
Mein Vater ist ein 76 Jahre alter deutsch-türkischer Staatsbürger. Er ist seit mehr als 40 Monaten in einem türkischen Gefängnis als politischer Gefangener inhaftiert. Altersbedingt ist er sehr zerbrechlich und leidet an verschiedenen Krankheiten.
Wir haben alle rechtlichen Möglichkeiten ausgeschöpft, meinen Vater freizubekommen, einschließlich des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR). Leider alles ohne Erfolg. Dies ist der Aufschrei einer verzweifelten Tochter, die um das Leben ihres Vaters bangt. Bitte sagen Sie mir, was ich noch tun kann.
Mein Vater ist ein Kritiker der türkischen Regierung, die rigoros gegen Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit vorgeht. Sein Ziel war es immer, dass sich die Türkei an einer westlich-liberalen Demokratieordnung orientiert. Während seines Polizeigewahrsams bot ihm die Polizei seine Freilassung an, wenn er in der Türkei öffentlich bekannt gibt, dass Deutschland in der Türkei staatsfeindliche Handlungen plant. Ziel der Offerte war es, die türkische Bevölkerung gegen den Westen, insbesondere Deutschland, aufzuhetzen. Eine solche Aussage meines Vaters hätte in der türkischen Öffentlichkeit Gewicht gehabt, da seine frühere Tätigkeit im türkischen Geheimdienst und seine Freundschaft zu einigen westlichen Diplomaten in der Türkei allgemein bekannt sind. Jetzt wird er für seine Ehrlichkeit und seine legitimen Ansichten von der Regierung bestraft. 40 Monate Einzelhaft und kein Ende in Sicht. Gemäß der UNO und des EGMR entspricht dies einer Misshandlung und Folter.
Nachdem meine Familie und ich mehr als 18 Monate auf eine Antwort des türkischen Verfassungsgerichts gewartet hatten, reichten wir am 30. April 2020 mit einer Gruppe international ausgewiesener Menschenrechtsanwälte im Namen meines Vaters eine Einzelklage gegen die Türkei beim EGMR ein. Die Klage zielt auf die willkürliche und politisch motivierte Verhaftung meines Vaters sowie die Misshandlung und Folter, der er ausgesetzt ist. Die Menschenrechtsverletzungen sind so offensichtlich, dass sich jeder vernünftige Mensch über diese Verletzungen heutzutage nur schämen kann.
Deshalb ist es sehr enttäuschend, dass wir fast 8 Monate warten mussten, nur um ein Registrierungsschreiben vom EGMR zu erhalten.
Normalerweise verfolgt der EGMR eine Politik, bei der Anträge prioritär behandelt werden, wenn es um das Leben oder die Gesundheit eines Antragstellers geht oder wenn die Inhaftierung darauf zurückzuführen ist, dass ein Antragsteller seine grundlegenden Menschenrechte ausgeübt hat. Auf dieser Grundlage forderte mein Vater, seinem Fall Priorität einzuräumen, einfach weil er zum Zeitpunkt der Anhörung des Falles durch den EGMR möglicherweise nicht mehr am Leben ist, es sei denn, es wird ihm Priorität eingeräumt. In einigen Fällen hat der EGMR mehr als 15 Jahre gebraucht, um ein Urteil zu fällen. Mein Vater wäre dann 90 Jahre alt. Daher gingen wir zumindest davon aus, dass er innerhalb kurzer Zeit eine Mitteilung über seinen Antrag erhalten würde. Wir haben uns geirrt, und verstehen nicht, warum.
Der EGMR wurde nach dem Motto "NEVER AGAIN!" eingerichtet. Und doch geschehen systematische Menschenrechtsverletzungen in der heutigen Türkei wieder und wieder. Der EGMR wird seinem Motto "NEVER AGAIN" nicht gerecht, indem er all diese schweren Menschenrechtsverletzungen einfach unter seiner Aufsicht geschehen lässt. Warum räumt der EGMR der Behandlung eines 76 Jahre alten, politischen Gefangenen, der weiterhin willkürlicher Inhaftierung, Misshandlung und Folter ausgesetzt ist, keine Priorität ein?
Die Erfahrung meines Vaters mit dem EGMR ist kein Einzelfall. In den letzten Jahren wurden in der Türkei so viele Menschen, darunter Journalisten, Akademiker, Politiker usw. aller Altersgruppen, in einer beispiellosen Art und Weise schikaniert. Auch diese Opfer haben sich mit großen Hoffnungen an den EGMR gewandt. Stattdessen verschloss der EGMR vor schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen in der Türkei die Augen.
Lassen Sie mich ein einfaches Beispiel nennen. Ahmet Altan ist ein 70 Jahre alter, weltberühmter Journalist. Aufgrund seiner Kritik an türkischen Menschenrechtsverletzungen wird er seit mehr als vier Jahren willkürlich seiner Freiheit beraubt. Der EGMR erhielt seinen Antrag vor 3 Jahren. Das Urteil in seinem Fall steht immer noch aus. Deshalb fragen er und seine Familie sich, was in aller Welt der EGMR in den letzten drei Jahren mit diesem Fall gemacht hat! Beabsichtigt der EGMR, sein Urteil zu verkünden, bevor Ahmet Altan 80 Jahre alt wird?
