Gegen die Verrohung - Offener Brief anlässlich eines Artikels in der Jüdischen Allgemeine


Gegen die Verrohung - Offener Brief anlässlich eines Artikels in der Jüdischen Allgemeine
Das Problem
Berlin, 12.04.2026
Vor einigen Wochen haben wir, eine Gruppe iranisch-diasporischer Einzelpersonen, einen unserer Ansicht nach menschenverachtenden Artikel über den US-israelischen Angriffskrieg in der „Jüdischen Allgemeinen“ zum Anlass genommen, den folgenden offenen Brief zu formulieren und gemeinsam mit unterschiedlichen Stimmen des öffentlichen Lebens zu veröffentlichen. Seitdem ist dieser Krieg immer weiter eskaliert und legt sich als weitere Schicht des Grauens auf die ohnehin massiven Unterdrückungserfahrungen der iranischen Zivilgesellschaft und die unzähligen Kriegstraumata der libanesischen Bevölkerung. Inmitten der aktuellen, sehr fragilen und ausschließlich Iran betreffenden "Waffenruhe" bleibt nun völlig unklar, wie diese Eskalationsspirale weiter verlaufen wird.
In den deutschsprachigen Medien ist inmitten einer fortschreitenden gesellschaftlichen Militarisierung auch während des derzeitigen Krieges eine Verrohung im Sprechen über dessen unmittelbare, fatale Konsequenzen festzustellen. Den hier behandelten Fall halten wir lediglich für ein besonders gewissenloses Beispiel einer generellen Entwicklung, in der Iran auch mal widerspruchslos als „Pestbeule dieser Erde“ [1] bezeichnet werden kann oder Bundeskanzler Merz die israelischen Angriffe im 12-Tage-Krieg zur notwendigen „Drecksarbeit“ [2] erklärt.
Diese Verrohung des Denkens und Sprechens ist eine der Grundlagen für jene Politik der deutschen Bundesregierung, die „unsere Partner und Verbündeten nicht belehren“ [3] möchte, wenn diese das Völkerrecht brechen - sei es in Gaza, im Libanon oder im Iran. Einer dieser Partner, US-Präsident Donald Trump, kündigte kürzlich an, Iran »zurück in die Steinzeit [zu] bomben, wo sie hingehören« und steigerte dies in die genozidale Drohung, dass "eine ganze Zivilisation [...] heute sterben und nie mehr zurückkehren" werde [4]— eine Äußerung, die Friedrich Merz öffentlich verteidigt hat.
Aus all diesen Gründen also richten wir uns mit diesem Brief an die deutschsprachige Öffentlichkeit. Etos Media hat diesen Brief veröffentlicht.
Gegen die Verrohung
Offener Brief anlässlich eines Artikels von Hannes Stein in der Jüdischen Allgemeinen vom 09.03.2026
Wir sind entsetzt.
"Zugegeben: Die erste Phase dieses Krieges hat Spaß gemacht", heißt es in der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine (09.03.2026) über den US-israelischen Angriffskrieg in Iran. Verfasst hat diese Zeilen der Journalist Hannes Stein, unter anderem freier Korrespondent der Tageszeitung WELT in New York.
"Noch folgt im Kampf gegen das Mullah-Regime eine gute Nachricht auf die andere", steht zuvor in den einleitenden Worten des als "Kommentar" gekennzeichneten Textes.
Als Zusammenschluss iranisch-diasporischer Stimmen gegen den Krieg, als Unterzeichner*innen aus der Zivilgesellschaft, als Bürger*innen oder Einwohner*innen dieses Landes möchten wir diese Verrohung innerhalb der öffentlichen Meinungsbildung nicht unwidersprochen lassen. Nicht nur bleibt im Text unkommentiert, dass der Angriff seitens der USA und Israels völkerrechtswidrig war — im Gegenteil verzerrt er die reale Brutalität dieses Krieges, indem er ihn auf seinen Unterhaltungswert für den Autor reduziert.
Mit der Begründung, Israelis hätten es verdient, "endlich ohne Angst vor einer iranischen Atombombe zu leben", rechtfertigt Stein den Angriffskrieg. Die Furcht der iranischen Gesellschaft vor US-amerikanischen und israelischen Bomben hingegen bleibt in seinem Kommentar unerwähnt; vielmehr werden sie euphemistisch als "Himmelsgeschenke" bezeichnet, die inmitten feiernder Iraner*innen "auf die Erde fallen" würden.
