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Einige Leseproben katalanischer Literatur in deutscher Übersetzung

Prof. Dr. Axel Schönberger
Germany

Dec 17, 2017 — Dreißig Jahre nach der militärischen Einnahme der Katalanischen Länder durch die — kriegsentscheidend von den deutschen Nationalsozialisten militärisch unterstützten — Truppen des spanischen Generals Francisco Franco und den danach erfolgenden Massenmorden schrieb der katalanische Dichter Joan Oliver i Sellarès unter dem Pseudonym «Pere Quart» am Neujahrestag des Jahres 1969 seine berühmten «Elementaren Verse an die Katalanen des Jahres 1969», die nach wie vor unter der grausamen und furchtbaren Unterdrückung durch Spanien litten und deren Sprache und Kultur systematisch verfolgt wurden. Der spanische Diktatur betrieb zudem eine Politik der systematischen Assimilation, indem er Spanier (vorwiegend aus Andalusien) in den Katalanischen Ländern ansiedelte und hoffte, daß sie oder ihre Nachfahren eines Tages die katalanische Nation auf deren historischem Territorium zu einer Minderheit werden lassen würden. Diese Siedlungs- und Assimilierungspolitik legte den historischen Grundstock dafür, daß im heutigen Katalonien eine Partei wie Ciutadans (Ciudadanos) einen nennenswerten Stimmenanteil erhält, der überwiegend auf spanische Einwanderer sowie deren Nachkommen zurückzuführen ist.

«Catalunya, València, les Illes,
tot plegat Catalunya, la Gran,
amb gent i la terra i la llengua,
i el passat i el present,
i el futur que ens espera,
bo o dolent, infaŀlible!

Som encara, aquest any —i en fa trenta!—,
un país malmenat per les grapes d'uns amos,
que barregen, impregenen, rebreguen
i enllorden
un mapa que és nostre
i en dir nostre vull dir
dels qui són catalans
per la sang conscient o la tria,
els legítims hereus
d’una pàtria petita, com tantes.
[…]

Però amb tot, malgrat tot,
operem i avancem,
pacífics, potser pusiŀlànimes,
però mai resignats
i sempre tossuts,
i obrim cada dia
—importuns, enfadosos, burxons—
clivelles de llum en aqueixa presó
on, al cap i a la fi, respirem;
però l’aire és confús, estantís
d’una pau corrumpuda, d’una pau corruptora,
tan injusta, fundada en la por
d’un ordre incivil
que ens esprem a profit
dels Altíssims Senyors que l’imposen
i emmetzina penombrosos racons
on uns homes anònims
pateixen, herois del silenci lleal,
el turment i la infàmia
entre mans mercenàries
[…]

Tot depèn, sapiguem-ho!
de la fe, de l’amor,
de les obres.
Tot depèn de nosaltres.
Tot depèn, sobretot, de vosaltres:
els joves!»

(Pere Quart: Anfang und Ende der «Versos elementals als catalans de 1969», in: Pere Quart: Poemes escollits, Barcelona: Edicions 62 i «la Caixa», 1983 [Les millors obres de la literatura catalana; Bd. 97], S. 128).

«Katalonien, das Land València, die Balearen,
alles zusammen Großkatalonien,
mit Menschen, dem Land und der Sprache,
und der Vergangenheit und Gegenwart,
und der Zukunft, die uns erwartet,
gut oder schlecht, unausweichlich sicher!

Wir sind in diesem Jahr noch immer — und es sind bereits dreißig! —
ein von den Klauen einiger Herren mißhandeltes Land,
[Herren], die ausplündern, sich vollsaugen, auspressen
und beschmutzen
ein Land, das unseres ist,
und wenn ich ‘unseres’ sage, will ich sagen
derer, die Katalanen sind,
durch Abstammung oder Wahl,
die rechtmäßigen Erben
eines kleines Vaterlandes, wie [es] soviele [gibt].
[…]

Aber in jeder Beziehung, trotz allem,
gehen wir ans Werk und schreiten voran,
friedlich, vielleicht kleinmütig,
aber nie die Hoffnung aufgebend
und immer hartnäckig,
und wir eröffnen jeden Tag
—als [den Herrschenden] Ungelegene, [sie] Verärgernde, als [das Feuer des Widerstands zum Aufflammen bringende] Schürhaken—
Lichtspalten in diesem Gefängnis,
wo wir schlußendlich atmen;
aber die Luft ist schlecht, abgestanden,
[es ist die Luft] eines korrupten Friedens, eines korrumpierenden Friedens,
der so ungerecht ist, gegründet auf der Angst
vor einer unbürgerlichen Ordnung,
die uns ausquetscht für den Profit
einiger sehr hoher Herrschaften, die sie [uns] auferlegen,
und sie [die Luft] vergiftet dunkle Ecken,
wo einige namenlosen Menschen
erleiden, Helden eines treuen Schweigens,
die Qual und die Niederträchtigkeit
in Söldnerhänden
[…]

Alles hängt ab, nehmen wir es zur Kenntnis!,
vom Glauben, von der Liebe,
von den Taten.
Alles hängt von uns ab.
Alles hängt, vor allem von euch ab:
von den jungen Leuten!»

