Jul 8, 2019

Wir sind zu viele – Ein Tabu (Lukas Fierz / 27. Jun 2019)

Wenn wir die Zerstörung der Natur stoppen wollen, müssen wir auch die globale Bevölkerung reduzieren.
Red. Der Autor ist Arzt in Bern mit Spezialgebiet Neurologie. Er politisierte früher in der Grünen Fraktion im Nationalrat.
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«It’s our population growth that underlies just about
every single one of the problems that we’ve inflicted
on the planet. If there were just a few of us, then the
nasty things we do wouldn’t really matter and Mother
Nature would take care of it – but there are so many
of us.» (Jane Goodall, 2010)

Als ich 1941 geboren wurde, hatte die Erde 2,5 Milliarden Bewohner, die Schweiz 4 Millionen. Jetzt bevölkern gegen 8 Milliarden Menschen die Erde, und in der Schweiz leben 8,5 Millionen.

All diese Menschen zu ernähren, ist nur mit Intensivlandwirtschaft möglich: mit massiver Zufuhr von fossiler Energie, Pestiziden und Dünger. Das ruiniert die Biodiversität und die Böden. Wegen der globalen Klimaerwärmung sollten wir aber keine fossile Energie mehr verwenden. Und die Düngerlager sind endlich, sie reichen nur für wenige Hundert Jahre. Eine nachhaltige, biologische Landwirtschaft ohne Energie- und Düngerzufuhr vermöchte weit weniger Menschen ernähren – etwa eine bis maximal zwei Milliarden.

Damit sind wir aber noch lange nicht am Ende der Kalamitäten: Die Klimaerwärmung wird eine Verringerung der globalen Ernteerträge bewirken und den Druck von Hunger, Migration und Kriegen verstärken. Und die gewaltige Zahl von Menschen, die auch konsumieren wollen, macht die weltweite Klimaerwärmung vollends unbeherrschbar. So äusserte zum Beispiel Chinas Energieindustrie Absichten, bis 2030 jeden Monat zwei neue Kohlekraftwerke zu bauen, um den wachsenden Energiebedarf zu decken.

Das massive Bevölkerungswachstum und die Zunahme des sogenannten Kulturlandes haben die Lebensräume für die nichtmenschlichen Arten massiv beschnitten. Mittlerweile sind in der Schweiz 60 Prozent von 1143 untersuchten Insektenarten vom Aussterben bedroht und weltweit eine Million der acht Millionen Arten von Lebewesen. Das ist nicht einfach ein Verlust an Naturromantik, denn es drohen Störungen und Ungleichgewichte in der Natur: So ist zum Beispiel die Pflanzenwelt für Bestäubung und Fortpflanzung auf Insekten angewiesen. Das Artensterben wird auch für die Spezies Mensch zur tödlichen Bedrohung. Deshalb fordert der berühmte Insektenforscher und Ökologe Edward O. Wilson in seinem Buch «Die Hälfte der Erde», die halbe Erdoberfläche für die Wildtiere zu reservieren.

Artensterben, Hunger, Kriege
Die grosse Bevölkerungszahl hat noch weitere Konsequenzen: Eine Stadt mit 100'000 Einwohnern könnte ohne Autos und fast ohne öffentlichen Lokalverkehr funktionieren. Erst bei grösseren Städten entstehen die grossen und ineffizient energiefressenden Pendlerströme, die uns von fossiler Energie abhängig machen und die Biosphäre mit CO2 vergiften.

Auch gewisse Auswüchse des Tourismus stehen in Zusammenhang mit den Bevölkerungszahlen: Gerade in der Schweiz sind viele Ferienorte durch Überbauung und Übernutzung derart verschandelt worden, dass manche Erholungssuchende ihre Ferien lieber anderswo verbringen. Man denke nur an Davos, St.Moritz oder Crans-Montana. Auf der Suche nach «unverdorbener Natur» reist man dann in ferne Länder – meistens per Flugzeug – und ruiniert auch noch den übrigen Planeten.

Nicht zuletzt hat der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Gunnar Heinsohn nachgewiesen, dass ein grosser männlicher Geburtenüberschuss die Wahrscheinlichkeit eines Kriegs erhöht («Kriegsindex»), ein Mechanismus, welchen die Historiker bis jetzt übersehen hatten.

Wenn wir immer noch eine Weltbevölkerung von 2,5 Milliarden hätten wie 1941, so wäre die Umweltkatastrophe wohl leichter abzuwenden. Mit einer Weltbevölkerung, die gegen acht, zehn Milliarden und darüber hinaus wächst, wird es hingegen mehr als fraglich, ob wir die Kurve kriegen. Und selbst wenn wir sie kriegen: Verzicht auf Autos, Flüge und Fleisch ginge ja noch – aber eine Welt ohne Kühe, Milch, Butter, Käse, mit Protein aus Heuschrecken und Maden...?

