Düsseldorf, wir müssen reden – Der Kita-Kollaps ist jetzt!

Das Problem

Die miserablen Zustände in den nordrhein-westfälischen Kitas sind spürbar und allgegenwärtig: Eine knappe personelle Besetzung führt oftmals zu Notbetreuung und schafft keinen Freiraum, um sinnhafte Förder- und Forderangebote zu bieten. Dies führt zu reichlich Unmut bei den Eltern, da diese ihrer Arbeit nachkommen müssen, bei pädagogischen Fach- und Ergänzungskräften, da der eigene Anspruch an die pädagogische Arbeit heruntergeschraubt werden muss und die Kinder so nicht mehr von der wertvollen pädagogischen Zeit profitieren. 

Die Kitas fühlen sich von den Gesetzgebern Allein- und vor allem im Stich gelassen! Die vom Gesetzgeber niedergeschriebenen Vorgaben klingen auf dem Papier gut, können aber in der Realität nur bedingt, bis gar nicht umgesetzt werden. Zumindest, nicht ohne dass Teams an den Rand ihrer Belastung gehen müssen, um allem überhaupt noch gerecht werden zu können. 

Die letzten Wochen ist bereits spekuliert worden, wie die neue Personalverordnung aussehen könnte. Viele Pädagogen und Pädagoginnen waren guter Dinge, dass sich die Situation vor Ort dadurch verbessern würde. Doch die jüngsten Pressemeldungen dazu sind für Kinder und Kollegen und Kolleginnen an der Basis ein Schlag ins Gesicht. Eine pädagogische Fachkraft soll zukünftig bei Personalengpässen für 60 Kinder verantwortlich sein, um den Betrieb nicht einschränken zu müssen. Teams, die ohnehin schon am Limit sind, werden somit weiter und sogar über ihre Belastungsgrenze getrieben. In der Praxis wissen wir alle, wie schnell wir an dem Punkt der Personalengpässe sind. Wir können davon ausgehen, dass es für viele Träger jetzt eine entgegenkommende Dauerlösung sein wird. Der Anspruch an die pädagogische Arbeit wird gezwungenermaßen weiter runtergeschraubt, da zukünftig nur noch Schadensbegrenzung und Verwahrung praktiziert wird. Und wer wird am allermeisten darunter leiden? Die Kinder.

Deshalb starten wir hiermit diese Petition. Wir hoffen, dass wir beim Land die Aufmerksamkeit und Gehör bekommen, um zukünftig Schlimmeres im Kita-Bereich abwenden und den Weg für eine bessere Zukunft ebnen können!

 

Düsseldorf, über folgende Punkte müssen wir mit Dir reden:

 

PERSONAL

Im Kern geht es bei diesem Punkt um drei Aspekte – der Personalschlüssel an sich, die Qualität des Personals und die langfristige Planung.

Durch das KiBiz fand zum einen eine Professionalisierung und zum anderen eine deutliche Qualitätssteigerung statt. Prinzipiell eine gute und sinnvolle Sache. Wir wollten in unserem Arbeitsfeld von unserer Zielgruppe und der Gesellschaft ernst genommen und gesehen werden. Wir haben verinnerlicht, dass wir eine Bildungseinrichtung sind und haben auch dieses (Selbst-)Bewusstsein! Seit dem KiBiz ist klar, dass nur fachlich entsprechend ausgebildete Menschen in den Einrichtungen tätig sein können. Was allerdings nicht mitbedacht worden ist, ist der Renteneintritt der Babyboomer. Diese gehen sukzessiv das letzte Jahrzehnt in den wohlverdienten Ruhestand. Dadurch brechen uns wertvolle Fachkräfte weg. Die Lücken, die sie hinterlassen, bleiben oft sehr lange offen, da die Schulen nicht in dem Umfang ausbilden können, wie Personal vor Ort benötigt wird. Darüber hinaus ist es auch so, dass sich das Betreuungsangebot erweitert hat – während es früher nur die Regelkindergärten gab, kommt nun der Bedarf der U3-Betreuung hinzu. All diese Gegebenheiten haben sich weit im Voraus abgezeichnet und waren den Entscheidungsträgern bewusst. Doch stattdessen macht man auf Landesebene aus einer Not eine Tugend und öffnet über die Personalverordnung weiteren Berufsgruppen den Weg in die Kita. Multiprofessionelle Teams sind nun die Lösung, die uns gerade bei einem Zuwachs an Kindern mit erhöhtem Förderbedarf helfen sollen. Dass diese neugewonnen Fachkräfte nicht unbedingt praxistauglich sind, haben viele Kollegen und Kolleginnen in ihrem beruflichen Alltag erlebt. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen – leider kann man diese allerdings gefühlt an einer Hand abzählen.