Im postdemokratischen Spanien des Jahres 2017, von dem man nach den Ereignissen der letzten Monate mit Fug und Recht sagen kann, daß es sich in der Katalonien-Krise als nicht rechtsstaatlich erwiesen hat, das dem Regime in Madrid mißliebige katalanische Politiker keineswegs, wie in Deutschland oft fälschlich behauptet, in «Untersuchungshaft», sondern vielmehr mit einem auf den Franquismus zurückgehenden Gesetz in «bedingungsloser präventiver Schutzhaft» als politische Gefangene inhaftiert, sind diese Verse heute noch ebenso aktuell wie im Jahre 1969. Spanien behandelt Katalonien derzeit in menschenrechtswidriger Weise wie eine Kolonie, entmachtet rechtswidrig die rechtmäßige katalanische Regierung, löst rechtswidrig das katalanische Parlament auf und schreibt rechtswidrig mitten in einer Legislaturperiode Neuwahlen für Katalonien aus, ohne hierfür eine rechtliche Grundlage in der spanischen Verfassung oder im organischen Recht des spanischen Staates zu haben. Und die Europäische Union heißt diesen rechtswidrigen und auch gegen zwingendes internationales Recht verstoßenden Staatsstreich gegen Katalonien gut und will nicht zur Kenntnis nehmen, daß das offensichtlich parteiische spanische Verfassungsgericht sogar eine diesbezügliche Verfassungsklage der Katalanen noch nicht einmal zur Entscheidung angenommen hat!

Für die Katalanen geht es zur Zeit um sehr viel: Bewahrung dessen, was sie in den vergangenen Jahrzehnten mühsam erreichten, und Wiedererlangung ihrer lange ersehnten Freiheit und Unabhängigkeit in einer demokratischen, rechtsstaatlichen und nicht korrupten Republik oder Zerstörung ihrer demokratischen und kulturellen Institutionen, absehbare Zerschlagung ihrer Medien wie beispielsweise des Fernsehsenders TV3, weitere Unterdrückung und Ausbeutung in einem postdemokratischen, nicht rechtsstaatlichen, durch und durch korrumpierten und monarchischen Spanien. Deswegen wird die katalanische Revolution auch von einem Großteil des katalanischen Volkes getragen, während ein Gutteil der nach Katalonien eingewanderten Spanier eine Assimilation Kataloniens an Spanien befürwortet. Die legalistischen Tricks und gesetzwidrigen Manöver, mit denen Spanien das nach zwingendem internationalem Recht sogar über der spanischen Verfassung stehende Selbstbestimmungsrecht der katalanischen Nation zu unterlaufen versucht, werden langfristig nicht zu dem von Spanien gewünschten Ergebnis führen, sondern im Gegenteil dazu beitragen, daß Spanien seine katalanische Kolonie, die es am 11. September 1714 eroberte und seitdem mal mehr, mal weniger unterdrückte und ausbeutete, früher oder später verlieren wird.

Es darf bei alledem nicht vergessen werden, daß das Prinzipat von Katalonien, das landläufig als «Katalonien» bezeichnet wird, nur die Kernregion «Großkataloniens» ist. Die Katalanischen Länder («Països Catalans») umfassen, wenn man von der Stadt Algher auf Sardinien sowie Andorra absieht, das in Frankreich gelegene Nordkatalonien, das Prinzipat von Katalonien, das Land València sowie die Balearen. Die gemeinsame Sprache, Kultur und Literatur der Katalanischen Länder ist ein einigendes Band, das auch durch alle Bestrebungen des spanischen Staates, nach der Devise ‘divide et impera!’ die Katalanischen Länder zu zerstückeln und als spanische Regionen an Spanien zu assimilieren, nicht zerschnitten werden konnte.

Die tausendjährige katalanische Literatur zählt zu den großen Literaturen Europas und der Welt, ist jedoch in Deutschland einem großen Publikum nach wie vor nicht präsent, obwohl viele Werke katalanischer Zunge ins Deutsche übersetzt wurden und werden. Die thematische Vielfalt ist immens, und insbesondere die Balearen haben seit dem 20. Jahrhundert lyrische und erzählerische Werke hoher Qualität hervorgebracht. Folgende sieben Leseproben aus katalanischen Romanen der Balearen mögen einen ersten Eindruck vermitteln. Der letzten Leseprobe ist der katalanische Originaltext beigegeben, an dem Leser, die etwa der kastilischen (‘spanischen’) Sprache mächtig sind, ersehen und vergleichen können, welche Unterschiede zwischen dem iberoromanischen Kastilischen und dem überwiegend dem galloromanischen Sprachtypus angehörenden Katalanischen sind.

1. Leseprobe: Maria de la Pau Janer: Marmara (Màrmara, 1994, dt. 1996):

«Claudia lag auf dem Rücken, ihre Hände waren in Hans Fortezas Haaren, sie fühlte sein Gewicht, die Kraft seiner Beine, die die ihren festhielten, die kräftigen Arme, die sie unterwarfen. Seine Lippen verloren sich hinter ihren Knien, während sie ihm sein Geschlecht mit ihren Fingerspitzen streichelte. Plötzlich, als sein Kuß an ihrer Scham länger dauerte, spürte sie, wie sich alles um sie herum drehte. Sie stieß ein zitronenfarbenes Stöhnen aus, während sie die Bettücher zusammenpreßte, als ob die ganze Nacht ein Reich der Flammen wäre. Dann kam sie langsam wieder zu sich und legte sich auf diesen offenen und behenden Körper, wie der Vollmond. Jetzt war es Claudia, die den Takt vorgab, während Hans ihre Locken auf seinen Wangen spürte.

Die Nacht war eine riesige Wolke. Der dritte Mal schliefen sie miteinander Stoß für Stoß, ohne Übereilung. In einem Rausch der Augen, der Lippen, der Hände, des Bauchs, voneinander gesättigt, mit dürstender Haut und gleichwohl mit dem Vergnügen, die Entdeckung zu verlängern. Begierde. Im Bett kniend, Gesicht an Gesicht, sich mit Unterbrechungen abtastend. Der Goldschmied hatte ein rauhes Gesicht, ein mit einer schlechten Drehbank ziselliertes Profil. «Sicher hat man, als es gemacht wurde, die Gußform zerbrochen», pflegten seine Genossen von der Straße zu sagen, wenn die Rede darauf kam. Sie sprachen mit einem Mittelding zwischen Spott und Bewunderung darüber, denn keiner von ihnen hatte ihn in der Goldschmiedekunst zu übertreffen vermocht, weil sie wußten, daß er anders war, daß er sich viele Winterabende in sein Hinterzimmer einschloß, ohne sich dem allgemeinen Tummel anzuschließen, umgeben von Büchern, die er von weither kommen ließ.

