ . ²
Der Widerspruch zwischen Selbstdarstellung und Handeln der Universitätsleitung ist frappant. Sie folgt damit dem höchst beunruhigenden Trend öffentlicher Institutionen im deutschsprachigen Raum, sich von der internationalen Menschenrechts-Community zu isolieren und palästinasolidarische Stimmen zu zensieren.
Mit dem Boykott der UN-Menschenrechtsexpertin entlarvt die Universitätsleitung ihre eigene Positionierung als prinzipientreue Verfechterin der Wissenschaftsfreiheit als blosse Rhetorik. Denn wenn nicht einmal mehr eine Menschenrechtsdiskussion unter Involvierung der Vereinten Nationen und Amnesty International an der Universität Bern möglich ist, weil die Realität eines von zahlreichen renommierten Holocaust- und Genozidforschenden anerkannten Völkermords³ politisch unangenehm ist, dann ist dies ein schwerwiegender Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit und die freie Meinungsäusserung.
Die Universitätsleitung versucht, ihr Eingreifen mit Verweis auf eine vermeintlich mangelnde Ausgewogenheit der Veranstaltung zu rechtfertigen, blieb jedoch eine Erklärung darüber schuldig, was genau damit gemeint ist. „Ausgewogenheit“ in diesem Zusammenhang als Begründung zu verwenden, finden wir höchst unangemessen. Menschenrechte haben nichts mit „Ausgewogenheit“ zu tun, sondern mit internationalem Völkerrecht. Die Leitung der Universität Bern zeigt damit erneut, wie wenig sie sich zum internationalen Völkerrecht bekennt, und veranschaulicht exemplarisch, wie auch höhere Bildungsinstitutionen selbst bei schwersten Menschenrechtsverstössen bestehende Machtverhältnisse stützen und vorherrschende Interessen wahren. Die Berner Universitätsleitung versucht aktiv zu verhindern, dass an der Universität Bern Wissen produziert wird, das einen Völkermord als solchen benennt. Ebenso versucht sie jegliche Kritik der Ursachen sowie der fortdauernden institutionellen Komplizenschaft von Unternehmen, Institutionen und Regierungen, welche dieses Verbrechen erst ermöglicht haben, im Keim zu ersticken. Durch das Schweigen und aktive Zensieren von Stimmen, die sich für die Einhaltung von Menschenrechten einsetzen, macht sich die Universitätsleitung mitschuldig am Genozid an den Palästinenser*innen.
Die Studierenden und Dozierenden der Universität Bern sowie die Schweizer Öffentlichkeit verdienen all die Offenheit und Freiheit, von welcher die Universitätsleitung immer wieder gesprochen hat. Die Universität muss als Bildungsstätte ihrem Bildungsauftrag nachkommen und einen Diskurs – insbesondere mit renommierten Fachexpert*innen, wie in diesem Fall – nicht nur erlauben, sondern aktiv fördern. Als Unterzeichnende dieses Briefes sind wir zutiefst enttäuscht und wütend über das autoritäre und politische Handeln der Berner Universitätsleitung. Während in den Räumlichkeiten der Universität Bern Wissen zu Geschichte, (Menschen-)Rechten, Rassismus und Diskriminierungsformen, Intersektionalität, Politik und vielem mehr vermittelt wird, lässt das institutionelle Handeln der Universität vermissen, dass diese wissenschaftsbasierten Inhalte in ihrer Praxis ernst genommen werden, insbesondere dann, wenn es um die Wahrung von Menschenrechten geht.
Die Unterzeichnenden dieses offenen Briefes verurteilen die Zensur von Menschenrechtsexpert*innen in den Räumlichkeiten der Universität Bern und fordern:
(1) Eine klare, öffentliche und konsequente (!) Haltung der Universität Bern zur Einhaltung der Menschenrechte. „Konsequent“ bedeutet in diesem Fall, Stimmen Raum zu geben und zu fördern, welche für die Einhaltung von Menschenrechten einstehen.
