Petition update

«Wir werden siegen! Es lebe die Republik!» — Katalanische Großdemonstration in Brüssel

Prof. Dr. Axel Schönberger
Germany

Dec 9, 2017 — Am 7. Dezember 2017 reisten Zehntausende von Katalanen auf eigene Kosten nach Brüssel, um dort ihre Exilregierung zu unterstützen, die Freiheit der politischen Gefangenen, die Spanien nach wie vor in Haft hält, zu fordern, und an die Europäische Union zu appellieren, nicht länger wegzusehen, sondern die Menschenrechte in Katalonien zu verteidigen. Die belgische Polizei korrigierte ihre Schätzung der Teilnehmerzahl von zunächst 45.000 im Laufe des Tages auf rund 60.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. (Es wären noch mehr gewesen, wenn der spanische Staat nicht Anreisewillige mit entsprechenden Schikanen an der rechtzeitigen Ausreise gehindert hätte.) Damit dürfte es sich um die bislang größte europäische Demonstration in Brüssel gehandelt haben.

Unter anderen sprachen die vier katalanischen Exilminister, Marta Rovira, die auch einen Brief ihres inhaftierten Parteifreundes Dr. Oriol Junqueras verlas, und der legitime 130. Präsident Kataloniens, Carles Puigdemont, zu den Versammelten. Sie ließen keinen Zweifel daran, daß sich das katalanische Volk weder von Spanien noch von der Führung der Europäischen Union einschüchtern lassen werde, sondern seine Freiheit, Demokratie und die Republik einfordern und verwirklichen werde. Viele Demonstranten brachten mit Schildern zum Ausdruck, daß das Verhalten der Führung der Europäischen Union, die bislang die massiven Menschenrechtsverletzungen Spaniens in Katalonien duldet und sogar billigt, eine Schande für Europa sei.

In den Reden kam auch die wohl berechtigte Sorge zum Ausdruck, daß Spanien die (ohnehin illegitimen) Wahlen in Katalonien am 21. Dezember 2017 fälschen werde. Marta Rovira warf Spanien vor, Angst vor der Demokratie zu haben.

Die Europäische Union behandelt derzeit 7,5 Millionen EU-Bürgerinnen und Bürger, als ob diese keine Rechte hätten und als ob für sie die in den Sozialpakten der Vereinten Nationen verankerten Menschenrechte keine Gültigkeit hätten. Es ist ein unglaublicher Vorgang, der an sich zum Rücktritt derjenigen europäischen Politikerinnen und Politiker führen müßte, welche die millionenfachen und massiven Menschenrechtsvferletzungen in Spanien unterstützen und damit Artikel 2 des EU-Vertrags aushöhlen und die moralische Glaubwürdigkeit der Europäischen Union zerstören.

Den katalanischen Medien wurde offenbar eine ausführliche Berichterstattung über diese Großdemonstration verboten. Ein ausführliches Video mit den vollständigen Reden kann jedoch hier eingesehen und heruntergeladen werden: https://www.vilaweb.cat/noticies/la-manifestacio-de-brusselles-sencera-en-video/

Abschließend sei ein Kommentar von Pere Grau i Rovira (Hamburg) im Wortlaut zitiert, der kenntnisreich die Brüsseler Demonstration vom 7. Dezember 2017 kommentiert:

«9. Dezember 2017

Wach auf Europa!

Das war das Motto der massiven katalanischen Demonstration in Brüssel an diesem 7. Dezember. Die Organisatoren hatten den belgischen Behörden ca. 20.000 Teilnehmer angekündigt. Laut vorsichtiger Schätzung der Brüsseler Polizei waren aber 45.000 erschienen. Reuters hat etwas mehr als 50.000 als wahrscheinliche Zahl angegeben. Wie es aber nicht anderes sein konnte, haben die spanische Regierung und die meisten Medien nur von 10.000 geredet. Wie immer werden die Unabhängigkeitskundgebungen kleiner geredet, wie auch die der Gegner davon immer aufgebläht werden, ohne Rücksicht darauf, wie lächerlich sie sich damit machen können. Um die Lächerlichkeit voll zu machen, hat das spanische Justizministerium bei den Belgiern protestiert: die Schätzung von 45.000 Teilnehmer sei völlig unrealistisch. Kaum war der Protest gesendet, hat die belgische Bundespolizei die Schätzung korrigiert … auf 60.000! Belgien ist nicht Spanien. Glücklicherweise.

Die Brüsseler kamen nicht aus ihrem Staunen heraus. Bis jetzt hatten die größten Demonstrationen der letzten Jahre in der Stadt höchstens 10.000 Teilnehmer auf die Straße gebracht. Und auch noch dazu waren diesmal die Teilnehmer von weit weg, aus Katalonien und anderen Teilen Europas, gekommen. Und es waren nicht nur die Belgier, die überrascht wurden. Die spanischen Behörden hatten auch nicht mit einer solchen Zahl gerechnet. Desto mehr, da sie alles Mögliche getan hatten, um die Reise für viele Katalanen möglichst zu verhindern: mit langen, ungerechtfertigten Kontrollen an der französischen Grenze; mit einer erzwungenen Verspätung von zwei Zügen, um den Anschluss in Lyon zu verhindern; mit der Verweigerung rechtzeitiger Abflugmöglichkeiten für zwei Charterflugzeuge ab dem Flughafen Reus u.s.w.