Claudia fühlte sich von Händen umschlungen, die sich bei der Berührung ihrer Haut vermehrten. Hände, die ihre Haare zersausten, eingewickelt in ihre kupferfarbenen Locken, am Nacken, wo sie ihren schlanken Hals entdeckten; Hände am Bauch, die dort Zuflucht suchten, Finger, die die Augenlider streicheln, die Lippen nachzeichnen und sich in der Kurfe ihres Rückens verlieren. Jene Hände bedeuteten die ganze Welt, und die blauen Augen waren wie ein unergründlich tiefes Meer. Ohne Küste. Aber sie hatte keine Zeit, an irgendetwas zu denken, sie tauchte nur in den Armen von Hans Forteza unter. «Niemals habe ich einen Liebhaber wie dich gehabt», murmelte sie auf einmal. Und es stimmte, weil jede Bewegung in diesem Zimmer ein ihr bis dahin unbekanntes Ausmaß besaß, gleichzeitig maßvoll und überbordend. «Das kommt daher, daß ich seit vielen Jahren auf dich gewartet habe», hörte sie ihn ganz leise sagen. Da krümmte sich Claudia wie eine grüne Gerte zusammen und gab sich den Wellen hin, die ihren Körper durchliefen. Die ersten Lichtstrahlen des Tages überraschten sie, als sie gerade einschliefen.»

Quelle: Maria de la Pau Janer: Marmara, Roman, aus dem Katalanischen übersetzt von Axel Schönberger, Frankfurt am Main; Berlin 1996, ISBN 978-3-927884-51-9, S. 85-87.

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2. Leseprobe: Gabriel Janer Manila: Die Nebeldame (La dama de les boires, 1987; dt. 2003)

«An einem weißen Frühlingsnachmittag spazierten wir durch Wien, und Ihr erläutertet dabei, daß jener große Zierat das Grabmal einer hinfälligen und verdorbenen Ordnung, den letzten Glanz einer überlebten Zeit verbarg. Wir sollten, das war Euer Bestreben, verstehen, wie die Stadt sich schmückte und tanzte und Gedichte vortrug und Lieder ersann, nur um sich in den Sockel des Kaisers zu verwandeln: unbeugsam und priesterlich, wie ein unversöhnlicher, in seinem Sitz der Hochmut hochaufragender Vater. Trotz der Unterdrückungsmaßnahmen, die er auf die verschiedenen Völker, welche das Reich bildeten, ausübte, konnte aber weder jener Mensch allein noch die Gesellschaftsschicht, die ihn trug — das von dem Adel geblendete Bürgertum —, den Fortschritt der vaterländischen Gefühle aufhalten, die gemeinsam mit dem Recht, öffentlich die jeweilige Landessprache gebrauchen zu dürfen, eine eigene Verfassung und eine freie Volksversammlung forderten. Zuviele Völker waren der Einförmigkeit jener Leute unterworfen, die sich auf den Glauben versteiften, daß die Donau weiterhin ihre blaue Farbe bewahre.

«Wer hindert sie daran, blau zu sein?», hatte an einem Nachmittag des Hochgefühls irgendjemand mitten auf einem Platz gefragt.

In jener Nacht brauste der Wind durch die Wälder um Wien. Caterina fühlte sich glücklich, während sie sich der heiteren, gefühlsseligen und angenehmen Musik der Walzer von Strauss hingab. Vielleicht hörte sie Euch nicht zu, als Ihr die Schwierigkeiten der beherrschten Länder erklärtet: Ungarn, die slawischen Völker, immer unterworfen … An einem anderen Tag, an dem die Dunkelheit Vertraulichkeiten begünstigte — wir hatten uns in Miramar dicht am Kamin zusammengesetzt —, bekanntet Ihr uns, daß die Ungarn eine Scheinunabhängigkeit erhalten hatten, dank den Liebschaften der Kaiserin mit Gyula Andrássy, dem alten Aufständischen, dem Volkshelden, der die Liebe jener Königin zu wecken vermochte, die mit den schneidigsten Reitern Europas auf die Jagd ging. Dort entdeckte, sagtet Ihr, Elisabeth in einem abgelegenen Schloß die erste Falte in ihrem Antlitz und weinte eine ganze Nacht lang vor dem Spiegel, weil sie ahnte, daß sie zu altern begann, weil sie Angst davor hatte, aufzuwachen und vom Licht der Morgenröte gemahnt zu werden, daß sie nicht mehr begehrenswert sein könne.

Als die Kaiserin auf die Insel kam, hatte Caterina ihr einen Kranz aus Waldorchideen geflochten und geschenkt. Wir erwarteten jene Frau mit Ungeduld, und sie wollte ihr das anbieten, was ihr an ihrer Heimat am meisten gefiel. Elisabeth nahm die Orchideen mit beiden Händen entgegen, und über ihr Gesicht glitt plötzlich ein Leuchten, als ob ein wenig Licht gekommen wäre, um ihren Überdruß, ihre rastlose und rätselhafte Einsamkeit zu entfachen. Sie erklärte ihr, daß sie selbst jene Blumen unter den Baumreihen im felsigen Gelände gepflückt hatte. Es gab — genauso wie bei jenen, die ich eben gestern gerade bei Tagesanbruch gesammelt hatte — purpurgesprenkelte und samtene, gelbe, blaue und wie ein kleiner Spiegelsplitter durchscheinende. Als sie ihr erzählte, daß die Leute aus dem Volk dazu Blumenbienen, blaue Mücken und Schuhe der Muttergottes sagen, lächelte die Kaiserin erneut, zerbrechlich wie die wundersamen Blütenblätter.

