Petition updateMachen Sie die Straße des 17. Juni autofrei!"Verdrängung der Kinder aus öffentlichem Raum"
Stefan DraschanAustria
Dec 15, 2025

"Fast jedes Kind hat ein Fahrrad, immer weniger nutzen es – und nicht nur das: Daten zeigen einen deutlichen Rückzug von Kindern aus dem öffentlichen Raum. Was hinter dieser Entwicklung steckt.
Von Carlotta Wagner
Stand: heute, 08:35 Uhr
 
Darf Ihr Kind mit dem Rad zur Schule fahren? Nein? Liegt es vielleicht an schlechten Fahrradwegen, die im Winter noch gefährlicher werden? Mit der Einstellung wären Sie nicht allein.
Dabei ist Fahrradfahren fast schon eine deutsche Tugend. Weit bevor man hier das Autofahren erlernt, erwirbt man in der Grundschule den Fahrradführerschein. Und dennoch mangelt es an Kompetenz: In Deutschland warnt die Verkehrswacht, dass viele Kinder heute nur noch schlecht oder gar nicht mehr Radfahren können.

Fuhren in den USA noch in den 1990er Jahren 20,5 Millionen Kinder mindestens sechsmal im Jahr Fahrrad, hat sich diese Zahl bis 2023 fast halbiert, hat die National Sporting Goods Association berechnet.
Was passiert da? Verlieren Kinder das Interesse oder steigen sie wegen der unsicheren, autofixierten Umwelt seltener aufs Rad? Oder lassen besorgte Eltern das Radeln seltener zu?
 
Fast jedes Kind besitzt ein Fahrrad
An Rädern mangelt es jedenfalls nicht. Laut der Erhebung „Mobilität in Deutschland“ (MiD), für die über 215.000 Haushalte befragt wurden, besitzen 90 Prozent der Kinder ab sieben Jahren ein Fahrrad.
 
 
Etwa 29 Prozent der Jugendlichen zwischen 14 und 17 fahren täglich mit dem Rad, ein Fünftel von ihnen an ein bis drei Tagen in der Woche. Der Anteil derer, die in dieser Altersgruppe nie oder fast nie auf das Rad steigen, liegt bei 22 Prozent.

Bei den Kleinsten ist die Datenlage allerdings schlecht. Zahlen zur Gewohnheitsnutzung von Kindern unter 14 Jahren liegen nicht vor. Die MiD-Befragung liefert dennoch einige Hinweise:
 
Elterntaxi für die Hälfte der Wege
Der Anteil der Wege, die Kinder und Jugendliche mit dem Fahrrad zurücklegen, blieb über die Jahre relativ stabil. 2002 waren es 14 Prozent, 2008 dann 15 Prozent, 2017 elf Prozent, 2023 wieder 15 Prozent. „Seit 2002 lässt sich anhand des Wegeanteils keine eindeutige Entwicklung feststellen“, erklärt Christopher Gerhard. Werte zu den Jahren davor fehlen. Gerhard ist Sprecher der Bundesanstalt für Straßen- und Verkehrswesen (BASt).
Der MiD-Bericht zeigt aber auch: Gegenüber den vorigen Jahren fällt die Mobilitätsquote im Jahr 2023 niedriger aus: Der Anteil der Personen, die an einem durchschnittlichen Tag das Haus verlassen haben, ist zwischen 2002 und 2023 um vier Prozentpunkte zurückgegangen.
3,0
Wege pro Tag haben Kinder unter neun Jahren 2002 zurückgelegt, im Jahr 2023 waren es nur noch 2,6.
Auffällig ist dabei der überdurchschnittliche Rückgang bei Kindern und Jugendlichen: minus acht Prozent bei Kindern unter neun Jahren. Und während sie 2002 noch durchschnittlich 3,0 Wege am Tag zurücklegten, sind es 2017 nur noch 2,8 und 2023 nur noch 2,6. Diese Altersgruppe ist stark von der Mobilität der Erwachsenen abhängig. So werden die Kinder mittlerweile auf der Hälfte ihrer Wege, etwa in die Schule oder zum Sport, mit dem Auto gefahren.
 