(2) Die konsequente Hochhaltung der Meinungsfreiheit – nicht nur als blosse Rhetorik, sondern als gelebte Praxis.
(3) Die Universität muss als Bildungsstätte ihrem Bildungsauftrag nachkommen. Dazu zählen wir auch die Zurverfügungstellung von Räumlichkeiten für das kollektive Erarbeiten von Wissen sowie das aktive Fördern eines fachlichen Diskurses zu Palästina, insbesondere mit renommierten Expert*innen.
(4) Eine transparente und ergebnisoffene Überprüfung jeglicher Beziehungen zu israelischen Hochschulen in Anlehnung an den Aufruf unabhängiger Menschenrechtsexpert*innen vom 30. Juli 2024, unter anderem Francesca Albanese.⁴
(5) Die Verurteilung der israelischen Aggression in der gesamten Region sowie die öffentliche Anerkennung des Völkermords im Gazastreifen in Übereinstimmung mit führenden Wissenschaftler*innen und Menschenrechtsorganisationen.⁵, ⁶, ⁷
Wir wünschen uns eine transparente Universität, an der auch kritische Veranstaltungen gefördert werden, an der wissenschaftliche Unabhängigkeit geschützt wird, an der das Prinzip der Meinungsfreiheit hochgehalten wird sowie eine Universität, die, basierend auf den Menschenrechten und wissenschaftlicher Unabhängigkeit zum Schluss kommt, dass die israelische Besetzung illegal ist und für ein freies Palästina einsteht – nicht eine, die fachliche Diskurse über Verletzungen der Menschenrechte zensiert.
Open Letter
Revoked Room Use Permit for the Panel Event “Justice and Accountability for Palestine”
Dear Ms. Richter
Dear Mr. Sager
Dear Mr. Abriel
Dear Ms. Mayer
Dear Mr. Brönnimann
Dear Mr. Chan
On June 30, 2025, a panel discussion organized by Amnesty Switzerland was scheduled to take place at the University of Bern, with the participation of Amnesty International’s Secretary General Agnès Callamard and the UN Special Rapporteur on the Occupied Palestinian Territories, Francesca Albanese. However, the University of Bern’s leadership abruptly denied the organizers use of the university premises. The conduct of the university’s leadership, as well as the justification provided for this decision, deeply shocks, alienates, and shames us.
As recently at the end of May this year, the leadership of the University of Bern sought to present itself as an enabler and supporter of an open culture of dialogue.¹ In an interview with “uni aktuell”, Rector Virginia Richter stated that it was “high time” for a conversation about the situation in Palestine/Israel at the University of Bern. Ms. Richter further emphasized her preference for “open discussion, which should in fact be taken for granted in human interactions.” Yet, by vetoing a discussion event involving the renowned human rights expert Francesca Albanese, the same leadership body makes abundantly clear how little it truly values this open dialogue. As soon as the recognition of Palestinian human rights is at stake, the university’s leadership resorts to authoritarian measures. In a political maneuver, the university leadership swiftly sacrifices the “openness” so strongly invoked by Ms. Richter, which she herself claimed to be intrinsic to the university. We would like to remind you of the rector’s recently stated words, published in the university’s newsletter:
“Virginia Richter vehemently rejected the idea that censorship exists at the University of Bern. In response to the accusation that the university had waited too long to initiate a public debate, she turned the argument around: Instead of waiting for the university leadership to establish new formats, everyone was free to take up current needs and student demands and organize events accordingly, the rector said.”²
The contradiction between the university leadership’s self-portrayal and its actions is striking. In doing so, it follows a deeply troubling trend among public institutions in the German-speaking world: isolating themselves from the international human rights community and censoring voices in solidarity with Palestine.
By boycotting the UN human rights expert, the university leadership exposes its self-proclaimed commitment to academic freedom as mere rhetoric. For if even a human rights discussion involving the United Nations and Amnesty International can no longer take place at the University of Bern—because the reality of a genocide, acknowledged by numerous respected Holocaust and genocide scholars,³ is politically inconvenient—then this constitutes a grave attack on academic freedom and freedom of expression.
