

Liebe Unterstützer*innen,
jedes Jahr erkranken etwa 27 Prozent der Erwachsenen an psychischen Störungen und jede Stunde nimmt sich ein Mensch das Leben, dennoch wenden sich nur neun Prozent der Betroffenen innerhalb von drei Jahren an eine*n Psychotherapeut*in, um eine Behandlung in Anspruch zu nehmen.
Welche Beweggründe die Betroffenen davon abhalten professionelle Hilfe anzunehmen, hat unsere Kollegin Julia Darboven in ihrer Masterarbeit “Hürdenlauf zur Psychotherapie” beleuchtet, die durch die Mitwirkung unserer Unterstützer*innen möglich wurde.
Zur Studie: https://doi.org/10.48446/opus-15378
Die Ergebnisse der 400 Studienteilnehmer*innen zeigen, dass das größte Hindernis auf dem Weg zu einer Psychotherapie die langen Wartezeiten darstellen. Diese sind durch den Mangel an Psychotherapieplätzen bedingt und betragen zurzeit durchschnittlich fünf Monate. In einigen Städten bedeutet dies jedoch auch Wartezeiten von eineinhalb Jahren.
Die aufwendige Suche nach einem Psychotherapieplatz wurde als zweit höchste Hürde bewertet. Suchende sind gezwungen Therapeut*innen rauszusuchen und diese zu spezifischen Zeiten telefonisch zu kontaktieren. Meistens erwartet sie dann eine entmutigende Absage oder mit Glück einen Platz auf einer Warteliste.
Im weiteren zeigte sich in der Befragung, dass viele der Teilnehmer*innen die geringe Auswahl an Psychotherapeut*innen bemängeln; Denn viele Patient*innen bleiben lieber bei jemanden, der/die nicht passt oder nicht spezialisiert ist, als Gefahr zu laufen, gar keinen Therapieplatz zu finden. Wie bei den langen Wartezeiten liegt auch hier der Ursprung des Problems in der geringen Anzahl der Kassensitze.
Diese Lücke entstand durch die Bedarfsplanung aus dem Jahr 1999, in der festgelegt wurde, wie viele Psychotherapeut*innen notwendig sind und wie diese auf die unterschiedlichen Regionen verteilt werden. Durch die Annahme, dass Menschen in ländlichen Gebieten seltener unter psychischen Störungen leiden, wurde diesen weniger Psychotherapeut*innen zugedacht. Diese Berechnungen wurden trotz der Zunahme psychischer Erkrankungen und der Veränderung der Gesellschaft bisher nicht erneuert. Dabei wurde im Jahr 1999 nicht der tatsächliche Bedarf erhoben und berücksichtigt, sondern man orientierte sich an der Anzahl der Psychotherapeut*innen.
(Kassensitz: Zulassung für eine*n Psychotherapeut*in die Leistungen mit den gesetzlichen Krankenkassen abzurechnen)
Nicht nur die geringe Auswahl der Psychotherapeut*innen wurde in der Erhebung beanstandet, sondern auch die mangelnde Spezialisierung. Für Menschen mit Erkrankungen wie beispielsweise Traumafolgestörungen, Autismus und Borderline sind Psychotherapeut*innen mit einer entsprechenden Ausrichtung besonders wichtig.
Eine weitere Belastung stellt für die Befragten der Umgang mit den Krankenkassen bezüglich des Kostenerstattungsverfahrens, Psychotherapiepause, Therapiezeitraum etc. dar. Es besteht auch die Möglichkeit psychotherapeutische Behandlungen bei approbierten Psychotherapeut*innen ohne Kassenzulassung in Anspruch zu nehmen und sich die Aufwendungen im Rahmen eines Kostenerstattungsverfahrens durch die gesetzlichen Krankenkassen ausgleichen zu lassen. Allerdings werden nur die Ausgaben für anerkannte Psychotherapieverfahren übernommen und die Patient*innen müssen nachweisen, dass es unmöglich war einen Psychotherapieplatz bei einer zugelassen Psychotherapeut*in zu finden und Kontakt mit der Termin-Servicestelle aufgenommen wurde. Nach all diesem Aufwand wird dennoch ein Teil der Anträge intransparent abgelehnt.
(Termin-Servicestelle: vermittelt kurzfristig Termine für eine psychotherapeutische Sprechstunde und ist unter der Telefonnummer 116 117 erreichbar.)
Dies sind einige der Stolpersteine, die den Weg zu einer Psychotherapie erschweren können. Trotz allem lohnt es sich, diese Schritte zu gehen, da Psychotherapien schon vielen Menschen geholfen haben und deren Wirksamkeit empirisch belegt ist.
Nähere Informationen zu den Möglichkeiten, um einen Psychotherapieplatz zu finden, haben wir auf unserer Homepage zusammengestellt.
www.mehrpsychotherapieplaetze.de
Wir möchten euch für eure Unterstützung danken und wünschen euch alles Gute.
Herzliche Grüße
Lukas, Mareike, Charlotte, Merret, Kathrin, Joéva, Julia und Diana