Nach wie vor ein Tabu
Es überrascht deshalb, wie Überlegungen zur Überbevölkerung tabuisiert oder gar dämonisiert werden. Ein gutes Beispiel dafür war 2014 die Schweizer Volksinitiative «Ecopop», die das globale Bevölkerungswachstum eindämmen wollte. Von den Initianten kenne ich Benno Büeler, einen integren Mathematiker und Agronomen, der in vielen Entwicklungsländern vor Ort gesehen hat, wie die katastrophale Übernutzung von Weide- und Ackerflächen die Lebensgrundlagen der Bevölkerung zerstört – und zwar unabhängig von der Klimaerwärmung. Die Initiative forderte unter anderem, dass in diesen Ländern 10 Prozent der schweizerischen Entwicklungshilfe in die freiwillige Familienplanung investiert werden sollten.

Alle Parteien stellten sich dagegen. Mehr noch: Als Co-Autor des Buches «Die unheimlichen Ökologen» rückte der grüne Nationalrat und Fraktionspräsident Balthasar Glättli Benno Büeler und die Leute von Ecopop in die Nähe von braunem Gedankengut und Faschismus. Eine bösartige Unterstellung und – was noch schlimmer ist – der Beweis, dass er vom Problem überhaupt nichts begriffen hat, ebenso wenig wie die grüne Parteipräsidentin Regula Rytz, die eifrig in diesen Chor einstimmte. Nur die grünen Nationalräte Bastien Girod und Yvonne Gilli versuchten 2009 in einem vorsichtig formulierten Arbeitspapier, das Thema Bevölkerungskontrolle anzudiskutieren, wurden aber intern gestoppt.

Später, bei einer Buchpräsentation mit öffentlicher Diskussion in Bern, nahm Balthasar Glättli seine Vorwürfe zurück: Benno Büeler sei informiert und integer, es bestehe nicht der geringste Anlass, ihn in die Nähe des Faschismus zu rücken.

In der Vergangenheit hatte Balthasar Glättli gefordert, die Schweiz solle Zehntausende Flüchtlinge aus Syrien aufnehmen. Ich setzte ihm auseinander, dass selbst bei Einhalten des Pariser Klimaziels grosse Teile des Mittleren Ostens, Afrikas und Südeuropas austrocknen werden. In der Folge könnten schon in den nächsten Jahrzehnten Hunderte von Millionen von «Umweltflüchtlingen» nach Europa kommen. Wie er sich den Umgang mit diesem Problem vorstelle? Glättlis kurze Antwort: «Das ist nicht mehr zu händeln» (engl. to handle, handhaben).

Viele Grüne machen es sich zu einfach. Anstatt sich ernsthaft mit dem Problem auseinanderzusetzen, bilden sie sich ein, dass mit guten Absichten auch Erfolge garantiert seien. Ich nenne diese Varietät des Grüntums die «Gesundbeter». Doch aus der Medizin habe ich gelernt, dass gegenüber dieser Haltung grösstes Misstrauen angebracht ist, denn in der Regel wird damit das Gegenteil von dem erreicht, was eigentlich beabsichtigt war.

In den sogenannten entwickelten Nationen haben wir zwar keine Geburtenüberschüsse mehr, aber wenn man sich dem Problem wirklich stellen wollte, müsste man zum Schluss kommen: Wir sind insgesamt zu viele. Die bestehende und zu erwartende Weltbevölkerung ist mit dem Erhalt der Lebensgrundlagen nicht in Einklang zu bringen, wenn wir einen auch nur bescheidenen Wohlstand für alle gewährleisten wollen. Würden wir mit Edward O. Wilson im eigenen Interesse die Hälfte der Lebensräume den Wildtieren zuweisen, hätte die Erde höchstens noch Platz für eine Milliarde Menschen. Fast niemand wagt, darüber zu sprechen. Immerhin hat die junge US-Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez (*1989) diesbezügliche Aussagen gemacht. Und die Website «All in to save the world» listet bei den Massnahmen, die jeder ergreifen kann, die Einkindfamilie als höchste Priorität. Wenn man eine Milliarde Erdenbewohner erreichen will, so braucht es die Einkindfamilie während fast drei Generationen.

Lukas Fierz ist Arzt mit Spezialgebiet Neurologe. Er war Berner Stadtrat und 1986 bis 1991 Mitglied der Grünen Fraktion im Nationalrat. Seither ist er politisch nicht mehr aktiv.
Quelle: https://www.infosperber.ch/Artikel/Wirtschaft/Wir-sind-zu-viele-fur-diese-Erde

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