The university leadership has attempted to justify its intervention by pointing to an alleged lack of “balance” in the event, yet failed to explain what exactly this entails. We find the use of “balance” as a justification in this context highly inappropriate. Human rights are not about “balance”—they are about international law. Once again, the University of Bern’s leadership reveals how little it is committed to international law, and exemplifies how even institutions of higher learning, in the face of egregious human rights violations, support existing power structures and protect prevailing interests. The University of Bern’s leadership is actively working to prevent the production of knowledge that recognizes a genocide as such. It likewise attempts to suppress, from the outset, any critique of the causes and ongoing institutional complicity of corporations, institutions, and governments that have enabled this crime. By silencing and censoring voices advocating for the protection of human rights, the university’s leadership becomes complicit in the genocide of Palestinians.
The students and faculty of the University of Bern—as well as the Swiss public—deserve the openness and freedom that the university’s leadership has repeatedly spoken of. As an educational institution, the university must fulfill its educational mandate and not only allow discourse—especially with renowned experts, as in this case—but actively foster it. As signatories of this letter, we are deeply disappointed and outraged by the authoritarian and political actions of the University of Bern’s leadership. While knowledge about history, (human) rights, racism and forms of discrimination, intersectionality, politics, and much more is taught within the university’s walls, the institution’s conduct fails to demonstrate that this academic content is taken seriously in practice—especially when it comes to upholding human rights.
The undersigned of this open letter strongly condemn the censorship of human rights experts on the premises of the University of Bern and demand:
(1) A clear, public, and consistent (!) stance from the University of Bern on the upholding of human rights. “Consistent” in this context means providing space for and promoting voices that advocate for the protection of human rights.
(2) The consistent defense of freedom of expression—not merely as empty rhetoric, but as lived practice.
(3) The university must, as an educational institution, fulfill its educational mandate. This includes providing space for collective knowledge production and actively fostering academic discourse on Palestine, especially with renowned experts.
(4) A transparent and open-ended review of all relations with Israeli universities, in line with the call made by independent human rights experts on July 30, 2024, including Francesca Albanese.⁴
(5) The condemnation of Israeli aggression in the entire region and the public recognition of the genocide in the Gaza Strip in accordance with leading scholars and human rights organizations.⁵ ⁶ ⁷
We envision a transparent university—one that promotes critical events, protects academic independence, upholds the principle of freedom of expression, and one that, based on human rights and scholarly independence, concludes that the Israeli occupation is illegal and supports a free Palestine—not a university that censors academic discourse on human rights violations.
Quellen / Sources:
¹, ² Poldervaart, P. (2025, 28. Mai). Uni schafft Gesprächsraum. Abgerufen am 29. Juni 2025, von https://www.uniaktuell.unibe.ch/2025/unibe_talk_nahostkonflikt/index_ger.html
³ Asem, S. (2025, 18. Mai). Top genocide scholars unanimous that Israel is committing genocide in Gaza: Dutch investigation. Middle East Eye, Abgerufen am 12. Juni, 2025, https://www.middleeasteye.net/news/top-genocide-scholars-unanimous-israel-committing-genocide-gaza-investigation-finds
