Offener Leserbrief an die Tagesschau-Redaktion

Aktuelle Unterzeichner*innen:
Regina Kunkel und 12 andere Personen haben kürzlich unterschrieben.

Das Problem

Sehr geehrtes Redaktionsteam der Tagesschau,

seit dem Terroranschlag der Hamas auf Israel im Oktober 2023 verfolgen wir intensiv die Berichterstattung über den Krieg in Gaza. Dabei sind uns signifikante Diskrepanzen zwischen der Berichterstattung der Tagesschau und anderen international anerkannten Medien, wie z.B. CNN oder BBC, aufgefallen. Im Vergleich zu internationalen Medien wirft die sprachliche, aber auch inhaltliche Darstellung der Geschehnisse in den palästinensischen Gebieten durch die Tagesschau viele Fragen nach Ausgewogenheit, Neutralität und Verhältnismäßigkeit auf. Wir glauben, dass Sie dabei Ihrer allgemeinen Verpflichtung, journalistische Grundsätze und den Pressekodex zu achten, nicht ausreichend nachkommen. Eine vom NDR Medienmagazin ZAPP beauftragte Umfrage hat ergeben, dass 48%, also fast die Hälfte der Befragten gar kein oder wenig Vertrauen in die deutsche Medienberichterstattung über den Gaza-Konflikt hat. 31% der Befragten empfanden die Berichterstattung als unausgewogen und zu sehr parteiergreifend für Israel. Der Chefredakteur der ARD, Oliver Köhr, weist in seiner Reaktion auf die Umfrage darauf hin, dass sehr viele Menschen seiner Meinung nach „sehr fest auf einer Seite stehen“ und es deshalb schwierig sei, „in deren Augen objektiv zu berichten“. Dies suggeriert eine Einseitigkeit seitens der Leserschaft und nicht der Berichterstattung. Allerdings haben sich etwa 300 Journalist*innen und auch renommierte Medienwissenschaftler*innen kritisch zu der Berichterstattung selbst geäußert. So sagte z.B. Prof. Dr. Kai Hafez in einem Interview mit Übermedien: „Immer wenn Israel in einem gewaltsamen Konflikt ist, tendieren deutsche Medien dazu, stärker auf der israelischen Seite zu stehen“. Wir als Leser*innen / Zuschauer*innen haben uns im Zeitraum von Juni bis Oktober 2024 mehrere Monate intensiv mit der Berichterstattung der deutschen Medien, konkret mit der Tagesschau, auseinandergesetzt und sehen sowohl eine Einseitigkeit zugunsten der israelischen Perspektive, als auch eine Entmenschlichung der palästinensischen Bevölkerung. Unsere Bedenken konzentrieren sich zusammengefasst auf die folgenden Punkte:

Einseitigkeit:

  • Die Berichterstattung der Tagesschau über Gaza und das Westjordanland wird den Geschehnissen dort nicht gerecht. Die Berichterstattung stützt sich primär auf Angaben der israelischen Regierung, obwohl glaubwürdige alternative Quellen wie Berichte lokaler und internationaler humanitärer Organisationen, Angaben der Vereinten Nationen oder Berichte lokaler Journalist*innen bestehen. Durch die einseitige Übernahme der Angaben und Informationen der israelischen Regierung und des israelischen Militärs reproduziert die Tagesschau die Perspektive einer Kriegspartei auf die Geschehnisse vor Ort.
  • Durch den Gebrauch passiver Sprache in zahlreichen Überschriften zu israelischen Angriffen relativiert die Tagesschau die Wahrnehmung der Völkerrechtsverstöße und Kriegsverbrechen der israelischen Regierung.
  • Die mediale Aufmerksamkeit, die israelischen und palästinensischen Menschen zuteilwird, ist ungleich gewichtet. Die Proportion an Menschenrechtsverletzungen und Gewalt, die palästinensische Menschen erleben, steht in keinem Verhältnis zu dem Raum, der Anzahl an Artikeln und der entsprechenden Relevanz, die ihnen in der Berichterstattung der Tagesschau zuteilwird.