Dabei töteten jene "Himmelsgeschenke" der USA - in Form von Tomahawk-Marschflugkörpern - bereits am ersten Tag des Krieges mindestens 168 Grundschulkinder, ihre Lehrer*innen und einige Eltern durch den Beschuss eines Schulgebäudes in der Stadt Minab.[5] Dieses tragische Ereignis ging der Tötung Ali Khameneis und anderen Führungspersönlichkeiten der Islamischen Republik voraus und wurde unmittelbar international medial thematisiert.[6]
Ob Hannes Stein die zivilen Todesopfer nun ignoriert oder zu den als „gut“ befundenen Nachrichten zählt: Seine implizite Botschaft missachtet Menschen- und Völkerrecht, legitimiert Terror und Krieg als Mittel zum Zweck und verkennt auch das Recht der iranischen Bevölkerung, die Verantwortlichen der Diktatur eines Tages vor Gericht für ihre Verbrechen zur Rechenschaft ziehen zu können.
Schon im Sommer 2025 während des 12-Tage-Kriegs behauptete Jüdische Allgemeine-Chefredakteur Philipp Peyman Engel, es gäbe keine zivilen Opfer in Iran, obwohl bereits 1.000 Tote registriert worden waren.[7]
Und auch in anderen Kontexten, etwa im Gaza-Krieg, der von vielen Expert*innen als Genozid eingeordnet wird, lässt sich in der Jüdischen Allgemeinen eine erschreckende Bagatellisierung der zivilen Opferzahlen beobachten.
Weder das Recht auf souveräne Selbstbestimmung, noch das Recht auf Leben und Unversehrtheit der Menschen in Iran, Libanon oder Palästina scheinen also bei der Jüdischen Allgemeinen von hoher Bedeutung zu sein.
Die bestätigte Zahl getöteter iranischer Zivilist*innen in diesem Krieg beläuft sich derzeit auf mindestens 1.701 Menschen - darunter mindestens 254 Kinder. Dazu kommen über 24.175 Verletzte.[8]
Auch die zivile, lebensnotwendige Infrastruktur Irans wird durch US-amerikanische und israelische Bomben gezielt zerstört. Bereits am zweiten Kriegstag wurden mehrere Krankenhäuser in Teheran sowie weitere Notfallstationen im Land angegriffen.[9] Diese Bomben also eben nicht als “Himmelsgeschenke” lediglich auf die Köpfe der Machthaber oder auf die bloße “Erde”.
Mittlerweile hat der Iranische Halbmond über 115.193 Angriffe auf die zivile Infrastruktur registriert - darunter über 90.000 Wohneinheiten, über 20.000 Gewerbeeinheiten, 316 Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen, sowie hunderte Schulen, Fabriken und weitere zentrale Orte des gesellschaftlichen (Über-)Lebens.[10]
Daher wollen wir widersprechen:
Nein, die "erste Phase dieses Krieges" hat keinen „Spaß gemacht“:
Vor allem jenen nicht, die Bomben und Raketen ausgesetzt sind:
Den hilflosen Iraner*innen ohne jegliche Schutzbunker, die das iranische Regime weitgehend vom Internet abgeschnitten hat. Den Wohnungslosen, unzähligen Straßenkindern und (politischen) Gefangenen, deren Unversehrtheit mehr denn je gefährdet ist. Jenen Menschen in Palästina, ob in Gaza oder im Westjordanland, wo im Windschatten des Iran-Krieges die Siedlergewalt steigt und weitere Annexionen stattfinden oder den Menschen im Libanon, die täglich neue Opfer verzeichnen. Auch jene Bewohner*innen der Golfregion und Israels nicht, die ebenfalls Zerstörung, Tote und Verletzte zu betrauern haben.[11] All jene können nicht von „Spaß“ sprechen.
Alles andere als „Spaß“ bedeutete diese erste Phase dieses Krieges außerdem jenen Menschen hierzulande, die um ihre Angehörigen und Freund*innen bangen, während sie tagelang auf ein Lebenszeichen warten und all den jüdischen Menschen in Israel, Deutschland und weltweit, die für Frieden und Gerechtigkeit einstehen.