⁴ Experts hail ICJ declaration on illegality of Israel’s presence in the occupied Palestinian territory as “historic” for Palestinians and international law. (2024, 30. Juli). United Nations. Abgerufen am 9. Juni 2025, von https://www.ohchr.org/en/press-releases/2024/07/experts-hail-icj-declaration-illegality-israels-presence-occupied
⁵ Amnesty International. (2024, 5. Dezember). Amnesty International investigation concludes Israel is committing genocide against Palestinians in Gaza. https://www.amnesty.org/en/latest/news/2024/12/amnesty-international-concludes-israel-is-committing-genocide-against-palestinians-in-gaza/
⁶ Israel’s Crime of Extermination, Acts of Genocide in Gaza. (2024, 19. Dezember). Human Rights Watch. https://www.hrw.org/news/2024/12/19/israels-crime-extermination-acts-genocide-gaza
⁷ Asem, S. (2025, 18. Mai). Top genocide scholars unanimous that Israel is committing genocide in Gaza: Dutch investigation. Middle East Eye, Abgerufen am 12. Juni, 2025, https://www.middleeasteye.net/news/top-genocide-scholars-unanimous-israel-committing-genocide-gaza-investigation-finds
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The Issue
* english version below *
Offener Brief
Zurückgezogene Raumnutzungsbewilligung für die Podiumsveranstaltung «Justice And Accountability For Palestine»
Sehr geehrte Frau Richter
Sehr geehrter Herr Sager
Sehr geehrter Herr Abriel
Sehr geehrte Frau Mayer
Sehr geehrter Herr Brönnimann
Sehr geehrter Herr Chan
Am 30. Juni 2025 hätte in den Räumlichkeiten der Universität Bern eine Podiumsdiskussion, organisiert von Amnesty Switzerland und unter Teilnahme der Generalsekretärin von Amnesty International, Agnès Callamard sowie der UN-Sonderberichterstatterin für die besetzten palästinensischen Gebiete, Francesca Albanese, stattfinden sollen. Die Leitung der Universität Bern verweigerte den Organisator*innen jedoch kurzfristig ihre Räume. Dieses Verhalten der Universitätsleitung sowie die dafür angeführte Begründung schockieren, befremden und beschämen uns zutiefst.
Die Leitung der Universität Bern versuchte sich noch Ende Mai dieses Jahres als Ermöglicherin und Befürworterin einer offenen Gesprächskultur zu inszenieren.¹ Gegenüber „uni aktuell“ erklärte die Rektorin Frau Virginia Richter, dass es „höchste Zeit“ für ein Gespräch über die Situation in Palästina/Israel an der Universität Bern sei. Frau Richter betonte ferner, dass sie das „offene Gespräch, das eigentlich selbstverständlich für den zwischenmenschlichen Umgang ist“, bevorzuge. Mit dem Veto des gleichen Leitungsgremiums gegen eine Gesprächsveranstaltung mit der renommierten Menschenrechtsexpertin Albanese macht es jedoch für alle deutlich, wie ernst es diesem Gremium tatsächlich mit der offenen Gesprächskultur ist. Sobald es darum geht, auch Palästinenser*Innen Menschenrechte zuzuerkennen, greift die Universitätsleitung augenblicklich zu autoritären Mitteln. In einem politischen Manöver opfert die Unileitung unversehens die von Frau Richter beschworene „Offenheit“, welche gemäss ihren eigenen Aussagen zur Universität gehört. An dieser Stelle sei nochmals auf die erst kürzlich von der Rektorin geäusserten und im Newsletter der Universität veröffentlichten Worte verwiesen:
„Dass es an der Universität Bern Zensur gebe, dem widersprach Virginia Richter in der Diskussion vehement. Und den Vorwurf, zu lange mit einer öffentlichen Diskussion gewartet zu haben, retourniere sie an die Anwesenden: Statt darauf zu warten, dass die Universitätsleitung neue Formate etabliere, stehe es allen frei, aktuelle Bedürfnisse und von den Studierenden geäusserte Wünsche aufzunehmen und selbst Veranstaltungen dazu zu lancieren, so die Rektorin“ . ²
Der Widerspruch zwischen Selbstdarstellung und Handeln der Universitätsleitung ist frappant. Sie folgt damit dem höchst beunruhigenden Trend öffentlicher Institutionen im deutschsprachigen Raum, sich von der internationalen Menschenrechts-Community zu isolieren und palästinasolidarische Stimmen zu zensieren.