Die Orchideen sprenkelten das Totenhemd mit Farbtupfern. Ich rückte ganz nahe an ihren Körper heran und unternahm es, sie beherzt anzusprechen, trunken von Wörtern, Vorahnungen und Todeskämpfen. Nie war ich fähig gewesen, es mit solcher Deutlichkeit auf den Lippen zu unternehmen, und nie hatte sie mir mit einem so großen Schweigen zugehört. Als ich bemerkte, daß ihr Leichnam gar nicht mehr fähig war, die Schwingungen meines Bewußtseins wahrzunehmen, verstummte ich plötzlich. Gleichwohl bin ich kein Hasenfuß — sie wußte es nur allzugut —, der versucht, die Ereignisse zu seinem Vorteil zu rechtfertigen. Es kamen einige Männer, hoben den Sarg hoch, und wir gingen zwischen Steineichen und Pinien über den Heideweg. Die gekräuselte Meeresoberfläche ließ die Strömung in der Abenddämmerung erkennen, während wir oben an der Küste auf einem steilen Pfad in Stille den Respons für die Verstorbene beteten.»

Quelle: Gabriel Janer Manila: Die Nebeldame, Roman, aus dem Katalanischen übersetzt von Axel Schönberger, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-927884-64-9, S. 17-19.

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3. Leseprobe: Baltasar Porcel: Verstorbene unter blühenden Mandelbäumen (Difunts sota els ametllers en flor, 1970; dt. 2007):

«Er warf die Zigaretten halbgeraucht weg und zündete neue an. Er fuchtelte mit den Armen, der Apotheker, aufgeregt und unsicher. Und als er sah, daß die drei Frauen aus Can Catany einen Schritt vortraten, tat er einen Satz von einem halben Meter und blieb mit dem Rücken am Brunnen stehen, den Blick erschreckt auf sie gerichtet. Er war wie ein kleines Tier, das fette, angstschlotternde Männlein. «Was, was … Ich, ich …» krächzte er, umzingelt von den drei Trauer tragenden Gestalten.

Mit leiser Stimme sagte die Bel: «Los, Mutter. Los, Mercè.» Und alle drei Frauen streckten die Hände aus, packten den Apotheker, der sich zusammenzog, überrascht. Eine Sekunde lang verharrten alle vier still und starr, als wären sie Bilder. Und auf einmal verrenkte Don Pau sich, um zu fliehen, und die sechs Hände krallten sich in ihn, hielten ihn in der Zange. Er versuchte zu schreien, und sie stopften ihm einen zusammengeknäulten Lappen in den Mund. Sie zerrten heftig an ihm, rangen ihn zu Boden. Er fiel auf eine Erbsenpflanze, unter dem wattigen Geäst eines jungen, schlanken Mandelbaums.

Die Bel drehte ihn auf den Rücken, hielt ihn an Armen und Brust fest. Die Tochter packte seine Beine. Der Hund rannte fröhlich herum, bellte. Die alte Joana Maria band ihn an den Stamm des Mandelbaumes. Don Pau wand sich, preßte mit verdrehten Augen ein ersticktes Grunzen hervor. In bedächtigen Bewegungen, halb gelähmt durch die Harnsäure, kniete sich die Großmutter Catany in das nasse Gras, und mit ihren klammen Fingern öffnete sie den Gürtel und knöpfte die Hose des Apothekers auf.

Der erstarrte, und auf einmal bäumte er sich wie wild auf. Die Bel verdrehte ihm einen Arm, und der Mann machte ein wutverzerrtes Gesicht, fiel wieder zusammen. Und mit einer großen, scharfen Schere schnitt die alte Joana Maria Catany auf zweimal die Hoden des Apothekers ab. Als hätte man ein elektrisches Kabel an ihn gehalten, erzitterte der ganze Leib des Mannes und hüpfte in die Höhe, warf dabei die Frauen ab. Ein Schwall von Blut ergoß sich zwischen seinen Beinen. Und Don Pau brach bewußtlos zusammen.

Sie erhoben sich, die drei Frauen aus Can Catany. Sie hüllten sich in ihre Schultertücher und zogen ab. Sie lösten sich nach und nach in dem ungewissen Blau auf, als ob sie statt zu gehen schwebten. Dunkle Knäuel in dem Weiß des Mandelfeldes.

Reglos blieb der Mann auf dem Erbsenkissen liegen. Der Hund versuchte, zu ihm zu kommen, wedelte mit dem Schwanz. Er zerrte an der Schnur. Mit seinem Zerren rüttelte er an dem Mandelbaum. Und mit jeder Erschütterung fielen langsam bündelweise Blüten herab, ein träger Regen, wie aus weißen Schmetterlingen. Blumen vom blühenden Mandelbaum bedeckten in der eiskalten Februarnacht nach und nach den Mann und die Pflanzen.»

Quelle: Baltasar Porcel: Verstorbene unter blühenden Mandelbäumen, aus dem Katalanischen von Volker Glab, Frankfurt am Main 2007 (Mallorca erzählt — Literatur der Balearen; Bd. 5), ISBN 978-3-936132-23-6, S. 256-258.

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4. Leseprobe: Maria de la Pau Janer: Morgenland, Abendland: zwei Liebesgeschichten (Orient, Occident: dues històries d’amor, 1998, dt. 2007):

«Es flogen die Steine. Die Steinblöcke, die sie aus den zerstörten Häusern geholt hatten, waren die besten Wurfgeschosse. Mit einem kantigen Stein lähmte Omar die Hand eines Soldaten, der fluchte. Ein Steinhagel, ein harter Regen, ging von dem ersten Stock eines unbewohnten Hauses nieder. Man begann, Schreie zu hören, und es gab verwundete Körper. Es gab Menschen, die sich an irgendeiner Ecke versteckten und den Hinterhalt vorbereiteten. Es war, als ob man ihren Knöcheln Flügel verliehen hätte oder als ob man sie verbrannte. Die Pfähle hatten sich plötzlich in Schwerter verwandelt. Mutentbrannt stellten sie sich vor, sie wären Wüstenkrieger. Die Plastikgeschosse hielten ihren Ansturm nicht auf, sondern waren ein Ansporn, um weitervorzurücken.

