
Aus dem folgenden Arikel zieht Thomas Kriedel ein verheerendes Fazit über die bisherige Implementierung der Telematikinfrastruktur:
- das, was entlasten soll, entlastet nicht
- das, was vereinfachen soll, wird komplizierter
Diese Technologie, die unter finanziellem Zwang und Strafandrohung von der Politik auf Biegen und Brechen eingeführt wurde, ist zum Scheitern verurteilt.
Dieses technische Produkt würde in der Stiftung Warentest mit der Note ungenügend bewertet werden.
Mrd . Versichertengelder werden weiter sinnlos in dieses Projekt vergeudet. Wann endlich hört der Dirigent, dass hier falsche Töne gespielt werden?
Datenschutz und Selbstbestimmungsrecht werden weiterhin mit Füßen getreten!
Ein klares „Nein“ zur TI
Artikel aus dem ÄND
„Das hat auch mich frustriert“
Sechs Jahre kümmerte sich Thomas Kriedel im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung um alles rund um die Digitalisierung. Vor seinem Abschied in der kommenden Woche sprach er mit dem änd über unausgereifte TI-Anwendungen, frustrierende Gespräche mit der Gematik und eine Reise nach Kanada.
KBV-Vorstand Kriedel zieht Digitalisierungsbilanz
Kriedel: „Ich hatte anfangs die Illusion, dass man mit Digitalisierung Prozesse vereinfachen, verschlanken und verbessern kann. Das ist leider nicht in Erfüllung gegangen.“©lopata/axentis.de
Herr Kriedel, Sie haben sich jetzt sechs Jahre lang als Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung um IT-Themen gekümmert, waren der Ansprechpartner in der KBV für alles rund um TI und Digitalisierung. Davor waren Sie in ähnlicher Funktion bei der KV Westfalen-Lippe tätig. Würden Sie sich mittlerweile als Fachmann für Digitales bezeichnen?
Ich bin kein IT-Fachmann. Aber was die Probleme und Chancen der Digitalisierung angeht, habe ich sehr viel lernen müssen in den vergangenen Jahren. Ich habe einen realistischen Blick dafür bekommen, was man mit Digitalisierung machen kann und was nicht.
Die Einführung der Telematikinfrastruktur hat in den Praxen für viel Frust gesorgt. Immer wieder sorgten Ausfälle und Pannen für Verzögerungen im Praxisalltag. Wie viele schlaflose Nächte hat diese TI Ihnen beschert?
Ich habe Gott sei Dank schlafen können, aber das Thema hat mir schon große Sorgen bereitet. Gerade weil diese ganzen Probleme auf die Praxen eingeprasselt sind. Wir haben – durch den Gesetzgeber veranlasst – unausgereifte Technik in die Praxen gedrückt bekommen. Das hat auch ich mich zuweilen frustriert.
Gehen wir einmal kurz die sogenannten Massenanwendungen der TI durch. Wir würden Sie bitten, Ihr Urteil über die jeweilige Anwendung abzugeben. Beginnen wir mit dem Versichertenstammdatenmanagement…
Der negative Höhepunkt beim VSDM waren sicherlich die Probleme mit den elektronischen Gesundheitskarten, die sich zum Teil statisch aufgeladen hatten und regelmäßig zu Abstürzen der Praxisverwaltungssysteme führten. Am Ende wurde mit dem VSDM eine ureigene Aufgabe der Krankenkassen in die Praxen verlagert.
Dann haben wir das elektronische Rezept…
Meine Hauptkritik ist, dass wir hier einen gut funktionierenden analogen Prozess mühsam digitalisieren. Erst ein großer Rollout-Massentest in Westfalen-Lippe hat gezeigt, dass das hybride Verfahren – also die Einlösung des Rezepts mit einem Ausdruck eines QR-Codes – sowohl in den Praxen als auch bei den Versicherten auf keine Akzeptanz stieß. Wir müssen die eGK also so ausgestalten, dass die Versicherten das eRezept in der Apotheke mit ihrer Karte einlösen können. Das haben Gematik und Politik zum Glück jetzt erkannt.