In den USA ist der Trend noch viel drastischer
Das ist ein globaler Trend. Eine Studie mit knapp 11.400 Kindern aus Deutschland zeigt, dass der Anteil derer, die zur Schule zu Fuß gehen, radeln oder öffentliche Verkehrsmittel nutzen, zwischen 2003 und 2017 zurückgegangen ist. Während 2003 noch etwa 85 Prozent aktiv zur Schule gingen, waren es 2017 nur noch 78 Prozent. Es werden also mehr Kinder von ihren Eltern zur Schule gefahren.
Ein ähnlicher, noch viel drastischerer Trend zeichnet sich auch in den USA ab: So sank der Anteil der Kinder, die zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule gingen, zwischen 1969 und 2009 von 47,7  Prozent auf 12,7 Prozent, belegen die Daten der National Household Travel Survey.
„Kinder bewegen sich heute insgesamt weniger als früher: Sie sind viel weniger unterwegs, spielen kaum noch draußen und hängen stattdessen viel mehr an Handys und anderen Geräten“, sagt Gabi Jung, Geschäftsführerin des Berliner Bundes für Umwelt- und Naturschutz BUND. In dem Projekt „VeloKids“ hat sie mit der Landesverkehrswacht Berlin die Radfahrausbildung untersucht und Vorschläge zur Verbesserung erarbeitet. Denn die brauche es, meint Jung.
 
Immer mehr motorische Defizite
Die motorischen Fähigkeiten der Kinder hätten deutlich abgenommen, sagt Jung: „Viele Kinder in der vierten Klasse, also genau in dem Alter, in dem Radfahrausbildung stattfindet, können laut Lehrkräften und Polizei kaum oder gar nicht sicher Fahrrad fahren.“ Trägt das fehlende Körpergefühl dazu bei, dass weniger geradelt wird?
Zumindest ergab eine Untersuchung, dass sich zwischen 1990 und 2007 die motorischen Koordinationsstörungen bei Sechsjährigen verdreifacht haben. Untersucht wurden dafür mehr als 100.000 Kinder in Nordrhein-Westfalen.
„Grundschullehrkräfte nehmen heute bei Kindern im Vergleich zu früher größere Unterschiede in den fein- und grobmotorischen Fähigkeiten wahr, je nach Elternhaus und ob das Kind eine Kita besucht hat oder nicht“, sagt auch Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands.
 
 
Gefährlicher Schulweg? 6- bis 14-Jährige verunglücken am häufigsten zwischen 7 und 8 Uhr, zeigt eine Statistik für das Jahr 2024.
© dpa/Ralf Hirschberger
Das spiegele sich auch beim Radfahren wider. „Es macht einen Unterschied, ob die Kinder im Kleinkindalter ein Dreirad oder Laufrad hatten, ob die Eltern Ausflüge und Alltagsgeschäfte mit dem Rad machen und das Kind mitnehmen – oder ob alles mit dem Auto erledigt wird und die Kinder per Elterntaxi zur Schule kommen.“
Radfahren schult Koordination und Gleichgewicht: Kinder müssen gleichzeitig treten, lenken, balancieren und ihre Umgebung beobachten – ein komplexes Zusammenspiel vieler Bewegungen.
Wer das früh auf dem Laufrad oder dem Kinderfahrrad ausprobiert, stärkt genau jene Psychomotorik, die später für sicheres Radfahren benötigt wird. Ab etwa fünf Jahren sind Gleichgewichtssinn und motorische Steuerung so weit entwickelt, dass Kinder diese Fähigkeiten gezielt trainieren können. Allerdings sind die Voraussetzungen dafür schlecht, denn laut Bundesanstalt für Straßenwesen wirken sich fehlende Flächen messbar negativ auf die motorische Entwicklung aus.
 
Wer radelt, lebt länger
Nur ein Viertel der Kinder in Deutschland bewege sich täglich mindestens 60 Minuten, so wie es die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt, analysierte das  Robert Koch-Institut (RKI). Vor allem die Drei- bis Zehnjährigen sind deutlich inaktiver als vor zehn Jahren. Dabei begünstigt Bewegungsmangel Übergewicht, Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Kinder, die immer nur im Auto gefahren werden, lernen nicht, wie man sich im Straßenverkehr verhält.
Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbands
Fahrradfahren dagegen stärkt auch bei Kindern Herz- und Lungengesundheit, verbessert die Fitness und reduziert das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Adipositas,Dickdarmkrebs und Gesamtmortalität. Je mehr geradelt wird, desto gesünder ist man, zeigen Übersichtsarbeiten.
Außerdem bauen Kinder beim Fahrradfahren Muskeln in Beinen, Gesäß, Rumpf und sogar Armen auf. Dazu macht radeln glücklich: Es werden Endorphine und Dopamin freigesetzt und Stress abgebaut.
 
