Professor Dr. Kristina WolffDeutschland
31.12.2021

Liebe Community

Danke, dass Sie/Ihr meine Texte aushaltet. Heute schreibe ich Euch einen traurigen Jahresrückblick in der Hoffnung, dass sich 2022 zumindest ein politischer Wille entwickelt, auch in Deutschland endlich die Istanbul-Konvention umzusetzen.

Für 2021 habe ich bis heute 190 deutsche Femizide dokumentiert.

Am 25. November 2021 waren es noch 162. Die strukturellen, tradierten, tödlichen, männlichen Gewaltexzesse explodieren. Dabei ist 2021 noch nicht vorbei und, wenn überhaupt, dann erfahren wir von den getöteten Mädchen und Frauen und dem Tathergang mit zunehmend größerem Zeitverzug.

Oder, wie in Ostfildern, in Baden-Württemberg, gar nicht. Ein Mann erschießt mit einer illegalen Waffe seine Ehefrau, mutmaßlich im Beisein der beiden, gemeinsamen, minderjährigen Kinder - Pressemeldung der Polizei dazu? Man werde weitere Informationen und Hintergründe der Tat nicht preisgeben: „Das ist eine innerfamiliäre Angelegenheit“. August 2021. Mitten in Deutschland.  (https://www.esslinger-zeitung.de/inhalt.toetungsdelikt-in-ostfildern-schweigen-ueber-hergang-der-bluttat.a575003b-7476-41a5-84f6-6e10e361593e.html)

2021 ist das Jahr, in dem in Deutschland signifikant viele Kinder zusammen mit ihrer Mutter, oder aber auch als Waffe der Gewalt gegen ihre Mutter von den eigenen Vätern exekutiert wurden.

2021 ist das Jahr, in dem etliche „Comedians“ ihr Geld weiterhin mit blanker Misogynie und Rapper mit gewaltverherrlichenden Texten, wie „Schlag' dir die Zähne raus, man hört nur noch dein Fotzengeschrei -Logge mich ein bei Instagram, es wird auf Story geteilt“ ungestört Geld verdienen dürfen. 

2021 ist das Jahr, in dem ein Tom Schwarz einer Frau mit einem Schlag multiple Frakturen am Unterkiefer und Blutungen im Mundraum zufügt, ihr mussten u.a. vier Platten und komplett neue Zähne im Unterkiefer eingesetzt werden. Weil Staatsanwaltschaft und Richter es als erwiesen ansahen, dass es sich nicht um gefährliche Körperverletzung gehandelt habe, wird sein Verfahren gegen eine Geldbuße von 2.500,-€ eingestellt. Das Opfer habe sich an dem Abend "nicht mit Ruhm bekleckert", so Richter Winfried Leopold. Deutschland im November 2021: Im Namen des Volkes - mitten im Rechtsstaat.(https://www.sport1.de/news/kampfsport/boxen/2021/11/boxen-tom-schwarz-bricht-ex-kiefer-strafe-sorgt-fur-entsetzen)

2021 ist auch das Jahr, in dem weder die Exekutive (polizeiliche Pressemeldungen), noch die Judikative, noch die sog. "4. Gewalt im Staat", die Medien, begriffen haben, dass das Narrativ: Stigmatisierung der Frau (Illoyalität weil sie sich trennt/trennen will) in Kombination mit, die Realität zum Nachteil der Getöteten verzerrenden, Entschuldigungsattributen für den Täter/Töter (Jobverlust, psychische Ausnahmesituation, Alkoholabusus) nur einem dient: Dem Gewalttäter/Killer, der nicht in der Lage ist, seine Gefühle adäquat zu koordinieren und zu kontrollieren. Weist die männliche Gewalt endlich korrekt aus! 

2021 ist das Jahr, in dem sich die Türkei mitten in der Nacht wie ein Dieb aus dem Abkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt schlich – nun, in Deutschland ist die Umsetzung der Istanbul-Konvention, nach nahezu 4 Jahren Rechtsverbindlichkeit, nicht einmal budgetiert, von der Implementierung ganz zu schweigen: In aller Konsequenz listet die Bundesregierung einen „Maßnahmenkatalog“, der zu 100% erst nach der durchlittenen Gewalterfahrung greift: POSTtrauma statt PRÄvention.