Mit dem Boykott der UN-Menschenrechtsexpertin entlarvt die Universitätsleitung ihre eigene Positionierung als prinzipientreue Verfechterin der Wissenschaftsfreiheit als blosse Rhetorik. Denn wenn nicht einmal mehr eine Menschenrechtsdiskussion unter Involvierung der Vereinten Nationen und Amnesty International an der Universität Bern möglich ist, weil die Realität eines von zahlreichen renommierten Holocaust- und Genozidforschenden anerkannten Völkermords³ politisch unangenehm ist, dann ist dies ein schwerwiegender Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit und die freie Meinungsäusserung.
Die Universitätsleitung versucht, ihr Eingreifen mit Verweis auf eine vermeintlich mangelnde Ausgewogenheit der Veranstaltung zu rechtfertigen, blieb jedoch eine Erklärung darüber schuldig, was genau damit gemeint ist. „Ausgewogenheit“ in diesem Zusammenhang als Begründung zu verwenden, finden wir höchst unangemessen. Menschenrechte haben nichts mit „Ausgewogenheit“ zu tun, sondern mit internationalem Völkerrecht. Die Leitung der Universität Bern zeigt damit erneut, wie wenig sie sich zum internationalen Völkerrecht bekennt, und veranschaulicht exemplarisch, wie auch höhere Bildungsinstitutionen selbst bei schwersten Menschenrechtsverstössen bestehende Machtverhältnisse stützen und vorherrschende Interessen wahren. Die Berner Universitätsleitung versucht aktiv zu verhindern, dass an der Universität Bern Wissen produziert wird, das einen Völkermord als solchen benennt. Ebenso versucht sie jegliche Kritik der Ursachen sowie der fortdauernden institutionellen Komplizenschaft von Unternehmen, Institutionen und Regierungen, welche dieses Verbrechen erst ermöglicht haben, im Keim zu ersticken. Durch das Schweigen und aktive Zensieren von Stimmen, die sich für die Einhaltung von Menschenrechten einsetzen, macht sich die Universitätsleitung mitschuldig am Genozid an den Palästinenser*innen.
Die Studierenden und Dozierenden der Universität Bern sowie die Schweizer Öffentlichkeit verdienen all die Offenheit und Freiheit, von welcher die Universitätsleitung immer wieder gesprochen hat. Die Universität muss als Bildungsstätte ihrem Bildungsauftrag nachkommen und einen Diskurs – insbesondere mit renommierten Fachexpert*innen, wie in diesem Fall – nicht nur erlauben, sondern aktiv fördern. Als Unterzeichnende dieses Briefes sind wir zutiefst enttäuscht und wütend über das autoritäre und politische Handeln der Berner Universitätsleitung. Während in den Räumlichkeiten der Universität Bern Wissen zu Geschichte, (Menschen-)Rechten, Rassismus und Diskriminierungsformen, Intersektionalität, Politik und vielem mehr vermittelt wird, lässt das institutionelle Handeln der Universität vermissen, dass diese wissenschaftsbasierten Inhalte in ihrer Praxis ernst genommen werden, insbesondere dann, wenn es um die Wahrung von Menschenrechten geht.
Die Unterzeichnenden dieses offenen Briefes verurteilen die Zensur von Menschenrechtsexpert*innen in den Räumlichkeiten der Universität Bern und fordern:
(1) Eine klare, öffentliche und konsequente (!) Haltung der Universität Bern zur Einhaltung der Menschenrechte. „Konsequent“ bedeutet in diesem Fall, Stimmen Raum zu geben und zu fördern, welche für die Einhaltung von Menschenrechten einstehen.
(2) Die konsequente Hochhaltung der Meinungsfreiheit – nicht nur als blosse Rhetorik, sondern als gelebte Praxis.
(3) Die Universität muss als Bildungsstätte ihrem Bildungsauftrag nachkommen. Dazu zählen wir auch die Zurverfügungstellung von Räumlichkeiten für das kollektive Erarbeiten von Wissen sowie das aktive Fördern eines fachlichen Diskurses zu Palästina, insbesondere mit renommierten Expert*innen.