Nein, es "folgt nicht eine gute Nachricht auf die andere":
Für Millionen Menschen folgt eine Schreckensnachricht auf die nächste: 1.1 Millionen Vertriebenen im Südlibanon und 3,2 Millionen in Iran, giftiger Regen in Teheran nach Angriffen auf städtische Ölanlagen, etliche Angriffe auf Wohnviertel und beschädigte UNESCO-Weltkulturerbestätten.
Dieser Angriffskrieg ist ein Verbrechen. Jedes zivile Opfer, jedes Kind ist eines zu viel. Die Zerstörungswucht dieses Krieges hinterlässt jetzt schon traumatisierte Gesellschaften, zerbombte Stadtviertel und massive Umweltschäden, die für Jahrzehnte die Gesundheit der Menschen in der gesamten Region beeinträchtigen werden. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Krieg weder Demokratie noch Frieden bringen kann - im Gegenteil:
Nach der verheerenden Niederschlagung der Proteste vom 8./9. Januar 2026 durch das iranische Regime mit mindestens 7.000 zivilen Todesopfern [12], sehen sich die Menschen in Iran nun erneut mit tödlicher Gewalt konfrontiert, während die politische Situation immer hoffnungsloser wird. Zwischen Bombenhagel und Angst vor ausländischer Einfluss- oder gar Übernahme wird keine Bevölkerung gegen ein noch so diktatorisches Regime aufbegehren können. Der Krieg wirft die selbstbestimmte iranische Freiheitsbewegung um Jahre zurück und verspricht nur Leid und Zerstörung.
Wir fordern Hannes Stein, die Jüdische Allgemeine und den Zentralrat der Juden in Deutschland als Herausgeber der Zeitung auf, sich öffentlich für die Publikation dieses Textes zu entschuldigen und diesen zurückzuziehen. Er ist kriegs- und gewaltverherrlichend, missachtet jegliches Völker- und Menschenrecht und verhöhnt die Opfer. Als Zeitung des Zentralrats kommt der Jüdischen Allgemeinen eine Verantwortung zu, wenn sie noch immer für sich in Anspruch nimmt, einen Querschnitt jüdischer Perspektiven zu repräsentieren. Dieser Verantwortung sollte sie nachkommen.
In Trauer und Solidarität mit allen von Krieg Betroffenen.
Erstunterzeichnende:
Ehsan Abri, Menschenrechtsaktivist
Prof. Dr. Schirin Amir-Moazami, Institut für Islamwissenschaft, Freie Universität Berlin
Sarang Aria, Künstler, politischer Aktivist
Prof. Michael Barenboim, Violine und Kammermusik , Barenboim-Said Akademie Berlin
Prof. Dr. Carmen Becker, Institut für Religionswissenschaft, Leibniz Universität Hannover
Prof. Dr. Uli Beisel, Institut für Geographische Wissenschaften, Freie Universität Berlin
Prof. Dr. Thomas Bierschenk, Institut für Ethnologie und Afrikastudien, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Prof. Dr. Christine Binzel, Institut für Wirtschaftswissenschaft, FAU Erlangen-Nürnberg
Prof. Dr. Sonja Brentjes, i.R., Wissenschaftshistorikerin
Prof. Dr. María do Mar Castro Varela, Soziale Arbeit und Allgemeine Pädagogik, Alice Salomon Hochschule Berlin
Tomer Dotan-Dreyfus, Schriftsteller
Dr. Dörthe Engelcke, Kommissarische Leiterin des Kompetenzzentrums für das Recht arabischer und islamischer Länder, Wissenschaftliche Referentin, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht
Fahimeh Farsaie, Schriftstellerin, Journalistin
Deborah Feldman, Autorin, Publizistin
Pegah Ferydoni, Schauspielerin
Parastou Forouhar, Künstlerin
Melika Foroutan, Schauspielerin
Prof. Dr. Naika Foroutan, Institut für Empirische Integrations- und Migrationsforschung, Humboldt-Universität zu Berlin
Prof. Dr. Encarnacion Gutierrez Rodriguez, Institut für Soziologie, Goethe Universität Frankfurt am Main
Schohreh Golian, Sozialwissenschaftlerin, Künstlerin
Leila Haghighat, Politik- und Kulturwissenschaftlerin
Asha Hedayati, Rechtsanwältin und Autorin
Sandra Hetzl, Literaturübersetzerin
Rana Issazadeh, Rechtsanwältin
Jewish Bund, jüdisches politisches Kollektiv
Prof. Dr. Susan Kamel, HTW Berlin
Prof. Dr. Nasser Kanani, Natur- und Ingenieurwissenschaftler
Nasrin Karimi, Rechtsanwältin
Prof. Vika Kirchenbauer, Bildende Kunst, Kunsthochschule der Universität Kassel
Ma Osyangarim, iranisches politisches Kollektiv
Pajam Masoumi, Journalist*in
Prof. Dr. Benjamin Meyer-Krahmer, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
Zoë Claire Miller, Künstlerin
Prof. Dr. Carmen Mörsch, Kunstdidaktik, Kunsthochschule Mainz, Johannes Gutenberg-Universität Frankfurt
Prof. Dr. Mohssen Massarrat, i.R., Politik und Wirtschaft, Universität Osnabrück
Dr. Schooleh Mostafawy, Kunsthistorikerin
Dr. Niema Movassat, Rechtsanwalt und ehem. Bundestagsabgeordneter
Prof. Dr. Tahani Nadim, College for Social Sciences and Humanities, Ruhr-Universität Bochum
Armaghan Naghipour, Rechtsanwältin, Staatssekretärin a.D.