2021 ist das Jahr, in dem Bundesaußenminister Heiko Maaß als Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland keinerlei Stellung zu „Sofagate“ bezieht – das ist nicht nur charakterlos, nein, es ist ein klarer Verstoß gegen Artikel 5 (1) der Istanbul-Konvention auf höchster staatlicher Ebene. (https://www.tagesschau.de/ausland/europa/eu-tuerkei-vonderleyen-sofagate-101.html

2021 ist das Jahr, in dem Anwältinnen auf Fachtagungen davon berichten, dass die spärlichen juristischen Fortbildungsveranstaltungen zu Gewalt gegen Frauen unerträglich seien, weil ihre männlichen Verteidigerkollegen sich stets laut damit brüsteten, mit welchen Tricks sie die Gewalttäter (wieder) frei bekommen hätten.

2021 ist das Jahr, in dem Dieter Wedel immer noch nicht offiziell angeklagt und der rechtskräftig zu einer Haftstrafe verurteilte Straftäter Siegfried Mauser immer noch auf freiem Fuß ist. (https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-musikhochschule-mauser-gericht-haftantritt-1.5496348)

2021 ist das Jahr, in dem die gute Verbindung zu Ströer eine sachsenweite Awareness-Kampagne zu häuslicher Gewalt überhaupt erst möglich gemacht hat – wohlgemerkt: Der Schutz des Lebens ist in Deutschland ein staatlicher Auftrag, nicht der der Privatwirtschaft. (https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_2.html)

2021 ist das Jahr, in dem das BMFSFJ im Haushaltgesetz keine Zuständigkeit für Frauen mehr ausweist: Auf Seite 2576 ist wörtlich nachzulesen: „Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) ist innerhalb der Bundesregierung für die folgenden Politikfelder verantwortlich, die für wesentliche Aufgaben zur Gestaltung unserer Gesellschaft stehen:

1. Familie,

2. ältere Menschen,

3. Gleichstellung,

4. Kinder und Jugend,

5. Freiwilligendienste,

6. Engagementpolitik und Wohlfahrtspflege.“

"Frauen" wurde klammheimlich durch "Gleichstellung" ersetzt. Der amtierende deutsche Kanzler Scholz, laut Eigenauskunft angeblicher Feminist, nennt es: "Ein gelungenes Paket" (https://www.bundeshaushalt.de/fileadmin/user_upload/BHH%202021%20gesamt.pdf)

2021 ist das Jahr, in dem das BMFSFJ weitere, gravierende Kürzungen im Hilfesystem vorgenommen hat: bspw. https://gewaltlos.de/

2021 ist das Jahr, in dem ich es auf Grund der überbordenden Masse nur noch anteilig schaffe, die Tötungsdelikte, bei denen Frauen lebensgefährlich verletzt sind, nachzuhalten.

Ich könnte lange weiterschreiben, so viel mehr Unrecht gäbe es zu adressieren.

Stattdessen beende ich 2021 mit dem Kauf eines Rechners, der mit der anfallenden Datenmasse wieder mithalten kann und einem großen Dankeschön an alle Staatsanwälte, Richter und/oder gerichtliche Pressesprecher, die sich, anteilig über ministeriale Weisungen hinwegsetzend, verlässlich die Zeit nehmen und die Arbeit machen, meine Datenabfragen zu beantworten:

Weil sie erkannt haben, dass es dringenden Handlungsbedarf gibt.

Weil sie wissen, dass Gewalt gegen Frauen kein „Frauenthema“ ist.

Weil sie tagtäglich erleben, wie verheerend die Auswirkungen von #GewaltGegenFrauen sind: Die staatliche Billigung struktureller, tradierter, männlicher Gewalt kostet Menschenleben, Menschenrechte, Menschenwürde, Geld und politische Stabilität.

Kommt bitte alle gesund rein in das Bevorstehende 2022!

141 Personen haben diese Woche unterzeichnet
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