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«Wir werden es wieder tun!» — Letztes Wort von Jordi Cuixart im politischen Schauprozeß zu Madrid

Prof. Dr. Axel Schönberger
Germany

Jul 20, 2019 — 

«Wir werden es wieder tun!» — Letztes Wort des Präsidenten von Òmnium Cultural, Jordi Cuixart, im politischen Schauprozeß zu Madrid vom 12. Juni 2019

Der Präsident der renommierten katalanischen Kulturvereinigung Òmnium Cultural, Jordi Cuixart, ist zwar kein Politiker, aber gleichwohl ein politischer Gefangener in Spanien und damit auch in der Europäischen Union.

Nach Feststellung der Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen gegen willkürliche Inhaftierungen ist die Inhaftierung von Jordi Cuixart willkürlich. Der Strafprozeß gegen ihn, der in erster und einziger (!) Instanz vor dem Obersten Gerichtshof in Madrid geführt wird, hat keine Grundlage. Er verstößt gegen zwingendes internationales Recht, gegen europäisches Recht und gegen spanisches Recht. Die Art und Weise, wie Spanien Jordi Cuixart seiner bürgerlichen Rechte beraubt, erinnert deutlich an die Unrechtsjustiz des deutschen Nationalsozialismus und des spanischen Franquismus.

Nach Feststellung des zuständigen Gremiums der Vereinten Nationen, der vom Menschenrechtsrat eingesetzten Arbeitsgruppe zu willkürlichen Inhaftierungen, verstößt Spanien im Falle von Jordi Cuixart gegen die Artikel 2, 9 bis 11 sowie 18 bis 21 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte sowie gegen die Artikel 3, 14, 19, 21, 22 und 25 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte.

Jordi Cuixart wird in Spanien inhaftiert, weil er sein Recht auf Meinungsfreiheit, auf freie Meinungsäußerung, auf Vereinigungsfreiheit, auf Versammlungsfreiheit und auf politische Beteiligung in friedlicher Weise in Anspruch nahm. Seine Inhaftierung verstößt gegen den Grundsatz der Gleichheit aller Menschen, weil sie durch seine politische Meinung begründet war. Der gegen ihn geführte Strafprozeß erfüllt noch nicht einmal die grundlegenden Garantien für ein ordnungsgemäßes, faires Gerichtsverfahren vor einem zuständigen und unparteiischen Gericht und auf eine angemessene Verteidigung. Der Prozeß gegen ihn, eine billige Farce, ist eine Schande für Spanien und die gesamte Europäische Union, die diese gravierenden Menschenrechtsverstöße stillschweigend toleriert.

Mögen alle Menschen guten Willens das Schlußwort von Jordi Cuixart in dem Madrider Schauprozeß hören!

Und Europa schweigt und sieht zu!

Letztes Wort von Jordi Cuixart vor dem Obersten Gerichtshof in Madrid am 12. Juni 2019:

«Guten Tag. Ich nutze dieses letzte Wort nicht in erster Linie, um mich zu verteidigen, was meine Anwälte bereits taten, noch um zu versuchen, eine Verringerung des Strafmaßes zu erreichen, sondern im wesentlichen, um zu bekräftigen, daß ich zu allen Ausübungen meiner Grundrechte stehe, die mir während dieses Prozesses vorgeworfen wurden, insbesondere, weil sie einem höheren und in diesem Falle sehr persönlichen Interesse entsprechen und es die Stimme meines Gewissens ist, die Stimme meines Gewissens, die immer konsequent und mit diesem sozialen Engagement gehandelt hat, auf das sich mein Leben in aller Öffentlichkeit bezieht, nicht wahr?