Bahman Nirumand, Autor, Journalist
Nishtar, iranisches politisches Kollektiv
Nina Ogilvie, Rechtsanwältin
Maryam Palizban, Theaterwissenschaftlerin, Schauspielerin, Autorin
Jonathan Peaceman, Aktivist
Prof. Dr. Ramis Örlü, Strömungsmechanik, Oslo Metropolitan University, Norwegen & KTH Royal Institute of Technology Stockholm, Schweden
Dr. Nils Riecken, Institut für Arabistik und Islamwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr. Michael Rothberg, Literaturwissenschaft, University of California, Los Angeles, U.S.A.
Roxana Safarabadi, Schauspielerin
Ali Samadi-Ahadi, Regisseur und Filmemacher
Bahareh Sharifi, Kultursoziologin
Nahid Siamdoust, Assistant Professor of Media & Middle Eastern Studies,University of Texas, Austin
Prof. Dr. Marc Siegel, Filmwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Frankfurt
Rouzbeh Taheri, Verlagsleiter
Damon Taleghani, Autor, Musiker
Prof. Dr. Vassilis Tsianos, Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik, Hochschule für angewandte Wissenschaften Kiel
Shoan Vaisi, ehem. Stadtratsmitglied, Sozialarbeiter
[2] https://www.zdfheute.de/politik/g7-gipfel-merz-100.html
[3] https://www.dw.com/de/nahost-eskalation-merz-will-israel-und-usa-nicht-belehren/a-76176442
[4] https://www.lemonde.fr/en/international/article/2026/04/02/trump-vows-to-send-iran-back-to-the-stone-ages-but-offers-no-end-to-the-war_6752043_4.html ; https://www.theguardian.com/world/2026/apr/07/israel-warns-iran-lives-at-risk-if-they-use-trains-trump-deadline
Mittlerweile bestätigen erste Ergebnisse der offiziellen militärischen Ermittlung der US-Regierung, die aufgrund der massiven Kritik an diesem Angriff, der als Kriegsverbrechen gilt, eingeleitet wurde, dass der Abschuss gesichert durch die USA stattfand (https://www.nytimes.com/2026/03/11/us/politics/iran-school-missile-strike.html
[6] New York Times: https://www.nytimes.com/2026/02/28/world/middleeast/iran-school-strike-us-israel.html ; Guardian: https://www.theguardian.com/world/2026/feb/28/children-dead-as-missile-hits-elementary-school-in-southern-iran ; Zeit :https://www.youtube.com/watch?v=AZFKRQLBex0
[7] https://www.zdf.de/play/talk/markus-lanz-114/markus-lanz-vom-17-juni-2025-100 ; https://www.en-hrana.org/twelve-days-under-fire-a-comprehensive-report-on-the-iran-israel-war/
[9] https://www.en-hrana.org/the-second-day-of-the-u-s-israel-and-iran-war-rising-civilian-casualties/
[10] https://x.com/DropSiteNews/status/2038988247288734024
[12] https://www.iranmonitor.org/memorial
132
Das Problem
Berlin, 12.04.2026
Vor einigen Wochen haben wir, eine Gruppe iranisch-diasporischer Einzelpersonen, einen unserer Ansicht nach menschenverachtenden Artikel über den US-israelischen Angriffskrieg in der „Jüdischen Allgemeinen“ zum Anlass genommen, den folgenden offenen Brief zu formulieren und gemeinsam mit unterschiedlichen Stimmen des öffentlichen Lebens zu veröffentlichen. Seitdem ist dieser Krieg immer weiter eskaliert und legt sich als weitere Schicht des Grauens auf die ohnehin massiven Unterdrückungserfahrungen der iranischen Zivilgesellschaft und die unzähligen Kriegstraumata der libanesischen Bevölkerung. Inmitten der aktuellen, sehr fragilen und ausschließlich Iran betreffenden "Waffenruhe" bleibt nun völlig unklar, wie diese Eskalationsspirale weiter verlaufen wird.
