
"Tausende Tonnen CO₂ soll es sparen, wenn Autos trotz Bauarbeiten den Tempelhofer Damm nutzen können – obwohl dafür viele Bäume fallen müssen. Die Berechnung scheint fragwürdig.
Von Stefan Jacobs
Heute, 05:00 Uhr
Lieber neun Tonnen zusätzliches Kohlendioxid verursachen statt 30.000 – so lautet die Begründung des Senats für seine Entscheidung, bis zu 70 Bäume auf dem Mittelstreifen des Tempelhofer Damms fällen zu lassen. So soll Platz geschaffen werden, um den Autoverkehr trotz Großbaustelle auf zwei Spuren pro Richtung rollen zu lassen.
Würden die Bäume stehen bleiben, müsste der Verkehr stadtauswärts jahrelang übers Südkreuz umgeleitet werden und würde entsprechend mehr CO₂ verursachen, lautete die offizielle Begründung für diese Entscheidung, die einer früheren Vereinbarung widerspricht und Proteste von Bezirksamt und Umweltschützern nach sich zog. Jetzt zeigt sich, dass auch die Berechnung selbst auf fragwürdigen Annahmen beruht.
Vier Wochen und zwei Erinnerungen brauchte die Verwaltung von Senatorin Ute Bonde (CDU), um auf Anfrage die Berechnung offenzulegen. Jetzt ist sie da. Gerechnet wurde mit einer werktäglichen Verkehrsmenge von 60.000 Kraftfahrzeugen, deren stadtauswärts fahrende Hälfte die Umleitung über die Dudenstraße zum Sachsendamm nehmen müsste: Lastwagen sollen östlich der Bahngleise über die General-Pape-Straße fahren (entspricht 1,2 Kilometer Umweg), Pkw und Motorräder über die Wilhelm-Kabus-Straße auf der Westseite der Gleise (1,8 Kilometer Umweg).
Die Emission seien nach einem Leitfaden des Umweltbundesamtes berechnet worden, der Verkehrsmix entsprechend dem Berliner Luftreinhalteplan von 2019. So kamen die 30.000 Tonnen zusätzliches CO₂ bei zehn Jahren Bauzeit zustande.
Man könnte allerdings mit ganz anderen Zahlen rechnen: Laut der aktuellsten Verkehrsmengenkarte von 2023 ist der Verkehr auch auf dem Tempelhofer Damm zurückgegangen auf noch 48.800 Fahrzeuge pro Werktag in Höhe des Autobahnanschlusses als meistbefahrener Stelle. Zwischen Paradestraße und Platz der Luftbrücke sind es noch rund 40.000 Autos pro Tag, also ein Drittel weniger als vom Senat angenommen.
Die CO₂-Emission pro Fahrzeug dürfte ebenfalls gesunken sein, weil der Anteil an Hybrid- und E-Autos stetig wächst. Unberücksichtigt bleibt auch der vielfach erwiesene Effekt der „Verkehrsverpuffung“, wie er sich aktuell ums Autobahndreieck Funkturm zeigt: Nach anfänglichem Chaos nimmt der Verkehr rasch ab, weil Autofahrer sich andere Wege suchen, andere Verkehrsmittel nutzen und unnötige Fahrten vermeiden. Am Tempelhofer Damm läge die U6 als Alternative zum Dauerstau besonders nahe.
12,5
Kilogramm CO₂-Bindung pro Baum und Jahr hat der Senat angesetzt. So kam er bei 70 Bäumen und zehn Jahren auf neun Tonnen CO₂.
Großzügig hat der Senat auch die zehnjährige Bauzeit kalkuliert. „Wir rechnen mit acht Jahren, davon fünf für unseren Teil“, heißt es bei den Wasserbetrieben, die das Großprojekt koordinieren. Nicht nur drei Abwasserdruckleitungen aus dem 19. Jahrhundert sollen erneuert werden, sondern auch Stromkabel, die Tunneldecke der U-Bahn und schließlich die Straße, deren Fahrspuren nach heutiger Norm zu schmal sind.
Noch im April sollen die Bezirksverordneten informiert werden
Nach Auskunft von Wasserbetriebe-Sprecher Stephan Natz wurde die Fällung der für die eigenen Bauarbeiten relevanten Bäume im März beantragt. Noch im April stehe eine Anhörung in der Bezirksverordnetenversammlung an. Dort wollen die Wasserbetriebe um Verständnis für die auch von ihnen favorisierte Beseitigung der Bäume auf dem Mittelstreifen werben. Eine Mehrheit im Bezirksparlament könnten sie auch brauchen, um Verkehrsstadträtin Saskia Ellenbeck (Grüne) umzustimmen. Die sieht in der Entscheidung des Senats einen Vertrauensbruch und hat angekündigt, im Interesse der Anwohner keine Fällgenehmigung zu erteilen."