Und [ich nutze es,] um in diesem Sinne ein weiteres Mal und auch gegenüber der Staatsanwaltschaft klar und deutlich zu sagen, daß ich überhaupt nichts bereue, daß ich alles, was ich tat, wieder tun würde, weil ich davon überzeugt bin, daß es das war, was ich tun mußte. Und außerdem gibt es in diesem Sinne noch einen weiteren Vorwurf der Staatsanwaltschaft, daß die Verantwortung für die Folgen und Handlungen nicht übernommen würde: Das ist nicht wahr. Ich akzeptiere sie, die Handlungen und ihre Folgen, ich ging zum Gericht, am 6. Oktober 2017 zur Audiencia Nacional, ich ging erneut am 16. Oktober 2017 hin, und nie habe ich mich der Justiz entzogen, und zwar deswegen, weil dies meine Wesensart ist, weil es die Handlungsweise von jemandem ist, der auf der Grundlage seines Gewissens handelt, und deshalb waren alle meine Handlungen immer öffentlich, sie werden immer öffentlich sein, und auch in dieser neuen Lage, als ich an dem Tag zu ihnen sprach, an dem ich mich dem Verhör als politischer Gefangener und als Person größerer öffentlicher Aufmerksamkeit unterzog. Ich möchte Ihnen auch mitteilen, daß es sich dabei um einen ‘Lautsprechereffekt’ handelt, der nicht größer sein könnte.

Ich bin überzeugt, daß meine Gefährten und ich selbst mit der Haft nicht einverstanden sind. Es trifft jedoch zu, daß wir festgestellt haben, daß es sich um einen ‘Lautsprechereffekt’ handelt, der es uns ermöglicht, die Verletzung von Grundrechten und den Mangel an Demokratie, unter dem wir als Bürger des spanischen Staates leiden, noch energischer anzuprangern, und deshalb verzichten wir nicht auf diesen Status als politische Gefangene. Was wir sehen — und es ist sehr wahrscheinlich, daß wir unterschiedliche Auffassungen haben — ist jedoch ein Strafprozeß gegen die Demokratie, denn in Wirklichkeit besteht das, was wir tun, darin, Grundrechte auszuüben, Rechte, die wir uns mit dem Fortschritt der Menschheit angeeignet haben — Fortschritte, die wir in dieser Gesellschaft erreicht haben und die wir mit größtmöglicher Konsequenz zu nutzen versuchen.

Ich habe es auch schon angemerkt und möchte mich nicht zu sehr wiederholen: Es stimmt, daß von dem Ergebnis dieses Strafprozesses die Qualität der Demokratie im spanischen Staat abhängt, nicht nur in Barcelona, auch in Vallecas, in Pamplona, in Salamanca, in Vigo, und ich nehme an, daß wir uns dessen alle sehr bewußt sind; denn das, was in Barcelona bestraft wird, wird auch in Madrid bestraft werden müssen, und ich bin überzeugt, daß wir, alle Demokraten im spanischen Staat, uns als Reaktion auf diesen Versuch, die Ausübung von Grundrechten zu bestrafen, ein weiteres Mal zur Verteidigung dessen zusammenschließen müssen, was wir immer verteidigt haben, nämlich Demokratie und freie Meinungsäußerung.

Ich möchte jetzt auch diesen ‘Lautsprechereffekt’ dieses Strafprozesses, dieses letzte Wort, nutzen, um auch den Wählern vom 1. Oktober, diesen zwei Millionen und dreihunderttausend Menschen, die mit ‘Ja’ gestimmt haben, meine Anerkennung auszusprechen, und denjenigen, die mit ‘Nein’ gestimmt haben, aber mit einer friedlichen und demokratischen Haltung auf die Straße gegangen sind und dafür ein Engagement eingegangen sind. Auch dieses Engagement muß geschätzt werden, weil es nicht leicht ist, friedlich und demokratisch vorzugehen, wenn man gleichzeitig weiß, daß unschuldige Menschen geschlagen wurden und daß diese Menschen mit Entschlossenheit auf die Straße gingen, und, wie wir oft gerne sagen, weil es ein Tag war, der Jahre dauern wird.