Tarik lief von einer Straße zur anderen. Der Blick seiner Kameraden machte ihm ein wenig Angst, und es gelang ihm nicht, sich wie zu den anderen Gelegenheiten dafür zu begeistern. Es fiel ihm schwer, seinen Willen in der Gegenwart zu halten. Mehr als einmal war ihm die Möglichkeit durch den Kopf gegangen, sich umzudrehen und nach Hause zurückzukehren, er war jedoch nicht imstande, sie zu verlassen. Er kannte all jene, die sich mitreißen ließen und begeisterte Augen hatten. Die Härte der Steine tat ihm weh, und seine Handflächen waren voller Verletzungen. Ein Rennen von einer Seite zur anderen, Stimmen, die sich vermischten, und die Sonne stach.

Er dachte, daß all dies letztlich nicht so wichtig war. Um das Land zu kämpfen, sich für einen lächerlichen Kampf zu begeistern, in dem die Waffen immer denselben Leuten zur Verfügung standen. Eine Krume in den Augen der Soldaten, und nichts weiter. Eine Störung zu einem fast durch den Zufall vorgegebenen Termin, die die Palästinenser wiederholten, weil sie Beziehungspunkte benötigten. Die Steine und Pfähle wurden zu den Hauptfiguren einer Schlacht, die verloren war, bevor man sie begann, die jedoch ein Aufschrei an die Welt war, der Versuch zu erreichen, daß irgendeine Fernsehkamera das Bild des Ungleichgewichts nach draußen trug. Aber die Welt war wohl voller Ungleichgewichte. Zu Beginn, das mußte Ende der achtziger Jahre gewesen sein, bemühten sich die Berichterstatter, von ihnen Bilder zu machen, und sie glaubten, daß jener Weg sie zu irgendeinem Ausweg führen würde. Sie fühlten sich, als ob sie einen Sieg erlangt hätten, und wiederholten ihre Handlungen. Nach ein paar Monaten verlief sich alles im Sande.

Jetzt erschien ihm alles zusammen fast lächerlich. Wo war die Kraft des palästinensischen Volkes? Verborgen hinter dem Schwung der Steine, an der Spitze jener ganz langen Pfähle, die so dünn wie der Hohn waren? Tarik rannte, weil die anderen rannten, und warf die Steine weit, ohne sich dafür zu begeistern, als ob dies nicht sein Kampf wäre. Und doch war er es. Es mußte sich ständig wiederholen, daß sein Haus eines Tages nicht mehr das seine sein würde. Er dachte, daß Aischa wohl auf seine Stimme warten würde. Sie würde sich wundern, keine Worte von ihm zu hören, die der Wind aus dem Laden nach oben trüge und die heute nicht dort sein würden, um ihr Gesellschaft zu leisten. Er fragte sich, ob er kein Recht hätte, in Ruhe zu leben. Jeden Abend einzuschlafen, ohne sich eine düstere Zukunft vorzustellen. Die Augen aufzuschlagen und an der Seite den Körper seiner Frau und die Wiege jenes Kindes, das seines war, zu haben. «Vielleicht», dachte er, «besteht der Sieg nicht aus Steinwürfen, sondern aus der Fähigkeit, jeden Tag zu leben.»

Er sah Omar, der schwitzte. Er blieb an seiner Seite stehen und lächelte ihm zu:

«Wie geht’s, Tarik? Ich sehe, daß du weder deine Geschmeidigkeit noch deine Kraft verloren hast.»

«Weshalb sagst du das?»

«Du läufst wie ein Hase … Und du hast einen feurigen Blick wie früher.»

«Vielleicht. Dennoch werde ich bald gehen. Mir geht es nicht so gut.»

«Was sagst du, Mann? Du kannst uns nicht im Stich lassen!»

Tarik hatte es satt. Er entschied sich rasch: Er würde einige Minuten warten und, sobald die anderen zerstreut genug wären, irgendeine Abkürzung nehmen und auf die Terrasse zurückkehren. In Gedanken woanders, hörte er die letzten Worte des anderen nicht:

«Geh’ nicht durch die Schlangengasse. Wenn du gehen mußt, schlag’ einen weiteren Weg ein, weil die Soldaten an den Fenstern Hinterhalte vorbereitet haben. Hinter jedem Fenstergitter gibt es ein Schrapnell. Sie haben uns gewarnt, daß sie keine Herausforderungen mehr wollen.»

Er hörte ihm nicht zu. Er mußte weg. Er sah klar, daß sein Platz zuhause war, neben Aischa und dem Kind. Oder im Geschäft seiner Eltern. Er würde zu leben versuchen, ohne ständig an all das, was sie verlieren würden, zu denken. Er müßte die Tage neu angehen und das Beste daraus machen.»

Quelle: Maria de la Pau Janer: Morgenland, Abendland: zwei Liebesgeschichten, aus dem Katalanischen von Axel Schönberger, Frankfurt am Main 2007 (Mallorca erzählt — Literatur der Balearen; Bd. 6), ISBN 978-3-936132-28-1, S. 190-193.