Entmenschlichung:

  • Über Geschehnisse in Gaza und dem Westjordanland wird überwiegend in neutraler Sprache berichtet, den Schicksalen von Zivilist*innen und insbesondere Kindern nicht genügend Raum gewidmet und es werden sehr wenige persönliche Einzelschicksale palästinensischer Menschen wiedergegeben. Das verhindert das Entstehen von Empathie und Empörung der Leserschaft über die Geschehnisse vor Ort.

Verantwortung der Tagesschau: Die Einseitigkeit der Berichterstattung und die Entmenschlichung der palästinensischen Bevölkerung relativieren dokumentierte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit seitens der israelischen Regierung. Die Tagesschau trägt die Verantwortung, ausgewogen zu berichten, um eine einseitige Meinungsbildung zugunsten einer Konfliktpartei zu verhindern.
___________________

Die Bedenken im Detail:

EINSEITIGKEIT IN DER BERICHTERSTATTUNG

Einseitige Übernahme der israelischen Berichterstattung und Perspektive zu den Geschehnissen vor Ort: Trotz des Einreiseverbots ausländischer Journalist*innen und der massiven Gefahren, denen Journalist*innen in Gaza ausgesetzt sind, bestehen glaubwürdige alternative Quellen zu den Aussagen der israelischen Regierung. Diese schließen u.a. die Berichterstattung lokaler Journalist*innen, Berichte lokaler und internationaler humanitärer Organisationen und Angaben der Vereinten Nationen ein. Diese finden seitens der Tagesschau jedoch nur unzureichend Berücksichtigung. Stattdessen greifen Berichte zu kontroversen und potenziell menschenrechts­verletzenden Vorfällen einseitig die Darstellung der israelischen Regierung auf. Dies mündet in Über­schriften wie „Israel greift "Terroristen" in Schule an“, „Israel: Luftangriff galt Hamas-Kommando­zentrum”, oder „Israel: Getöteter Journalist war Hamas-Kämpfer“. Diese suggerieren eine faktische Korrektheit der staatlich israelischen Angaben, welche sich i.d.R. jedoch nicht unabhängig über­prüfen lassen oder widerlegt wurden, wie Investigationen von Forensic Architecture, Amnesty International, dem US amerikanischen Office of the Director of National Intelligence, dem Euro-Med Human Rights Monitor, der Washington Post, dem +972 Magazine and Local Call und dem Committee to Protect Journalists zeigen. Diese Investigationen zeigen u.a., dass die israelische Regierung und das Militär Falschinformationen verbreiten, um das Töten von Zivilist*innen in Gaza zu legitimieren, Hilfskonvois, Journalist*innen und medizinische Einrichtungen gezielt angreifen und ungelenkte Freifallbomben in als humanitär deklarierten Zonen einsetzen, die hohe zivile Opfer fordern. Auch die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete (UNIIIC) hat der israelischen Regierung kürzlich eine gezielte Politik der Zerstörung des Gesundheitswesens im Gazastreifen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Nichtsdestotrotz reproduziert die Tagesschau durch die einseitige Übernahme nicht belegbarer Angaben und Informationen der israelischen Regierung die Perspektive einer Kriegspartei auf die Geschehnisse und Kriegsverbrechen vor Ort.

Passive Sprache in der Berichterstattung: Verglichen mit internationalen Nachrichtenportalen wie BBC oder CNN verwendet die Tagesschau einen passiven Sprachgebrauch, um über israelische Angriffe zu berichten. Hier einige ausgewählte Beispiele:

 

 

Der Stil der Berichterstattung steht nicht nur in starkem Kontrast zu Geschehnissen vor Ort, sondern auch zu den Berichten anderer internationaler Medien. Wie in den Beispielen zu sehen, benennen diese in den Überschriften explizit Israel als Initiator der Angriffe. Die Passivität in der Formulierung der Tagesschau hingegen lässt die Lesenden das Geschehen und die vielen zivilen Opfer wie eine Art Unvermeidbarkeit wahrnehmen, mildert die Wahrnehmung einer Schuldfähigkeit des israelischen Militärs und relativiert die Wahrnehmung über die Kriegsverbrechen.