Der veranschlage Personalschlüssel in den Gruppen orientiert sich empirisch betrachtet eher an dem unteren Bedarf und setzt dabei voraus, dass man nur Regelkinder in dieser Gruppe hat. Wir sprechen dabei von zwei bis drei Fachkräften in den Gruppenformen I (20 Kinder im Alter von zwei Jahren bis zum Schuleintritt) und II (10 Kinder im Alter von vier Monaten bis drei Jahren), in der Gruppenform III (25 Kinder im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt) von einer Fachkraft und einer Ergänzungskraft. Wer den pädagogischen Alltag kennt, weiß, dass die Realität ganz anders aussieht. In der Regel gibt es mittlerweile in jeder Kita-Gruppe mindestens ein oder zwei Kinder, die erhöhten Förderbedarf haben. Die vorliegende und recht magere personelle Besetzung reicht oftmals lediglich für die Schadensbegrenzung in den Gruppen aus. DAS ist nicht unser Anspruch! Mittlerweile weiß man aus etlichen wissenschaftlichen Studien, dass ein idealer Personalschlüssel im U3-Bereich bei 1:3 und im Regelgruppenbereich bei 1:7,5 liegt (Vgl. Bertelsmann-Studie Mehr Plätze und bessere Qualität in Kitas bis 2030 – wenn jetzt entschlossen gehandelt wird (bertelsmann-stiftung.de)). Wir möchten handlungsfähig sein und den Kindern wieder gute Fördermöglichkeiten bieten, ohne den Eindruck zu haben, dass es immer eine (Teil-)Gruppe an Kindern gibt, die uns hinten runterfällt. ALLE Kinder verdienengleichermaßen unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung!

Eine weitere markante Schlüsselrolle bilden dabei die Einrichtungsleitungen. Die Rolle und die damit verbundene Funktion und Erwartung wird zunehmend komplexer. Der immer mehr werdende Verwaltungsaufwand, die pädagogische Leitung und Reflexion der täglichen Arbeit, Qualitätsmanagement, Elternarbeit und die Teamführung sind große Aufgaben, die täglich bewältigt werden müssen und auch genügend personelle Ressourcen erfordern. Gerade in ein-, zwei- und sogar dreigruppigen Einrichtungen sind Einrichtungsleitungen nicht komplett freigestellt und müssen anteilig Stunden in den Gruppen abdecken. Schwierige Zeiten, wie wir sie heute erleben, benötigen umso mehr eine gute und engmaschige Teamführung, um Kollegen und Kolleginnen gewissenhaft zu führen und aufzufangen, wenn sie auf Widrigkeiten stoßen. Dass im Alltag die Einrichtungsleitung auch als Bindeglied zwischen Träger, Therapeuten, dem LVR oder weiteren wirtschaftlichen Anbietern (vom Caterer bis zur Kita-Assistenz) und der Einrichtung agiert, ist vielen nicht bewusst. Auch in dieser Funktion müssen Einrichtungsleitungen oft Vor- und Nachbereiten – ein Beispiel, welches jeder kennt: das Erstellen von Förderplänen oder anderen Berichten.

Durch die komplette Freistellung der Einrichtungsleitungen würden in den Kitas entsprechend Fachkraftstunden freiwerden, die man gut für weitere Fachkräfte in die pädagogische Arbeit der Gruppen investieren könnte.