Gut fürs Gehirn
Zudem stärkt es das räumliche Denken und die Orientierung, zeigen wissenschaftliche Untersuchungen. Kinder, die regelmäßig draußen unterwegs sind, besonders mit dem Fahrrad, konnten sich mehr Details aus ihrem Wohnumfeld merken und speicherten im Gedächtnis viel feinere Karten ihrer Umgebung ab. Sie scheinen auch früher höhere Stufen der räumlichen Entwicklung zu erreichen als Kinder, die wenig Fahrrad fahren.
Gleichzeitig lernen sie, Gefahren im Straßenverkehr frühzeitig zu erkennen und zu bewältigen, wodurch ihr Unfallrisiko sinkt. Jung sagt: „Kinder, die immer nur im Auto gefahren werden, lernen nicht, wie man sich im Straßenverkehr verhält.“
Verdrängung der Kinder aus öffentlichem Raum
Als Kind auf ein Rad zu steigen, bedeutet, unabhängig von den Eltern zu Freunden, Oma oder zur Klavierstunde fahren zu können.
 
Die eigenständige Raumaneignung, die im Alter von etwa sechs bis zehn Jahren beginnt, wird heute durch die moderne Stadtentwicklung erheblich gefährdet.
Ulrich Deinet, bis 2021 Leiter der Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung an der Hochschule Düsseldorf 
„Das Fahrradfahren ist ein Medium des Spielens und der Selbstständigkeit“, sagt Ulrich Deinet, der bis 2021 die Forschungsstelle für sozialraumorientierte Praxisforschung und Entwicklung an der Hochschule Düsseldorf leitete. „Wenn Kinder Rad fahren können, dann erschließen sie sich ihre Umgebung selbst und erweitern ihren Handlungsraum.“
Das sieht er nun bedroht. „Diese eigenständige Raumaneignung, die besonders im Alter von etwa sechs bis zehn Jahren beginnt, wird heute durch die moderne Stadtentwicklung erheblich gefährdet.“
Forschende sprechen in diesem Kontext von der „Verinselung der Kindheit“. Es beschreibt die Tendenz, dass Kinder immer stärker in abgeschotteten, geschützten Umgebungen aufwachsen – sei es zu Hause, im abgegrenzten Garten, auf Spielplätzen oder in betreuten Einrichtungen. Es gebe immer weniger Gelegenheit, sich frei und selbstständig in der Nachbarschaft oder der Natur zu bewegen.
77
Prozent der Eltern sagen, sie würden ihre Kinder häufiger zu Fuß oder mit dem Rad zur Schule schicken, wenn die Wege sicherer wären.
Die Folgen? Unter anderem reduzierte körperliche Aktivität, eingeschränkte Bewegungs- und Orientierungskompetenzen, weniger Selbstvertrauen und Selbstständigkeit.
Die Angst der Eltern
Grund dafür ist auch die als zu gefährlich empfundene Umwelt: „Eltern haben häufig Angst, dass ihren Kindern auf dem Schulweg etwas passieren könnte, besonders wenn sie selbstständig unterwegs sind“, sagt Jung. In einer Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad‐Clubs gaben 77 Prozent der Befragten an, dass sie als Eltern ihre Kinder häufiger mit dem Rad oder zu Fuß zur Schule bringen würden, wenn die Wege sicherer wären. Ein Drittel hält es für unsicher, wenn Kinder mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Einer australischen Studie zufolge bewegen sich Kinder ängstlicher Eltern mit starken Sicherheitsbedenken weniger.
Das haben auch die Interviews mit Eltern, Lehrkräften, Verkehrswacht und der Polizei ergeben. „Im Bereich der Infrastruktur gibt es gerade in Berlin große Mängel“, sagt Gabi Jung. Nur eine gefährliche Stelle auf dem Schulweg reiche aus, dass Eltern ihre Kinder nicht zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren ließen. Jung sagt: „Da haben wir in Berlin einfach zu viele gefährliche Stellen, zu viele zugeparkte Kreuzungen, es wird häufig zu schnell gefahren.“