Ungleiche Gewichtung der medialen Aufmerksamkeit: Die Berichterstattung widmet Angriffen auf Israel und Geschehnissen in Israel deutlich mehr Aufmerksamkeit als der Situation in den palästinensischen Gebieten. In den acht Tagen zwischen dem 5. und 12. Oktober 2024 widmete die Tagesschau Geschehnissen in Israel in ihrem Liveblog 32 Meldungen. Dahingegen widmete der Liveblog im selben Zeitraum der Lage in Gaza insgesamt nur 21 Meldungen und dem Westjordanland nur 3. Zum Vergleich (nicht um Menschenleben gegeneinander aufzurechnen, sondern um das Ausmaß des Krieges und die Unausgewogenheit der Berichterstattung zu verdeutlichen): Im gleichen Zeitraum wurden in Israel über 4 Tote und etwa 20 Verletzte berichtet, in Gaza und dem Westjordanland über etwa 400 bzw. 10 Tote und 1600 bzw. über 100 Verletzte. Dabei fanden im Liveblog nur ein Bruchteil der zahlreichen israelischen Angriffe, u.a. auf Schulen, medizinische Einrichtungen und andere zivile Einrichtungen in Gaza Erwähnung. Berichte über die alltäglichen Razzien, die Zerstörung von Häusern und Ackerflächen sowie die täglichen gewaltsamen Angriffe durch israelische Siedler*innen im Westjordanland wurden dabei vollständig ausgelassen. Auch das gezielte und systematische Aushungern der zivilen Bevölkerung in Gaza, die systematische Folterung palästinensischer Gefangener in israelischen Gefängnissen wie u.a. von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’tselem und Human Rights Watch berichtet, oder die flächendeckende Zerstörung ziviler Infrastruktur und landwirtschaftlicher Flächen in Gaza finden in der Berichterstattung der Tagesschau wenig bis keinen Raum. Die Tagesschau widmet einen Artikel „dem Leben in Angst an der Grenze zum Westjordanland” in Israel. In diesem Bericht wird jedoch nicht auf die ständige Angst, Gewalt und Diskriminierung einge­gangen, der die Menschen im Westjordanland ausgesetzt sind. Die Proportion an Menschen­rechts­verletzungen und Gewalt, die palästinensische Menschen erleben, sowie die Anzahl Getöteter und Verletzter auf palästinensischer Seite stehen in keinem Verhältnis zu dem Raum, der Anzahl an Artikeln und der Wichtigkeit, die ihnen in der Berichterstattung der Tagesschau zuteilwird. Insgesamt wurden seit Beginn dieses Krieges in einem Jahr etwa 17.000 Kinder in Gaza getötet, im Schnitt über 45 Kinder jeden Tag. Dies allein wäre einen gesonderten Artikel seitens der Tagesschau wert.

ENTMENSCHLICHUNG DER PALÄSTINENSISCHEN BEVÖLKERUNG

Neutrale und relativierende Angaben von Opfern in Gaza und dem Westjordanland: In der Berichterstattung der Tagesschau wird über Opfer in Gaza und dem Westjordanland überwiegend in neutraler Sprache in Form von Zahlen berichtet. Zum Beispiel berichtete die Tagesschau am 27.07.2024:

„Bei einem israelischen Luftangriff auf ein Schulgebäude im Gazastreifen sind nach palästinensischen Angaben Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 30 Palästinenser seien getötet und 100 verletzt worden, als das Gebäude in Deir al-Balah im mittleren Gazastreifen getroffen worden sei, teilte das von der Terrororganisation Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium mit.