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5. Leseprobe: Pau Faner: Auf Wiedersehen im Himmel (Fins al cel, 1997, dt. 2007):

«Unter diesen adeligen Herren war auch ein Markgraf, der Marquès de Maura, der erst kurz zuvor die Senyora Eulèria, eine wunderschöne Frau, geheiratet hatte. Eulàlia sagte ihm, daß Arnau sich damit begnügt hatte, sich von ihr vorlesen zu lassen, der Marquès reichte ihr das erste menorquinische Wochenblatt Semanario de la isla de Menorca, das gerade herausgekommen war, und als er sie lesen hörte, platzte er förmlich vor Lachen. Als er ihr aber die Kleider auszog, verliebte er sich in die Anmut jener ausgesprochen feinen Dirne, und sie erzitterte bei der Berührung seiner weiß behandschuhten Hände, die ein schwarzes Stöckchen mit goldenem Knauf hielten, und sie schmiegte sich an das weiche Tuch seines Gehrocks, und er setzte ihr den Zylinder auf, der ihr lustig über die Augen rutschte und unter dem ihr langes Haar hervorquoll. Nach und nach begeisterte Eulàlia sich für jenen Mann, der keine Kinder hatte, der im offenen Wagen und mit Dienern ins Bordell kam, der Carles und Eugeni Süßigkeiten gab und sich eine Goldmünze auf die Lippen legte, damit sie sie ihm mit einem Kuß abnahm. Er war ein nur allzu stattlicher Liebhaber, der ein Lotterleben führte, es hieß, daß er die Senyora Eulèria ziemlich leiden ließ, und ganz Ciutadella zerriß sich das Maul über ihn. Er war durch und durch Romantiker und so unverschämt, daß er 1812, als im Palais des späteren Comte de Torre-Saura ein Festbeleuchtungsball zur Feier der spanischen Verfassung veranstaltet wurde, die Stirn besaß, Eulàlia ein ausgefallenes Kleid zu schenken und sie im offenen Wagen auf den Ball mitzunehmen, dieses Flittchen, das dann allerdings die schönste Frau auf dem Ball war, und Senyora Eulèria saß alleine zu Hause und weinte.

Eulàlia erschien auf dem Festbeleuchtungsball mit Korkenzieherlocken im Haar, die ihr auf den Schultern tanzten. Sie hatte ihre großen grünen Augen stark geschminkt, die Wimpern gekräuselt und die Lippen rot angemalt. Ihre sonnenbraune Haut war durch und durch frisch, und das rote Kleid, das sie trug, hatte einen Faltenwurf, der sie wie eine Gartennelke aussehen ließ, und war großzügig ausgeschnitten und hatte eine samtene Rose in der Spitze des Ausschnitts. Dieses Kleid war sehr kurz, es ließ die Beine sehen, und der Gipfel der Gewagtheit war, daß diese ach so schöne Frau barfüßig ging.

Sie tanzte einfach göttlich auf den Zehenspitzen, mit ihren ganz weißen Nägeln. Sie schwebte in jener besonderen Nacht mit der Festbeleuchtung geradezu durch die Luft, und das Funkeln ihrer Augen und das Lächeln ihrer Lippen machte alle Welt verliebt, wie sie da so unter dem Spalier aus Armen hindurchschwebte und in der Sanftheit der Noten eines Menuetts von Tänzer zu Tänzer wechselte. Sie tanzte mit allen Senyors, sogar mit dem Gouverneur und mit dem künftigen Comte de Torre-Saura, und bezirzte sie alle. Am nächsten Tag quoll ihr Zimmer im Bordell, dasselbe, in dem auch Camprubí ein- und ausgegangen war, vor roten Rosen und Nelken über, die einen betörenden Duft verströmten, einen Duft, der nie enden sollte, solange sie dieses Zimmer bewohnte, weil es mit den Rosen und Nelken, die man ihr schickte, nie ein Ende nahm, und immer waren sie blutrot.

Im Jahr 1814 konnte Ferdinand VII., der den Beinamen «El Deseado», «der Ersehnte», trug, wieder den spanischen Thron besteigen, und 1820 leistete er einen Eid auf die Verfassung. Das waren glückliche Jahre für Eulàlia. Manchmal ging sie abends zum Tanz aus, und zwar mit der Muse Agnès, dann trug sie einen Schleier, den sie in der Schublade ihres Boudoirs nur für diese Gelegenheiten aufbewahrte. Sie wechselte von den Armen des Marquès de Maura in die gelegentlicher Liebhaber, die sich den Zugang zu ihrer Kammer mittels großzügiger Trinkgelder für die Puffmutter erwarben. Mittlerweile bekam Senyora Eulèria, die Marquesa de Maura, eine Tochter, die auf den Namen Marta de Maura getauft wurde, und danach einen Sohn, den Stammhalter Josep Maria, den künftigen Marquès de Maura.

Als die Kinder zur Welt kamen, wurde Eulàlia ganz wütend und ließ den Marquès vor der Tür zu ihrer rosengeschmückten Kammer stehen, und er weinte die ganze Nacht, während sie sich anderen Freiern hingab. Am frühen Morgen schlich sich der Marquès wie ein Kätzchen in ihr Zimmer, küßte ihr die Hände, bat sie um Verzeihung, versprach ihr, daß er keine Kinder mehr mit seiner Frau zeugen werde und daß er ihr eines machen würde. Und so kam es zur Zeugung des Ramon, dem sie die Nachnamen der Mutter, Font i Pons, gaben, der aber ein unehelicher Sohn des Marquès de Maura war.»

Quelle: Pau Faner: Auf Wiedersehen im Himmel, aus dem Katalanischen von Volker Glab, Frankfurt am Main 2007 (Mallorca erzählt — Literatur der Balearen; Bd. 2), ISBN 978-3-936132-22-9, S. 32-34.

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6. Leseprobe: Gabriel Janer Manila: Musizierende Engel (Angeli musicanti, 1984, dt. 2003):

«Die Mumie erhob sich langsam von ihrem Lager. Der Raum erfüllte sich mit Schmetterlingen, die aufflogen, kaum daß sie sie gesehen hatten. Da waren gelbe, grüne, branntfarbene. Auf den Flügeln trugen die Schmetterlinge die Umrisse des Todes als Zeichnung. Sie flogen schnell, und das Licht zitterte im Rhythmus ihrer Schwingungen. Die Tochter der Sonne hatte einen bösartigen Blick. Sie war nichts als aufgereihte Knochen und Knorpel, überzogen mit Seide. Beinahe ein Gespenst mit einer Seele aus Eisen und einem Herzen aus Kupfer.

