Rassistisches Logo: Offener Brief an die Kaffeerösterei Machwitz

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Welche Tradition will die Kaffeerösterei Machwitz mit ihrem Aushängeschild fortführen?

Sehr geehrter Herr Jörg-Walter Koch,

sehr geehrter Herr Maximilian Koch,

liebe Menschen in Hannover,

die Kaffeerösterei Machwitz gilt als hannoversche Traditionsrösterei. Seit 1919 ist das Unternehmen im Stadtbild Hannovers präsent: Machwitz-Produkte werden in zahlreichen Cafés der Landeshauptstadt und darüber hinaus angeboten. Kaffeedosen, Service und Servietten mit dem Machwitz-Logo finden sich in eben diesen Kaffeestuben und auch an der Hauswand der Machwitz-Rösterei am Marstall prangt das Signet. Immerhin ist es seit über hundert Jahren fest mit der Unternehmensgeschichte verbunden. Es hat Tradition.

Tradition hat aber auch, dass Machwitz bereits seit Jahren für die kolonialrassistische Darstellung der drei Figuren im Logo kritisiert wird – von Privatpersonen, Organisationen und in wissenschaftlichen Abhandlungen. Zwar zeigt sich der Geschäftsführer Maximilian Koch gesprächsbereit, indem er kritische Stimmen zu einem persönlichen Austausch einlädt, doch einziges Resultat ist das Abflauen des öffentlichen Drucks.

Dies ändert sich am 28.12.2017. Mit der Frage „Ist das Logo der Machwitz-Rösterei rassistisch?“ initiiert die HAZ eine öffentliche Debatte, auf die zahlreiche Reaktionen folgen: Das Unternehmen selbst veröffentlicht eine Stellungnahme, Stimmen aus der Politik werden laut, in den sozialen Medien überwiegt der Zuspruch für das Traditionsunternehmen, welches die Vorwürfe als Verleumdungskampagne abtut.

Mit der von der HAZ aufgeworfenen Frage flammt in Hannover eine Diskussion auf, die für uns etwas zur Disposition stellt, das als solches nicht verhandelbar ist: der rassistische Gehalt des Machwitz-Logos. Was der Debatte hingegen fehlt, sind ganz andere Fragen:

Reicht es aus, Rassismus einfach von sich zu weisen?

Maximilian Koch sah bereits 2016 in einem Porträt der Neuen Presse „nichts Erniedrigendes“ im Signet seiner Firma. Ähnlich äußert sich der Seniorchef, Jörg-Walter Koch, gegenüber der HAZ im Dezember 2017: „Es richtet sich gegen niemanden; wir wollen […] nicht diskriminieren und lehnen Rassismus ab“. Jene Argumentation folgt einer einfachen Logik: Rassistisch ist nur das, was rassistisch gemeint ist.

Dieser simplen Rechnung stellen wir uns entschieden entgegen. Denn Rassismus ist vielschichtig, anpassungsfähig, vielen Personen unbewusst und nicht auf den ersten Blick ersichtlich – zumindest, wenn sie nicht direkt von Rassismus betroffen sind. Es ist gerade seine komplexe Struktur, die ihn schwer zu identifizieren und zugleich so effektiv macht. In aller Deutlichkeit: Rassismus ist auch, aber keineswegs ausschließlich, persönliches Fehlverhalten. Es bedarf keiner rassistischen Absicht, um sich rassistisch zu verhalten.

Warum zeigt das Machwitz-Logo nicht „nur drei Menschen“?

Die Kaffeerösterei schließt ihre Stellungnahme mit dem Zitat eines Facebook-Users: „Bei dem Logo sehe ich nur 3 Menschen“. Ein schöner Schlusssatz – wäre da nicht die Tatsache, dass er den historischen und weltgesellschaftlichen Kontext des Logos schlichtweg übersieht. Denn das Signet, ebenso wie das Unternehmen selbst, haben ihren Ursprung in der Kolonialzeit. Diese ist jedoch aus dem kollektiven Gedächtnis weitgehend verdrängt worden. Es fehlt eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialherrschaft.

Die Bildsprache der Kolonialmächte war ebenso einfach wie effektiv: breite Lippen, weiße weit aufgerissene Augen, krauses Haar und kindliche Gesichtszüge. Wenige Pinselstriche genügen, um Schwarze Menschen auf ein austauschbares Zerrbild zu reduzieren. Ein Zerrbild – keine Individuen, keine Menschen. In kolonialer Tradition wurden Schwarze Menschen als ‚minderwertig‘, ‚untergeben‘, ‚unzivilisiert‘ dargestellt; als das Kehrbild des ‚mündigen‘, ‚erhabenen‘, ‚modernen‘ weißen Menschen. Entscheidend ist, dass diese Herabwürdigung einer klaren politischen und ökonomischen Agenda folgte: die Beschlagnahmung von Land und Rohstoffen, Ausbeutung, Entrechtung, Versklavung und Mord zu rechtfertigen.

Das Machwitz-Logo ist Ausdruck kolonialer Einschreibung in der Stadt Hannover und nach wie vor diskriminierend, verletzend und herabwürdigend. Damit schmückt sich Machwitz mit rassistischen Bildern, schreibt koloniale Tradition fort und schlägt letztendlich daraus Profit. Die Frage der HAZ, ob das Logo rassistisch sei, stellt sich gar nicht. Wollen wir eine konstruktive Debatte über Rassismus im Stadtbild Hannovers führen, sollte diese mit einer ganz anderen Ausgangsfrage beginnen:

Welche Tradition will die Kaffeerösterei Machwitz mit ihrem Aushängeschild fortführen?

Die Kaffeerösterei kann an ihrer ursprünglichen Tradition festhalten, doch ist sie sich spätestens jetzt darüber im Klaren, dass sie sich für eine rassistische Bildsprache entscheidet. Oder das Unternehmen läutet ein neues Traditionsbewusstsein ein: Sich selbstkritisch der eigenen Geschichte zu stellen, deren Kehrseite aufzuarbeiten und als Konsequenz ein Logo zu entwerfen, das Menschenwürde anerkennt, statt sie abzusprechen. Damit könnte Machwitz auch ein selbstbewusstes und wichtiges Signal an andere senden.

 

Die Erstunterzeichnenden setzen sich aktiv gegen Rassismus und Diskriminierung ein. Sie sind:

Joanna Mechnich für die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland Hannover e.V.

Agata Wozniesinska, Promotionskolleg Bildungsintegration

Florian Grawan, Koordinator der Arbeitsstelle Diversität – Migration – Bildung, Leibniz Universität Hannover

Amadeu Antonio Stiftung

Ninia LaGrande, Moderatorin & Autorin

KARFI - Schwarzes Bildungskollektiv

ju:an - Praxisstelle antisemitismus- und rassismuskritische Jugendarbeit

RespAct Niedersachsen - Solidarisch mit Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt in Niedersachsen

Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.

Moshtari Hilal, Künstlerin aus Hamburg/Berlin

Marion Rolle, Politikwissenschaftlerin

Melanie Micudaj, politische Bildnerin, Hannover

Verband Entwicklungspolitik Niedersachsen e.V. (VEN)

Mariam Soufi Siavash, Hannover

Patric Dujardin, Politikwissenschaftler

Peter Wiezorek

POC-Hochschulgruppe Hildesheim

Mädchenhaus zwei13 e.V.

Cameo Kollektiv

 



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