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Die Kernkraftwerke Temelin und Saporischschja - Zwei vom selben Typ. Beide haben Probleme.
Am 8. September besuchten wir für vier Tage erneut das tschechische Atomkraftwerk Temelin. Mit dabei waren der niederländische Nuklear-Experte Dipl.-Ing. Jan Haverkamp von Greenpeace sowie der bekannte tschechische Nuklear-Experte Dipl.-Ing. Dalibor Stráský, der vom Kernkraftwerksbau zu den Atomkraftgegnern wechselte. Heute ist er Temelin-Beauftragter der oberösterreichischen Landesregierung.
Während im benachbarten Wäldchen eine Treibjagd stattfand und Schüsse fielen, stand Jan Haverkamp von Greenpeace ungerührt vor dem Atomkraftwerk und erklärte für eine Videoaufnahme, dass er sich seit 40 Jahren mit Kernkraft beschäftigt, und dass man hinter ihm die zwei Temelin-Reaktoren vom Typ VVER 1000 sieht. Diese, so erklärte er weiter, „sind dieselben Reaktoren, um die sich im Moment jeder Sorgen macht,“ dieselben „wie im größten Atomkraftwerk von Europa, in Saporischschja in der Ukraine. Das ist das Kernkraftwerk, das besetzt ist durch russische Truppen. Temelin hier steht einfach schon 22 Jahre und hält. Aber Temelin ist für mich auch ein Sorgen- Reaktor.“
Dann sagt er, warum Temelin ihm Sorgen macht: Als vor 22 Jahren Temelin angefahren wurde, stellte sich heraus, dass Schweißer, die an der größten Rohrschweißung direkt am Reaktor gearbeitet hatten, herauskamen mit Informationen, dass das nicht passiert ist, wie das vorgeschrieben war. „Das ist ein Risiko, und wir haben über die Jahre, 22 Jahre lang, versucht genau festzustellen, was da passiert ist. 22 Jahre haben die Behörden versucht, die Informationen unter dem Tisch zu kehren, und bisher erfolgreich,“ stellt der Greenpeace-Experte fest. Und berichtet weiter „Es gibt Untersuchungsberichte über alle anderen Schweißnähte, die natürlich nichts aussagen über das Problem, das hier passiert ist. Es gibt Berichte, die diese Schweißnaht ansprechen, aber nicht um sie zu untersuchen. Wir haben sogar in einem bilateralen Gespräch zwischen tschechischen und deutschen Atombehörden einen großen Karton auf den Tisch gestellt bekommen. Woraus keine Schlussfolgerungen gezogen werden konnten. Trotzdem hat auch Deutschland damals gesagt, alles ist in Ordnung. Obwohl wir dabei waren und gesehen haben, sie haben überhaupt nichts eingesehen.“
„Warum so etwas passiert?“ sagt Jan Haverkamp. „Na ja. Man kann mit Risiko laufen lassen, und 22 Jahre ist nichts passiert. Nein, aber wenn hier in Temelin einmal wirklich etwas schief gehen würde, könnte das eine große Rolle spielen. Deshalb reden wir auch von Temelin als Risiko-Reaktor. Ein Reaktor, der, bis diese Sache nicht aufgeklärt ist, eigentlich stillgelegt sein sollte,“ stellt der niederländische Nuklear-Experte nüchtern fest. Und erklärt weiter „Was sie im Moment hinter mir sehen, ist der erste Block, der Block wo dieses Problem stattgefunden hat. Er funktioniert.“ Er ist also gerade in Betrieb. „Der zweite Block ist in Wartung, und wird bald wieder ans Netz gehen. In Temelin wird man bald entscheiden, ob das Kernkraftwerk noch 10 Jahre weiterlaufen darf. Bei dieser ganzen Prozedur sollte auch die Frage der Schweißnaht wieder aufgenommen werden.“
Ähnlich sieht das der tschechische Nuklear-Experte Dalibor Stráský.
„Die Kernkraftanlage in Temelin ist vom Konzept her identisch mit der Anlage in Saporischschja. Die bis jetzt im Betrieb war. Sie ist jetzt abgeschaltet. Ich betone bautechnisch sind sie gleich, aber was die Steuersysteme betrifft sind sie anders.
In Temelin wurde das Projekt der Steuerelemente geändert, nach der politischen Wende, und während des Baus wurde es mit dem (amerikanischen) Steuersystem von Westinghouse ausgerüstet.“
„Eine andere Ähnlichkeit sind die Brennelemente. In Temelin wurde die Anlage zuerst mit Brennelementen von Westinghouse betrieben. Nach nicht mal 10 Jahren hat man festgestellt, dass die Brennelemente von Westinghouse nicht geeignet sind, und der Betreiber ist zu dem russischen Hersteller zurück gegangen. In Saporischschja ist es umgekehrt im Rahmen der Schaffung der Unabhängigkeit vom russischen Betrieb wurde endschieden, dass die ukrainischen Atomkraftwerke mit den Brennstäben von Westinghouse betrieben werden. Das wird interessant, auch in der Ukraine, ob hier auch Probleme mit den Brennstäben entstehen.“
Beide Blöcke in Temelin sind schon seit 20 Jahren in Betrieb. Die Anlage vom Konzept her wurde geplant und ausgelegt für den 30-jährigen Betrieb. Man kann annehmen das die Alterungserscheinungen auch in Temelin in den kommenden Jahren auftauchen werden. Was besonders bei den Schweißnähten wichtig ist, erklärt Dalibor Stráský. „Wie bekannt ist, gibt es eine noch nicht ganz geklärte und gelöste Sache, die nicht ordnungsgemäß ist. Die berühmte Schweißnaht 1-4-5.