Kerzengerade hatte die Mumie sich erhoben und sprach geschäftig, ohne Umschweife. Sie versicherte, daß ich der Mann sei, den sie seit langer Zeit erwartet habe, der Auserwählte für einen unglaublichen Liebesakt, denn mit der Vereinigung unseres Fleisches — meines Fleisches und ihrer Gebeine — sollte sich die Verwünschung der Schmetterlingspuppe lösen, die Maske, die den Körper einer anderen Frau verbarg. Die Schmetterlinge flatterten die ganze Zeit über herum, während der die Rede der Mumie andauerte. Sie sagte zu mir, daß es keinen anderen Mann gebe wie mich, weil ich im Kontakt mit der Erde der Stärke des Windes teilhaftig geworden sei, der Kraft des Regens, der Macht der Sonne und des Elans der lebendigen Dinge. Der Brutalität all dessen, was unter den Sphären pulsiert. Rüde und barbarisch, vielleicht wild und derb wollte die Mumie mich zur Stunde der Vereinigung. Ungestüm und grob. Ungezähmt wie die Ziegen, wie der Adler, wie ein Nordwestwind.

Ich sagte zitternd zu ihr, denn mein Mut reichte nur zum Zittern, daß in meinem Herzen noch eine Spur von Menschlichem sei. Vielleicht ist es ja ein Überbleibsel, aber ich weiß, daß ich es auf keinen Fall hergeben wollte. Weil ich nämlich den Menschen liebe, der ich noch immer bin, den Lehm, aus dem ich gemacht bin, und die Leidenschaft, die ihm Feuer verleiht. Weil ich immer noch in der Lage bin, alle Leidenschaften, alle Begeisterungen, alle Fieberwallungen in Genuß zu verwandeln. Was für eine Aufgabe: der Wunsch, das Fest des Lebens! Vielleicht abseits der Menschen, die häufig überall Folter und Schrecken verbreiten. Und wegen all dessen sind sie Menschen, wegen ihrer Fähigkeit, den Schrecken zu erzeugen, Terror einzuführen.

Die Tochter der Sonne hatte mir schweigend zugehört. Die Schmetterlinge hatten aufgehört herumzuflattern und sich auf der Schmetterlingspuppe niedergelassen. Die Mumie begann den Hochzeitstanz. Einen Liebestanz, den die Schmetterlinge lustvoll begleiteten.

Mit Hingabe tanzte die Mumie, sie flog geradezu. Ihr Tanz verwandelte sich in eine Mischung aus geflügelten Bewegungen, gemalt wirkenden Luftsprüngen, Spiralen und Kurven. Manchmal drehte sie sich um sich selbst. Dann erhob sie sich vom Boden wie die Voluten des Rauches und wirbelte herum wie ein Strudel. Ich weiß nicht, welche Beweggründe mich dazu gebracht hatten, die Verteidigungsrede für all das zu halten, was noch an menschlichem Wesen in mir war. Vielleicht die Einsicht, als ich feststellte, daß das, was mich von den Tieren unterschied, gerade das war, was mich auf den glücklichsten Wegen des Lebens führte, auch auf den unwirtlichsten. Die Fähigkeit, Leidenschaft in Genuß zu verwandeln. Die Chimäre, Schmerz und Leid auszusäen. Der paradiesische Baum der Erkenntnis. Die Möglichkeit zur Wahl zwischen der bequemen Unterwerfung und dem Risiko, von der verbotenen Frucht zu kosten. Die Gefahr, das Abenteuer des Guten und des Bösen zu leben wie eine Eroberung.

Und ich vereinigte mich liebevoll mit der Tochter der Sonne. Die Schmetterlinge bedeckten unser Fleisch. Die Mumie hatte den Vorhang vor der Schlafkammer zurückgezogen und das Bett aufgedeckt, es wimmelte von Schlangen. Wir zogen uns aus, sie legte Tülle und Seidentücher ab, ich das wenige an Kleidung, das mir noch geblieben war. Auf den Schlangen machten unsere Körper sich für die Vereinigung bereit.

Alles, was danach kam, war unwirklich, wer weiß, ob es überhaupt stattfand. Die Schlangen strichen über unsere Körper mit ihrem Spiel aus Wellenbewegungen und Zärtlichkeiten. Zwei Schmetterlinge ließen sich auf meinen Lidern nieder. Ich erwachte, weil mir kalt war, und ich wagte vor lauter Angst nicht, die Augen zu öffnen. Ich spürte die bleierne Ruhe wie ein Gewicht auf meinen Augenlidern. Circene lag an meiner Seite, verwandelt. Die Schmetterlinge waren durch das große Fenster weggeflogen, und der ganze Raum war von einer neuen Helligkeit durchflutet.»

Quelle: Gabriel Janer Manila: Musizierende Engel, aus dem Katalanischen übersetzt von Volker Glab, Frankfurt am Main 2003, ISBN 978-3-927884-63-2, S. 95-97.

