
Liebe*r Petitionsteilnehmer*in,
Sie haben mein Anliegen zu unserem gemeinsamen Anliegen gemacht. Sie sind für sich, Ihr Kind eingestanden – und/oder für fremde Kinder. Diese Fernbeschulung ist unfair und funktioniert nicht. Für viele Eltern du Kinder ist es eine zusätzliche Belastung in sowieso schon schwierigen Zeiten. Diese Phase, in der wir alle aus unserem gewohnten Alltag herausgerissen sind, verunsichert uns. Die überwiegend schlechten Nachrichten verbreiten Angst. Deswegen habe ich jetzt passend zu Ostern ein paar schöne Nachrichten für Sie:
Gute Nachricht 1: In Niedersachsen ist mit der Schulschließung am 13.3.2020 die Regelung in Kraft getreten, dass der Unterricht ersatzlos ausfällt. Die Argumente des Kultusministeriums decken sich zum Großteil mit unseren.
Gute Nachricht 2: (...) Piazolo dankte Eltern, Lehrern und Schülern für ihren Einsatz. Zugleich mahnte er aber auch, so wörtlich, "Maß und Mitte beim Lernen zuhause" an. Gerade für berufstätige Eltern sei das Lernen daheim oft ein Balanceakt zwischen Betreuung und Arbeit. Deshalb sei es wichtig, dass niemand überfordert werde. Er betonte, Eltern seien keine Ersatzlehrer und niemand habe den Anspruch, dass der jetzt besprochene Stoff später als Wissen vorausgesetzt wird. (...) Quelle: Bayern 2 Nachrichten, 28.03.2020 10:00 Uhr
Gute Nachricht 3: Für die Grundschüler gilt: «Die Eltern können entscheiden, ob die Ergebnisse der drei freiwilligen Proben in Deutsch, Mathematik und Heimat- und Sachunterricht in die Durchschnittsnote einfließen. Das bedeutet: Jedes Kind kann sich verbessern, keines wird sich verschlechtern», erläuterte Kultusminister Michael Piazolo.
Gute Nachricht 4: Mein Kind braucht meine Zuneigung
Kinder brauchen echte Zuwendung statt „irgendwie“ beschäftigt zu werden. Letztendlich sind wir selbst für unsere Kinder verantwortlich. Viele Eltern wünschen sich, die Zeit mit ihren Kindern selbstbestimmt, frei und angenehm zu gestalten. Es gibt offensichtlich wichtigeres als schulische Lerninhalte.
Gute Nachricht 5: Kinder lernen immer ! (Das, was für sie bedeutsam ist)
Keine Sorge, wenn Ihr Kind sich zur Zeit nicht mit schulischen Inhalten befasst. Kinder lernen ständig, immer – zu jeder Zeit! Vielleicht nicht das was wir Erwachsen uns vorstellen - aber wer sind wir zu beurteilen, welche Lerninhalte für unsere Kinder bedeutsam sind? Was wir nicht mehr nachholen können ist die Entwicklung eines gesunden Selbstwertes, Urvertrauen und Bindung. Und genau diese drei Dinge werden momentan im Namen des ‘Lernens’ angegriffen. Kinder lernen immer ElternCoach
Für eine aktive Zukunftsgestaltung ist der Erwerb von Kompetenzen wichtiger als schulisches Lernen. Hierzu auch mein Podcast Tina Uthoff
Gute Nachricht 6: Wenn Eltern gut für sich selbst sorgen, ist das die beste Voraussetzung für glückliche Kinder.
Wenn wir angestrengt sind, dann überträgt sich das auf die Kinder. Die Kinder bekommen das Gefühl, sie wären eher Belastung als Freude für die eigenen Eltern. Also sorgen Sie gut für sich selbst, nicht in abgrenzender egoistischer Weise, sondern spüren Sie bewusst Ihre Grenzen und Bedürfnisse. Finden Sie heraus, was Ihnen wirklich gut tut und kommunizieren Sie das. So lernen Kinder von uns, ihre eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und zu äußern. Kinder schauen sich jetzt ganz genau an, wie wir Erwachsenen in einer Krisensituation reagieren und lernen auch hier von uns. Unser Medienkonsum, der Umgang mit Informationsflut, die eigenen Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Wut werden von unseren Kindern abgeguckt – daher gehe ich auch für mich sehr achtsam mit diesen Themen um. Ich möchte, dass meine Kinder gestärkt aus dieser wie auch weiteren Krisen hervorgeht. Ich übernehme gern Verantwortung - vor allem für mich. Glückliche Kinder haben zufriedene Eltern.
Gute Nachricht 7: Die Natur erholt sich – plötzlich ist alles möglich!
Sauberes Wasser in Venedigs Lagunen, freie Sicht auf den Himalaya, klarer Himmel über China - erstaunlich, was möglich ist, wenn der Mensch sich bedroht fühlt. Maßnahmen zum Klimaschutz, die gerade noch für nicht machbar gehalten wurden, sind getroffen. Das Normale hat sich verschoben. Wir Menschen dürfen uns neu sortieren. Alles ist möglich! Die Bundesregierung Deutschland hat gezeigt, was sie zu tun bereit ist, um das moralisch das Richtige zu tun. Diese Ethik dürfen wir auch in Zukunft erwarten.