Die nicht ordnungsgemäß und vorschriftsgemäß repariert wurde und nie 100-prozentig bewiesen wurde, dass die Schweißnaht so in Betrieb gehen kann.“
Die Fragen dazu sind offen „und besonders jetzt, das möchte ich betonen, jetzt bei den Alterungserscheinungen die zu erwarten sind, kann dies zu gefährlichen Situationen führen. Es geht nämlich um die Schweißnaht an der Primär-Kühlmittelleitung, das heißt also eine Rohrleitung mit der Größe von 80 cm direkt zu dem Reaktordruckbehälter. Wenn diese Schweißnaht plötzlich platzt, kann dies zu den schwierigsten Folgen kommen. Was auch zu einer Bedrohung der Umwelt im Umkreis von dutzenden Kilometer führen kann. Also ist es sicher sinnvoll, wenn diese Schweißnähte grundsätzlich überprüft werden müssen. Nicht nach der Dokumentation oder irgendwelchen Papieren, Aussagen oder Stellungsnahmen. Sondern direkt in der Anlage, und wenn es möglich ist und es geht, von unabhängigen, internationalen Experten.“
Es geht aber nicht nur um diese Schweißnähte, sagt Dalibor Stráský. „Die Anlage weist Mängel auch bei den klassischen Rohrleitungen auf. Die Hochdruckdampfleitungen sind nicht von jenen für Speisewasser physisch getrennt.
Das ist eine Tatsache, die in anderen Ländern, wie z.B. in Deutschland nicht zu genehmigen wären. So eine Anlage mit diesen Mängeln könnte in anderen Ländern nicht betrieben werden. Dazu gab es auch verschiedene Expertisen, aber die tschechischen Betreiber haben durchgesetzt, dass es doch akzeptabel ist.
Zusammenfassend kann man sagen, dass in den kommenden Jahren mit der Alterung der Anlage können Probleme auftauchen, die früher unterschätzt wurden.
Probleme sieht er auch wegen der Laufzeitverlängerung entstehen. “Nach der letzten Novelle des tschechischen Atomgesetzes darf man eine zeitlich unbeschränkte Betriebsgenehmigung einer Atomanlage erteilen. Früher war das so, dass man nur eine Genehmigung für 10 Jahre geben konnte. Jetzt ist es unbeschränkt. Die Anlage wurde für den 30-jährigen Betrieb ausgelegt. Der Betreiber rechnet selbst damit, dass die Anlage 40 Jahre im Betrieb sein könnte. Aber die Politik, besonders das Industrieministerium, spricht über 60 bis 80 Jahre.“
Das betrifft zwar die Anlage in Temelin noch nicht unmittelbar, da sie sich erst 20 Jahre im Betrieb befindet. „Aber die 4 Blöcke im zweiten tschechischen Kernkraftwerk Dukovany sind schon veraltet und sollten nach 30 Jahren abgeschaltet werden,“ sagt Dalibor Stráský. „Das wäre bereits in den Jahren 2015 bis 2017 gewesen. Sie verfügen aber schon über eine zeitlich unbeschränkte Genehmigung.“ Ähnlich wie in Temelin rechnet das Industrieministerium mit dem Betrieb bis zum Jahre 2060. Bei diesen Blöcken handelt es sich um die sogenannte zweite Generation der WWER-Reaktoren. Damals waren die Sicherheitsanforderungen in der damaligen Tschechoslowakei nicht so streng wie heute. „Heute könnte die Anlage in Dukovany keine Betriebsgenehmigung erhalten.“
Nach wie vor fordern wir eine bilaterale Untersuchung aller Schweißnähte im Reaktordruckgefüge von Temelin 1. Bitte unterstützen Sie uns dabei!
Atomkraftwerke werden im Kriegsfall zur extremen Gefahr. Doch auch ohne feindlichen Beschuss leidet diese Hochrisikotechnologie unter Materialfehlern und Materialermüdung, unter Pfusch am Bau, unter Betrug und menschlichem Versagen. Ein SuperGAU ist das Letzte, was wir jetzt noch in Europa brauchen.
Mit herzlichen Grüßen,
Brigitte Artmann
BI STOPPT TEMELIN
Video Jan Haverkamp https://youtu.be/7QX4l_lddlQ
Video Dalibor Stráský https://youtu.be/_713HEjh8YY ; https://youtu.be/i1Bg6GbgQlY
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