Ich weiß nicht, wie der EGMR solche Verzögerungen in diesen dringenden Fällen rechtfertigen kann und will.
Ich habe früher geglaubt, dass der EGMR ein Gericht ist, der immer standhaft bleiben wird und sein Versprechen hält, zu schweren Menschenrechtsverletzungen "NEVER AGAIN" zu sagen. Jetzt erlebe ich persönlich und aus nächster Nähe, dass Menschen, ob alt oder jung, inmitten einer Menschenrechtskrise und inmitten einer Pandemie, das Fehlen eines wahren Menschenrechtsgerichtshofs erleben.
Ich weiß nicht, was ich sonst noch tun kann, damit der EGMR endlich seiner Verantwortung gerecht wird und gegen diese nicht zu tolerierenden Menschenrechtsverletzungen einschreitet.
Ich weiß nicht, wie ich die Aufmerksamkeit des EGMR auf den Fall meines Vaters lenken kann, damit er dem Antrag die Beachtung schenkt, die notwendig ist und die er verdient. Sein Antrag muss umgehend bearbeitet werden und kann nicht länger warten.
Bitte sagen Sie mir, was ich tun kann. Ich bin für alle Vorschläge offen.
"ECtHR turns a blind eye on Turkey's human rights crackdown
My father is a 76 years old German/Turkish citizen. He has been held in a Turkish prison as a political detainee for more than 40 months now. He is very fragile due to his age and suffers from several medical conditions.
So far, we have exhausted every possible legal solution, including the European Court of Human Rights (ECtHR). But to no avail. This is an outcry of a desperate daughter for her father. Please hear me, and tell me what to do.
My father is an outspoken critic of the Turkish government’s systematic crackdown on human rights and the rule of law. He always defended that Turkey’s place lies with Western liberal democracies. During his police custody, the police offered my father to be released on the condition that he made a public announcement that Germany was planning subversive acts in Turkey. His announcement would have carried weight with the Turkish public, as his past employment in the Turkish intelligence service and his friendship to some western diplomats is common knowledge in Turkey. Now he is punished for his opinions and for his refusal to take part in this plot against Germany. 40 months of solitary confinement and no end in sight. According to the UN and the ECtHR, this amounts to ill-treatment and torture.
After having waited for a response from the Turkish Constitutional Court for more than 18 months, a team of well-known international human rights lawyers filed an individual application on behalf of my father against Turkey at the ECtHR on 30 April 2020. The application concerns my father’s politically motivated, arbitrary arrest, and the ill-treatment and torture he is being subjected to. The human rights violations are so clear-cut, that any sensible human being would be ashamed of the violations in this day and age.
So it was very disappointing when we had to wait for almost 8 months only to receive a letter of registration from the ECtHR.
Normally, the ECtHR has a policy that prioritizes applications, where the life or health of an applicant is concerned or where the detainment has resulted from an applicant exercising his basic human rights. Based on this, my father demanded his case to be prioritized, simply because he may not be alive anymore by the time the case is heard by the ECtHR unless it is prioritized. In some examples, it took the ECtHR more than 15 years to deliver judgment. My father would be 90 years of age by then.
Thus my father at least assumed that he would receive notice of his application within a short time. We were wrong, and we do not understand why this is happening.
The ECtHR was established with the motto, “never again!” Yet, it is happening again, and again, and again, systematically, in present-day Turkey. The ECtHR has not been living up to its motto of “never again”, simply by letting all these grave human rights violations take place under its watch. Why does the ECtHR not prioritize the application of a political prisoner of 76 years of age who continues to be subjected to arbitrary detainment, ill-treatment, and torture?
My father’s experience with the ECtHR is not an isolated incident. During recent years, masses including journalists, academics, politicians, etc. of all ages have been victimized in an unprecedented manner in Turkey. Those victims, too, applied to the ECtHR with high hopes. Instead, the ECtHR turned a blind eye to grave human rights violations in Turkey.
Let me give you one simple example. Ahmet Altan is a 70 years old world-famous journalist, who happens to be a fierce critic of Turkey’s human rights crackdown. He has been arbitrarily deprived of his freedom for more than 50 months now. The ECtHR received his application 3 years ago. It is yet to deliver its judgment with regards to the freedom of Ahmet Altan. Therefore, he and his family wonder what on earth the ECtHR has been doing with this case for the last three years! Does the ECtHR intend to deliver its decision before Ahmet Altan turns 80 years old?
I do not know how the ECtHR will justify such delays in these urgent cases.
I used to believe that the ECtHR was a real “Court” that will always stand firm to say “NEVER AGAIN” to grave human rights violations. Now, I experience first hand that people, old and young, amid a systematic human rights crisis and amid a pandemic, suffer to feel the absence of a real human rights court. I do not know what else I should do to make the ECtHR perform its inherent duties.
I don’t know how I am to attract the attention of the ECtHR to pay attention and swiftly process the application of my 76 years old father.
Please tell me what I can do."