#UnserePerspektive

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#familienperspektive #kinderperspektive #frauenperspektive

Ein Aufbegehren gegen das Vergessenwerden und den gesellschaftlichen Rollback in Zeiten von Corona

Die jüngsten Beschlüsse zu Beschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung der COVID19-Epidemie der Bundesregierung und der Ministerpräsident*innen haben einen großen blinden Fleck, denn die Perspektiven von Familien, insbesondere von Kindern und Jugendlichen sowie all den Menschen in erzieherischer Verantwortung, insbesondere Frauen wird nahezu ausgespart. 

Die ganze Welt - und so auch die Bundesrepublik Deutschland - befindet sich im Ausnahmezustand, der von den Regierenden einiges an kompensatorischer Fähigkeit abverlangt; sie müssen weise Entscheidungen treffen und die Gesellschaft durch die Krise steuern - dafür ist „die Politik" da! Und es hat sich in den vergangenen Wochen auch unter Beweis gestellt, wie wandelbar, einig und schnell sie funktionieren kann - wohl viel mehr als es viele von uns für möglich gehalten hätten.

Doch anstatt dem Großteil ihrer Bevölkerung, nämlich den 8 Millionen Familien, den 14 Millionen Kindern und 41 Millionen Frauen, ein ehrliches Angebot zum Überleben in der Krise zu machen, lässt die Bundesregierung diese vulnerablen Gruppen im Regen stehen. Es wird Zeit wieder politisch zu diskutieren! Wir können diese Krise nur meistern, wenn wir sie gemeinsam anpacken und alle Facetten der Gesellschaft betrachten, ihnen zuhören und Hand in Hand Lösungen finden.

Besonders die minorisierten Gruppen in dieser Gesellschaft leiden unter der Krise. Viele Fragen der Integration und Inklusion, der Unterstützung von schutzbedürftigen Familien bleiben unbeantwortet und Familien, die eigentlich auf Unterstützung angewiesen wären, oft allein. Betrachtet man die Einschränkung der Menschenrechte in anderen Bereichen, zum Beispiel beim Recht auf Asyl oder dem Recht auf Gesundheit, wird deutlich dass sich die Lage zuspitzt. Rassismus ist ein kaum thematisiertes Problem, obwohl von asiatisch-deutschen Familien vielfach berichtet wird, dass sie, schon im Januar keinen Ärzt*innentermine mehr bekamen, obwohl sie sich nicht in China und Wuhan aufgehalten haben Immer wieder werden people of color auch im Kontext von Corona auf der Straße offen angefeindet. Dagegen müssen wir als Gesellschaft gemeinsam aufstehen und solche Attacken und Missstände gemeinsam zurückdrängen.

Es wird über deutlich: Bereits bestehende soziale Problemlagen verschärfen sich in der Krise Tag für Tag. Längst ist die Corona-Krise keine Krise des Gesundheitssystems mehr. Sie droht zu einer sozialen Krise historisches Ausmaßes zu werden und sie bedroht unser aller Grundrechte. ,

Deshalb fordern wir ein, dass in Deutschland und Europa darüber diskutiert wird, in welcher Gesellschaft wir leben wollen während und nach der Krise. Welche politischen Weichenstellungen wollen wir? Welche Maßnahmen sind verhältnismäßig und notwendig? Wir wollen zurück in den Diskurs. Und für diesen Diskurs bringen wir unsere Perspektive ein, die bei den letzten Beschlüssen keine Beachtung fand. 

 

#Familienperspektive

So ist die familiäre Situation vieler Orts prekär. Gerade Familien mit niedrigem bis mitteleren Einkommen sind durch die (aus Gründen des öffentlichen Gesundheitsschutzes) notwendigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens auf ihre oft zu kleinen Wohnungen als einzigen Aufenthaltsort zurückgeworfen. So ist oft weder der gerade für Kinder benötigte Bewegungsfreiraum noch ein benötigter Rückzugsort gegeben, was zu Zerwürfnissen führen kann und sich auch nicht zuletzt bereits jetzt in den Fallzahlen häuslicher Gewalt niederschlägt. 