Zusätzlich werden die Opferzahlen meist mit dem Hinweis relativiert, dass die Angaben nicht bestätigt werden könnten. Dabei hat der israelische Geheimdienst die Angaben zu zivilen Toten des Gesundheits-ministeriums in Gaza als akkurat befunden und unabhängige Untersuchungen wie eine in The Lancet publizierte Studie und eine Investigation der britischen Organisation Airways, haben die identifizierten Getöteten seit Kriegsbeginn in Gaza verifiziert und die Opferzahlen des Gesundheitsministeriums in Gaza bestätigt bzw. vermuten höhere Opferzahlen durch zahlreiche Vermisste. Trotzdem wird in vielen Artikeln der Tagesschau bei Angriffen in Gaza regelmäßig einschränkend ergänzt, dass die Opferzahlen von der "von der Hamas kontrollierten Gesundheits­behörde" stammen und deshalb nicht verifiziert werden können. Dies insinuiert, es handle sich um manipulierte Angaben und fiktive Opfer, obwohl die oben genannten Studien die Opferzahlen bestätigt haben. Dadurch wird das Ausmaß der israelischen Angriffe relativiert. Hinzu kommt, dass in den Artikeln der Tagesschau vielfach darauf verwiesen wird, dass eine Differenzierung zwischen Kämpfern und Zivilist*innen nicht möglich sei. Da jedoch das Alter und das Geschlecht der Opfer Hinweise auf den Zivilenstatus liefern, sollte in allen Artikel dezidiert berichtet werden, ob sich Frauen, Kinder und ältere Menschen unter den Opfern befinden. Etwa 60 Prozent der bisher in Gaza identifizierten Getöteten waren Berichten zufolge Frauen, Kinder oder ältere Menschen. Diese Zahlen lassen den Schluss zu, dass es sich hierbei um zivile Opfer handelt.

Vernachlässigung palästinensischer Kinder in der Berichterstattung: Obwohl ein Großteil der palästinensischen Opfer Kinder sind, finden ihre Schicksale in der Tagesschau kaum Aufmerksamkeit. Die CNN rückt die Folgen des Krieges auf Kinder mit klaren Worten und Schlagzeilen wie „More than 10 children losing legs in Gaza every day as dire health crisis grows, aid groups say” in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung. Leider berichtet die Tagesschau erschreckend wenig über Kinder, die z.B. ihr Leben, Gliedmaßen oder Familienangehörige durch israelische Angriffe verloren haben. In vielen Artikeln wird das Wort „Kinder“ nicht einmal verwendet, selbst bei den zahlreichen Angriffen auf Schulen, bei denen andere Medien von vielen Kindern als Opfern berichten. In den Fällen, in denen die Tötung von Frauen und Kindern erwähnt wird, fällt wiederum auf, dass die Tagesschau eher bemüht ist, die israelischen Angriffe zu rechtfertigen. In dem Anschlag auf die Schulen Nassr und Hassan Salameh in Gaza am 04.08.2024 war die Mehrheit der Getöteten Kinder, trotzdem schreibt der Tagesschau Artikel über die Opfer: „Nach palästinensischen Medienberichten sollen dabei 25 Menschen getötet worden sein”. Im starken Gegensatz steht dazu der Artikel zu dem Raketenanschlag auf den von Israel völkerrechtswidrig besetzten Golanhöhen, in dem die Tagesschau berichtet: „Bei den Opfern handele es sich um Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 20 Jahren”. Dabei werden erstens die Wörter „Kinder” und „Jugendliche” verwendet, zweitens deren Alter genannt und drittens von dem Fußballplatz als Anschlagsort berichtet. Letzteres erweckt Empathie, da man sich die Opfer arglos beim Spielen vorstellt, während sie getötet wurden. Auch palästinensischen Kindern in der Berichterstattung genügend Aufmerksamkeit einzuräumen ist wichtig, da sie zivile Opfer darstellen und besonders schutzbedürftig sind.