 

NOTFALLKONZEPT 

Alle Kinder haben gleichermaßen ein Recht auf Bildung. Das ist richtig und ein – im Falle einer Notbetreuung – sehr nobler Gedanke. Jedoch stößt uns und den Eltern die Handhabe um diese Regelung ziemlich bitter auf, denn, wenn wir von einem Notfallkonzept oder einer Notbetreuung sprechen, dann sprechen wir von einer NOT. Also, von einem Notfall, der nicht regelmäßig eintrifft. Wenn grundsätzlich auf einem akzeptablen Niveau Bildung in der Kita stattfindet, muss nicht in einer Notsituation, wie in einer Notbetreuung, nicht noch zusätzlich dieser Grundtenor mitschwingen. Die Eltern, die ohnehin schon den beruflichen Druck tagtäglich zu spüren bekommen und auch Existenzängste haben, werden durch rollierende Notfallsysteme noch mehr an ihre Belastungsgrenze getrieben, da sie unterschiedlichen Alltagsbaustellen gleichermaßen gerecht werden müssen. Wenn wir dann noch als Kita nach außen kommunizieren sollen, dass wir diese Herangehensweise als Vorgabe haben und es nicht unser Problem sei, wie die Eltern diese Ausfälle auffangen, bekommt man das Unverständnis und den Unmut der Familien deutlich zu spüren. Es ist dabei nicht selten, dass sich deswegen Eltern uns gegenüber im Ton vergreifen. Ja, das sind Lebensrealitäten, die jeden Tag in NRW an der Tagesordnung sind und wir, an der Front, kriegen den immer mehr werdenden Frust, Hilflosigkeit und Enttäuschung der Eltern gegenüber dem Land ab. Düsseldorf, stell Dir vor, Familien sitzen durch diese rollierenden Notfallkonzepte zu Hause und führen Strichlisten, um im Falle eines Ungleichgewichts die Kita darauf aufmerksam zu machen! Dann stehen die betroffenen Familien wieder auf der Matte und diskutieren mit dem durch die Notbetreuung ohnehin schon am Limit befindenden Personal, dass das SO nicht geht. Einige Einrichtungen berichten aus persönlichen Erfahrungen, dass, wenn sich ein personeller Engpass abzeichnet und die Eltern früh genug mit ins Boot genommen werden, sich auch untereinander wohlwollende Konstellationen bilden und man sehr darauf bedacht ist, die Familien zu unterstützen, die den dringenden Bedarf haben. Wir brauchen da eine bessere Lösung und hätten da auch einige gute Ideen für die zukünftigen Notbetreuungen.

 

INKLUSION

Dass wir allen Kindern eine Teilhabe am Alltag ermöglichen müssen, ist klar. Dagegen sträuben wir uns auch nicht, im Gegenteil. Auch wir sehen darin eine Chance, dass unsere Gesellschaft immer offener im Umgang miteinander wird.

Lasst uns mal über die Rahmenbedingungen für unsere Inklusionsarbeit sprechen. 

Die Zahl der Kinder mit Einschränkungen hat insgesamt zugenommen. Das ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern wird auch von Kinderärzten, Frühförderstellen, SPZ, usw. sehr deutlich kommuniziert. Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten, sozial-emotionalen Störungsbildern sowie Autismus-Spektrum Störungen werden in unseren Einrichtungen immer mehr und stellt die Kitas vor neue und große Herausforderungen. 

Seit dem 01. August 2020 hat die Basisleistung I (BTHG), das FiNK abgelöst. Damit haben sich die Zuständigkeiten bei der Beantragung geändert. Dies stellt uns als Einrichtungen vor unterschiedliche Herausforderungen, denn: Es gibt zwei Arten von Familien – die einen, die sich mit bürokratischen Anträgen und Vorgängen nicht gut auskennen (sei es sprachlich als auch inhaltlich) und die anderen, die die Notwendigkeit dieser Beantragung nicht sehen (können/wollen). In kollegialen Gesprächen haben wir schon einige Male die Rückmeldung gehört, dass sich Eltern mit der Basisleistung I überfordert fühlen und deswegen verstärkt unsere Unterstützung einfordern. Unterstützen wir zu viel, kriegen wir seitens des LVR recht deutlich mitgeteilt, dass dies, salopp gesagt, nicht unsere Baustelle ist. 

Ist der Antrag auf den Weg gebracht, kommt man als Träger bzw. Kita schon zur nächsten Fragestellung, wenn’s heißt „Gruppenstärkenabsenkung“ oder „zusätzliche Fachkraftstunden“. Beides ist mit pauschalen Fachkraftstundenbeziffert und orientiert sich nicht an der tatsächlichen Einschränkung der Kinder. Je nach Schwere des Förderstatus reichen diese pauschalen zusätzlichen Fachkraftstunden nicht aus, um die Kinder gewissenhaft zu fördern und zu betreuen – gerade, wenn man mehrere Kinder mit Einschränkung in der Gruppe hat. 