Gerade der Druck in konfliktbelasteten Familien steigt enorm: queere Jugendliche beispielsweise berichten derzeit von der Problemlage, von ihren Communities abgeschnitten zu sein und in ihrer Familie keinen Rückhalt zu finden. Innerfamiliäre Diskriminierung, ist schon ohne die massiven Einschränkung der Pandemie eine viel zu wenig beachtete Gefährdung. In dem Moment, in dem sich Betroffene der Situation nicht mehr entziehen können, können diese Probleme jedoch zur Bedrohung von Leib und Seele werden. Wir wissen aus anderen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisensituationen, dass die Suizid- und Depressionsraten ansteigen. Deshalb müssen bestehende Angebote für Menschen die Hilfe suchen, unter Einhaltung von Abstands- und Hygeniestandards aufrechterhalten und da wo es keine, wie zum Beispiel Notschlafstellen für junge Menschen gibt, sind solche Angebote zur Verfügung zu stellen. 

Für Alleinerziehende (zu 91% weiblich), denen nun weitestgehend jede Ablösung und erzieherische Unterstützung durch die meist in Risikogruppen klassifizierten Großeltern wegbricht, ist die Situation nicht haltbar. Die von der Bundesregierung festgeschriebenen Maßnahmen sind in ihrer Struktur darauf angelegt von zwei Elternteilen getragen zu werden. Wir begrüßen sehr, dass einige Bundesländer dennoch die Notbetreuung für Alleinerziehende geöffnet haben.

Doch auch Patchwork-Familien, Polykonstrukte und Regenbogenfamilien sind von struktureller Diskriminierung betroffen: etwaige Kontaktverbote für den öffentlichen Raum können für die Trennung von Familien beziehungsweise die öffentliche Ächtung sorgen, wenn spazierende Konstellationen vieler Personen nicht dem „klassischen“ Familienbild entsprechen.

Es ist eine zutiefst soziale Frage: Wer zuvor bereits Privilegien genossen hat, kann auch die derzeitige Situation meistern. Familien bildungsferner Schichten oder beispielsweise Elternteile mit (migrationsbedingter) Sprachbarriere jedoch leiden doppelt unter den Maßnahmen des Corona-Krisenmanagements. So ist für sie die Beschulung der eigenen Kinder oft eine nicht zu lösende Herausforderung. 

Kinder die von Armut betroffen sind haben auch einen einen Anspruch auf Leistungen zur Bildung und Teilhabe, einschließlich einer gemeinschaftlichen Verpflegung in Einrichtungen wie Kita, Hort und Schulen. Mit deren Schließung ist auch diese Leistung ersatzlos weggebrochen. Die Kompensation können die Familien nicht leisten. Die Mehrbedarfe dieser Familien müssen unbürokratisch und schnell anerkannt und gewährt werden.

Grundsätzlich gilt auch: Die Chancen-Ungleichheit der lernenden Kinder und Jugendlichen wird durch das Homeschooling potenziert. Lernerfolge werden nachhaltig durch Corona beeinträchtigt. Ganz zu schweigen vom Schaden, den jede Eltern-Kind-Beziehung in dieser unhaltbaren Situation nehmen kann.

Auch im „klassischen“ Familienmodell (mit zwei Elternteilen) übersteigt die derzeitige Doppelbelastung der Erziehenden, die sowohl die Betreuungsarbeit in vollem Umfang als auch eine Homeoffice-Tätigkeit oder systemrelevante Stellen voll ausfüllen müssen, was auf Dauer nicht leistbar ist. - Nicht umsonst werden diese Aufgaben in unserer Gesellschaft regelhaft geteilt. 

Die Folgen dieser überfordernden Situation sind wahlweise Vernachlässigung der Kinder, des Berufes oder die Selbstaufgabe der Eltern. Sowohl lang- wie kurzfristig kann dies zu existenzbedrohlichen Szenarien führen, die unser Sozialstaat dringend durch kompensatorische Mittel verhindern muss.

Entlastung ist dringend erforderlich: Lohnersatzleistungen und Kündigungsschutz solang die Krise anhält sowie die überfällige Entlastung bei der Beschulung eigener Kinder, zum Beispiel durch E-Learning wie in Finnland, wären erste Schritte zur Verbesserung dieser Situation. Wir müssen zudem sicherstellen, dass alle Kinder auch die technischen Voraussetzungen haben, um überhaupt die Chance auf Lernen und regelmäßigen digitalen Kontakt mit Leherer*innen und Freund*innen haben. 

