Petition updateÜberbevölkerung – Globaler Geburtenstopp jetzt! * Overpopulation – Global Birth Stop now!Gastbeitrag Prof. Dr. Niemitz: "Das Eis wird dünn."
Achim WolfGermany
Jun 12, 2021

Die planetare Lage und Folgerungen daraus für jede/n
*** von Prof. Dr. Carsten Niemitz ***
Der Gang über dünnes Eis ist eine gute Metapher für einen ökologischen Kippmechanismus. Schmilzt es, weil das Wasser darunter über null Grad warm ist, so wird es allmählich dünner, wobei der auf dem Eis gehende Mensch keine Anzeichen für den Prozess erhält. Wenn es bricht,
kann der Mensch den Sturz ins Wasser nicht mehr verhindern.
Um beim Bild zu bleiben, schmilzt diesen Jahren die ökologische Tragkraft der Erde rapide, weil die Menschheit die Kapazitäten der Erde in einem Maße übernutzt, dass wir eigentlich aktuell rund 1,6 bis 1,7 Erden für Erhalt dieser Tragfähigkeit benötigen würden. Gleichzeitig beobachten wir, dass die politischen Instanzen auf der ganzen Welt viel zu wenig in die Wege leiten, um den Schwund in entscheidendem Maße zu verlangsamen oder aufzuhalten. Auch die überwiegende Mehrzahl der einzelnen Menschen auf der Welt verhält sich so, dass die ökologische Tragkraft weiter abnimmt. Vieles können sie nicht verhindern, aber auch das, was sie tun könnten, unterbleibt viel zu oft. Auch jene gebildeten
Menschen, die so gut Bescheid wissen, dass sie zielführende Forderungen an die Politik formulieren können, tragen freiwillig meist selbst zu wenig oder fast nicht dazu bei, was die Lage verbessern könnte. Wenn sie es täten, wäre nicht nur der Tragfähigkeit, also der Zukunftsfähigkeit der Umwelt geholfen, sondern ihr millionenfaches Verhalten würde auch den Druck auf die Politik enorm erhöhen.
Zunächst müssen wir unsere Situation auf der Welt einer Analyse unterziehen, wobei wir einzelne Themenfelder exemplarisch beleuchten werden. Manchmal wird die Kürze der Behandlung zu Recht nur als ein Schlaglicht auf das jeweilige Thema aufzufassen sein, vielleicht auch weil wichtige Teilaspekte in anderen Kapiteln mit behandelt werden. Aber so werden wir feststellen, dass viele Dinge, die im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs isoliert behandelt werden, vielfältig miteinander verknüpft sind.
Verfügbares Land und Flächenbedarf
Legt man die ‚bewohnbare‘ Fläche der Erde zugrunde, also die Landfläche unter Abzug von Sand und Eiswüsten etc., so verteilen sich rund 7,8 Milliarden Menschen auf etwas weniger als 120 Millionen km². Damit hätte jeder Mensch etwa 1,6 Hektar Platz. Im Schnitt beträgt die Bevölkerungsdichte der Welt rund 65 Menschen pro km². Das sollte doch reichen, müsste man meinen, insbesondere wenn man sich Landschaftsbilder von Schottland geistig aufruft. Aber die meisten
Schotten leben eben, wie vielerorts auf der Welt, in den wenigen Städten, Edinburgh, Glasgow, Dundee… Im Staatstaat Singapur leben fast 8000 Menschen auf einem Quadratkilometer, im Fürstentum Monaco sind es 20 000. Auf der Welt nimmt die Urbanisierung dermaßen zu, dass
man in Städten wie Delhi auch bei meist wolkenlosem Wetter kaum wahrnimmt, dass die Sonne eigentlich (!) scheint. Andererseits hält der Drang in die Städte jetzt schon die gesamte Menschheit am Leben. Derzeit leben nämlich 5,6 Milliarden Menschen, gut drei Viertel der Weltbevölkerung, in urbanen Gebieten, und wenn der in den letzten Jahrzehnten dorthin zugewanderte Teil weiterhin das weite Land bevölkern würde, wäre die Welt schon in höchst bedrohlichem Maße zersiedelt.