Kommen wir zur eAU…
Auch so ein Thema, das den Kassen und Arbeitgebern irgendwann viel Arbeit ersparen soll, für die Praxen aber nur eine zusätzliche Belastung ist. Sie müssen die eAU zeitlich aufwendig signieren und für den Fall, dass die Technik nicht funktioniert, wurde ihnen noch die Pflicht zur postalischen Übermittlung an die Krankenkasse auferlegt. Hier wird ein bürokratisches Verfahren in die Praxen verlagert. Aus unserer Sicht ist das überflüssig. Inwiefern darüber hinaus die Krankenkassen diese elektronischen AU-Daten medienbruchfrei und vor allem weiterverarbeitbar an die Arbeitgeber leiten, ist im Gesamtverfahren unklar und obliegt den Krankenkassen.
Und die elektronische Patientenakte ePA…
Die Anwendung hat grundsätzlich Potenzial. Wir liegen aber immer noch bei einer Nutzerquote von unter einem Prozent. Jetzt soll es die Optout-Lösung richten. Der Gedanke ist ja gut, dem Patienten einen Überblick zu geben über relevante medizinische Daten wie Notfalldatensatz oder Impfpass. Doch warum muss man die Anwendung derart überfrachten? In die ePA sollen ja im Prinzip alle Daten hinein.
Die Bundesregierung will die ePA für alle Versicherten automatisch einrichten und befüllen lassen. Was kommt da auf die Praxen zu?
Im schlimmsten Fall muss eine Praxis auswählen, was in die Akte hineinkommen soll. Dazu darf es aus unserer Sicht auf keinen Fall kommen. Die Frage ist, welche Daten in die ePA kommen: Nur die Daten, die der Arzt bei seinem Patienten in der aktuellen Behandlung gerade erhebt? Oder auch historische Behandlungsdaten? Wir befürchten, dass dies zu einem großen Aufwand in den Praxen führen wird. Es muss auf jeden Fall eine Möglichkeit im PVS-System geben, die Akte automatisch zu befüllen.
Und die Praxen müssen für den Aufwand angemessen bezahlt werden. Die zehn Euro, die derzeit im Raum stehen, decken den Aufwand in keiner Weise.
Wir hoch sollte das Honorar mindestens sein?
Das kann ich so pauschal nicht beantworten. Das kommt auf die gesetzliche Ausgestaltung an, welche Daten am Ende in die ePA sollen. Um eines klarzustellen: Es geht natürlich auch um eine adäquate Kostenerstattung für den Aufwand, den die Praxen haben. Unser gemeinsames Ziel muss es aber auch sein, den bürokratischen Aufwand in den Praxen zu minimieren.
Ein weiteres unerfreuliches Thema ist der Austausch der Konnektoren. Monatelang tobte eine Debatte über Sinn und Unsinn dieser Aktion. IT-Fachleute argumentierten, dass ein Weiterbetrieb der Geräte durch ein Software-Update möglich gewesen wäre. Kritiker halten den Austausch für ein Konjunkturprogramm für die Konnektorenhersteller und für eine Verschwendung von Versichertengeldern. Warum haben sich die Gematik-Gesellschafter von der IT-Industrie über den Tisch ziehen lassen?
Sicherlich würde man die Frage ‚Austausch oder nicht‘ heute anders entscheiden. Aber vor einem Jahr als die Entscheidung fiel, gab es keine verlässliche Aussage der Industrie. Sie konnte oder wollte schlicht nicht garantieren, dass die Geräte mit dem Update hätten weiterlaufen können oder ob das Update rechtzeitig von allen Herstellern zur Verfügung gestellt wird. Und da war uns das Risiko für die Praxen schlicht zu hoch. Deshalb gab es damals für alle Gesellschafter nach der Empfehlung durch die Gematik nur die Option ‚Konnektorentausch‘. Wir haben aber auch darauf gedrängt, dass man mit den Herstellern spricht, ob es nicht noch andere Lösungen gibt.