Aufgrund der aktuellen Sparmaßnahmen des LVR werden Kita-Assistenzen drastisch gekürzt bzw. nach sehr kritischer Prüfung bewilligt oder abgelehnt. Auch wenn von vornherein klar ist, dass das Kind eine 1:1-Betreuung benötigt, müssen Einrichtung vier bis sechs Monate die Basisleistung I als solches ausprobieren, um die Kita-Assistenz beantragen zu können. Und auch nach der Beantragung wirken die bewilligten (Fachkraft-)Stunden für die Kita-Assistenz oft willkürlich, denn oft ist es so gewesen, dass Kinder, die eine schwerere Einschränkung haben weniger Kita-Assistenz-Stunden bekommen, als solche, die eine leichtere Beeinträchtigung haben. 

Im Fall, dass eine Kita-Assistenz abgelehnt wird, muss das Bestandsteam die Förderung und Betreuung vor Ort allein händeln. Bei all der großen Not, die oftmals bei den Kindern mit Einschränkung vorliegt, fühlen sich die Teams im Stich gelassen, weil sie unter diesen Bedingungen nicht allen Kindern gleichermaßen gerecht werden können. Und auch an dieser Stelle geht die Abwärtsspirale weiter: Neben den immer weniger werdenden Ansprüchen an die eigene pädagogische Arbeit, keimt auf Frust und Verzweiflung auf, weil man nicht Herr über die Lage wird. Gerade bei jungen Kolleginnen ist es oft so, dass diese nach einiger Zeit ins Burnout rutschen. Von vielen Kollegen und Kolleginnen unterschiedlichen Alters habe wir gehört, dass sie, wenn sie die aktuellen Gegebenheiten und die voraussichtliche Entwicklung betrachten, nicht nochmal die Erzieherausbildung absolvieren würden. Es sind abschreckende Zeiten, selbst für die bestehenden Fachkräfte!

 

6.195

Das Problem

Die miserablen Zustände in den nordrhein-westfälischen Kitas sind spürbar und allgegenwärtig: Eine knappe personelle Besetzung führt oftmals zu Notbetreuung und schafft keinen Freiraum, um sinnhafte Förder- und Forderangebote zu bieten. Dies führt zu reichlich Unmut bei den Eltern, da diese ihrer Arbeit nachkommen müssen, bei pädagogischen Fach- und Ergänzungskräften, da der eigene Anspruch an die pädagogische Arbeit heruntergeschraubt werden muss und die Kinder so nicht mehr von der wertvollen pädagogischen Zeit profitieren. 

Die Kitas fühlen sich von den Gesetzgebern Allein- und vor allem im Stich gelassen! Die vom Gesetzgeber niedergeschriebenen Vorgaben klingen auf dem Papier gut, können aber in der Realität nur bedingt, bis gar nicht umgesetzt werden. Zumindest, nicht ohne dass Teams an den Rand ihrer Belastung gehen müssen, um allem überhaupt noch gerecht werden zu können. 

Die letzten Wochen ist bereits spekuliert worden, wie die neue Personalverordnung aussehen könnte. Viele Pädagogen und Pädagoginnen waren guter Dinge, dass sich die Situation vor Ort dadurch verbessern würde. Doch die jüngsten Pressemeldungen dazu sind für Kinder und Kollegen und Kolleginnen an der Basis ein Schlag ins Gesicht. Eine pädagogische Fachkraft soll zukünftig bei Personalengpässen für 60 Kinder verantwortlich sein, um den Betrieb nicht einschränken zu müssen. Teams, die ohnehin schon am Limit sind, werden somit weiter und sogar über ihre Belastungsgrenze getrieben. In der Praxis wissen wir alle, wie schnell wir an dem Punkt der Personalengpässe sind. Wir können davon ausgehen, dass es für viele Träger jetzt eine entgegenkommende Dauerlösung sein wird. Der Anspruch an die pädagogische Arbeit wird gezwungenermaßen weiter runtergeschraubt, da zukünftig nur noch Schadensbegrenzung und Verwahrung praktiziert wird. Und wer wird am allermeisten darunter leiden? Die Kinder.

