Actualización de la peticiónÜberbevölkerung – Globaler Geburtenstopp jetzt! * Overpopulation – Global Birth Stop now!NZZ-Artikel: In Senegal ist «Familienplanung» ein Reizwort
Achim WolfAlemania
8 mar 2021

Die meisten Experten sind sich einig, dass die Geburtenraten im subsaharischen Afrika sinken sollten. Aber Familienplanung ist oft tabu. Bei Informationskampagnen stellt sich die Frage, wie man Verhütung propagieren kann, ohne das Thema zu erwähnen. * David Signer, Dakar 03.12.2020, 13.18 Uhr
Während die Geburtenrate überall auf der Welt sinkt, stagniert sie im subsaharischen Afrika auf hohem Niveau. Sie beträgt 4,7 Kinder pro Frau, in Westafrika sogar 5,6 Kinder, im bitterarmen Niger weltrekordverdächtige 6,9. Wenn es so weitergeht, wird sich die Bevölkerung in Afrika bis im Jahr 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppelt haben. Zwar verzeichnet Afrika ein Wirtschaftswachstum von etwa vier Prozent, aber dieses wird vom Bevölkerungswachstum «aufgefressen», so dass die absolute Zahl der Armen laufend zunimmt. Hinzu kommt, dass das Wirtschaftswachstum oft aus Rohstoffen stammt und wenig Arbeitsplätze schafft. Zudem ist das Bildungssystem oft schwach entwickelt.
Die demografische Bombe
Man spricht oft von der jungen Bevölkerung Afrikas als Chance und von der «demografischen Dividende». Das funktioniert jedoch nur, wenn die Kinder von heute eine gute Berufsbildung erhalten mitsamt der Aussicht auf einen qualifizierten Job und die Geburtenrate in den nächsten Jahren sinkt. Dann hätte man in ein paar Jahren eine grosse Zahl verdienender Erwachsener, die für eine kleinere Zahl von Abhängigen sorgen müssten. Das würde der Wirtschaft einen Kick verpassen, so wie in Europa zur Zeit der Babyboomer. Fehlt eine dieser drei Stützen, funktioniert die «demografische Dividende» nicht. Das war etwa der Fall im Maghreb, wo die Geburtenrate zwar sank und in das Bildungssystem investiert wurde. Trotzdem fanden die Jungen mit ihrem Schulabschluss anschliessend keine angemessene Arbeit. Die damit einhergehende Frustration wird als eine wichtige Ursache der Revolten des Arabischen Frühlings betrachtet.
Hoher Durchschnitt, aber grosse Spannweite in punkto Geburtenrate in Subsahara-Afrika
Die westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft Cédéao liess kürzlich verlauten, die Geburtenrate müsse unter anderem durch einen allgemeinen Zugang zu Familienplanung auf die Hälfte gesenkt und das Wirtschaftswachstum massiv angekurbelt werden, sonst würden das Bevölkerungswachstum und die verzweifelte Jugend zu einer gesellschaftlichen Bombe. Es gibt zwar in den meisten afrikanischen Ländern Initiativen, um die Geburtenrate zu senken, sei es von staatlicher Seite, sei es ausgehend von Nichtregierungs- oder internationalen Organisationen. Das Problem ist jedoch, dass man mit diesen Projekten die Bevölkerung für Familienplanung sensibilisieren will, aber das Thema selbst vermeidet, um keine religiösen Gefühle zu verletzen. Denn sowohl für christliche wie auch für islamische Repräsentanten sind die Familienplanung und die Verhütung ein rotes Tuch.
«Wir sind hier in Afrika»
Ein typisches Beispiel für dieses Problem ist das Projekt FassE («Fass Emergent»). Es wird in den Quartieren Fass, Gueule Tapée und Colobane durchgeführt. Das sind drei ärmliche Viertel in Dakar, die nicht an der Peripherie, sondern mitten in der senegalesischen Hauptstadt liegen. Auf rund 20 Quadratkilometern drängen sich dort fast 60 000 Einwohner. 70 Prozent dieser Bevölkerung sind jünger als 35 Jahre. Federführend bei «FassE» ist der Uno-Bevölkerungsfonds (UNFPA) zusammen mit der Gemeindeverwaltung. Etwas hochtrabend ist bei der Initiative von der «Operationalisierung der demografischen Dividende» die Rede. Konkret geht es um Ausbildungsprogramme, vor allem für junge Frauen, und Beratungsstellen im Bereich sexuelle und reproduktive Gesundheit.