Folgendes Beispiel führt das Ausmaß der Flächenverknappung deutlich vor Augen. Die gesamte Agrarfläche für alle Nutzpflanzen beansprucht laut Angaben der FAO (Food and Agricultural Organization der UN) etwa 18 Millionen km², was der Fläche Südamerikas gleichkommt. Der heutige Flächenbedarf allein für die Viehzucht beträgt einschließlich der Weiden und vor allem der Anbauflächen von Mais und Soja für die Massentierhaltung aber viel mehr, nämlich rund 30 Millionen km², was der Fläche Afrikas entspricht. Bei gleich bleibender Produktivität, so die FAO, müssten bis 2050 rund 10 Millionen km² Land, so groß wie die USA, neu kultiviert werden. Allen – und so auch der UN-Organisation – ist natürlich klar, dass es diese enorme zusätzliche Agrarfläche einfach nicht geben kann.
Mit knapper werdenden Flächen steigen weltweit deren Preise. In Deutschland haben sie für Bauland und Pachten für die Landwirtschaft 2020 – dem globalen Trend folgend – den Rekord vom Vorjahr wieder übertroffen. Die jährlichen (!) Preissteigerungen liegen in Deutschland bei über 7 Prozent, in vielen Ländern aber viel höher, in Ungarn bei 27 und in Rumänien bei über 35 Prozent. Da wundert sich niemand über Machenschaften größter Ausmaße. So kaufen Großkonzerne
und Regierungen riesige Ländereien in armen Ländern auf und/oder sichern sich die exklusiven Nutzungsrechte. In vielen Fällen führt dies zur Verarmung und/oder Vertreibung der ansässigen Bevölkerung, Menschrechtsverletzungen bis hin zu Morden werden immer wieder berichtet.
Die drei größten Nationen auf diesem Feld sind Großbritannien, gefolgt von China und, etwa gleichauf, den USA mit jeweils rund 40‘000 km². Israel hat seine Landfläche von 22‘000 km² durch das so genannte Landgrabbing etwa verdoppelt (Deutschland liegt bei ca. 10‘000 km²).
So wurden zwischen 2000 und 2020 fast 400‘000 km² in armen Ländern der eigenen Nutzung entzogen. Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Anan hat dies als eine Form des Neokolonialismus bezeichnet. Annähernd die Hälfte dieser Flächen wird aber nicht zur Erzeugung von Lebensmitteln oder zur Bekämpfung von Hunger verwandt, sondern zu einem wesentlichen Anteil als Futtermittel (Soja, Weizen, Mais usw.) in der Massentierhaltung für die Erzeugung von Fleisch.) Auf die Produktion von Pkw-Kraftstoffen entfallen fast genau 20 Prozent, entsprechend
80‘000 km². Unsere Regierung verschönt das, indem sie damit versetztes Benzin als „Bio“-Kraftstoff bezeichnet. Wichtig ist hierbei, dass die Welternte an Getreide sich von 1960 bis heute etwas mehr als verdreifacht hat, so dass sich die Pro-Kopf-Produktion trotz der starken Bevölkerungszunahme eigentlich um mehr als 50 Prozent verbesserte. Leider geht aber ein erheblicher Anteil der globalen Produktion in die Massentierhaltung, was folgende Zahlen exemplarisch verdeutlichen. Im Jahr 2018/19 haben allein die USA 315.000 t Getreide verbraucht, wovon aber fast exakt nur ein Zehntel (31700 t) in den Konsum gingen [6]. Wenn man die Kurven der globalen Weizenproduktion betrachtet, erkennt man, dass ihr Anstieg sich etwa seit 1985/90 allmählich
abzuflachen beginnt. Angesichts der völlig ausgereizten, aggressiven Anbau- und Düngemetoden können die Ertragszahlen pro Fläche nicht ewig weiter steigen und werden in Bälde stagnieren. Hinzu kommt, die nach allen Prognosen weiterhin stark steigende Bevölkerungszahl. Das kann das nicht beruhigend sein.