Und es gibt noch einen weiteren, ständigen Vorwurf der Herren der Staatsanwaltschaft, und ich hörte ihn in der der dritten Reihe hier auf der Bank der Angeklagten — denn ich habe diese Sitzungen, diese mehr als fünfzig Sitzungen, in denen sie es ständig sagten, die ganze Zeit angehört —, daß es Aufrufe zu einer dauerhaften Mobilisierung gegeben habe. Nein, das heißt ja, es ist die Wahrheit, es ist die Wahrheit, und wenn man dir eine Sache vorwirf, die du tatsächlich getan hast, was sollst du dann sagen, natürlich ja, daß ich es tat, und darüber hinaus habe ich außerdem fast die moralische Verpflichtung, wenn Sie es mir gestatten, es hier und heute nochmals zu tun: «Catalans i catalanes, mobilització pacífica, democràtica, permanent, cívica!» («Katalanen und Katalaninnen, friedliche, demokratische und dauerhafte Mobilisierung des Bürgertums!»), und möge sie nie scheitern und immer da sein, nämlich mit diesem Willen zur Verbesserung der Gesellschaft; denn wenn dies der strafrechtliche Vorwurf ist, den man mir oder irgendeinem anderen Bürger macht, dann geht es uns in diesem Land schlecht. Deswegen ja, Herren Staatsanwälte, permanente Mobilisierung und ohne jegliche Einschränkung, aber auch das Recht, das Recht, vor allen staatlichen Kräften zu protestieren, und das taten wir am 20. September auf demokratische, friedliche Weise, ja, jawohl, ein Protest, wir waren mit einer Entscheidung nicht einverstanden, aber wir haben uns auf das beschränkt, was ein aufrechter Bürger tun kann, und zwar zu protestieren, und das taten wir am 20. September, und das scheint man in diesem Strafprozeß in Frage stellen zu wollen, [man scheint zu wollen,] daß die Menschen damit aufhören zu protestieren. Nein, wir werden nicht aufhören zu protestieren, wir können nicht aufhören zu protestieren, weil es der Motor des Fortschritts ist, es ist das, was die Gesellschaften voranbringt, und die anderen politischen Gefangenen und auch ich sprechen von unseren Kindern, nämlich in Wirklichkeit ist es das, wir sind verpflichtet, weiter zu protestieren, um diese Rechte zu schützen, damit unsere Kinder auch am morgigen Tag protestieren können.

Und man spricht auch von zivilem Ungehorsam. Ja, es ist mustergültiger ziviler Ungehorsam angesichts des Dilemmas, sich an einen Verbotsbeschluß des Verfassungsgerichts zu halten oder seine Grundrechte auszuüben. Ja, es wurden Grundrechte ausgeübt, ich bin kein Experte für Verfassungsrecht, ich habe noch nicht einmal studiert, aber mir ist völlig klar, daß, wenn eine Bevölkerung zivilen Ungehorsam ausübt, das, was sie zeigt, ihr Engagement für die Gesellschaft ist, und das kann nicht kriminalisiert werden, es ist ein Akt der Kohärenz und Verantwortung, es ist eines der nützlichsten Mittel, über welche die Gesellschaften verfügen, um sich weiterzuentwickeln, und ich bin überzeugt, daß es unter den Demokraten im spanischen Staat insgesamt kaum einen Zweifel geben dürfte, daß jedes Mal, wenn ein Kollektiv zivilen Ungehorsam ausübt, das, was es tut, die Rechte und Freiheiten der gesamten Gesellschaft stärkt, ob sie nun mehr oder weniger Recht haben, aber indem es auf den zivilen Ungehorsam soweit reagiert, wie er gewaltfrei sein muß, denn wenn er gewalttätig wäre, könnte er nicht mehr ziviler Ungehorsam sein, und er greift nicht ein ganzes Rechtssystem an, sondern jene Gesetze, die er für ungerecht hält, oder jene Entscheidungen, die er für ungerecht hält, und er übernimmt auch voll und ganz die Folgen. Bürger im XXI. Jahrhundert zu finden, wo der Individualismus an der Tagesordnung ist, ist keineswegs ein Grund für einen Vorwurf, es ist ein Grund für Anerkennung, denn schauen Sie, was ich glaube, ist, daß das Problem kein ziviler Ungehorsam ist, das Problem, das wir in den heutigen Gesellschaften haben, ist ziviler Gehorsam, ziviler Gehorsam, der es ermöglicht, daß die Ozeane Kunststoffmeere sind, der es zuläßt, daß die Flüchtlinge an unseren Küsten sterben und der die Menschen verfolgt, die diese Einwanderer retten wollen, und das Problem ist der zivile Gehorsam von Hunderttausenden von Menschen, die für die Regierenden stimmen, da sie es dem spanischen Staat ermöglichen, eine 60 Milliarden Euro schwere Bank zu retten und gleichzeitig 600.000 Zwangsräumungen durchzuführen, oder daß in Katalonien, einer der wohlhabendsten Regionen Europas, jeder Vierte von sozialer Ausgrenzung bedroht ist. Und das Problem soll ziviler Ungehorsam sein? Oder ist das Problem der zivile Gehorsam jener Bürger, die immer noch nicht angesichts solcher Ungleichheiten oder solchen Unsinns protestieren? Und deshalb glaube ich, daß das Problem im zivilen Gehorsam liegt, der es heute toleriert und zuläßt, daß Demokraten, die wir auf dieser Bank sitzen, von den Rechtsextremen in enger Zusammenarbeit mit der Regierung des spanischen Staates angeklagt werden, mit der Regierung der spanischen Sozialisten (PSOE), die uns anklagen. Die extreme Rechte, der Faschismus, klagt die Demokraten an! Das, was wir mit mehr oder weniger großem Erfolg versuchen, besteht darin, die Werte der Demokratie zu verteidigen, die wir alle teilen.