Dreimal höhere Geburtenrate in Subsahara-Afrika als in Europa
Bei einem Besuch des Projekts wird rasch klar, wie heikel die Arbeit in diesem Bereich ist. Zwar sind sich die Beteiligten über die Probleme einig: Mütter- und Säuglingssterblichkeit sind weit verbreitet, ebenso Schwangerschaften von minderjährigen Frauen. Eine grundlegende Aufklärung fehlt. Oft reissen junge Mädchen bei Problemen von zu Hause aus und landen in der Prostitution und der Delinquenz. Gelegenheitsprostitution beziehungsweise «transaktioneller Sex» sind weit verbreitet, ebenso Geschlechtskrankheiten. Aber es ist schwierig, über vor- und aussereheliche Sexualität der Frauen zu sprechen, weil es sie offiziell ganz einfach nicht gibt. Unverheiratete Frauen wagen es kaum, einen Gynäkologen aufzusuchen, um sich die Pille oder andere Verhütungsmittel verschreiben zu lassen. Für den Kauf von Präservativen gehen selbst Männer lieber in die Apotheke eines anderen Quartiers, wo sie niemand kennt. Sogar im Projekt «FassE» klärt man die Jungen zwar über den Gebrauch von Präservativen auf, predigt ihnen aber zuerst einmal Enthaltsamkeit – ein ziemlich unrealistisches Unterfangen. Sogar verheiratete Frauen, die bereits mehrere Kinder haben, verheimlichen ihrem Mann oft, dass sie sich über Familienplanung beraten lassen und Verhütungsmittel nehmen.
Der Krankenpfleger Amadou Sow, der am Projekt beteiligt ist, sagt: «Es gibt einen grossen Widerstand gegen Familienplanung. Verhütungsmittel sind stigmatisiert. Um nicht als unislamisch zu gelten, muss man das Thema vorsichtig umschreiben und indirekt angehen. Sonst heisst es rasch einmal: Wir sind hier in Afrika, nicht in Europa.» Die inoffizielle Sprachregelung besagt, nicht von einer Begrenzung der Schwangerschaften oder gar einem Geburtenstopp zu reden, sondern von «espacement des naissances», also vergrösserten Abständen zwischen den Geburten. Begründet wird das mit dem Wohl der Frauen und der Kinder, weil sich die Frauen so besser von den Strapazen einer Geburt erholen und mehr Zeit für die Pflege und Erziehung des Nachwuchses haben. Dagegen können selbst religiöse Würdenträger nichts sagen.
Dakar «demodernisiert» sich
Dakar ist in den vergangenen Jahren nicht moderner, sondern konservativer geworden. Das hat mit der Zuwanderung von traditionell eingestellten Leuten aus der Provinz zu tun. Selbst in der Stadt leben sie in ihrem vertrauten Familienverband und haben kaum Kontakt zu modern orientierten, schon länger ansässigen Städtern. Oft kommen sie auch nur ein paar Monate in die Stadt, etwa um ihre Ernte zu verkaufen, und gehen dann wieder zurück aufs Land. Dass die Mädchenbeschneidung oder die Verheiratung minderjähriger Töchter in Dakar eigentlich nicht mehr üblich ist, bekommen sie gar nicht mit. Sie leben in ihren mehr oder weniger abgeschlossenen Höfen und Quartieren so weiter, wie sie es vom Dorf her kennen.
Der Bürgermeister der drei Gemeinden Fass, Gueule Tapée und Colobane, Ousmane Ndoye, äussert sich ganz unbefangen zum Thema. «Viele Kinder, wenig Geld», fasst er die Situation zusammen. «Sowohl im Christentum wie im Islam wird gepredigt: Vermehrt euch! Deshalb sollen wir nicht von Familienplanung sprechen, sondern nur von der Gesundheit der Frauen. Ich halte das für heuchlerisch. Ich sage ganz offen, dass wir die Geburtenrate senken müssen.» Er sieht zwar, dass die Kinder – mangels staatlicher Einrichtungen – die Altersvorsorge der Eltern übernehmen müssen. Aber sinnvoller sei es, weniger und dafür besser ausgebildeten und besser verdienenden Nachwuchs hochzuziehen.
Bei der Frage nach der Polygamie hört dann allerdings auch bei ihm die Fortschrittlichkeit auf. «Was hat Polygamie mit Bevölkerungsexplosion zu tun? Nichts!», sagt er. Nun, es gibt in einem polygamen Haushalt vielleicht nicht mehr Kinder pro Frau, aber sicher pro Mann. Oft kann der Vater kaum für alle Kinder sorgen, geschweige denn sich um sie kümmern, da ja paradoxerweise zumeist die armen Männer polygam sind. Aber davon will der Bürgermeister nichts wissen. «Die Polygamie», sagt er, «gehört einfach zu uns.»
Quelle: https://www.nzz.ch/international/familienplanung-in-senegal-ld.1589558

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