Finanzierungszusage für die Psychotherapiestudiengänge in Baden-Württemberg jetzt!

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Liebe Unterstützer*innen,

nach 20 Jahren Ausbildung unter prekären Bedingungen ist am  01.09.2020 die Reform  des  Psychotherapeutengesetzes (kurz: PsychThG) in Kraft getreten,  welche den bisherigen Ausbildungsweg von Psychotherapeut*innen verbessern und vereinfachen soll. Für alle diejenigen, die ihr Studium nach diesem Stichtag angetreten haben, ist der durch das Gesetz geregelte Approbationsstudiengang der einzige Qualifikationsweg für die Ausbildung zum*r Psychotherapeut*in. Dieser setzt sich aus einem entsprechenden Bachelor- sowie dem dazugehörigen Masterstudiengang zusammen. Da die derzeitigen Psychologiestudiengänge die Voraussetzungen der Reform nicht erfüllen, bleibt es allen, die seit dem Wintersemester 2020/21 in Baden-Württemberg Psychologie studieren, verwehrt, eine Approbation als Psychotherapeut*in zu erlangen.
Außerdem ist ein Übergang in das neue System für diejenigen, die ihr Studium bereits vorher begonnen haben, aufgrund fehlender oder nicht nachhaltig finanzierter Nachqualifizierungsmöglichkeiten aktuell nicht gewährleistet.
Die Universitäten haben sich lange dafür eingesetzt, dass sich das ändert und sind auf die Umstellung vorbereitet - doch für die Implementierung fehlt ihnen die Finanzierungszusage der Landesregierung.

Wir, die Fachschaften Psychologie, möchten deshalb mit Euch ein klares Zeichen für die Dringlichkeit der sofortigen Einführung der Psychologie-Approbationsstudiengänge in Baden-Württemberg setzen.
Wir haben gegenüber dem Landtag und insbesondere dem zuständigen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst bereits mehrfach Stellung bezogen (siehe [1]) und möchten uns mit euren Unterschriften vor der nächsten Verhandlung erneut an sie, sowie das Finanzministerium wenden, um nochmals die Relevanz und Dringlichkeit zu untermauern. Wir brauchen also eure Unterstützung!

Begründung:

1. Durch das bereits in Kraft getretene Gesetz einerseits und die bislang in Baden-Württemberg noch fehlende Finanzierung der neuen Studiengänge andererseits, kommt es gerade zu einer untragbaren Situation: Wer zum Wintersemester 2020/21 in Baden-Württemberg mit dem Psychologiestudium begonnen hat, hat derzeit keine Möglichkeit, eine Approbation als Psychotherapeut*in zu erlangen. Denn die derzeitigen Bachelorstudiengänge erfüllen die Voraussetzungen des neuen Psychotherapeutengesetzes nicht. Gleichzeitig verwehrt das Gesetz Studierenden, die nach dem 01.09.2020 mit dem Studium begonnen haben, noch den alten Ausbildungsweg zu beschreiten. Wenn die Finanzierungszusage für die Approbationsstudiengänge weiterhin ausbleibt, ist eine Implementierung vonseiten der Universitäten zum Wintersemester 2021/22 unmöglich. Das würde bedeuten, dass landesweit nicht nur eine Kohorte an Psychotherapeut*innen fehlen wird, sondern gar mehrere. Angesichts der Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der deutschen Universitäten die Approbationsstudiengänge eingeführt hat, wird Baden-Württemberg zum  Schlusslicht in einem längst überfälligen Reformprozess.

2. Auch für diejenigen, die ihr Studium bereits vor Inkrafttreten der Reform begonnen haben, stellt sich die Lage problematisch dar. Sie müssen das Studium sowie die anschließende Ausbildung zum*r Psychotherapeut*in innerhalb von 12 Jahren (in Härtefällen: 15 Jahren) nach Inkrafttreten des Gesetzes (01.09.2020) abschließen. Dies halten wir bei einem Studium nach Regelstudienzeit (5 Jahre) und einer durchschnittlichen Ausbildungsdauer von 5,3 Jahren [2] für zu knapp bemessen - vor allem, für diejenigen, die mehr Zeit für ihr Studium benötigen (u.a. Teilzeit-Studierende, Studierende mit Beeinträchtigungen, Kind oder weiteren Verpflichtungen) und die durch diese Regelung systematisch benachteiligt werden. Außerdem wird sich aufgrund der persönlichen Situation und den unabsehbaren Folgen der Corona-Krise das Studium für viele verlängern, wodurch die Approbation innerhalb der vorgesehenen Fristen nicht möglich sein wird. Daher muss es ausfinanzierte Nachqualifizierungsmöglichkeiten für diese Kohorten geben, um einen Übertritt in das neue System zu gewährleisten.