Vorbehalt emotionaler Sprache für israelische Opfer: Emotionale Überschriften wie „Mit der Trauer kommt die Wut“ oder „Sechs Monate nach Hamas-Angriff - Israel zwischen Wut und Trauer“ sind meistens der israelischen Seite vorbehalten, ebenso wie emotionale Zitate. Bei dem genannten Artikel zu dem Raketenanschlag auf den Golanhöhen zitiert die Tagesschau zum Beispiel den israelischen Präsidenten Herzog: 

„[…] Kinder brutal angegriffen und ermordet, deren einziges Verbrechen es war, zum Fußballspielen rauszugehen. Sie sind nicht zurückgekehrt.“ 

Bei den Berichten zu Anschlägen auf Schulen und andere zivile Infrastruktur in Gaza wird wie oben berichtet meist neutral von Toten gesprochen. Auch werden Kinder teilweise mit keinem Wort erwähnt, noch emotionale Verurteilung seitens Politiker*innen, NROs oder z.B. den Vereinten Nationen zitiert.

Fehlende Berichte über Einzelschicksale und persönliche Eindrücke palästinensischer Menschen: Die oben zitierte neutrale Berichterstattung steht in keinem Verhältnis zu dem, was die Menschen und Kinder vor Ort erleben. Eine adäquate Berichterstattung sollte nicht lediglich Zahlen von Getöteten nennen, sondern Einzelschicksale von Menschen, mit denen sich Lesende identifizieren können. Ebenso wie die Tagesschau dem Schicksal israelischer Menschen zahlreiche persönlichen Geschichten mit Bildern und Videos widmet, sollte dies auch für die palästinensischen Menschen erfolgen. Die medizinischen Zustände, der Hunger, das Leid durch die vielen Angriffe und die mentalen Auswirkungen des Krieges sollten deutlich öfter aus den Augen palästinensischer Menschen berichtet werden, ebenso wie über Schicksale von Kindern und Studierenden, die unter diesen unmenschlichen Bedingungen versuchen zu lernen und auf eine friedliche Zukunft hoffen. Das Berichten von Einzelschicksalen und persönlichen Geschichten aus den palästinensischen Gebieten würde auch deren Bewohner*innen eine Stimme geben und Empathie erzeugen.

WIR FORDERN EINE AUSGEWOGENE BERICHTERSTATTUNG, DIE SICH

  • auf vielseitige Quellen stützt und keine Kriegspartei bevorzugt
  • auch palästinensischen Menschen eine Stimme gibt
  • allen die gleiche mediale Aufmerksamkeit und Empathie zuspricht
  • Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit klar benennt und nicht verharmlost

ERSTUNTERZEICHNENDE (alphabetisch)

Maria Cassens-Sasse, Rebecca Hadank-Rauch, Homyra Rahnoma, Simon Schroeder, Ann-Christin Wolf, Lisa Zumegen

 

 

 

4.324

Aktuelle Unterzeichner*innen:
Regina Kunkel und 12 andere Personen haben kürzlich unterschrieben.