(4) Eine transparente und ergebnisoffene Überprüfung jeglicher Beziehungen zu israelischen Hochschulen in Anlehnung an den Aufruf unabhängiger Menschenrechtsexpert*innen vom 30. Juli 2024, unter anderem Francesca Albanese.⁴
(5) Die Verurteilung der israelischen Aggression in der gesamten Region sowie die öffentliche Anerkennung des Völkermords im Gazastreifen in Übereinstimmung mit führenden Wissenschaftler*innen und Menschenrechtsorganisationen.⁵, ⁶, ⁷
Wir wünschen uns eine transparente Universität, an der auch kritische Veranstaltungen gefördert werden, an der wissenschaftliche Unabhängigkeit geschützt wird, an der das Prinzip der Meinungsfreiheit hochgehalten wird sowie eine Universität, die, basierend auf den Menschenrechten und wissenschaftlicher Unabhängigkeit zum Schluss kommt, dass die israelische Besetzung illegal ist und für ein freies Palästina einsteht – nicht eine, die fachliche Diskurse über Verletzungen der Menschenrechte zensiert.
Open Letter
Revoked Room Use Permit for the Panel Event “Justice and Accountability for Palestine”
Dear Ms. Richter
Dear Mr. Sager
Dear Mr. Abriel
Dear Ms. Mayer
Dear Mr. Brönnimann
Dear Mr. Chan
On June 30, 2025, a panel discussion organized by Amnesty Switzerland was scheduled to take place at the University of Bern, with the participation of Amnesty International’s Secretary General Agnès Callamard and the UN Special Rapporteur on the Occupied Palestinian Territories, Francesca Albanese. However, the University of Bern’s leadership abruptly denied the organizers use of the university premises. The conduct of the university’s leadership, as well as the justification provided for this decision, deeply shocks, alienates, and shames us.
As recently at the end of May this year, the leadership of the University of Bern sought to present itself as an enabler and supporter of an open culture of dialogue.¹ In an interview with “uni aktuell”, Rector Virginia Richter stated that it was “high time” for a conversation about the situation in Palestine/Israel at the University of Bern. Ms. Richter further emphasized her preference for “open discussion, which should in fact be taken for granted in human interactions.” Yet, by vetoing a discussion event involving the renowned human rights expert Francesca Albanese, the same leadership body makes abundantly clear how little it truly values this open dialogue. As soon as the recognition of Palestinian human rights is at stake, the university’s leadership resorts to authoritarian measures. In a political maneuver, the university leadership swiftly sacrifices the “openness” so strongly invoked by Ms. Richter, which she herself claimed to be intrinsic to the university. We would like to remind you of the rector’s recently stated words, published in the university’s newsletter:
“Virginia Richter vehemently rejected the idea that censorship exists at the University of Bern. In response to the accusation that the university had waited too long to initiate a public debate, she turned the argument around: Instead of waiting for the university leadership to establish new formats, everyone was free to take up current needs and student demands and organize events accordingly, the rector said.”²
The contradiction between the university leadership’s self-portrayal and its actions is striking. In doing so, it follows a deeply troubling trend among public institutions in the German-speaking world: isolating themselves from the international human rights community and censoring voices in solidarity with Palestine.
By boycotting the UN human rights expert, the university leadership exposes its self-proclaimed commitment to academic freedom as mere rhetoric. For if even a human rights discussion involving the United Nations and Amnesty International can no longer take place at the University of Bern—because the reality of a genocide, acknowledged by numerous respected Holocaust and genocide scholars,³ is politically inconvenient—then this constitutes a grave attack on academic freedom and freedom of expression.
The university leadership has attempted to justify its intervention by pointing to an alleged lack of “balance” in the event, yet failed to explain what exactly this entails. We find the use of “balance” as a justification in this context highly inappropriate. Human rights are not about “balance”—they are about international law. Once again, the University of Bern’s leadership reveals how little it is committed to international law, and exemplifies how even institutions of higher learning, in the face of egregious human rights violations, support existing power structures and protect prevailing interests. The University of Bern’s leadership is actively working to prevent the production of knowledge that recognizes a genocide as such. It likewise attempts to suppress, from the outset, any critique of the causes and ongoing institutional complicity of corporations, institutions, and governments that have enabled this crime. By silencing and censoring voices advocating for the protection of human rights, the university’s leadership becomes complicit in the genocide of Palestinians.