In den deutschsprachigen Medien ist inmitten einer fortschreitenden gesellschaftlichen Militarisierung auch während des derzeitigen Krieges eine Verrohung im Sprechen über dessen unmittelbare, fatale Konsequenzen festzustellen. Den hier behandelten Fall halten wir lediglich für ein besonders gewissenloses Beispiel einer generellen Entwicklung, in der Iran auch mal widerspruchslos als „Pestbeule dieser Erde“ [1] bezeichnet werden kann oder Bundeskanzler Merz die israelischen Angriffe im 12-Tage-Krieg zur notwendigen „Drecksarbeit“ [2] erklärt.
Diese Verrohung des Denkens und Sprechens ist eine der Grundlagen für jene Politik der deutschen Bundesregierung, die „unsere Partner und Verbündeten nicht belehren“ [3] möchte, wenn diese das Völkerrecht brechen - sei es in Gaza, im Libanon oder im Iran. Einer dieser Partner, US-Präsident Donald Trump, kündigte kürzlich an, Iran »zurück in die Steinzeit [zu] bomben, wo sie hingehören« und steigerte dies in die genozidale Drohung, dass "eine ganze Zivilisation [...] heute sterben und nie mehr zurückkehren" werde [4]— eine Äußerung, die Friedrich Merz öffentlich verteidigt hat.
Aus all diesen Gründen also richten wir uns mit diesem Brief an die deutschsprachige Öffentlichkeit. Etos Media hat diesen Brief veröffentlicht.
Gegen die Verrohung
Offener Brief anlässlich eines Artikels von Hannes Stein in der Jüdischen Allgemeinen vom 09.03.2026
Wir sind entsetzt.
"Zugegeben: Die erste Phase dieses Krieges hat Spaß gemacht", heißt es in der Wochenzeitung Jüdische Allgemeine (09.03.2026) über den US-israelischen Angriffskrieg in Iran. Verfasst hat diese Zeilen der Journalist Hannes Stein, unter anderem freier Korrespondent der Tageszeitung WELT in New York.
"Noch folgt im Kampf gegen das Mullah-Regime eine gute Nachricht auf die andere", steht zuvor in den einleitenden Worten des als "Kommentar" gekennzeichneten Textes.
Als Zusammenschluss iranisch-diasporischer Stimmen gegen den Krieg, als Unterzeichner*innen aus der Zivilgesellschaft, als Bürger*innen oder Einwohner*innen dieses Landes möchten wir diese Verrohung innerhalb der öffentlichen Meinungsbildung nicht unwidersprochen lassen. Nicht nur bleibt im Text unkommentiert, dass der Angriff seitens der USA und Israels völkerrechtswidrig war — im Gegenteil verzerrt er die reale Brutalität dieses Krieges, indem er ihn auf seinen Unterhaltungswert für den Autor reduziert.
Mit der Begründung, Israelis hätten es verdient, "endlich ohne Angst vor einer iranischen Atombombe zu leben", rechtfertigt Stein den Angriffskrieg. Die Furcht der iranischen Gesellschaft vor US-amerikanischen und israelischen Bomben hingegen bleibt in seinem Kommentar unerwähnt; vielmehr werden sie euphemistisch als "Himmelsgeschenke" bezeichnet, die inmitten feiernder Iraner*innen "auf die Erde fallen" würden.