 


#Kinderperspektive

Fachverbände warnten bereits Mitte März davor, dass Kinder in der Krise aus dem Blick gerieten und dies gerade für gewaltgefährdete Kinder und Jugendliche ein bedrohliches Szenario sei. Viele Jugendämter in der ganzen Bundesrepublik melden, dass bei ihnen weniger Fälle eingingen als vor dem Ergreifen der Corona-Maßnahmen. Das ist  ein alarmierendes Zeichen, denn alle wissenschaftlichen Erkenntnisse sprechen dafür, dass die  a Dunkelziffer massiv ansteigt. Durch das Wegfallen von Schule und Kita, offener Kinder- und Jugendarbeit und der Reduzierung von Sozialarbeit, brechen diejenigen Kontaktpersonen weg, die hinsehen und professionell unterstützen und  so Sorge für das Kindeswohl tragen.. Wir brauchen endlich wirksame Konzepte dafür, wie in Zeiten von Corona Gewaltprävention absichern und niedrigschwellige Beratungs- und Hilfsangebote und auch verlässliche, sichereZufluchtsorte.

Doch um das Kindeswohl zu schützen, braucht es mehr als das. Kinder und Jugendliche sind die Bevölkerungsgruppe, die nach wissenschaftlicher Einschätzung am wenigsten vom Corona-Virus betroffen sind, durch das „solidarische“ Krisenmanagement jedoch mit am meisten leiden. Die Verwirklichung von Entwicklungs- und Sozialisationsmöglichkeiten junger Kinder ist durch die Schließung jeglicher öffentlicher Kinderbetreuung (ob Kita oder Schule) quasi unterbunden. Nicht einmal im kleinen Kreis ist es ihnen mehr erlaubt mit Gleichaltrigen Kontakt aufzunehmen. 

Kinder sind auch Grundrechtsträger, haben aber derzeit keine Möglichkeit ihre ihnen grundrechtlich zustehende Lebensdimensionen angemessen zurückzubekommen. Kinder wie auch die meisten Eltern scheinen durch Covid-19 eher gering gefährdet zu sein, sind aber in besonderer Weise auf Fürsorge und Begegnung angewiesen. Sie haben den größten Bewegungsdrang, aber keine Möglichkeit mehr gegeben auf Spielplätzen oder gar im nicht-vorhandenen eigenen Garten zu toben. Sie sehen keine Freund*innen, Großeltern oder andere Bezugspersonen außer ihre Eltern. Sie sind dazu verdonnert, zu leben wie Erwachsene: isoliert, gemäßigt und leise.

Kinder die besondere Förderbedarfe haben, werden womöglich sogar deutlich in ihrer Entwicklung zurückgeworfen. 

Wir haben in Deutschland in den vergangenen Jahren umfangreiche subjektive Rechtsansprüche für frühkindliche Bildung und Betreuung geschaffen. Das waren Meilensteine für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und für mehr Bildungsgerechtigkeit. Dänemark hat gezeigt, dass man diesen Werten auch in der Krise den Vorzug geben kann.  Es ist ganz klar, dass Corona alle, also auch Kinder, dazu zwingt zurückzutreten und einige Freiheitsrechte eingeschränkt bleiben. Kindern jedoch so pauschal und ohne Perspektive die Erfüllung wichtiger Grundbedürfnisse für mehrere Monate zu verweigern, ist verfassungsrechtlich hochbedenklich und es wird eine ganze Generation negativ in ihrer Entwicklung beeinflussen. 

Wir müssen Kinder nicht gleich zu „Superspreadern“ machen, um ihre elementarsten Bedürfnisse zu berücksichtigen. Die Erlaubnis, sich im Kreis von zwei bis drei Freund*innen begegnen zu dürfen, das Kita-Angebot im Mehrschichtbetrieb, mit kleinen Gruppen und viel Angebot unter freiem Himmel schrittweise aufzubauen und die Infektionsketten darüber hinaus so kurz zu halten wie irgend möglich, untergräbt die Auflage des Social-Distancings in ihrem Kern nicht, machte die Jüngsten aber nicht länger zu den Verlierer*innen dieser Krise. Auch für die Kinder, die wir aus Gründen des Kinderschutzes besonders im Blick haben müssen, brauchen wir eine besondere Fürsorge. Gerade hier ist es wichtig, dass Lehrer*innen, Erzieher*innen und fallführende und insofern erfahrene Fachkräfte, gemeinsam mit den jeweiligen Trägern, die Kinder und ihre Familien intensiv unterstützen und im ständigen Austausch sind, damit rechtzeitig für Hilfe und Entlastung gesorgt werden kann. Viele Jugendverbände und Spielmobile können zudem eingebunden werden in neue, kreative Angebote für Kinder und Jugendliche in Zeiten der Krise. Wir haben sehr viel Potentiale in diesem Bereich, die es zu heben und zu fördern gilt. 