The students and faculty of the University of Bern—as well as the Swiss public—deserve the openness and freedom that the university’s leadership has repeatedly spoken of. As an educational institution, the university must fulfill its educational mandate and not only allow discourse—especially with renowned experts, as in this case—but actively foster it. As signatories of this letter, we are deeply disappointed and outraged by the authoritarian and political actions of the University of Bern’s leadership. While knowledge about history, (human) rights, racism and forms of discrimination, intersectionality, politics, and much more is taught within the university’s walls, the institution’s conduct fails to demonstrate that this academic content is taken seriously in practice—especially when it comes to upholding human rights.
The undersigned of this open letter strongly condemn the censorship of human rights experts on the premises of the University of Bern and demand:
(1) A clear, public, and consistent (!) stance from the University of Bern on the upholding of human rights. “Consistent” in this context means providing space for and promoting voices that advocate for the protection of human rights.
(2) The consistent defense of freedom of expression—not merely as empty rhetoric, but as lived practice.
(3) The university must, as an educational institution, fulfill its educational mandate. This includes providing space for collective knowledge production and actively fostering academic discourse on Palestine, especially with renowned experts.
(4) A transparent and open-ended review of all relations with Israeli universities, in line with the call made by independent human rights experts on July 30, 2024, including Francesca Albanese.⁴
(5) The condemnation of Israeli aggression in the entire region and the public recognition of the genocide in the Gaza Strip in accordance with leading scholars and human rights organizations.⁵ ⁶ ⁷
We envision a transparent university—one that promotes critical events, protects academic independence, upholds the principle of freedom of expression, and one that, based on human rights and scholarly independence, concludes that the Israeli occupation is illegal and supports a free Palestine—not a university that censors academic discourse on human rights violations.
Quellen / Sources:
¹, ² Poldervaart, P. (2025, 28. Mai). Uni schafft Gesprächsraum. Abgerufen am 29. Juni 2025, von https://www.uniaktuell.unibe.ch/2025/unibe_talk_nahostkonflikt/index_ger.html
³ Asem, S. (2025, 18. Mai). Top genocide scholars unanimous that Israel is committing genocide in Gaza: Dutch investigation. Middle East Eye, Abgerufen am 12. Juni, 2025, https://www.middleeasteye.net/news/top-genocide-scholars-unanimous-israel-committing-genocide-gaza-investigation-finds
⁴ Experts hail ICJ declaration on illegality of Israel’s presence in the occupied Palestinian territory as “historic” for Palestinians and international law. (2024, 30. Juli). United Nations. Abgerufen am 9. Juni 2025, von https://www.ohchr.org/en/press-releases/2024/07/experts-hail-icj-declaration-illegality-israels-presence-occupied
⁵ Amnesty International. (2024, 5. Dezember). Amnesty International investigation concludes Israel is committing genocide against Palestinians in Gaza. https://www.amnesty.org/en/latest/news/2024/12/amnesty-international-concludes-israel-is-committing-genocide-against-palestinians-in-gaza/
⁶ Israel’s Crime of Extermination, Acts of Genocide in Gaza. (2024, 19. Dezember). Human Rights Watch. https://www.hrw.org/news/2024/12/19/israels-crime-extermination-acts-genocide-gaza
⁷ Asem, S. (2025, 18. Mai). Top genocide scholars unanimous that Israel is committing genocide in Gaza: Dutch investigation. Middle East Eye, Abgerufen am 12. Juni, 2025, https://www.middleeasteye.net/news/top-genocide-scholars-unanimous-israel-committing-genocide-gaza-investigation-finds
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Petition created on July 2, 2025