Deshalb glaube ich, daß wir in diesem Prozeß — und sicherlich taten wir alle unser Bestes, damit er so gut wie möglich über die Bühne ging — die Grundursache nicht gelöst haben, die darin besteht, daß wir immer noch besessen davon sind, nach einem Feind zu suchen. Vielleicht liegt es daran, daß man uns so erzog, oder es ist ein anthropologisches Problem, ich weiß es nicht, weil ich auch kein Spezialist dafür bin, aber es ist wahr, daß es uns nicht erlaubt hat, zur Wurzel des Konflikts zu gelangen, wir haben weiter nach Feinden gesucht, und und Feinden bis zu dem Punkt, daß einige der Zeugen meiner Verteidigung sich auch nicht mit vollständiger Unbefangenheit ausdrücken konnten.

Und in diesem Sinne glaube ich, daß dies nichts anderes ist als Angst, Angst vor dem Zuhören, Angst vor dem Wort, Angst vor dem Einfühlen ineinander, vor dem tieferen und besseren Kennenlernen.

Es verursacht mir keinerlei Unbehagen, die Menschen besser kennenzulernen, die Gründe des einen und des anderen in Erfahrung zu bringen, weil ich mir sicher bin, daß auch ich nicht über die absolute Wahrheit verfüge, und in diesem Sinne glaube ich, daß wir zur Wurzel des Konflikts gehen müssen, und die Wurzel des Konflikts ist nichts anderes, als daß wir, wenn wir weiterhin mit Furcht handeln, kaum in der Lage sein werden, einander kennenzulernen und die Gründe der einen und der anderen zu verstehen und mit dem notwendigen Minimum an Empathie zu handeln, um diesen Konflikt lösen zu können, der ein politischer Konflikt ist, und daß ich dies voll und ganz für einen politischen Prozeß halte, weil das, worüber am ersten Tag gesprochen wurde, das Recht auf Selbstbestimmung war, und bei jedem anderen Delikt jedes beliebigen anderen Verbrechens bezweifle ich, daß über das Recht auf Selbstbestimmung gesprochen wird, und deshalb möchte ich sagen, daß angesichts eines politischen Konflikts und angesichts einer Angst, die eine Angst vor dem Wort ist, niemand erreichen wird, daß wir als Völker in Konfrontation geraten, nie werden sie uns in einen Konflikt unter den verschiedenen Völkern Spaniens stürzen, wieviele Unterschriften auch immer die Volkspartei (Partido Popular) gegen das (katalanische Autonomie-)Statut sammeln mag, so sehr auch immer sie versuchen, uns Polizisten aus anderen Ecken Spaniens zu schicken, sie werden es nie erreichen.

Wir sind mehr als 70 % der Bürger Kataloniens, die wir heute unsere Wurzeln, unsere Herkunft in anderen Teilen Spaniens und der ganzen Welt haben, und wir betrachten die Völker Spaniens, Brudervölker, als Völker Europas, und sie werden uns nie in einen Konflikt gegeneinander stürzen, sie werden es nie schaffen, uns aufeinanderzuhetzen, denn gemeinsam haben wir die heutige katalanische Gesellschaft aufgebaut, eine sehr vielfältige, sehr transversale Gesellschaft, in der die Leute sehr, sehr, sehr wenig nach ihrer Herkunft fragen, und wo man im Gegenteil sehr wohl danach fragt, wohin man gemeinsam gehen wolle. Das ist die Realität eines Landes, weder besser noch schlechter als andere, das sich jedoch an diese Realität gewöhnt hat, und deshalb verpflichte ich mich als Präsident von Òmnium Cultural, nicht zuzulassen, daß man die Brudervölker, die verschiedenen Völker Spaniens gegeneinander aufbringt.