Im Laufe des Jahres stellte sich dann heraus, dass eine Zertifikatsverlängerung möglich ist. Entscheidend für die Praxen ist aber: Wann kommt diese Lösung? Deshalb rate ich den Praxen, zu schauen, wann ihr Zertifikat abläuft. Wenn der Hersteller nichts anbieten kann, empfehle ich einen Austausch des Konnektors. Denn heute kann keine Praxis mehr ambulante Versorgung machen, die keinen funktionsfähigen TI-Anschluss besitzt.
Wie frustrierend war es für Sie, bei den Gesellschafterversammlungen der Gematik regelmäßig überstimmt zu werden?
Da der Bund die Mehrheit an der Gematik hält, entscheidet am Ende im Zweifel das Bundesgesundheitsministerium in Abstimmung mit der Gematik. Da stellt sich die Frage, warum man überhaupt noch abstimmt. Ich würde mir wünschen, dass jedes Mitglied eine Stimme hat. Oder dass man den jeweils betroffenen Gesellschaftern mehr Mitspracherecht gibt – also beim Beispiel eRezept den Vertragsärzten und Apothekern. Aktuell ist die Gesellschafterversammlung nicht mehr als der verlängerte Arm des BMG. Und das ist zuweilen tatsächlich sehr frustrierend.
Haben Sie trotzdem Ihren Frieden mit der TI gemacht?
Ich hatte anfangs die Illusion, dass man mit Digitalisierung Prozesse vereinfachen, verschlanken und verbessern kann. Das ist leider nicht in Erfüllung gegangen. Man müsste an die Sache anders herangehen und sich erst überlegen, welche Prozesse in den Praxen besonders viel Zeit fressen, und wie man das mit Hilfe digitaler Lösungen verbessern könnte. Aktuell ist es so, dass wir auf eine digitale und technikzentriert-konzipierte Anwendung warten, um diese dann – koste es was es wolle – in die Praxen zu drücken.
Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Nehmen wir das Muster 21, die sogenannte Kinder-AU. Wenn wir diesen Vorgang digitalisieren würden, könnte dies die Praxen enorm entlasten. Dafür fehlt es allerdings noch an der digitalen Identität. Aber die soll ja mit der TI 2.0 kommen.
Mit der neuen TI soll alles besser werden, verspricht die Gematik. Können sich die Praxen auf die TI 2.0 tatsächlich freuen?
Ich bin da zurückhaltend. Die TI 2.0 bringt zunächst einmal ein höheres Sicherheitsniveau, wie wir es vom Online-Banking kennen. In der Summe glaube ich aber nicht, dass es eine große Vereinfachung bringen wird. Es wird darauf ankommen, wie schnell und einfach die digitalen Identitäten am Ende abgeglichen werden und wie praxistauglich die entsprechenden Prozesse sind.
Wer übernimmt eigentlich die Themen IT und Digitalisierung nach Ihrem Abschied aus dem KBV-Vorstand?
Diese Frage wird der neue Vorstand entscheiden. Ich habe schon ein großes Interesse daran, dass diese Themen auch im künftigen Vorstand Berücksichtigung finden. Aber das habe ich nicht mehr zu entscheiden.
Wir haben gerade viel über Probleme bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens gesprochen. Wie froh sind Sie, damit künftig nichts mehr zu tun zu haben?
Ich habe mich um die Themen immer mit viel Interesse gekümmert, ganz selten auch mit Freude. Oft aber mit ganz viel Frust, weil ich gesehen habe, was das alles in den Praxen auslöst und ich es nicht ändern konnte. Es war schon ein recht belastender Job. Wobei ich aber auch glaube, dass wir in Summe noch einiges für die Praxen haben herausholen können.
Meine große Hoffnung ist, dass wir die Kinderkrankheiten der ganzen Anwendungen schnell hinter uns lassen. Und dann geht es darum, die Ernte einzufahren. Ich hoffe, dass Politik und Gematik uns mehr zuhören, wenn es um die Frage geht, welche digitalen Anwendungen die Praxen wirklich brauchen.
….
24.02.2023, 09:59, Autor/-in: mm
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