Decision Maker Response

Matthias Schulz’s response

Matthias Schulz
Intendant der Berliner Staatsoper
Sep 1, 2023
Den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine verurteilt die Staatsoper Unter den Linden auf das Schärfste. Dieser Krieg gilt nicht nur einem Land, sondern der gesamten Kultur friedlichen Zusammenlebens weltweit. Die Staatsoper Unter den Linden hat sich seit Beginn des Krieges am 24. Februar 2022 unmissverständlich positioniert und ihre volle Solidarität für die Ukraine zum Ausdruck gebracht, u.a. durch das Konzert für Frieden in der Staatsoper Unter den Linden zugunsten humanitärer Hilfe für die Ukrainer:innen am 6. März 2022, durch die Deutschlandpremiere des Dokumentarfilms “Oh, Sister!”, in Anwesenheit der ukrainischen Menschenrechtsaktivistin Oleksandra Matwijtschuk und des ukrainischen Botschafters, im Dezember 2022, durch die Sichtbarmachung unserer Solidarität mit den Farben der Ukraine und weiterer Zeichen.

Mit Anna Netrebko hat sich die Leitung der Staatsoper Unter den Linden seit Kriegsbeginn sehr
differenziert auseinandergesetzt. Anfang März 2022 wurde mit Anna Netrebko einvernehmlich
beschlossen, dass sie an der TURANDOT-Neuproduktion im Juni 2022 nicht mitwirkt und auch alle zukünftigen Engagements wurden auf den Prüfstand gestellt. Ohne eine deutliche Positionierung der Künstlerin war und wäre eine weitere Zusammenarbeit für die Staatsoper Unter den Linden nicht tragbar.

Am 30. März 2022 hat Anna Netrebko ihre Position, soweit es ihr möglich ist, öffentlich sehr deutlich artikuliert und sich von der Führung Russlands distanziert, die wir hiermit in Erinnerung rufen und zitieren:

„Ich verurteile den Krieg gegen die Ukraine ausdrücklich und meine Gedanken sind bei den Opfern dieses Krieges und ihren Familien. Meine Position ist klar. Ich bin weder Mitglied einer politischen Partei noch bin ich mit irgendeinem Führer Russlands verbunden. Ich erkenne und bedauere, dass meine Handlungen oder Aussagen in der Vergangenheit zum Teil falsch interpretiert werden konnten.
Tatsächlich habe ich Präsident Putin in meinem ganzen Leben nur eine Handvoll Mal getroffen, vor allem im Rahmen von Verleihungen von Auszeichnungen für meine Kunst oder bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele. Ich habe ansonsten nie finanzielle Unterstützung von der russischen Regierung erhalten und lebe in Österreich, wo ich auch steuerlich ansässig bin. Ich liebe mein Heimatland Russland und strebe durch meine Kunst ausschließlich Frieden und Einigkeit an. Nach der angekündigten Auftrittspause werde ich meine Opern- und Konzertauftritte Ende Mai, zunächst in
Europa, wieder aufnehmen.”

Da wir die Künstlerpersönlichkeit Anna Netrebko, die zweifelsohne eine der größten Stimmen unserer Zeit ist, sehr schätzen und uns mit ihr eine langjährige Partnerschaft verbindet, hatten wir angekündigt, dass wir mit ihr das Gespräch suchen werden. Dieses hat zwischen dem Intendanten, der Künstlerin und ihrem Management stattgefunden. Es ist wichtig hier differenziert vorzugehen und zwischen vor und nach dem Kriegsausbruch zu unterscheiden. Anna Netrebko hat sowohl durch ihr Statement als auch durch ihr Handeln seit Kriegsausbruch durchaus eine klare Position eingenommen und sich von der russischen Regierung distanziert. Sie hat seitdem keine Engagements in Russland angenommen und es wurde uns seitens

ihres Managements bestätigt, dass es auch weiterhin keinerlei Vorhaben für Auftritte in
Russland gibt. Behauptungen, dass sie Putin unterstützt habe, wurden widerlegt und mussten in Folge u.a. In Medienberichten korrigiert werden. Unter diesen Umständen sollte man unseres Erachtens dieser Künstlerin eine Chance geben und sie auch dem Publikum nicht vorenthalten. Als Haus ist uns einerseits die volle Solidarität mit der Ukraine überaus wichtig, andererseits ein verantwortungsvoller Umgang mit unseren Künstler:innen. Anna Netrebko kennt unsere klar pro-ukrainische Position als Bühne. Wie bereits bei anderen Vorstellungen, wird der Zuschauersaal auch bei Verdis Macbeth beim Einlass in den Farben der Ukraine erleuchtet sein. Als Opernhaus bemühen wir uns, mit all unseren Kräften darum in Dialog zu treten, Menschen im Erleben von Musik zu verbinden, nicht gegeneinander aufzuhetzen. Unsere Solidarität und unser Mitgefühl gelten in dieser Zeit uneingeschränkt allen Leidtragenden dieser Katastrophe.
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