Der Staatsanwalt sprach auch vom König wie von einem Sprengsatz. Er sagte, daß der König am 3. Oktober eine Rede von ungeheurem Tiefgang halten mußte. Ja, ja, ja, von ungeheurem Tiefgang und von sehr großer Enttäuschung, dessen bin ich mir sicher, für viele spanische Demokraten, für viele katalanische Demokraten, die, ohne am 1. Oktober wählen gegangen zu sein, gesehen haben, wie der König auf seine überparteiliche Funktion verzichtete; das, was er tat, bestand darin, die Straflosigkeit der polizeilichen Brutalität zu bestätigen, ohne sie zu verurteilen. Die Bilder der brutalen Polizeigewalt vom 1. Oktober sind sehr eindrucksvoll, es sind Bilder, die im kollektiven Gedächtnis der katalanischen Gesellschaft noch jahrelang haften bleiben werden, und in diesem Sinne denke ich, daß es eine verpaßte Gelegenheit war, daß diese Gewalt durch das Staatsoberhaupt nicht angeprangert wurde.

Und ich war neulich auch sehr zufrieden — sicherlich kümmert Sie meine Zufriedenheit nicht sehr —, aber ich verstand, daß es ein gutes Zeichen war, als die Staatsanwälte schließlich sagten, ja, es gab tausend Verwundete, Menschenskind, es war Zeit, endlich, es ist die Wahrheit, es gab tausend Verwundete, und sicher, und ich bedauere und werde immer bedauern, daß es 63, 93, wieviele auch immer Polizisten gab, die sich Verletzungen zuzogen. Ich werde es natürlich auch bedauern, ja, ohne irgendeinen Vorbehalt, aber man soll auch anerkennen, daß es am 1. Oktober eintausend Verletzte gab. Ich denke, daß es sich um eine verantwortungsvolle Aufgabe der Staatsanwaltschaft handelt, und jetzt wäre es auch sehr angebracht, daß die Staatsanwaltschaft zur Aufklärung der Tatsachen beitrüge, die dazu geführt haben, daß es diese Verletzten gab.

Deshalb möchte ich Ihnen in diesen drei Minuten, die mir noch bleiben, mitteilen, daß ich mich weigere, ohne Hoffnung zu leben, und daß ich mich weigere, mein Leben zu entmenschlichen, und ich weigere mich auch, meine Beziehungen von nun an mit ‘Feinden’ einzugehen und mich so zu fühlen, weil ich keinen ‘Feind’ habe, und deshalb weigere ich mich, jemanden zu hassen, und ich weigere mich zu sagen, daß ich jemandem gegenüber irgendeine Art von Vorwurf empfinde. Was ich jedoch sagen möchte, ist, daß ich einerseits nie aufgeben werde, glücklich zu sein, und daß ich auch entdeckt habe, daß ich keinesfalls dazu geboren wurde, gezwungen zu sein, jemanden zu hassen.

Es wird versucht, die Bewegung für die Selbstbestimmung, die katalanische Unabhängigkeitsbewegung, zu entmenschlichen, und ich denke, es liegt in der Verantwortung der ganzen Welt, zu verstehen, daß es sich um eine rechtmäßige Option handelt, die jeglichen Respekt verdient, genau wie jede andere Option. Durch die Entscheidung dieses Gerichts wird man meine Priorität nicht ändern, die nicht darin besteht, aus dem Gefängnis herauszukommen, und ich sage das mit aller Bescheidenheit und allem Respekt Ihnen gegenüber. Wir befinden uns in einem kollektiven Prozeß, und aus der Entscheidung dieses Gerichts, davon bin ich überzeugt, werden wir alle eine Lehre bezüglich dessen ziehen, was sich mitten im 21. Jahrhundert auf den Kampf der Bürger bezieht, die sich mit aller Demut der Welt entschieden haben, nicht darauf zu verzichten, daß ihr Land über seine Zukunft entscheiden kann.