Deshalb starten wir hiermit diese Petition. Wir hoffen, dass wir beim Land die Aufmerksamkeit und Gehör bekommen, um zukünftig Schlimmeres im Kita-Bereich abwenden und den Weg für eine bessere Zukunft ebnen können!

 

Düsseldorf, über folgende Punkte müssen wir mit Dir reden:

 

PERSONAL

Im Kern geht es bei diesem Punkt um drei Aspekte – der Personalschlüssel an sich, die Qualität des Personals und die langfristige Planung.

Durch das KiBiz fand zum einen eine Professionalisierung und zum anderen eine deutliche Qualitätssteigerung statt. Prinzipiell eine gute und sinnvolle Sache. Wir wollten in unserem Arbeitsfeld von unserer Zielgruppe und der Gesellschaft ernst genommen und gesehen werden. Wir haben verinnerlicht, dass wir eine Bildungseinrichtung sind und haben auch dieses (Selbst-)Bewusstsein! Seit dem KiBiz ist klar, dass nur fachlich entsprechend ausgebildete Menschen in den Einrichtungen tätig sein können. Was allerdings nicht mitbedacht worden ist, ist der Renteneintritt der Babyboomer. Diese gehen sukzessiv das letzte Jahrzehnt in den wohlverdienten Ruhestand. Dadurch brechen uns wertvolle Fachkräfte weg. Die Lücken, die sie hinterlassen, bleiben oft sehr lange offen, da die Schulen nicht in dem Umfang ausbilden können, wie Personal vor Ort benötigt wird. Darüber hinaus ist es auch so, dass sich das Betreuungsangebot erweitert hat – während es früher nur die Regelkindergärten gab, kommt nun der Bedarf der U3-Betreuung hinzu. All diese Gegebenheiten haben sich weit im Voraus abgezeichnet und waren den Entscheidungsträgern bewusst. Doch stattdessen macht man auf Landesebene aus einer Not eine Tugend und öffnet über die Personalverordnung weiteren Berufsgruppen den Weg in die Kita. Multiprofessionelle Teams sind nun die Lösung, die uns gerade bei einem Zuwachs an Kindern mit erhöhtem Förderbedarf helfen sollen. Dass diese neugewonnen Fachkräfte nicht unbedingt praxistauglich sind, haben viele Kollegen und Kolleginnen in ihrem beruflichen Alltag erlebt. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen – leider kann man diese allerdings gefühlt an einer Hand abzählen.

Der veranschlage Personalschlüssel in den Gruppen orientiert sich empirisch betrachtet eher an dem unteren Bedarf und setzt dabei voraus, dass man nur Regelkinder in dieser Gruppe hat. Wir sprechen dabei von zwei bis drei Fachkräften in den Gruppenformen I (20 Kinder im Alter von zwei Jahren bis zum Schuleintritt) und II (10 Kinder im Alter von vier Monaten bis drei Jahren), in der Gruppenform III (25 Kinder im Alter von drei Jahren bis zum Schuleintritt) von einer Fachkraft und einer Ergänzungskraft. Wer den pädagogischen Alltag kennt, weiß, dass die Realität ganz anders aussieht. In der Regel gibt es mittlerweile in jeder Kita-Gruppe mindestens ein oder zwei Kinder, die erhöhten Förderbedarf haben. Die vorliegende und recht magere personelle Besetzung reicht oftmals lediglich für die Schadensbegrenzung in den Gruppen aus. DAS ist nicht unser Anspruch! Mittlerweile weiß man aus etlichen wissenschaftlichen Studien, dass ein idealer Personalschlüssel im U3-Bereich bei 1:3 und im Regelgruppenbereich bei 1:7,5 liegt (Vgl. Bertelsmann-Studie Mehr Plätze und bessere Qualität in Kitas bis 2030 – wenn jetzt entschlossen gehandelt wird (bertelsmann-stiftung.de)). Wir möchten handlungsfähig sein und den Kindern wieder gute Fördermöglichkeiten bieten, ohne den Eindruck zu haben, dass es immer eine (Teil-)Gruppe an Kindern gibt, die uns hinten runterfällt. ALLE Kinder verdienengleichermaßen unsere Aufmerksamkeit und Unterstützung!