Dabei töteten jene "Himmelsgeschenke" der USA - in Form von Tomahawk-Marschflugkörpern - bereits am ersten Tag des Krieges mindestens 168 Grundschulkinder, ihre Lehrer*innen und einige Eltern durch den Beschuss eines Schulgebäudes in der Stadt Minab.[5] Dieses tragische Ereignis ging der Tötung Ali Khameneis und anderen Führungspersönlichkeiten der Islamischen Republik voraus und wurde unmittelbar international medial thematisiert.[6]
Ob Hannes Stein die zivilen Todesopfer nun ignoriert oder zu den als „gut“ befundenen Nachrichten zählt: Seine implizite Botschaft missachtet Menschen- und Völkerrecht, legitimiert Terror und Krieg als Mittel zum Zweck und verkennt auch das Recht der iranischen Bevölkerung, die Verantwortlichen der Diktatur eines Tages vor Gericht für ihre Verbrechen zur Rechenschaft ziehen zu können.
Schon im Sommer 2025 während des 12-Tage-Kriegs behauptete Jüdische Allgemeine-Chefredakteur Philipp Peyman Engel, es gäbe keine zivilen Opfer in Iran, obwohl bereits 1.000 Tote registriert worden waren.[7]
Und auch in anderen Kontexten, etwa im Gaza-Krieg, der von vielen Expert*innen als Genozid eingeordnet wird, lässt sich in der Jüdischen Allgemeinen eine erschreckende Bagatellisierung der zivilen Opferzahlen beobachten.
Weder das Recht auf souveräne Selbstbestimmung, noch das Recht auf Leben und Unversehrtheit der Menschen in Iran, Libanon oder Palästina scheinen also bei der Jüdischen Allgemeinen von hoher Bedeutung zu sein.
Die bestätigte Zahl getöteter iranischer Zivilist*innen in diesem Krieg beläuft sich derzeit auf mindestens 1.701 Menschen - darunter mindestens 254 Kinder. Dazu kommen über 24.175 Verletzte.[8]
Auch die zivile, lebensnotwendige Infrastruktur Irans wird durch US-amerikanische und israelische Bomben gezielt zerstört. Bereits am zweiten Kriegstag wurden mehrere Krankenhäuser in Teheran sowie weitere Notfallstationen im Land angegriffen.[9] Diese Bomben also eben nicht als “Himmelsgeschenke” lediglich auf die Köpfe der Machthaber oder auf die bloße “Erde”.
Mittlerweile hat der Iranische Halbmond über 115.193 Angriffe auf die zivile Infrastruktur registriert - darunter über 90.000 Wohneinheiten, über 20.000 Gewerbeeinheiten, 316 Krankenhäuser und medizinische Einrichtungen, sowie hunderte Schulen, Fabriken und weitere zentrale Orte des gesellschaftlichen (Über-)Lebens.[10]
Daher wollen wir widersprechen:
Nein, die "erste Phase dieses Krieges" hat keinen „Spaß gemacht“:
Vor allem jenen nicht, die Bomben und Raketen ausgesetzt sind:
Den hilflosen Iraner*innen ohne jegliche Schutzbunker, die das iranische Regime weitgehend vom Internet abgeschnitten hat. Den Wohnungslosen, unzähligen Straßenkindern und (politischen) Gefangenen, deren Unversehrtheit mehr denn je gefährdet ist. Jenen Menschen in Palästina, ob in Gaza oder im Westjordanland, wo im Windschatten des Iran-Krieges die Siedlergewalt steigt und weitere Annexionen stattfinden oder den Menschen im Libanon, die täglich neue Opfer verzeichnen. Auch jene Bewohner*innen der Golfregion und Israels nicht, die ebenfalls Zerstörung, Tote und Verletzte zu betrauern haben.[11] All jene können nicht von „Spaß“ sprechen.
Alles andere als „Spaß“ bedeutete diese erste Phase dieses Krieges außerdem jenen Menschen hierzulande, die um ihre Angehörigen und Freund*innen bangen, während sie tagelang auf ein Lebenszeichen warten und all den jüdischen Menschen in Israel, Deutschland und weltweit, die für Frieden und Gerechtigkeit einstehen.
Nein, es "folgt nicht eine gute Nachricht auf die andere":
Für Millionen Menschen folgt eine Schreckensnachricht auf die nächste: 1.1 Millionen Vertriebenen im Südlibanon und 3,2 Millionen in Iran, giftiger Regen in Teheran nach Angriffen auf städtische Ölanlagen, etliche Angriffe auf Wohnviertel und beschädigte UNESCO-Weltkulturerbestätten.