Das Problem

Sehr geehrtes Redaktionsteam der Tagesschau,

seit dem Terroranschlag der Hamas auf Israel im Oktober 2023 verfolgen wir intensiv die Berichterstattung über den Krieg in Gaza. Dabei sind uns signifikante Diskrepanzen zwischen der Berichterstattung der Tagesschau und anderen international anerkannten Medien, wie z.B. CNN oder BBC, aufgefallen. Im Vergleich zu internationalen Medien wirft die sprachliche, aber auch inhaltliche Darstellung der Geschehnisse in den palästinensischen Gebieten durch die Tagesschau viele Fragen nach Ausgewogenheit, Neutralität und Verhältnismäßigkeit auf. Wir glauben, dass Sie dabei Ihrer allgemeinen Verpflichtung, journalistische Grundsätze und den Pressekodex zu achten, nicht ausreichend nachkommen. Eine vom NDR Medienmagazin ZAPP beauftragte Umfrage hat ergeben, dass 48%, also fast die Hälfte der Befragten gar kein oder wenig Vertrauen in die deutsche Medienberichterstattung über den Gaza-Konflikt hat. 31% der Befragten empfanden die Berichterstattung als unausgewogen und zu sehr parteiergreifend für Israel. Der Chefredakteur der ARD, Oliver Köhr, weist in seiner Reaktion auf die Umfrage darauf hin, dass sehr viele Menschen seiner Meinung nach „sehr fest auf einer Seite stehen“ und es deshalb schwierig sei, „in deren Augen objektiv zu berichten“. Dies suggeriert eine Einseitigkeit seitens der Leserschaft und nicht der Berichterstattung. Allerdings haben sich etwa 300 Journalist*innen und auch renommierte Medienwissenschaftler*innen kritisch zu der Berichterstattung selbst geäußert. So sagte z.B. Prof. Dr. Kai Hafez in einem Interview mit Übermedien: „Immer wenn Israel in einem gewaltsamen Konflikt ist, tendieren deutsche Medien dazu, stärker auf der israelischen Seite zu stehen“. Wir als Leser*innen / Zuschauer*innen haben uns im Zeitraum von Juni bis Oktober 2024 mehrere Monate intensiv mit der Berichterstattung der deutschen Medien, konkret mit der Tagesschau, auseinandergesetzt und sehen sowohl eine Einseitigkeit zugunsten der israelischen Perspektive, als auch eine Entmenschlichung der palästinensischen Bevölkerung. Unsere Bedenken konzentrieren sich zusammengefasst auf die folgenden Punkte:

Einseitigkeit:

  • Die Berichterstattung der Tagesschau über Gaza und das Westjordanland wird den Geschehnissen dort nicht gerecht. Die Berichterstattung stützt sich primär auf Angaben der israelischen Regierung, obwohl glaubwürdige alternative Quellen wie Berichte lokaler und internationaler humanitärer Organisationen, Angaben der Vereinten Nationen oder Berichte lokaler Journalist*innen bestehen. Durch die einseitige Übernahme der Angaben und Informationen der israelischen Regierung und des israelischen Militärs reproduziert die Tagesschau die Perspektive einer Kriegspartei auf die Geschehnisse vor Ort.
  • Durch den Gebrauch passiver Sprache in zahlreichen Überschriften zu israelischen Angriffen relativiert die Tagesschau die Wahrnehmung der Völkerrechtsverstöße und Kriegsverbrechen der israelischen Regierung.
  • Die mediale Aufmerksamkeit, die israelischen und palästinensischen Menschen zuteilwird, ist ungleich gewichtet. Die Proportion an Menschenrechtsverletzungen und Gewalt, die palästinensische Menschen erleben, steht in keinem Verhältnis zu dem Raum, der Anzahl an Artikeln und der entsprechenden Relevanz, die ihnen in der Berichterstattung der Tagesschau zuteilwird.

Entmenschlichung:

  • Über Geschehnisse in Gaza und dem Westjordanland wird überwiegend in neutraler Sprache berichtet, den Schicksalen von Zivilist*innen und insbesondere Kindern nicht genügend Raum gewidmet und es werden sehr wenige persönliche Einzelschicksale palästinensischer Menschen wiedergegeben. Das verhindert das Entstehen von Empathie und Empörung der Leserschaft über die Geschehnisse vor Ort.

