
Der Berliner Kurier hat eine Umfrage zum SEZ und den Plänen des Senats gestartet. Michael Schuster, ehemaliger Sektorenleiter im SEZ, hat daran teilgenommen. Er weist darauf hin, dass das SEZ ein Stück Lebensgeschichte vieler Berliner ist. Es war ein beliebter Treffpunkt, ein Ort der Begegnung und des Spaßes für alle. Der absolute Renner war „SEZ komplett“, dabei wurden einmal im Quartal an 3 Tagen übers Wochenende alle Räume und Flächen inkl. Schwimmbad in eine Oase des Feierns, der Musik, der Kultur und der Begegnung verwandelt. Außerdem gab es die „Funzel-Abende“ mit Autoren des Eulenspiegelverlages, an denen Inka Bause die Gäste mit Gesang unterhielt. Und es gab auch Veranstaltungen wie „Mit Schwertern und Stäbchen“, ein Abend mit japanischer Küche und Karate-Darbietungen. Michael Schuster sagt, er verspüre Wut und Bedauern, der Verfall des SEZ schmerze. Er möchte sich fürs SEZ einsetzen und fordert andere Menschen auf, es ihm gleichzutun. Er ist der Meinung, dass es Mittel und Wege gibt, Häuser wie das SEZ zu erhalten, wenn man wirklich danach sucht. Das sehe ich genauso.
Jeder kann sich an der Umfrage beteiligen und seine Gedanken zum SEZ und den Abrissplänen des Senats schildern, per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com. Gern zahlreich teilnehmen.
Auch ich habe dem Berliner Kurier geschrieben und teile dies hier - als Überblick der Entwicklungen und Argumente zum Erhalt des SEZ:
Liebe Redaktion des Berliner Kuriers,
am 09.02.2024 haben Sie eine Vor-Ort-Umfrage zum SEZ veröffentlicht und um weitere Meinungen zum SEZ und den Plänen des Senats gebeten.
Ich bin eine der Initiatorinnen der laufenden Petitionen gegen den Abriss des SEZ und finde die Pläne des Senats skandalös!
Der Senat hat das SEZ an einen windigen Investor für 1 symbolischen Euro "verkauft". In einer Pressemitteilung des Senats vom 01.07.2003 wurde angekündigt, dass die Schwimmhalle des SEZ zu einem "modernen, familienfreundlichen Spaßbad" umgebaut wird. Zwar hat Herr Löhnitz das SEZ teilweise instand und öffentlich zugänglich gehalten, aber nie das Schwimmbad wiedereröffnet und schon gar nicht modernisiert. Das hatte er scheinbar auch nie vor, sein späterer Antrag auf Umnutzung des Geländes deutet auf sein wahres Interesse am wertvollen Grundstück in bester Innenstadtlage.
Der Senat war scheinbar froh, mit dem Verkauf das im Unterhalt teure Gebäude los zu sein und interessierte sich viele Jahre nicht dafür, dass der Investor das im Kaufvertrag geforderte Hallenbad nicht nach 5 Jahren wieder in Betrieb genommen hat. Erst nach einer Strafanzeige des Bundes der Steuerzahler gegen das Land Berlin wegen Veruntreuung öffentlichen Eigentums und auf Druck von Bürgerinitiativen (z.B. Gemeingut in BürgerInnenhand e.V.) erstritt der Senat letztlich das SEZ-Areal vor Gericht zurück.
Nachdem das BGH-Urteil vom November 2023 die Rückübertragung an den Senat final sicherstellt, soll das SEZ nun schnellstmöglich abgerissen und auf dem Filetgrundstück eine Schule und ein paar Wohnungen mit exklusivem Blick in den Volkspark Friedrichshain gebaut werden. Die geplanten Wohnungen werden für die meisten Wohnungssuchenden unerschwinglich und unerreichbar sein und sind in der aktuellen Wohnungsmisere nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Das SEZ vor Gericht zurück zu erstreiten mit der Begründung, dass das Schwimmbad nicht wieder in Betrieb genommen wurde, und es dann aber selbst abreißen zu wollen, macht die handelnden Politiker zudem sehr unglaubwürdig.
Mit dem Abriss des SEZ würde ein funktional, historisch und architektonisch wertvolles Gebäude unwiederbringlich zerstört. Dagegen gibt es zurecht viel Widerstand.
Neben mehrheitlich unterstützenden Kommentaren und Seiten in sozialen Medien (wie https://www.facebook.com/SEZberlin) wurden mehrere Petitionen gestartet, u.a.
- https://www.change.org/p/das-sez-sanieren-und-als-sport-und-freizeitfläche-für-alle-wiederöffnen (von meiner Familie und mir gestartet, mit aktuell mehr als 7.200 Unterschriften)
- https://www.gemeingut.org/civi-public/petition/sign/?sid=35&reset=1 (von Gemeingut in BürgerInnenhand e.V. gestartet)
Prominente und Politiker (wie Gregor Gysi, Dr. Gesine Lötzsch und Damiano Valgolio von der Partei Die Linke) sprechen sich ebenso für den Erhalt des SEZ aus wie Fachexperten.