Dieser Angriffskrieg ist ein Verbrechen. Jedes zivile Opfer, jedes Kind ist eines zu viel. Die Zerstörungswucht dieses Krieges hinterlässt jetzt schon traumatisierte Gesellschaften, zerbombte Stadtviertel und massive Umweltschäden, die für Jahrzehnte die Gesundheit der Menschen in der gesamten Region beeinträchtigen werden. Die Geschichte hat uns gelehrt, dass Krieg weder Demokratie noch Frieden bringen kann - im Gegenteil:
Nach der verheerenden Niederschlagung der Proteste vom 8./9. Januar 2026 durch das iranische Regime mit mindestens 7.000 zivilen Todesopfern [12], sehen sich die Menschen in Iran nun erneut mit tödlicher Gewalt konfrontiert, während die politische Situation immer hoffnungsloser wird. Zwischen Bombenhagel und Angst vor ausländischer Einfluss- oder gar Übernahme wird keine Bevölkerung gegen ein noch so diktatorisches Regime aufbegehren können. Der Krieg wirft die selbstbestimmte iranische Freiheitsbewegung um Jahre zurück und verspricht nur Leid und Zerstörung.
Wir fordern Hannes Stein, die Jüdische Allgemeine und den Zentralrat der Juden in Deutschland als Herausgeber der Zeitung auf, sich öffentlich für die Publikation dieses Textes zu entschuldigen und diesen zurückzuziehen. Er ist kriegs- und gewaltverherrlichend, missachtet jegliches Völker- und Menschenrecht und verhöhnt die Opfer. Als Zeitung des Zentralrats kommt der Jüdischen Allgemeinen eine Verantwortung zu, wenn sie noch immer für sich in Anspruch nimmt, einen Querschnitt jüdischer Perspektiven zu repräsentieren. Dieser Verantwortung sollte sie nachkommen.
In Trauer und Solidarität mit allen von Krieg Betroffenen.
Erstunterzeichnende:
Ehsan Abri, Menschenrechtsaktivist
Prof. Dr. Schirin Amir-Moazami, Institut für Islamwissenschaft, Freie Universität Berlin
Sarang Aria, Künstler, politischer Aktivist
Prof. Michael Barenboim, Violine und Kammermusik , Barenboim-Said Akademie Berlin
Prof. Dr. Carmen Becker, Institut für Religionswissenschaft, Leibniz Universität Hannover
Prof. Dr. Uli Beisel, Institut für Geographische Wissenschaften, Freie Universität Berlin
Prof. Dr. Thomas Bierschenk, Institut für Ethnologie und Afrikastudien, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Prof. Dr. Christine Binzel, Institut für Wirtschaftswissenschaft, FAU Erlangen-Nürnberg
Prof. Dr. Sonja Brentjes, i.R., Wissenschaftshistorikerin
Prof. Dr. María do Mar Castro Varela, Soziale Arbeit und Allgemeine Pädagogik, Alice Salomon Hochschule Berlin
Tomer Dotan-Dreyfus, Schriftsteller
Dr. Dörthe Engelcke, Kommissarische Leiterin des Kompetenzzentrums für das Recht arabischer und islamischer Länder, Wissenschaftliche Referentin, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht
Fahimeh Farsaie, Schriftstellerin, Journalistin
Deborah Feldman, Autorin, Publizistin
Pegah Ferydoni, Schauspielerin
Parastou Forouhar, Künstlerin
Melika Foroutan, Schauspielerin
Prof. Dr. Naika Foroutan, Institut für Empirische Integrations- und Migrationsforschung, Humboldt-Universität zu Berlin
Prof. Dr. Encarnacion Gutierrez Rodriguez, Institut für Soziologie, Goethe Universität Frankfurt am Main
Schohreh Golian, Sozialwissenschaftlerin, Künstlerin
Leila Haghighat, Politik- und Kulturwissenschaftlerin
Asha Hedayati, Rechtsanwältin und Autorin
Sandra Hetzl, Literaturübersetzerin
Rana Issazadeh, Rechtsanwältin
Jewish Bund, jüdisches politisches Kollektiv
Prof. Dr. Susan Kamel, HTW Berlin
Prof. Dr. Nasser Kanani, Natur- und Ingenieurwissenschaftler
Nasrin Karimi, Rechtsanwältin
Prof. Vika Kirchenbauer, Bildende Kunst, Kunsthochschule der Universität Kassel
Ma Osyangarim, iranisches politisches Kollektiv
Pajam Masoumi, Journalist*in
Prof. Dr. Benjamin Meyer-Krahmer, Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig
Zoë Claire Miller, Künstlerin
Prof. Dr. Carmen Mörsch, Kunstdidaktik, Kunsthochschule Mainz, Johannes Gutenberg-Universität Frankfurt
Prof. Dr. Mohssen Massarrat, i.R., Politik und Wirtschaft, Universität Osnabrück
Dr. Schooleh Mostafawy, Kunsthistorikerin
Dr. Niema Movassat, Rechtsanwalt und ehem. Bundestagsabgeordneter
Prof. Dr. Tahani Nadim, College for Social Sciences and Humanities, Ruhr-Universität Bochum
Armaghan Naghipour, Rechtsanwältin, Staatssekretärin a.D.