Verantwortung der Tagesschau: Die Einseitigkeit der Berichterstattung und die Entmenschlichung der palästinensischen Bevölkerung relativieren dokumentierte Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit seitens der israelischen Regierung. Die Tagesschau trägt die Verantwortung, ausgewogen zu berichten, um eine einseitige Meinungsbildung zugunsten einer Konfliktpartei zu verhindern.
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Die Bedenken im Detail:

EINSEITIGKEIT IN DER BERICHTERSTATTUNG

Einseitige Übernahme der israelischen Berichterstattung und Perspektive zu den Geschehnissen vor Ort: Trotz des Einreiseverbots ausländischer Journalist*innen und der massiven Gefahren, denen Journalist*innen in Gaza ausgesetzt sind, bestehen glaubwürdige alternative Quellen zu den Aussagen der israelischen Regierung. Diese schließen u.a. die Berichterstattung lokaler Journalist*innen, Berichte lokaler und internationaler humanitärer Organisationen und Angaben der Vereinten Nationen ein. Diese finden seitens der Tagesschau jedoch nur unzureichend Berücksichtigung. Stattdessen greifen Berichte zu kontroversen und potenziell menschenrechts­verletzenden Vorfällen einseitig die Darstellung der israelischen Regierung auf. Dies mündet in Über­schriften wie „Israel greift "Terroristen" in Schule an“, „Israel: Luftangriff galt Hamas-Kommando­zentrum”, oder „Israel: Getöteter Journalist war Hamas-Kämpfer“. Diese suggerieren eine faktische Korrektheit der staatlich israelischen Angaben, welche sich i.d.R. jedoch nicht unabhängig über­prüfen lassen oder widerlegt wurden, wie Investigationen von Forensic Architecture, Amnesty International, dem US amerikanischen Office of the Director of National Intelligence, dem Euro-Med Human Rights Monitor, der Washington Post, dem +972 Magazine and Local Call und dem Committee to Protect Journalists zeigen. Diese Investigationen zeigen u.a., dass die israelische Regierung und das Militär Falschinformationen verbreiten, um das Töten von Zivilist*innen in Gaza zu legitimieren, Hilfskonvois, Journalist*innen und medizinische Einrichtungen gezielt angreifen und ungelenkte Freifallbomben in als humanitär deklarierten Zonen einsetzen, die hohe zivile Opfer fordern. Auch die Unabhängige Internationale Untersuchungskommission der Vereinten Nationen für die besetzten palästinensischen Gebiete (UNIIIC) hat der israelischen Regierung kürzlich eine gezielte Politik der Zerstörung des Gesundheitswesens im Gazastreifen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Nichtsdestotrotz reproduziert die Tagesschau durch die einseitige Übernahme nicht belegbarer Angaben und Informationen der israelischen Regierung die Perspektive einer Kriegspartei auf die Geschehnisse und Kriegsverbrechen vor Ort.

Passive Sprache in der Berichterstattung: Verglichen mit internationalen Nachrichtenportalen wie BBC oder CNN verwendet die Tagesschau einen passiven Sprachgebrauch, um über israelische Angriffe zu berichten. Hier einige ausgewählte Beispiele:

 

 

Der Stil der Berichterstattung steht nicht nur in starkem Kontrast zu Geschehnissen vor Ort, sondern auch zu den Berichten anderer internationaler Medien. Wie in den Beispielen zu sehen, benennen diese in den Überschriften explizit Israel als Initiator der Angriffe. Die Passivität in der Formulierung der Tagesschau hingegen lässt die Lesenden das Geschehen und die vielen zivilen Opfer wie eine Art Unvermeidbarkeit wahrnehmen, mildert die Wahrnehmung einer Schuldfähigkeit des israelischen Militärs und relativiert die Wahrnehmung über die Kriegsverbrechen.

