Für einen Nachteilsausgleich beim Abitur 2020!

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Für einen Nachteilsausgleich beim Abitur 2020!
 
Im April dieses Jahres entschied sich die Kultusminister*innenkonferenz dafür, die Abiturprüfungen wie gewohnt abzuhalten. Dies geschah, obwohl sich zuvor tausende Schüler*innen, Lehrkräfte, Eltern und Weitere öffentlich gegen ein Abhalten der Abiturprüfungen aufgrund von CoVid19 äußerten. Das Erbringen von Prüfungsleistungen, die auf dem Auswendiglernen von bereits in den Jahren der Oberstufe behandeltem Wissen beruhen, stand für die verantwortlichen Politiker*innen über dem Wohl der Schüler*innen und dem Infektionsschutz. Trotz absehbarem Infektionsrisiko mussten also in den vergangenen Wochen ca. 350.000 Schüler*innen Prüfungen ablegen. Die vielfach geforderte Lösung eines Durchschnittsabiturs wurde ignoriert und mit der Begründung, in bestimmten Bundesländern seien schon Prüfungen geschrieben worden, als nicht tragbar dargestellt. 
Diese Entscheidung ist in vielerlei Hinsicht unverantwortlich.
Der unzureichende Infektionsschutz ist jedoch nicht der einzige Grund für die Kritik am Schreiben der Prüfungen. 
 
Die Bedingungen, unter denen in den vergangenen Wochen das Abitur geschrieben wurde, sind im Vergleich zu den vorherigen Abiturjahrgängen unfair. 
Aus folgenden Gründen ist ein angemessener Nachteilsausgleich notwendig:
 
 
1. Soziale Ungleichheit:
 
Der Erfolg beim Abhalten der Prüfungen hängt unmittelbar mit der sozialen Herkunft zusammen. Die ohnehin schon bestehenden, durch ungleiche Vermögensverteilung verursachten Disparitäten bei Lernenden zeigten sich in den vergangenen Wochen verstärkt. 
Beispielsweise hat in vielen Haushalten nicht jedes Familienmitglied einen eigenen Computer. Sich den Computer mit Eltern, die von zu Hause aus arbeiten müssen oder Geschwistern, deren Unterricht digital abgehalten wird, teilen zu müssen, schränkt die Vorbereitung deutlich ein. Auch digitale Lerngruppen fielen auf Grund von fehlenden Möglichkeiten für Einige aus.
Ebenso haben nicht alle Abiturient*innen ein eigenes Zimmer oder zu Hause eine geeignete Lernatmosphäre, konnten sich in den vergangenen Wochen jedoch nicht, wie sonst, in Bibliotheken, Schulen oder an andere Orte zurückziehen. Viele Schüler*innen waren für die Betreuung ihrer Geschwister zuständig, wenn die Eltern weiterhin arbeiten mussten.
Darüber hinaus fielen dieses Jahr zahlreiche Hilfestellungen, wie kostenlose Hausaufgabenhilfe oder Lerngruppen, weg. Abiturient*innen aus Familien, die sich teure Lernplattformen leisten können, waren klar im Vorteil.
 
 
 2. Dysfunktionale Familienverhältnisse 
 
Im Jahr 2019 gab es 4.100 Fälle von Gewalt an Kindern. 75% der Opfer leben mit den Täter*innen im gleichen Haushalt. In solchen Verhältnissen ist das Lernen für Prüfungen zeitweise unmöglich. In den Vergangenen Monaten stieg die Zahl der Anrufe wegen häuslicher Gewalt. In Zeiten der Pandemie und von #stayhome sind die Opfer häuslicher Gewalt besonders gefährdet. Die Gewalt nimmt zu und es ist schwieriger, sich dieser zu entziehen oder Hilfe zu holen. Von häuslicher Gewalt und anderen dysfunktionalen Familienverhältnissen betroffene Abiturient*innen hatten nicht die Möglichkeit, sich gleichwertig auf die Abiturprüfungen vorzubereiten. 
 