Wasser
Was die Produktion von Getreide und anderen Agrarerzeugnissen betrifft, wird es auch einem anderen Grunde immer schwieriger, die aktuellen Ertragszahlen wenigstens stabil zu halten. Einer der Gründe hierfür ist die so genannte Degradation (Verarmung) und Desertifikation (Wüstenbildung) vor allem in landwirtschaftlich genutzten Gebieten. Neben dem zunehmenden Klimawandel gehören Überweidung und Abholzung zu den Hauptursachen. Alle drei Faktoren haben entscheidenden Einfluss auf den Wasserhaushalt von Luft und Böden in betroffenen Ländern. Schon vor über 15 Jahren lautete eine Schätzung: „Vom Prozess der Desertifikation sind etwa 46 Prozent der Fläche Afrikas betroffen“; in dem Bereich von fast 3 Millionen km² mit dem höchsten
Risiko leben schätzungsweise 22 Millionen Menschen. Auch prognostizierte der Autor damals Millionen von Umweltflüchtlingen aufgrund der allgemeinen Verschlechterung aller Lebensumstände. Im Hinblick auf eine längere Perspektive für die ganze Welt sagte der UN-Generalsekretär Anan: „With an estimated 135 million people at risk of being driven from their lands because of continuing desertification, the world must focus more on reversing this trend”.
Der Wasserverbrauch der Weltbevölkerung ist von 1900 bis zum Jahr 2000 um etwas mehr als das Vierfache gestiegen, wobei sich aber der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch trotz einer radikal veränderten Umwelt und völlig veränderten Bedingungen in sehr geringem Maße verändert hat. Dies schließt wegen des teilweise luxuriösen Wasserverbrauchs in reichen Staaten zwingend ein, dass einem erheblichen Teil der armen Weltbevölkerung weniger Wasser individuell zur Verfügung steht als vor gut hundert Jahren. Die Durchschnittswerte des Wasserverbrauchs in den einzelnen Ländern sind irreführend, weil
sehr viele Produkte insbesondere ferner in den Herkunftsländern viel oder sehr viel Wasser verbrauchen. Wenn man das Beispiel der Baumwolle aufgreift, kaufen wir mit einem T-Shirt ein trockenes, schönes Produkt aus Naturfasern. Das Wasser jener Pflanzen, die sehr stark bewässert werden müssen, schlägt aber nicht bei uns zu Buche, sondern verknappt die verfügbare Wassermenge im Herkunftsland. Damit entlastet der Import eines T-Shirts unseren eigenen Wasserverbrauch. Dieses ‚Produktions-Wasser‘ wird als ‚virtuell‘ bezeichnet, weil es im Produkt ‚drin steckt‘, ohne greifbar da zu sein. Äußerst wasserintensiv ist die Produktion von Rindfleisch mit über 15 000 Liter/kg Fleisch, während eine Baumwoll-Jeans mit 6000 bis 11 000 Liter/Stück angegeben
wird (Bio-Produkte haben ein viel geringeren Anteil an virtuellem Wasser. Das ist Teil der Zertifizierung). Allein mit dem Verbrauch von Flächen und von Wasser erkennt man, dass der Fleischverzehr kaum etwas mit Fragen um die Gesundheit vegetarischen Lebensstils zu tun hat: Es handelt sich hier um eines der größten globalen Umweltprobleme überhaupt.
