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Fachliche Qualität der LehrerInnenausbildung in NRW erhalten — Lateinanforderungen reformieren, nicht streichen

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Lehramtsstudierende an der Universität Bochum fordern in einer Online-Petition die Abschaffung der Lateinanforderungen für das Höhere Lehramt (Gesamtschulen und Gymnasien) in den modernen Fremdsprachen (Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch) sowie den Fächern Geschichte, Philosophie, Katholische und Evangelische Religionslehre (https://www.openpetition.de/petition/online/abschaffung-der-latinumspflicht-fuer-lehramtstudierende). Wir sind überzeugt, dass eine Umsetzung dieser Forderungen bildungspolitisch ein falsches Signal setzen und die Schulen und Universitäten in NRW deutlich schwächen würde. Für die bestehenden Probleme bei der Lateinausbildung gibt es bessere Lösungen als die Streichung der Lateinanforderungen.

 

Wir fordern:

-    dass die modernen Fremdsprachen sowie die Fächer Geschichte, Philosophie, Katholische und Evangelische Religionslehre an den Gesamtschulen und Gymnasien in NRW auch weiterhin von LehrerInnen unterrichtet werden, die über eine solide fachwissenschaftliche Ausbildung verfügen; dazu gehört unabdingbar die Fähigkeit, sich wissenschaftlich mit den sprachlichen und literarischen Grundlagen des jeweiligen Faches auseinandersetzen zu können;

-    dass für den nachträglichen Erwerb von obligatorischen Fremdsprachenkenntnissen ähnlich wie in anderen Bundesländern (siehe unten 8) Kreditpunkte vergeben werden;

-    dass der nachträgliche Erwerb von vorgeschriebenen Fremdsprachenkenntnissen (wie vor der „Bologna-Reform“) zu einer Verlängerung des BAFöG-Anspruchs führt;

-    dass die staatlichen Lateinprüfungen reformiert werden und dass dabei gewährleistet bleibt, dass die Studierenden die Inhalte ihres Faches wissenschaftlich bearbeiten können;

-    dass die universitären Latein-Kurse verbessert werden, etwa durch intensivere Betreuung, computergestütztes Lernen und eine stärkere Anwendungsorientierung.

 

Begründungen:

1) Anders als von den VerfasserInnen der Online-Petition „Abschaffung der Latinumspflicht für Lehramtsstudierende in NRW“ behauptet, haben der Landtag und die Landesregierung von NRW den KMK-Beschluss vom 16. Oktober 2008 nicht „missachtet“. Der besagte Beschluss „Ländergemeinsame inhaltliche Anforderungen für die Fachwissenschaften und Fachdidaktiken in der Lehrerbildung“ (http://www.akkreditierungsrat.de/fileadmin/Seiteninhalte/KMK/Vorgaben/KMK_Lehrerbildung_inhaltliche_Anforderungen_aktuell.pdf) macht über die Sprachanforderungen in den einzelnen Fächern keine Aussage, verlangt aber, dass LehrerInnen über ein solides und strukturiertes Fachwissen verfügen und die Erkenntnis- und Arbeitsmethoden des jeweiligen Faches beherrschen. Da für diese wissenschaftliche Ausbildung in vielen Fächern Lateinkenntnisse unverzichtbar sind (s.u. 3), verlangen nicht nur NRW, sondern auch andere Bundesländer das Latinum. Für das höhere Lehramt in Französisch, Spanisch und Italienisch zum Beispiel werden u.a. in den Bundesländern Bayern (http://www.gesetze-bayern.de/jportal/portal/page/bsbayprod.psml?showdoccase=1&doc.id=jlr-LehrPrOBY2008rahmen&doc.part=X&doc.origin=bs), Baden-Württemberg (http://www.bw-cct.de/brcms/pdf/34.pdf), Rheinland-Pfalz (http://landesrecht.rlp.de/jportal/portal/t/2kfi/page/bsrlpprod.psml/action/portlets.jw.MainAction?p1=v&eventSubmit_doNavigate=searchInSubtreeTOC&showdoccase=1&doc.hl=0&doc.id=jlr-BaMaVRPV3Anlage1&doc.part=G&toc.poskey=#focuspoint), Saarland (http://sl.juris.de/cgi-bin/landesrecht.py?d=http://sl.juris.de/sl/gesamt/GymLehrAPO_SL.htm#GymLehrAPO_SL_rahmen) und Brandenburg (http://www.uni-potsdam.de/studium/studienangebot/lehramt/lehramt-ab-wise-20132014/bachelor-im-lehramt-ab-wise-20132014/franzoesisch-fach-im-lehramtsbezogenen-bachelor-ab-wise-20132014.html) Lateinkenntnisse verlangt; Sachsen fordert von zukünftigen LehrerInnen in diesen Fächern entweder das Latinum oder Kenntnisse in zwei weiteren modernen Fremdsprachen (neben der studierten Fremdsprache) auf dem Niveau B2 (http://www.revosax.sachsen.de/Details.do?sid=9421015552555).