Daß die Spanier von dem Ausmaß der Demonstration überrascht wurden, erklärt der emeritierte spanische Politologe Ramon Cotarelo in seinem Blog „Palinuro“ so: „Das ist, was sie [die spanischen Machthaber] nie verstehen werden: daß Menschen aller Schichten und Meinungen, Freiberufler, Arbeiter, Stipendiaten, Rentner an einem langen Wochenende sich 3.000 km. aufbürden, und alles aus der eigenen Tasche bezahlen, um - trotz Regen und Kälte - ein politisches Ideal zu verteidigen. Nie. Sie werden es nie verstehen.“ Übrigens ist Cotarelo einer der ganz wenigen spanischen Intellektuellen, der Katalonien verteidigt und die spanische Wirklichkeit gnadenlos und drastisch beschreibt. Dafür wird er von allen spanischen Medien ignoriert und verschwiegen. Aber seine Webseite ist eine der meistgelesenen (nicht nur in Katalonien).

Es hat auch großen Eindruck gemacht, dass (für uns eine Selbstverständlichkeit) das Ganze ohne unangenehme Zwischenfälle verlief, und daß nachher die Stadtreinigung fast nichts zu tun hatte. Der jüngste Teilnehmer war ein seben Monate altes Baby (was ich keineswegs in Ordnung finde), die wahrscheinlich Älteste eine 88 Jahre alte Frau, die „gegen Zustände wie unter Franco in meiner Jugend“ protestieren wollte, und um ihre Unterstützung für Präsident Puigdemont zu bezeugen.

In seiner kurzen Rede sagte dieser: „Herr Juncker: Haben Sie irgendwo in der Welt je eine Demo wie diese gesehen, um „Verbrecher“ zu unterstützen? Vielleicht ist es aber so, daß wir keine Verbrecher sind. Wir sind Demokraten!“

Ich weiß selbstverständlich nicht, ob die Demonstration irgendeinen Eindruck auf die Europapolitiker gemacht hat. Es sollte aber ihnen allen zu denken geben. Sie sollen sich Gedanken machen, wie sie es mit einem „weiter so“ halten wollen, wenn nach einem Sieg des Unabhängigkeitslagers in den Wahlen am 21. Dezember die Ergebnisse gefälscht werden würden (die spanische Wahlkommission will die Anwesenheit von internationalen Beobachtern verbieten!) oder wenn dann der jetzige Ausnahmezustand (Artikel 155) unbegrenzt fortgesetzt wird.

Um zu den Medien zurückzukommen: Die spanischen Medien haben die Brüsseler Demonstration entweder verschwiegen oder schlechtgeredet und ins Lächerliche zu ziehen versucht. Und den katalanischen Fernseh- und Radiosendern wurde die ausführliche Berichterstattung verboten. Sie durften nur während einer Minute für jede Stunde eine kurze Momentaufnahme senden. Diese Zensur gehört auch zu der jetzigen „Normalität“ in einem Katalonien, das wie ein besetztes Territorium behandelt wird.

Die europäischen Politiker sollten sich auch fragen, wie es vertretbar sei, einen Staat zu unterstützen, der nicht nur mißliebige Politiker mit unsinnigen Anklagen einsperrt, sondern sie auch (wie die jetzt vorläufig Freigelassenen berichtet haben) wie Schwerkriminelle behandelt, indem sie bei dem Transport zwischen Gefängnissen oder zwischen Gefängnis und Richtersaal mit hinter dem Rücken gefesselten Händen und auf glatten Sitzbänke, die keinen Halt bieten, befördert und noch dazu von den begleitenden Polizisten verhöhnt wurden („Jetzt ist euer Mummenschanz zu Ende! Ihr werdet hinter Gittern jahrelang verrotten“ und ähnliche „Feinheiten“).

„Europa, wach auf!“. Zur Zeit hat man aber den Eindruck, daß Europa jede Menge Schlaftabletten geschluckt hat. Vielleicht hören aber einige einsichtigere Mitglieder der EU-Institutionen bald den Wecker klingen. Man kann es nur hoffen, weil es sonst um die Glaubwürdigkeit der europäischen Werte schlecht ausschauen wird …»

Pere Grau i Rovira

[Quelle: https://peregraurovira.wordpress.com/2017/12/09/wach-auf-europa/]


Keep fighting for people power!

Politicians and rich CEOs shouldn't make all the decisions. Today we ask you to help keep Change.org free and independent. Our job as a public benefit company is to help petitions like this one fight back and get heard. If everyone who saw this chipped in monthly we'd secure Change.org's future today. Help us hold the powerful to account. Can you spare a minute to become a member today?

I'll power Change with $5 monthlyPayment method

Discussion

Please enter a comment.

We were unable to post your comment. Please try again.