 
3. Psychische Belastung
 
Die psychischen Belastungen hatten während der Vorbereitungszeit und des Schreibens der Abiturprüfungen ein hohes Ausmaß: 
Durch wirtschaftliche Einschränkungen gerieten viele Familien in eine finanzielle Notlage und somit Existenznot. Diese Situation beschäftigt Betroffene und entstehende Ängste beeinflussen die Fähigkeit, sich auf sie Prüfungen zu fokussieren. 
Viele Menschen, die unter psychischen Krankheiten leiden, hatten in den vergangenen Monaten eine besonders schwierige Zeit. Soziale Isolation und Angst können bereits bestehende Krankheiten verschlimmern.
Das Wissen um eine globale Pandemie, die täglich Menschen das Leben kostet und die Angst um das Verlieren Angehöriger oder das eigene Infektionsrisiko setzten darüber hinaus den meisten Schüler*innen zu. Viele Schüler*innen litten dadurch unter Schlafproblemen und Konzentrationsschwierigkeiten, welche die Lernfähigkeit einschränken. Viele Schüler*innen leben mit Menschen aus Risikogruppen zusammen. Die Angst, sich bei den Prüfungen zu infizieren und somit Angehörige möglicherweise in Lebensgefahr zu bringen, erhöht den Stress in der Prüfungssituation enorm.

 
 
4. Organisatorische Mängel
 
Die Vorbereitungszeit war geprägt von ständig neuen Informationen. (In fast allen Nachbarländern wurden die Prüfungen abgesagt.) Ein häufiges Verschieben von Prüfungen sowie Unklarheit, ob diese überhaupt geschrieben werden würden, führten zu Unsicherheit, Motivationsverlust und weniger langfristigem Lernen.  
Außerdem verkürzten sich durch das Verschieben die zeitlichen Abstände zwischen den Prüfungen, wodurch das Schreiben und die Vorbereitung zusätzlich erschwert wurde. Die vorherigen Abiturjahrgänge hatten deutlich mehr Zeit zwischen ihren Prüfungen.
 
 
5. Ungleichheit zwischen Schulen und Bundesländern
 
Die Schüler*innen in ganz Deutschland waren sehr unterschiedlich auf die Prüfungen vorbereitet. Während einige Schüler*innen in der Vorbereitungszeit weiterhin Aufgaben und Informationen von ihren Lehrkräften erhielten, war anderen der Kontakt zu diesen nahezu unmöglich, obwohl sie durch die frühzeitige Schließung prüfungsrelevanten Stoff verpasst hatten. Andere hatten bereits alle relevanten Informationen im Vorfeld erhalten. 
 
 
6. Gesellschaftliche Ausnahmen
 
Viele Schüler*innen zeigten sich in der vergangenen Zeit solidarisch mit Menschen, die besonders hart von CoVid19 betroffen sind: Beispielsweise wurden Einkäufe für „Risikogruppen“ erledigt und Netzwerke für Menschen errichtet, welche sich „Social Distancing“ nicht leisten können. Für viele Schüler*innen hatte diese solidarische Arbeit in der Vorbereitungszeit auf die Prüfungen Priorität, was ihnen nicht vorzuwerfen, sondern, ganz im Gegenteil, anzurechnen ist.
 
 
Es zeigt sich also, dass sich die diesjährigen Abiturient*innen unter deutlich schwierigeren Bedingungen auf die Abiturprüfungen vorbereiten und diese Schreiben mussten, als die vergangenen Jahrgänge. Zusätzlich verstärkte das Virus die onehin schon bestehenden Disparitäten zwischen den Schüler*innen.
 
Wir wollen bundesweit faire Abiturbedingungen!
 
Daher fordern wir, dass unter den erwähnten Umständen beim diesjährigen Abitur der Schnitt der in Q1 bis Q4 erzielten Noten durch die Prüfungen nur verbessert, also nicht verschlechtert werden kann. Schüler*innen, die die Zulassung für das Abitur erhalten haben, die Semester also bestanden haben, sollen zudem nicht aufgrund der Prüfungen durchfallen können.
Dies würde einen Nachteilsausgleich darstellen, ohne am "Wert" unseres Abiturs etwas zu verändern. Unverantwortlicher Weise mussten wir die Abiturprüfungen so, wie die vorherigen Abiturjahrgänge ablegen. Der Lernumfang war derselbe, die Anforderungen also die gleichen. Und das, obwohl die Bedingungen für die Vorbereitungen in vielerlei Hinsicht deutlich schlechter waren. Das Prinzip, dass die in der Zeit der Pandemie erbrachten Leistungen den zuvor existenten Schnitt nicht verschlechtern können, wird in Deutschland bereits an vielen Bildungseinrichtungen bei anderen Stufen und Abschlüssen angewandt und wäre auch für das Abitur 2020 eine gerechte und nachvollziehbare Lösung. 
 
Nachteilsausgleich beim diesjährigen Abitur bundesweit!

Presseanfragen: fairesabi2020@riseup.net