2) Die geforderte Abschaffung der Latinumspflicht würde die Mobilität der nordrhein-westfälischen Studierenden und AbsolventInnen einschränken. Da andere Bundesländer an der Latinumspflicht festhalten (siehe 1), wäre ein Wechsel in andere Bundesländer nicht mehr uneingeschränkt möglich. Dies kann zu prekären beruflichen Perspektiven führen, da die Zahlen für benötigte LehrerInnenstellen in NRW in den kommenden Jahren erwartungsgemäß sinken werden und sich NRW-AbsolventInnen in Zukunft verstärkt in anderen Bundesländern bewerben müssen.

3) Lateinkenntnisse sind eine zentrale Voraussetzung für die wissenschaftliche Beschäftigung mit der englischen, französischen, italienischen und spanischen Sprache und Literatur sowie für katholische und evangelische Theologie, Philosophie und Geschichte. Alle diese Fächer haben in erheblichem Maße Texte zur Grundlage, die von der lateinischen Literatur beeinflusst oder in Latein verfasst sind. Besonders hervorzuheben ist, dass sich das Französische, Italienische und Spanische aus dem Lateinischen entwickelt haben und dass das Englische sowohl direkt als auch indirekt vom Lateinischen beeinflusst wurde. Dieser Einfluss setzt sich bis heute fort: Rund zwei Drittel des französischen, italienischen und spanischen Wortschatzes bestehen aus lateinisch-griechischen Lehnwörtern; ihr Anteil wächst beständig und führt zu einer Art Re-Latinisierung der romanischen Sprachen (vgl. z.B. C. Schmitt, „Die Bedeutung des Lateins für die sprachliche Europäisierung“, in U. Hinrichs (Hrsg.), Handbuch der Eurolinguistik, Wiesbaden 2010, 137–169, mit weiterer Literatur). Bei den derzeit gültigen Lateinanforderungen handelt es sich also keineswegs um ein Relikt vergangener Zeiten, sondern um eine wichtige Grundlage für die im KMK-Beschluss (siehe oben 1) geforderte wissenschaftliche Ausbildung, insbesondere für die dort erwähnten Kompetenzen der „diachronischen … Betrachtung der Fremdsprache“ (S. 37) und des „Zugang[s] zu den Originalquellen“ (S. 28). Die Tatsache, dass es für viele antike, mittelalterliche und moderne lateinische Texte deutsche Übersetzungen gibt, ändert an diesem Umstand nichts: zum einen liegt insgesamt nur ein kleiner Bruchteil der lateinischen Literatur in Übersetzung vor, und zum anderen können Übersetzungen im wissenschaftlichen Betrieb nie die Beschäftigung mit dem Original ersetzen, da sie stets auch eine Interpretation des Originals darstellen.

4) Auch wenn man die wissenschaftliche Bedeutung beiseitelässt, ist der Erwerb von Lateinkenntnissen keine sinnlose Tortur. Latein vereinfacht den Zugang zur modernen, direkt oder indirekt vom Lateinischen abhängigen Fachterminologie und erleichtert das Erlernen der westeuropäischen Fremdsprachen, deren Wortschatz zu einem großen Teil aus lateinischen Kultur- und Lehnwörtern besteht (siehe 3). Darüber hinaus werden durch den Lateinunterricht Kompetenzen erworben, die für die Textarbeit in jeder Sprache relevant sind: Anders als der Unterricht in den modernen Fremdsprachen schult der Lateinunterricht das „mikroskopische Lesen“ und erhöht die Fähigkeit, fremdsprachliche Strukturen zu analysieren und im Deutschen präzise wiederzugeben.

5) Für die wissenschaftlichen Fachstudiengänge der betroffenen Fächer werden nach wie vor Lateinkenntnisse verlangt. Eine Abschaffung der Lateinanforderungen für die Lehrämter führt zu einer Trennung von Lehramts- und fachwissenschaftlicher Ausbildung. Dies hätte gravierende Folgen für die Studierenden, die AbsolventInnen und die Hochschulen in NRW:

* Die Studierenden müssten sich bereits vor Studienbeginn entscheiden, ob sie eine Tätigkeit an der Schule oder an der Universität anstreben, da ein späterer Wechsel aufgrund der unterschiedlichen Anforderungen schwieriger würde. Zugleich verlören die Universitäten eine wichtige Quelle ihres wissenschaftlichen Nachwuchses.