3. Schon im März 2019 haben die Psychologiestudierenden bundesweit für sinnvolle Übergangsregelungen über 90.000 Stimmen gesammelt [3]. Heute, fast zwei Jahre später, hängen die neuen Studiengänge und die aktuell Studierenden in Baden-Württemberg noch immer in der Luft. Trotz der großen psychischen Belastung durch die Corona Krise, sowie der stetig steigenden Nachfrage für Therapieplätze in Deutschland, scheitert das Bundesland, die längst überfällige finanzielle Unterstützung der Psychologie Studiengangsreform landesweit zu sichern. Das führt dazu, dass sich Psychologiestudierende und solche, die ein Studium hierzulande planen, große Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen müssen. Nachdem sich schon durch den neuen Hochschulfinanzierungsvertrag 2021 (HoFV II) keine erhoffte Verbesserung der Finanzierungsituation an Hochschulen eingestellt hat, werden diese Kohorten auch zum Symbol für ein politisches Scheitern des 'Elite-Bildungsstandorts' Baden-Württemberg.

4. Die Unsicherheiten oder fehlenden Möglichkeiten führen dazu, dass sich einige Studierende nicht für den Weg der Psychotherapieausbildung entscheiden können. Das Ausbleiben einer - oder schlimmer noch, von mehreren - komplettern Kohorten an Psychotherapeut*innen wäre einerseits ein gravierender Einschnitt in die gesundheitliche Versorgung unseres Bundeslandes. Ein Mangel an angehenden Psychotherapeut*innen hätte angesichts der schon vor Beginn der Corona-Pandemie besorgniserregenden Versorgungsprognose [4] ebenfalls fatale Folgen für ganz Deutschland. Die Krankschreibungen aufgrund von Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen haben zuletzt im September 2020 einen traurigen Höchststand erreicht [5]. Somit muss die Finanzierung der Psychologie-Approbationsstudiengänge eindeutig eine hohe Priorität auf der politischen Agenda unserer Landesregierung haben.

Zusammengefasst stellen wir fest, dass eine Einführung des polyvalenten Bachelors, Übergangsmöglichkeiten für Studierende, die zum WiSe 2020/21 angefangen haben, und Nachqualifizierungsmöglichkeiten für Psychologiestudierende der höheren Semester essentiell sind. Unser Bundesland darf in dieser Angelegenheit kein Nachzügler sein und muss sich mit Nachdruck für die Umsetzung der verbesserten und fairen Qualifikationsbedingungen für Psychotherapeut*innen einsetzen, welche für unsere Gesellschaft unabdingbar sind. Die vorangegangene Argumentation unterstreicht die absolute Notwendigkeit. 

Vielen Dank für Eure Unterstützung!
Eure Fachschaften der Universitäten Freiburg, Heidelberg, Mannheim, Konstanz, Tübingen und Ulm

Quellen:
[1] Fachschaften Psychologie Baden-Württemberg. (2020, 25. September). Stellungnahme der Fachschaften Psychologie Baden-Württemberg: Forderung zur Finanzierungszusage desApprobationsstudiengangs nach PsychThG anden Universitäten Baden-Württembergs. Psychologie Heidelberg. http://www.fspsy-heidelberg.de/wp-content/uploads/2020/10/Stellungnahme-PsychThG-Finanzierung-BaW%C3%BC-25.09.20.pdf
[2] Ruoß, M., Ochs, M., Jeschke, K., & Peplau, L. (2012). Berufssituation, Zufriedenheit und  Zukunftsperspektiven von Neu-approbierten PP/KJP: Ergebnisse einer Umfrage aus dem  Jahr 2011. Psychotherapeutenjournal, 2(12), 105-114
[3] Angemessene Übergangsregelungen für derzeitige Psychologiestudierende und PiA vom 31.03.2019. (2019, 31. März). Deutscher Bundestag. https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2019/_03/_31/Petition_92805.nc.html
[4] Nübling, R., Schmidt, J. & Munz, D. (2010). Psychologische Psychotherapeuten in Baden-Württemberg – Prognose der Versorgung 2030. Psychotherapeutenjournal, 1(10), 46-52.  https://www.lpk-bw.de/sites/default/files/fachportal/fachartikel/nuebling-et-al-2010-prognose-versorgung-pp-bw-2030.pdf
[5] Rekord bei Krankschreibungen wegen psychischer Probleme. (2020, 15.September). Zeit Online. https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-09/dak-krankheitstage-psychisch-probleme-depressionen-gesundheit-fehlzeiten-erwerbsminderung