Und deshalb möchte ich, daß Sie wissen, daß in diesem Augenblick meine Priorität als Präsident von Òmnium Cultural nicht darin besteht, aus dem Gefängnis herauszukommen, obwohl ich die Gefängnishaft für unrechtmäßig halte, weil ich kein Verbrechen begangen habe, sondern daß meine Priorität darin besteht, weiterhin zu kämpfen und zu arbeiten, um bei der Lösung eines politischen Konflikts voranzukommen und es so zu erreichen, daß meine Kinder, die beiden Ältesten, der kleine Amat, den ich hinter Gittern aufwachsen sehe, und einer, den ich, so Gott will, im Herbst haben werde, in einem besseren und freieren Land leben können.

Und es scheint mir, daß dies ein Anspruch ist, der uns Menschen alle sehr vereint.

Und ich schließe mit zwei weiteren Überlegungen: Ich bin überzeugt, daß dieses Land nicht in Frustration versinken wird, wir haben viel widrigere Situationen überwunden, und wir konnten unsere Häupter angesichts weitaus schlimmer Ereignisse erheben, wegen dessen, was ich Ihnen sagte, ein Land der Einwanderer, ein Land, dessen Bürger vor mehr als 40 Jahren beschlossen, daß die katalanische Sprache die Verkehrssprache an den Schulen sein sollte, damit alle gleiche Chancen haben sollten, und daß niemand seine Herkunftssprache aufgeben mußte, und der Beweis dafür ist, daß heute in Katalonien mehr als 300 Sprachen gesprochen werden können und daß Katalanisch nach wie vor eine Sprache des sozialen Zusammenhalts ist. Ein Land wie Katalonien mit gemeinsamen Kämpfen, das seine Straßen und Plätze mit den Händen gepflastert hat, mit dem Kampf der Nachbarschaftsbewegung, und deshalb bin ich sicher, daß wir nicht der Frustration verfallen und nicht aufhören werden, für das Recht auf Selbstbestimmung zu kämpfen, wir werden weiterhin frei und friedlich kämpfen, um unsere Zukunft zu entscheiden.

Denn schauen Sie, und Sie können sich diese Frage stellen: Wenn die polizeiliche Gewalt am 1. Oktober gegen Tausende von Menschen nichts ausrichten konnte, glaubt jemand, daß irgendein Richterspruch die Katalanen davon abbringen wird, für ihr Selbstbestimmungsrecht zu kämpfen? Ich bin überzeugt, daß dem nicht so sein wird, daß sie weiterhin friedlich kämpfen werden, um dieses Recht auf Selbstbestimmung ausüben zu können.

Und ich komme zum Schluß. Wenn man mich verurteilt, weil ich der zehnte Präsident von Òmnium Cultural bin — und beides ist eine Ehre —, wenn man uns verurteilt, weil wir demonstrieren, weil wir unsere Meinung äußern, weil wir mobilisieren, weil wir wählen, dann sage ich Ihnen ohne jegliche Schärfe und auch ohne Arroganz und mit aller Gelassenheit der Welt, daß ich davon überzeugt bin, daß wir es wieder tun werden («ho tornarem a fer»), daß wir es wieder tun werden, und wir werden es weiterhin tun, wie wir es bisher getan haben, friedlich, gelassen, aber mit der aller Entschlossenheit der Welt.

Vielen Dank!»

Eine Umschrift des kastilischen Originals, auf deren Grundlage die deutsche Übersetzung erfolgte, wurde mir freundlicherweise von der Zeitschrift L'Unilateral — El digital de la República Catalana zur Verfügung gestellt.

Übersetzung ins Deutsche: Prof. Dr. Axel Schönberger

Anmerkung zur Übersetzung: Jordi Cuixart bedient sich in dieser Rede — die er gezwungenermaßen auf kastilisch halten mußte, weil es den Angeklagten nicht gestattet wurde, sich in ihrer Muttersprache Katalanisch zu verteidigen — aufgrund des Zeitdrucks, unter dem er stand, in schneller Rede einer Syntax, die mit ihren langen, fortlaufenden Perioden an die Prosa des portugiesischen Schriftstellers José Saramago oder des brasilianischen Autors Raduan Nasser in Um copo de cólera erinnert. Bisweilen wurden daher zur besseren Lesbarkeit der Übersetzung sehr lange Perioden in zwei oder mehrere Sätze unterteilt.


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