Das sehen auch Berlins Radlerinnen und Radler so, von denen mehr als 7000 für den Fahrrad-Klima-Test des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs befragt wurden. Berlin belegt mit einer Note von 4,28 einen der letzten Plätze, was die Fahrradfreundlichkeit 15 deutscher Großstädte angeht. Dahinter liegen nur noch Dortmund, Essen und Duisburg.
Die meisten Kinder verunglücken im Auto
Das Statistische Bundesamt zählte 2024 insgesamt 27.260 im Straßenverkehr verunglückte Kinder unter 15 Jahren. Die meisten von ihnen waren zum Unfallzeitpunkt allerdings im Auto unterwegs (35 Prozent), 33 Prozent saßen auf dem Fahrrad und 21 Prozent gingen zu Fuß.
Die Altersgruppen unterscheiden sich dabei deutlich: Untersechsjährige verunglücken überwiegend im Auto (58 Prozent), während Sechs- bis 14-Jährige am häufigsten mit dem Fahrrad zu Schaden kommen (38 Prozent). Die gute Nachricht: Insgesamt ist die Zahl der verunglückten Kinder seit rund 20 Jahren rückläufig – das zeigt auch der Kinderunfallatlas. Tödliche Unfälle sind selten: 2024 starben 21 Kinder beim Radfahren, 24 zu Fuß und 29 im Auto.„Viele haben Sorge vor dem Verkehr, fahren ihre Kinder dann aber selbst mit dem Auto“, sagt Jung. Das befeuere den Fahrbetrieb.
Zu wenig qualifizierte Lehrkräfte
Was müsste passieren, damit mehr Eltern ihre Kinder aufs Rad lassen? „Als BUND fordern wir sichere Wege, bessere Fahrradinfrastruktur, übersichtliche Kreuzungen und fußgängerfreundliche Ampelschaltungen“, so Jung. Genauso entscheidend sei jedoch, dass Kinder überhaupt lernen, sicher Rad zu fahren. Viele Lehrkräfte berichten, dass Eltern diese Verantwortung häufig unterschätzten.
3,3
Prozent der Lehrkräfte sind umfassend für Radfahrunterricht ausgebildet.
Hinzu kommt: Radfahrunterricht bleibt in der Schule lückenhaft. Nur wenige Lehrkräfte, mit denen Jung zusammenarbeitet, haben ihn in ihrer Ausbildung gelernt. Eine Befragung der Bundesanstalt für Straßenwesen zeigt: Nur 3,3 Prozent der Lehrkräfte wurden im Studium umfassend ausgebildet, drei Viertel überhaupt nicht. Der Großteil der Befragten (65,2 Prozent) eignete sich die Fähigkeiten selbst an. Sehr gut qualifiziert für das fahrpraktische Üben fühlen sich nur 9,2 Prozent, 74,3 Prozent überhaupt nicht.

Allein auf dem Pausenhof Was, wenn mein Kind keine Freunde findet? „Wer als Kind nie gestürzt ist, dem fehlt diese Erfahrung“Wie Eltern mit Überbehütung die Entwicklung bremsen Ihr Kind sieht, dass Sie scrollen Wie das Smartphone die Eltern-Kind-Beziehung untergräbt 
Die Forschung, die sich mit Trainingsprogrammen für Kinder beschäftigt, ist dünn, laut einer Übersichtsarbeit. Im Projekt „Velokids“ haben Jung und ihre Kollegin deshalb Konzepte für die Radfahrausbildung entwickelt, Lehrkräfte befragt, in Schulen hospitiert und mit der Polizei sowie Bildungsverwaltung gesprochen.
Am Ende bleibt ein doppelter Befund: Kinder brauchen sichere Straßen und Erwachsene, die ihnen zutrauen, sich diese Straßen selbst zu erschließen."

https://www.tagesspiegel.de/wissen/das-ende-des-selbststandigen-kindes-warum-so-viele-grundschuler-heute-kein-rad-mehr-fahren-15039794.html

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