So wurde ein offener Brief von Aedes-Mitgründerin Kristin Feireiss, Kunsthistoriker Adrian von Buttlar und der Präsidentin der Architektenkammer Berlin, Theresa Keilhacker, veröffentlicht:
https://www.ak-berlin.de/baukultur/meldungen/meldung/zum-erhalt-des-vom-abriss-bedrohten-sez-offener-brief.html
Darin wird postuliert, dass es sich beim SEZ um ein denkmalwürdiges Kulturerbe der DDR-Vergangenheit, eine Ikone der Nachkriegsepoche, ein Meisterwerk der „Organischen Architektur“ und des „Brutalismus“ sowie nach Eigenschaft und Bedeutung um ein Denkmal handelt, auch wenn die förmliche Eintragung in die Denkmalliste noch aussteht.
Ebenso wurde ein Artikel im Magazin BauNetz veröffentlicht:
https://www.baunetz.de/mobil/meldung.html?cid=8511472
Darin wird u.a. auf die hedonistische Architektur und die Ost-West-Planungsgeschichte des SEZ sowie den fragwürdigen Umgang der öffentlichen Hand mit denkmalwürdigen Bauten hingewiesen.
Das Kulturerbenetz Berlin hat das SEZ auf die Rote Liste bedrohter Bauten gesetzt:
https://kulturerbenetz.berlin/rote-liste-objekt/?id=28
Es weist sehr treffend darauf hin, dass eine Diskussion und fachliche Untersuchung des Nachnutzungspotenzials dringend geboten ist und dass das SEZ auch zum identitätsstiftenden baukulturellen Erbe der DDR gehört.
Von Dipl.-Ing. Carsten Joost wurden auch schon Alternativen zum aktuellen Bebauungsplan entworfen, die eine Schule und Wohnungsbau mit berücksichtigen, ohne das SEZ dafür abreißen zu müssen:
https://www.planungsagentur.de/sez/
Diese Alternativen zeigen, dass eine Überprüfung der bisherigen Planung lohnt und können als Grundlage für weitere Entwürfe dienen.
Der 5 Jahre alte Bebauungsplan gehört zwingend auf den Prüfstand. Vor einem übereiligen Abriss des SEZ täte der Senat gut daran, zunächst die Bausubstanz und einen Denkmalschutz prüfen zu lassen sowie einen städtebaulichen Wettbewerb, unter Bürgerbeteiligung, auszuloben. Die handelnden Politiker sollten sich darauf besinnen, dass sie im Auftrag der Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt über Steuergelder und Gemeingut verfügen.
Das SEZ ist nicht nur architektonisch und historisch bedeutsam, sondern vor allem funktional. Seit Jahren wächst die Bevölkerung unserer Stadt, aber die Infrastruktur wächst nicht in gleichem Maße mit. Es mangelt an Sport- und Freizeitangeboten, insbesondere an Schwimmbädern, die zur Daseinsvorsorge gehören und wichtig für die Lebensqualität in unserer Stadt sind. Abgesehen davon, dass es nach dem Abriss des Blub und der Schließung des SEZ keinerlei Spaßbad mehr in unserer Millionenmetropole gibt, gibt es grundsätzlich zu wenig öffentliche Schwimmbäder, die zudem durch Schul- und Vereinsschwimmen (beides sehr wichtig) häufig nicht öffentlich zugänglich sind. Viel zu viele kleine Kinder können deshalb nicht oder nicht ausreichend schwimmen lernen. Besonders prekär ist die Lage in den stark nachverdichteten Kiezen, ganz besonders auch im dicht besiedelten Friedrichshain. Deshalb brauchen wir das Sport- und Erholungszentrum genau an diesem zentral gelegenen Ort.
Mit seiner Absichtserklärung zu einer möglichen Olympiabewerbung gemeinsam mit anderen Städten hat der Senat sich zudem verpflichtet, vorhandene Sportstätten zu modernisieren und dem Breiten- und Schulsport zur Verfügung zu stellen. Dies steht im Widerspruch zum geplanten Abriss des SEZ.
Als Kind durfte ich das SEZ selbst erleben und habe besonders das Wellenbad und die Eislaufbahn geliebt. Ich wünsche mir, dass auch meine Tochter ebenso wie viele andere Kinder und Erwachsene wieder erleben können, welche wunderbaren Möglichkeiten für Sport und Erholung sich an diesem multifunktionalen, geschichtsträchtigen und absolut erhaltenswerten Ort bieten.
Ich hoffe, dass der vielfache Protest der Menschen im Senat nicht einfach ignoriert wird und werde mich weiter für den Erhalt einsetzen.
Mit besten Grüßen
Susanne Lorenz