Also lassen Sie uns nach vorne schauen - was können wir tun?
1) Machen Sie die Argumente der Petition und die Aussagen des bayrischen Kultusministers bei der Wiedereröffnung eurer Schule deutlich. Kommunizieren Sie in den Elternbeiräten, mit den Elternsprechern, den Schulleiter*inne, den Lehrer*innen. Die Verantwortlichen wissen selbst, dass die ganze Aktion unkoordiniert war. Alle haben versucht, ihr bestes zu geben, aber gut gemeint ist eben nicht gut gemacht. Auch wir Lehrer*innen werden entlastet, wenn wir nicht gezwungen sind, unseren Stoff durchzubringen sondern flexibel reagieren dürfen.
2) Habt und macht Mut zur Lücke. Nicht alle Lehrplaninhalte ist gleichermaßen „wichtig“. Bestehen Sie darauf, dass nur die Inhalte (nach-)gelernt werden, auf die in den nächsten Jahren aufgebaut wird. Das ist so wenig, dass die Schulen auch erst nach den Pfingstferien wieder öffnen könnten.
3) Auf keinen Fall dürfen die Auswirkungen der Schulschließungen auf Kosten der Kinder gehen. Sie sind deren Stimme! Unsere Kinder verdienen unsern Achtung, unseren Schutz und ihre Würde zu behalten.
4) Vielleicht ist das ein guter Zeitpunkt, Schule neu zu denken
Machen wir es uns allen nicht unnötig schwer, indem wir Druck auf unsere Kinder ausüben und Gehorsam fordern, in der irrigen Annahme, er führe zu Lernerfolgen?
„Seit Jahrzehnten ist ausreichend Wissen vorhanden, wie Lernen nachhaltig funktioniert, was Kinder und Jugendliche brauchen, um sich gut zu entwickeln oder welche neurobiologischen Gesetzmäßigkeiten beachtet werden müssen, damit hirngerecht gelernt werden kann. Wenn davon wenig umgesetzt wird, haben wir also keine Wissensdefizit, sondern ein Umsetzungsproblem.“ https://www.schulen-der-zukunft.org/post/schulen-kindgerecht-gestalten
5) Die Eltern, die ihre Kinder gern zu Hause unterrichten möchten sollen das tun dürfen. Aber selbst bestimmt und eigenverantwortlich, nicht als verlängerter Arm der Lehrer. Und nicht ausschließlich digital, sondern von Mensch zu Mensch. Das ist dann „echtes“ Homeschooling.
6) Wie viel Digitalisierung wollen wir für unsere Kinder?
Wir haben einen Vorgeschmack darauf bekommen, wie es sich mit digitalem Unterricht lebt. Kann Digitalisierung die zwischenmenschliche Beziehung ersetzen? Oder nur ergänzen? Nichts ist für den Menschen so wichtig wie die Beziehungen zu anderen Menschen. Beziehung ist eines unserer Grundbedürfnisse. Unser Gehirn verknüpft Lern- mit Beziehungserfahrungen. Schon Goethe wusste: “Überall lernt man von dem, den man liebt“
7) Auswirkungen der Isolation auf die Kinder
Kinder zu isolieren finde ich furchtbar. Was den Kindern seit den Schließungen vor allem fehlt, ist das Zusammensein mit anderen Kindern – der Mensch ist ein soziales Wesen und das tatsächliche Zusammensein mit anderen Kindern ist für die Jüngsten essentiell. Auch in diesem Punkt lohnt es sich, ebenso wie bei der Fernbeschulung, die überstürzten Entscheidungen „von oben“ zu hinterfragen. Eine Haushaltshilfe darf kommen, aber die Freundin meiner Tochter nicht? Bänker, Unternehmensberater, Steuerkanzleien, arbeiten täglich in großen Gruppen zusammen – und mein Kind darf nicht mal ein anderes Kind sehen? Der Grund kann hier nicht die Ansteckungsrate sein. Der Grund ist Kapitalismus. Die Wirtschaft soll am Laufen gehalten werden. Mir sind Kinder wichtiger als Kapitalismus. Daher bitte ich: werden Sie hier kreativ. Es gibt individuelle Lösungen, die gleichzeitig auch verantwortungsvoll sind. Behalten Sie das Wohl der Kinder im Auge.
Ich bin in größter Sorge: um die Kinder, die in diesen Zeiten feststellen, dass sie hauptsächlich eine Belastung für die eigenen Eltern sind. Die Kinder, deren Eltern zu überlastet oder verängstigt sind, um Stärke und Zuversicht an die Kinder weitergeben zu können. Ich sorge mich besonders um Kinder, deren Eltern unter Suchtproblemen leiden oder gewalttätig sind.
Daher unterstütze ich Eltern und biete zur Zeit mit Empfehlung des Kinderschutzbundes kostenlose „Notfall-Beratungen“ an, per Telefon oder via Skype. Terminvereinbarungen bitte ausschließlich unter uthoff@entwicklungspädagogik.de
Ich sende Ihnen alles nur erdenklich Gute und viel Kraft, Mut und Zuversicht!
Fröhliche Ostern wünsche ich allen !
Ihre
Tina Uthoff (Entwicklungspädagogin, Lehrerin, Mutter)