Mit dem Import eines Kleinwagens können 30 000 Liter virtuelles Wasser anfallen, bei einer großen Luxus-Elektrolimousine kann durchaus über eine halbe Million Liter zusammenkommen. Mit einer ganzen Produktpalette (Rindfleisch, Reis, Kaffee, Kakao, Baumwolle etc.) tragen wir nicht unmaßgeblich zur Wasserknappheit in vielen der Herkunftsländer bei. Hier können wir durch Auswahl bestimmter Produkte, beispielsweise weniger Fleisch (vor allem weniger Importfleisch) viel erreichen, ferner durch Vermeidung exotischer Ware (z.B. von Heidelbeeren in 150-gPlastikschachteln aus Chile, wie ich sie neulich bei Netto sah), längere Nutzungsdauer, Biozertifizierte Ware usw.). Längst wird die Wasserknappheit auch strategisch genutzt. Als Beispiel mag der Syrienkrieg dienen. Als 2018 der so genannte Islamische Staat aus Syrien zurückgedrängt wurde, sprengten dessen zurückweichende Truppen in der subtropisch trockenen Region jeden der Wassertürme und setzten Wassermangel gegen die nachfolgenden Truppen und die Bevölkerung als Waffe ein. Viele Menschen verhungerten und verdursteten, besonders Kinder. In Syrien dienen fast 90 Prozent des Wasserverbrauchs der Landwirtschaft, hiervon wiederum über 90 Prozent für Weiden, Weizen und Baumwolle. Nur die restlichen 10 Prozent versorgen den gesamten öffentlichen und
privaten Sektor. Zusammenfassend kann man den abschließenden Satz einer Expertenkommission der UNO zitieren, die sich auf viele methodisch völlig unterschiedliche, im Resultat aber
übereinstimmende Befunde beruft: „Wir nähern uns rapide der planetaren Grenze… des Verbrauchs von Süßwasser, und zwar ungeachtet, welche der vorliegenden Schätzungen man betrachtet“ [9].
Nahrung
Die Bedeutung der Fleischproduktion wurde schon behandelt. Aber wenn man die Weltgetreideproduktion anschaut, unser ‚täglich Brot‘, so stellen wir fest, dass nur knapp die Hälfte des Weltertrags für die Herstellung von Lebensmitteln verwandt wird. Über ein Drittel, also 800 Millionen
Tonnen – als Zahl 800‘000‘000 Tonnen – werden als Futtermittel für die Tierzucht verbraucht. Als wäre dies nicht skandalös genug, wird ein recht großer Anteil der übrigen knapp 20 Prozent zur Erzeugung von Treibstoff, verwendet und zur Energieerzeugung in Bio-Gasanlagen ‚verstromt‘.
Dies ist umso ärgerlicher, als es immer noch etwa 820 Millionen hungernde Menschen auf der Welt gibt und die Zahl der Betroffenen nach Jahren erfolgreicher Hungerbekämpfung seit fünf
Jahren wieder leicht ansteigt.
Aber nicht nur in Deutschland ist Schwund im Produktionsprozess, bei der Verarbeitung, im Vertrieb und Verschwendung durch Endverbraucher ein Problem. Ein zu hoher Prozentsatz der verzehrbaren Lebensmittel kommt gar nicht auf den Tisch. Für den größten Anteil des Schwundes
sind die Endverbraucher verantwortlich. Bei Getreide, also vor allem bei Brot und Brötchen, vergeuden wir ein glattes Viertel der Ernte durch schlechte Einkaufsplanung und Lagerung und einfach dadurch, dass vieles nicht aufgegessen und weggeworfen wird. Dies ist auch eine ethische und eine Erziehungsaufgabe im Hinblick auf das Naturgut und die Leistung des Bauern und des Bäckers. Bei Kartoffeln landet gar nur etwa ein Drittel der Erzeugung auf dem Teller, am meisten
verschwindet beim Bauern selbst, aber nur etwas weniger bei der Verarbeitung und im Haushalt.
Energie
... Bitte laden Sie den Vortrag hier herunter und lesen Sie weiter: 
https://www.nwv-luebeck.de/app/download/8072818661/Das+Eis+wird+d%C3%BCnn+Niemitz.pdf?t=1612641047

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