 


#Frauenperspektive

Und auch Frauen* sind in vielfacher Hinsicht besonders von den Folgen der Pandemie betroffen. Denn sie tragen die Hauptlast: Im Gesundheitssystem, bei den finanziellen Folgen und bei der Betreuung und Beschulung der Kinder wie oben beschrieben, denn auch im 21. Jahrhundert wird Care-Arbeit noch zum Löwinnenanteil von Frauen* getragen. Alle oben beschriebenen Problemlagen richten sich vor Allem an sie: Ihre Karrierechancen verschlechtern sich und das Risiko Opfer von häuslicher Gewalt zu werden steigt. Damit sind Frauen* zum einen diejenigen, auf die wir uns als Gesellschaft in der Krise erheblich stützen, während die Benachteiligung von Frauen* dabei noch größer wird.

Schauen wir auf die Wirtschaft: Egal ob im Einzelhandel oder in anderen Wirtschaftszweigen, es sind Menschen in und aus Familien, die dort arbeiten. Mütter und Väter, die versuchen alles zu geben und uns als Gesellschaft mit durch diese Krise zu tragen. 

Wir haben in den letzten Jahrzehnten unsere Gesellschaft und Wirtschaft auf eine neue Basis gestellt. Ihr Erfolg hängt auch von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ab. Es darf hier kein Gegeneinander geben, sondern ein Miteinander mit möglichst fairer Aufgabenverteilung. 

Bei der Frage, wer zwecks "Bespielung" und "Beschulung" aber auch Fürsorge für ältere Familienmitglieder zu Hause bleibt, fallen immer mehr Paare in Gender- und Rollenstereotype zurück, die an die Fünfzigerjahre erinnern. Die Coronakrise verstärkt die Gefahr in alte Gender- und Rollenstereotype zurückzufallen. Ein solches Rollback dürfen wir nicht zulassen! Wir fordern daher Elternzeit, Kündigungsschutz und Lohnersatzleistungen für Eltern, mit Anreizen sich die Care-Arbeit zu teilen.

 


Aufbegehren und Forderungen an die Bundesregierung und die Bundesländer

Wenn die Bundesregierung und die Ministerpräsident*innen in wenigen Tagen wieder über den Umgang mit Lockerungen und Maßnahmen zur Corona-Pandemie beraten, appellieren wir an sie: 

Nutzen sie Daten, Fakten und die wissenschaftliche Erkenntnisse die interdisziplinäre und generartionen- und geschlechtergerechte Perspektiven ermöglichen. Wir wollen von Ihnen, dass sie konkrete Maßnahmen ergreifen um die Auswirkungen und Folgen der Corona-Krise für Familien, Frauen*, Kinder und Jugendliche sowie andere vulnerable Gruppen abmildern und prekäre Lebenssituationen verhindern. Nur so kann die Bewältigung der Krise in einem fairen Ausgleich organisiert werden.   

Wir wollen mit diesem Aufbegehren die Entwicklung eines anderen Krisenmanagements anstoßen, das nicht mehr nur der Wirtschaft angepasst ist sondern vielmehr den Menschen: den Familien und Kindern, den Frauen, den vulnerablen Gruppen, die derzeit durch alle Maschen fallen. Und wir sind uns im klaren, dass auch wir nicht alle Perspektiven einnehmen können. 

Deshalb fordern wir alle Menschen, die unser Aufbegehren teilen, dazu auf, unter dem Hashtag: „#UnserePerspektive“ ihre Corona-Geschichte zu erzählen und Wünsche an das Krisenmanagement zu formulieren und auf blinde Flecken hinzuweisen