Thorsten WassermeyerGermany
Mar 7, 2022

Die Ereignisse überschlagen sich und die Stimmung heizt sich offensichtlich weiter auf. Von der BILD ist natürlich nichts anderes zu erwarten. Fordert Springer Chef Mathias Döpfner in der BILD vom 4.3. doch tatsächlich ein Eingreifen von Nato-Truppen. Am ausgewogensten finde ich zurzeit das, was von der ZEIT kommt und ich bin erleichtert, dass sich endlich auch mal besonnenere Stimmen zu Wort melden, die vor den möglichen Folgen der zunehmenden Eskalation eindringlich warnen. Oder jene, die auf die schwierige Lage von Männern zwischen 18 und 60 Jahren hinweisen, die aufgrund des Kriegsrechts in der Ukraine zum Gang an die Waffe gezwungen werden, obwohl sie ihre Familien gerne bei der Flucht begleiten würden. Was ich verstörend finde, ist, dass man sich zurzeit nicht selten dafür rechtfertigen muss, gegen die Lieferung von Waffen in die Ukraine zu sein. Obwohl im gleichen Atemzug nahezu alle der Meinung sind, dass es nichts nutzen wird, es den Konflikt allenfalls verlängern wird. Mir ist ein Artikel der Irish Times (ich verlinke ihn unten) aufgefallen, in der sich zwei irische Mitglieder im europäischen Parlament nach Anfeindungen tatsächlich dafür rechtfertigen müssen, warum sie gegen eine EU-Resolution stimmten. Nur weil Mick Wallace und Clare Dalyweil gegen die ebenfalls in der Resolution enthaltene Forderung nach weiteren Waffenlieferungen sind, wurde ihnen unterstellt, dass sie den Angriff Putins auf die Ukraine nicht verurteilen möchten. Doch, tun sie. Und zwar klar und deutlich. Ein Problem sahen sie jedoch darin, dass mehr Waffen die Spirale militärischer Eskalation weiter anheizen könnten.

Auch ich möchte von meiner Seite nochmal klarstellen: Ich bin nicht per se gegen Waffen - es wäre naiv zu glaube, dass eine Welt ohne Waffen keine Kriege mehr aushalten müsste. Irgendjemand wird immer versuchen, sich durch Einsatz von Gewalt Vorteile zu verschaffen. In Friedenszeiten sind Waffen mithin ein wichtiger Garant, diesen Frieden aufrecht zu erhalten, da sie einem äußeren Aggressor die Verteidigungsbereitschaft eines Landes anzeigen. Sie in ein Kriegsgebiet zu liefern ist und bleibt aber eine aktive Teilnahme an dem Krieg und kann in diesem besonderen Fall bekanntermaßen in eine nicht zu wollende Eskalationsspirale münden.

Irgendwie erinnert so Vieles gerade an den Ausbruch des 1. Weltkriegs. Ich habe die Talkrunde bei Anne Will vom 6.3. nicht verfolgt, aber was ich nun in der Presse las, ließ mich schaudern. Der Vorwurf des anwesenden ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk, EU und Nato würden den Krieg nur verzögern aber nicht verhindern können, ist genau die Argumentation, die auch 1914 in Europa vorherrschte. Ich hoffe, nicht nur die Bundesregierung, sondern auch die Nato als Ganzes, insbesondere die USA bleiben bei ihrem Vorsatz, nicht militärisch in diesen Krieg einzugreifen (wobei ich die nun angesprochene Lieferung von polnischen Flugzeugen mehr als grenzwertig finde). Überhaupt halte ich die aufgeheizte Stimmung in den Medien und der Zivilgesellschaft für erschreckend unbedacht. Den Vorwurf von Melnyk, man verzögere einen sowieso notwendigen Krieg mit Russland nur unnötig, finde ich völlig deplatziert und geschmacklos. Die Solidarität der EU und der Weltgemeinschaft gehört voll und ganz der Ukraine. Mit solchen Sprüchen manövriert man sich aber ins Abseits. Die Politik gleicht gerade einem Ritt auf dem Vulkan. Wie weit kann man sich an den Krater heranwagen? Welcher Schritt wäre einer zu weit, um in den Abgrund zu stürzen? Es klingt bitter, aber der Aussage von Frans Timmermans, Putin mache keinen Rückzug, eher eskaliere er weiter (was den Einsatz von noch grausameren Waffen bedeuten würde), um sein militärisches Ziel zu erreichen, stimme ich zu. Das ist es, was mir Sorge bereitet. Nicht nur wegen der ukrainischen Bevölkerung, sondern auch und vor allem, weil die uns dann flutenden Bildern von diesem schrecklichen Krieg vielleicht doch noch den einen oder die andere Verantwortliche dazu verleiten könnten, eine Entscheidung zur Einrichtung einer Flugverbotszone oder ähnlichem zu treffen und Putin dazu zu veranlassen, den Konflikt auf andere Länder auszuweiten (gerade dann, wenn er mit dem Rücken völlig an der Wand steht). Das wäre fatal. Noch ist das kein Thema, aber wie gesagt: Ausschließen kann man nichts mehr. Umso wichtiger ist es, besonnen zu bleiben und jede Entscheidung abzuwägen hinsichtlich ihrer Konsequenzen. Wie es in der Diskussion bei Anne Will mehrfach hieß: Militärisch wird die Ukraine kaum gewinnen und falls doch, wie hoch ist der Preis dafür und wer ist bereit ihn ggf. auch mit weiteren Menschenleben zu bezahlen? Auch wir hier in der EU? Und auch da waren sich alle einig, dass Russland es nicht schaffen würde, eine Marionettenregierung einzusetzen. Ich weiß nicht, ob es im Militärjargon dieses Wort gibt: Aber wäre eine "strategische Niederlage" der Ukraine nicht das bessere Mittel? Dann kämen auch im späteren Verlauf die Sanktionen voll zum Tragen. Ich glaube, im Moment kann es nur darum gehen, die humanitäre Situation in der Ukraine zu verbessern, alles andere muss danach angepackt werden.

Bitte teilt die Petition weiter, wo immer ihr könnt. Wir brauchen mehr Unterstützung. Ich glaube, es ist es wert.

Anne Will Talkrunde:
https://www.ardmediathek.de/video/anne-will/krieg-gegen-die-ukraine-wie-weit-wird-putin-gehen/das-erste/Y3JpZDovL25kci5kZS8zZjBkNjI3OS02NjY4LTQ5NWItOTFhZi1kMTlmZjg0NWNhN2Q

Über die Schwierigkeit, den Kriegsdienst zu verweigern:
Die ZEIT (leider nur noch als ZEIT+ Artikel): https://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2022-03/ukraine-russland-krieg-maenner-widerstand-flucht#paywall

 

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