Bahman Nirumand, Autor, Journalist
Nishtar, iranisches politisches Kollektiv
Nina Ogilvie, Rechtsanwältin
Maryam Palizban, Theaterwissenschaftlerin, Schauspielerin, Autorin
Jonathan Peaceman, Aktivist
Prof. Dr. Ramis Örlü, Strömungsmechanik, Oslo Metropolitan University, Norwegen & KTH Royal Institute of Technology Stockholm, Schweden
Dr. Nils Riecken, Institut für Arabistik und Islamwissenschaft, Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr. Michael Rothberg, Literaturwissenschaft, University of California, Los Angeles, U.S.A.
Roxana Safarabadi, Schauspielerin
Ali Samadi-Ahadi, Regisseur und Filmemacher
Bahareh Sharifi, Kultursoziologin
Nahid Siamdoust, Assistant Professor of Media & Middle Eastern Studies,University of Texas, Austin
Prof. Dr. Marc Siegel, Filmwissenschaft, Johannes Gutenberg-Universität Frankfurt
Rouzbeh Taheri, Verlagsleiter
Damon Taleghani, Autor, Musiker
Prof. Dr. Vassilis Tsianos, Soziale Arbeit und Kindheitspädagogik, Hochschule für angewandte Wissenschaften Kiel
Shoan Vaisi, ehem. Stadtratsmitglied, Sozialarbeiter
[2] https://www.zdfheute.de/politik/g7-gipfel-merz-100.html
[3] https://www.dw.com/de/nahost-eskalation-merz-will-israel-und-usa-nicht-belehren/a-76176442
[4] https://www.lemonde.fr/en/international/article/2026/04/02/trump-vows-to-send-iran-back-to-the-stone-ages-but-offers-no-end-to-the-war_6752043_4.html ; https://www.theguardian.com/world/2026/apr/07/israel-warns-iran-lives-at-risk-if-they-use-trains-trump-deadline
Mittlerweile bestätigen erste Ergebnisse der offiziellen militärischen Ermittlung der US-Regierung, die aufgrund der massiven Kritik an diesem Angriff, der als Kriegsverbrechen gilt, eingeleitet wurde, dass der Abschuss gesichert durch die USA stattfand (https://www.nytimes.com/2026/03/11/us/politics/iran-school-missile-strike.html
[6] New York Times: https://www.nytimes.com/2026/02/28/world/middleeast/iran-school-strike-us-israel.html ; Guardian: https://www.theguardian.com/world/2026/feb/28/children-dead-as-missile-hits-elementary-school-in-southern-iran ; Zeit :https://www.youtube.com/watch?v=AZFKRQLBex0
[7] https://www.zdf.de/play/talk/markus-lanz-114/markus-lanz-vom-17-juni-2025-100 ; https://www.en-hrana.org/twelve-days-under-fire-a-comprehensive-report-on-the-iran-israel-war/
[9] https://www.en-hrana.org/the-second-day-of-the-u-s-israel-and-iran-war-rising-civilian-casualties/
[10] https://x.com/DropSiteNews/status/2038988247288734024
[12] https://www.iranmonitor.org/memorial
132
Neuigkeiten zur Petition
Diese Petition teilen
Petition am 13. April 2026 erstellt