Eine weitere markante Schlüsselrolle bilden dabei die Einrichtungsleitungen. Die Rolle und die damit verbundene Funktion und Erwartung wird zunehmend komplexer. Der immer mehr werdende Verwaltungsaufwand, die pädagogische Leitung und Reflexion der täglichen Arbeit, Qualitätsmanagement, Elternarbeit und die Teamführung sind große Aufgaben, die täglich bewältigt werden müssen und auch genügend personelle Ressourcen erfordern. Gerade in ein-, zwei- und sogar dreigruppigen Einrichtungen sind Einrichtungsleitungen nicht komplett freigestellt und müssen anteilig Stunden in den Gruppen abdecken. Schwierige Zeiten, wie wir sie heute erleben, benötigen umso mehr eine gute und engmaschige Teamführung, um Kollegen und Kolleginnen gewissenhaft zu führen und aufzufangen, wenn sie auf Widrigkeiten stoßen. Dass im Alltag die Einrichtungsleitung auch als Bindeglied zwischen Träger, Therapeuten, dem LVR oder weiteren wirtschaftlichen Anbietern (vom Caterer bis zur Kita-Assistenz) und der Einrichtung agiert, ist vielen nicht bewusst. Auch in dieser Funktion müssen Einrichtungsleitungen oft Vor- und Nachbereiten – ein Beispiel, welches jeder kennt: das Erstellen von Förderplänen oder anderen Berichten.

Durch die komplette Freistellung der Einrichtungsleitungen würden in den Kitas entsprechend Fachkraftstunden freiwerden, die man gut für weitere Fachkräfte in die pädagogische Arbeit der Gruppen investieren könnte.

 

NOTFALLKONZEPT 

Alle Kinder haben gleichermaßen ein Recht auf Bildung. Das ist richtig und ein – im Falle einer Notbetreuung – sehr nobler Gedanke. Jedoch stößt uns und den Eltern die Handhabe um diese Regelung ziemlich bitter auf, denn, wenn wir von einem Notfallkonzept oder einer Notbetreuung sprechen, dann sprechen wir von einer NOT. Also, von einem Notfall, der nicht regelmäßig eintrifft. Wenn grundsätzlich auf einem akzeptablen Niveau Bildung in der Kita stattfindet, muss nicht in einer Notsituation, wie in einer Notbetreuung, nicht noch zusätzlich dieser Grundtenor mitschwingen. Die Eltern, die ohnehin schon den beruflichen Druck tagtäglich zu spüren bekommen und auch Existenzängste haben, werden durch rollierende Notfallsysteme noch mehr an ihre Belastungsgrenze getrieben, da sie unterschiedlichen Alltagsbaustellen gleichermaßen gerecht werden müssen. Wenn wir dann noch als Kita nach außen kommunizieren sollen, dass wir diese Herangehensweise als Vorgabe haben und es nicht unser Problem sei, wie die Eltern diese Ausfälle auffangen, bekommt man das Unverständnis und den Unmut der Familien deutlich zu spüren. Es ist dabei nicht selten, dass sich deswegen Eltern uns gegenüber im Ton vergreifen. Ja, das sind Lebensrealitäten, die jeden Tag in NRW an der Tagesordnung sind und wir, an der Front, kriegen den immer mehr werdenden Frust, Hilflosigkeit und Enttäuschung der Eltern gegenüber dem Land ab. Düsseldorf, stell Dir vor, Familien sitzen durch diese rollierenden Notfallkonzepte zu Hause und führen Strichlisten, um im Falle eines Ungleichgewichts die Kita darauf aufmerksam zu machen! Dann stehen die betroffenen Familien wieder auf der Matte und diskutieren mit dem durch die Notbetreuung ohnehin schon am Limit befindenden Personal, dass das SO nicht geht. Einige Einrichtungen berichten aus persönlichen Erfahrungen, dass, wenn sich ein personeller Engpass abzeichnet und die Eltern früh genug mit ins Boot genommen werden, sich auch untereinander wohlwollende Konstellationen bilden und man sehr darauf bedacht ist, die Familien zu unterstützen, die den dringenden Bedarf haben. Wir brauchen da eine bessere Lösung und hätten da auch einige gute Ideen für die zukünftigen Notbetreuungen.