* Da in den betroffenen Fächern Lehramts- und Fachstudierende auf Grund der Personalausstattung der Universitäten in der Regel dieselben Lehrveranstaltungen belegen, müsste das Niveau in den fachwissenschaftlichen Studiengängen ebenfalls abgesenkt werden. Dies wird sich mittelfristig auch auf die Reputation der Universitäten in NRW auswirken. Auf dem Arbeitsmarkt hätten AbsolventInnen aus anderen Bundesländern bessere Chancen; talentierte und ambitionierte AbiturientInnen aus NRW werden sich—wenn sie über die nötigen Mittel verfügen—eher für Hochschulen in anderen Bundesländern entscheiden; denjenigen, die sich das Studium an einer heimatfernen Universität nicht leisten können, würde in Zukunft eine schlechtere Ausbildung geboten.

6) Die Entkoppelung von Fachwissenschaft und höherem Lehramt hätte darüber hinaus auch negative Konsequenzen für die Schulen in NRW. Die vielfach zu hörende Aussage, man wolle ja „nur“ Lehrer werden und benötige dafür in erster Linie pädagogische und didaktische, nicht aber fachwissenschaftliche Fähigkeiten, ist irreführend. Für das Niveau und die Qualität von Unterricht ist die fachwissenschaftliche Ausbildung von ebenso großer Bedeutung, da die angehenden LehrerInnen selbst erst hierdurch die Inhalte durchdringen, die sie später vermitteln sollen. Dass in der Unterrichtspraxis eine didaktische Reduktion stattfinden muss, ist kein Argument gegen, sondern für die fachwissenschaftliche LehrerInnenausbildung: Die Auswahl des Unterrichtsstoffes im Rahmen der Lehrpläne sollten LehrerInnen eigenverantwortlich vor dem Hintergrund eines breit gefächerten fachlichen Wissens treffen können. Daher ist die oben angesprochene Trennung der LehrerInnenausbildung von den fachwissenschaftlichen Studiengängen mit Blick auf das Verständnis der Lehrtätigkeit äußerst problematisch. Dies gilt insbesondere für den Unterricht in der gymnasialen Oberstufe, der als Wissenschaftspropädeutik die Anbindung der Schule an die Universitäten gewährleisten soll. Darüber hinaus besteht kein Zweifel daran, dass LehrerInnen, die weniger wissen oder können, ihren SchülerInnen auch weniger Inhalte und Fähigkeiten vermitteln können. Eine Absenkung der Ausbildungsanforderungen bei der LehrerInnenausbildung würde daher die Position und Reputation der Schulen in Nordrhein-Westfalen im Vergleich zu anderen Bundesländern schwächen.

7) Sollten der Landtag und das Ministerium für Schule und Weiterbildung der Forderung nach einer Abschaffung der Lateinanforderungen nachgeben, so entstünde ein bedenklicher Präzedenzfall. Abgesehen von den Folgen für die direkt betroffenen geisteswissenschaftlichen Fächer würden SchülerInnen und Studierende in NRW geradezu ermuntert, beim Ministerium gegen anspruchsvolle Schul- und Studieninhalte oder Prüfungen zu protestieren, um deren Streichung zu erwirken. Dies wird die Qualität der Ausbildung und die Aussagekraft von Abschlüssen in NRW generell beschädigen.

8) Die Gegner der Latinumspflicht weisen zu Recht darauf hin, dass der Erwerb von Lateinkenntnissen eine erhebliche Zusatzbelastung für die Studierenden darstellt, da die Latinumskurse im Studienplan nicht berücksichtigt werden und die Regelstudienzeit nicht angepasst wird. Dies führe zu einer Verlängerung der Gesamtstudienzeit und stelle viele Studierende vor finanzielle Probleme, da sich der BAFöG-Anspruch starr nach der Regelstudienzeit richte. Dies ist ein ernstzunehmendes Problem, das durch eine Anpassung der BAFöG-Regeln und/oder der Studienordnungen zu lösen ist, aber nicht zu einer Absenkung von Bildungsstandards führen sollte. In anderen Bundesländern können Lehramtsstudierende obligatorische Sprachkenntnisse in einem Bereich „Ergänzungsstudien“ oder „Studium Generale“ nachholen und bekommen hierfür Kreditpunkte angerechnet, so dass der Erwerb von Lateinkenntnissen in das Studium integriert ist (vgl. z.B. die Regelungen an der Universität Leipzig: http://www.zv.uni-leipzig.de/studium/studienorganisation/moduleinschreibung/ergaenzungsstudien.html). Dies beweist, dass sich das genannte Problem auch anders lösen lässt als durch die Streichung von Sprachanforderungen. Politik und Hochschulen sollten dafür Sorge tragen, dass die juristischen Rahmenbedingungen eine solide wissenschaftliche und pädagogische Ausbildung begünstigen und ihr nicht im Wege stehen.



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