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7. und letzte Leseprobe (katalanisch und deutsch): Antoni Vidal Ferrando: Monde und Kröten (Les llunes i els calàpets, 1994, dt. 2011):

«L’avi se’n regalava les orelles, d’evocar aquells anys. Per la màgia, per la serenor en què varen transcorrer dins els seus ulls melats d’adolescent: la consistència, la gravetat efímera d’engegar els motors, per ser a la pesquera posta de sol; l’estona loquaç i extemporània del sopar, asseguts damunt un caramull de cordes; les converses pel camí, originades pel transcórrer de petits esdeveniments, pel deler de singladures fantàstiques; el contorn extravagant dels núvols coronant les serres desdibuixades; l’estela lànguida que deixaven a popa, amb les gavines; la manera ritual d’amollar l’art: com més vent més corda; l’esfera vellutada del cel i els esperpells perduts de les estrelles; la son a les parpelles pidolant les delícies del pellet, des d’on sonava, com un fuet, la veu poderosa del patró: «Tensau l’escota!»; l’espectacle d’afluixar les gatxes, després de cada ròssec, i inundar la coberta de pagells, d’escórperes, de molls, d’aranyes, de gerret, de pops, de calamars, de sèpies, de morralla, de bastina, que havien de distribuir jeràrquicament dins coves, amb perícia d’equilibrista, si no volien pagar el tribut infaust de les picades; els volums eventuals, escarlates, grotescs de les llagostes i les cranques; l’aparició encisera, insòlita d’un olletó antiguíssim, emergint d’entre un excés de llim i tests amb copinyó, com un testimoni súbit d’altres vides, de diferents afanys, de navilis anònims i del vòrtex que els va enfonsar; l’oloreta de peix mentre el torraven, sota la llum escassa dels fanals de carbur; el cruixir de les estelles dins el fogó, solidari i estoic contra el rigor de l’hivern, evidenciat a les man balbes, en el celistre al rostre, quan la Joven Virtudes i el San Julián, de retorn, enfilaven la boca de la Cala, anunciant el dia, si l’aire era propici; la tebior de l’aigua, la picoreta lleu, salada que li envestia, primer als nusos, llavors a les puntes dels dits, en rebejar el peix per netejar-lo, car el cuiner se solia cercar una excusa per derrenclir: «Tu posa’t a escatar, que jo tenc feines»; els arrossos fidels, pantagruèlics, als quals no mancà mai l’ingredient esponerós d’alguns crustaci; la pau immensa de després de dinar: no eren les deu del matí i tots dormien, menys el cuiner i l’avi, que es quedava a escruar, a netejar els fanals, a treure l’aigua que havia caigut a dins el bot, pels embornals, en rentar les captures o en fregar la coberta.» (S. 44-45 der katalanischen Originalausgabe).

«Großvater schwelgte genüßlich in der Erinnerung an jene Jahre. Wegen des Zaubers, wegen der Heiterkeit, in der sie in seinen honigfarbenen Augen eines jungen Mannes abgelaufen waren: die Beständigkeit, die vergängliche Schwere, die Motoren anzuwerfen, um bei Sonnenuntergang beim Fischen zu sein; die geschwätzige und improvisierte Zeit des Abendessens, wenn sie auf einem Haufen Taue saßen; die Unterhaltungen auf der Fahrt, die durch den Ablauf kleiner Ereignisse, durch den Drang nach phantastischen Etmalen angestoßen wurden; der ausgefallene Umriß der Wolken, welche die verschwommenen Berge krönten; die schwache Kielspur, die sie mit den Möwen heckwärts hinter sich ließen; die rituelle Weise, das Netz zu lösen; je mehr Wind, desto mehr Seil; der samtige Himmelsbogen und das verlorene Blinzeln der Sterne; die Müdigkeit auf den Augenlidern, welche die Wonnen der als Lager dienenden Pritsche erbettelte; daher kam, wie eine Peitsche, die kräftige Stimme des Patrons: «Zurrt die Schote fest!»; das Schauspiel, nach jedem Schleppen die Verschlußleinen des Fangnetzes zu lösen und das Deck mit Rotbrassen, Drachenköpfen Karbatschen, Seebarben, Seespinnen, Sprotten, Tintenfischen, Kalmaren, Sepien, kleinen Fischen und Rochen zu überschwemmen, die sie mit der sicheren Erfahrung eines Seiltänzers geordnet auf die Körbe verteilten, wenn sie nicht einen unglücklichen Tribut an Stichen bezahlen wollten; die zufälligen scharlachroten und grotesken Haufen von Langusten und Krebsen; das bezaubernde, ungewöhnliche Auftauchen eines uralten Topfes, der unter einer großen Menge von Schlamm und muschelbesetzten Töpfen zum Vorschein kommt, wie ein plötzlicher Zeuge von anderen Leben, unterschiedlichen Bestrebungen, namenloser Schiffe und des Strudels, der sie verschlang; der Fischgeruch, während sie ihn im schwachen Licht der Karbidlampen rösteten; das Knacken der Späne im Herd, der gegen die Härte des Winters solidarisch und unempfindlich war, die man an den kältestarren Händen ersehen konnte, an der kalten Zugluft im Gesicht, als die Joven Virtudes und die San Julián auf der Heimfahrt in die Mündung der Cala Gavina einfuhren und den Tag ankündigten, wenn der Wind günstig war; die laue Wärme des Wassers, der leichte, salzige Kitzel, der ihn zuerst an den Knöcheln, dann an den Fingerspitzen befiel, wenn er den Fisch einweichte, um ihn zu säubern, denn der Koch pflegte sich eine Ausrede zu suchen, um sich zu drücken: «Mach’ du dich ans Abschuppen, ich habe etwas anderes zu tun»; die treuen, pantagruelischen Reisgerichte, denen nie die üppige Zutat irgendeines Krustentieres fehlte; die unermeßliche Ruhe nach dem Mittagessen: Es war nicht zehn Uhr morgens und alle schliefen, außer dem Koch und Großvater, der am Putzen war, er reinigte die Lichter und schrubbte das Wasser auf, das durch das Speigatt ins Boot geschwappt war, als man den Fang säuberte oder das Deck putzte.»

Quelle: Antoni Vidal Ferrando: Monde und Kröten, aus dem Katalanischen von Axel Schönberger, Frankfurt am Main 2011 (Mallorca erzählt — Literatur der Balearen; Bd. 9), ISBN 978-3-936132-27-4, S. 66-68.


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