 

INKLUSION

Dass wir allen Kindern eine Teilhabe am Alltag ermöglichen müssen, ist klar. Dagegen sträuben wir uns auch nicht, im Gegenteil. Auch wir sehen darin eine Chance, dass unsere Gesellschaft immer offener im Umgang miteinander wird.

Lasst uns mal über die Rahmenbedingungen für unsere Inklusionsarbeit sprechen. 

Die Zahl der Kinder mit Einschränkungen hat insgesamt zugenommen. Das ist nicht nur ein subjektives Gefühl, sondern wird auch von Kinderärzten, Frühförderstellen, SPZ, usw. sehr deutlich kommuniziert. Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten, sozial-emotionalen Störungsbildern sowie Autismus-Spektrum Störungen werden in unseren Einrichtungen immer mehr und stellt die Kitas vor neue und große Herausforderungen. 

Seit dem 01. August 2020 hat die Basisleistung I (BTHG), das FiNK abgelöst. Damit haben sich die Zuständigkeiten bei der Beantragung geändert. Dies stellt uns als Einrichtungen vor unterschiedliche Herausforderungen, denn: Es gibt zwei Arten von Familien – die einen, die sich mit bürokratischen Anträgen und Vorgängen nicht gut auskennen (sei es sprachlich als auch inhaltlich) und die anderen, die die Notwendigkeit dieser Beantragung nicht sehen (können/wollen). In kollegialen Gesprächen haben wir schon einige Male die Rückmeldung gehört, dass sich Eltern mit der Basisleistung I überfordert fühlen und deswegen verstärkt unsere Unterstützung einfordern. Unterstützen wir zu viel, kriegen wir seitens des LVR recht deutlich mitgeteilt, dass dies, salopp gesagt, nicht unsere Baustelle ist. 

Ist der Antrag auf den Weg gebracht, kommt man als Träger bzw. Kita schon zur nächsten Fragestellung, wenn’s heißt „Gruppenstärkenabsenkung“ oder „zusätzliche Fachkraftstunden“. Beides ist mit pauschalen Fachkraftstundenbeziffert und orientiert sich nicht an der tatsächlichen Einschränkung der Kinder. Je nach Schwere des Förderstatus reichen diese pauschalen zusätzlichen Fachkraftstunden nicht aus, um die Kinder gewissenhaft zu fördern und zu betreuen – gerade, wenn man mehrere Kinder mit Einschränkung in der Gruppe hat. 

Aufgrund der aktuellen Sparmaßnahmen des LVR werden Kita-Assistenzen drastisch gekürzt bzw. nach sehr kritischer Prüfung bewilligt oder abgelehnt. Auch wenn von vornherein klar ist, dass das Kind eine 1:1-Betreuung benötigt, müssen Einrichtung vier bis sechs Monate die Basisleistung I als solches ausprobieren, um die Kita-Assistenz beantragen zu können. Und auch nach der Beantragung wirken die bewilligten (Fachkraft-)Stunden für die Kita-Assistenz oft willkürlich, denn oft ist es so gewesen, dass Kinder, die eine schwerere Einschränkung haben weniger Kita-Assistenz-Stunden bekommen, als solche, die eine leichtere Beeinträchtigung haben. 

Im Fall, dass eine Kita-Assistenz abgelehnt wird, muss das Bestandsteam die Förderung und Betreuung vor Ort allein händeln. Bei all der großen Not, die oftmals bei den Kindern mit Einschränkung vorliegt, fühlen sich die Teams im Stich gelassen, weil sie unter diesen Bedingungen nicht allen Kindern gleichermaßen gerecht werden können. Und auch an dieser Stelle geht die Abwärtsspirale weiter: Neben den immer weniger werdenden Ansprüchen an die eigene pädagogische Arbeit, keimt auf Frust und Verzweiflung auf, weil man nicht Herr über die Lage wird. Gerade bei jungen Kolleginnen ist es oft so, dass diese nach einiger Zeit ins Burnout rutschen. Von vielen Kollegen und Kolleginnen unterschiedlichen Alters habe wir gehört, dass sie, wenn sie die aktuellen Gegebenheiten und die voraussichtliche Entwicklung betrachten, nicht nochmal die Erzieherausbildung absolvieren würden. Es sind abschreckende Zeiten, selbst für die bestehenden Fachkräfte!

 

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Petition am 23. November 2024 erstellt