Ungleiche Gewichtung der medialen Aufmerksamkeit: Die Berichterstattung widmet Angriffen auf Israel und Geschehnissen in Israel deutlich mehr Aufmerksamkeit als der Situation in den palästinensischen Gebieten. In den acht Tagen zwischen dem 5. und 12. Oktober 2024 widmete die Tagesschau Geschehnissen in Israel in ihrem Liveblog 32 Meldungen. Dahingegen widmete der Liveblog im selben Zeitraum der Lage in Gaza insgesamt nur 21 Meldungen und dem Westjordanland nur 3. Zum Vergleich (nicht um Menschenleben gegeneinander aufzurechnen, sondern um das Ausmaß des Krieges und die Unausgewogenheit der Berichterstattung zu verdeutlichen): Im gleichen Zeitraum wurden in Israel über 4 Tote und etwa 20 Verletzte berichtet, in Gaza und dem Westjordanland über etwa 400 bzw. 10 Tote und 1600 bzw. über 100 Verletzte. Dabei fanden im Liveblog nur ein Bruchteil der zahlreichen israelischen Angriffe, u.a. auf Schulen, medizinische Einrichtungen und andere zivile Einrichtungen in Gaza Erwähnung. Berichte über die alltäglichen Razzien, die Zerstörung von Häusern und Ackerflächen sowie die täglichen gewaltsamen Angriffe durch israelische Siedler*innen im Westjordanland wurden dabei vollständig ausgelassen. Auch das gezielte und systematische Aushungern der zivilen Bevölkerung in Gaza, die systematische Folterung palästinensischer Gefangener in israelischen Gefängnissen wie u.a. von der israelischen Menschenrechtsorganisation B’tselem und Human Rights Watch berichtet, oder die flächendeckende Zerstörung ziviler Infrastruktur und landwirtschaftlicher Flächen in Gaza finden in der Berichterstattung der Tagesschau wenig bis keinen Raum. Die Tagesschau widmet einen Artikel „dem Leben in Angst an der Grenze zum Westjordanland” in Israel. In diesem Bericht wird jedoch nicht auf die ständige Angst, Gewalt und Diskriminierung einge­gangen, der die Menschen im Westjordanland ausgesetzt sind. Die Proportion an Menschen­rechts­verletzungen und Gewalt, die palästinensische Menschen erleben, sowie die Anzahl Getöteter und Verletzter auf palästinensischer Seite stehen in keinem Verhältnis zu dem Raum, der Anzahl an Artikeln und der Wichtigkeit, die ihnen in der Berichterstattung der Tagesschau zuteilwird. Insgesamt wurden seit Beginn dieses Krieges in einem Jahr etwa 17.000 Kinder in Gaza getötet, im Schnitt über 45 Kinder jeden Tag. Dies allein wäre einen gesonderten Artikel seitens der Tagesschau wert.

ENTMENSCHLICHUNG DER PALÄSTINENSISCHEN BEVÖLKERUNG

Neutrale und relativierende Angaben von Opfern in Gaza und dem Westjordanland: In der Berichterstattung der Tagesschau wird über Opfer in Gaza und dem Westjordanland überwiegend in neutraler Sprache in Form von Zahlen berichtet. Zum Beispiel berichtete die Tagesschau am 27.07.2024:

„Bei einem israelischen Luftangriff auf ein Schulgebäude im Gazastreifen sind nach palästinensischen Angaben Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 30 Palästinenser seien getötet und 100 verletzt worden, als das Gebäude in Deir al-Balah im mittleren Gazastreifen getroffen worden sei, teilte das von der Terrororganisation Hamas kontrollierte Gesundheitsministerium mit.

Zusätzlich werden die Opferzahlen meist mit dem Hinweis relativiert, dass die Angaben nicht bestätigt werden könnten. Dabei hat der israelische Geheimdienst die Angaben zu zivilen Toten des Gesundheits-ministeriums in Gaza als akkurat befunden und unabhängige Untersuchungen wie eine in The Lancet publizierte Studie und eine Investigation der britischen Organisation Airways, haben die identifizierten Getöteten seit Kriegsbeginn in Gaza verifiziert und die Opferzahlen des Gesundheitsministeriums in Gaza bestätigt bzw. vermuten höhere Opferzahlen durch zahlreiche Vermisste. Trotzdem wird in vielen Artikeln der Tagesschau bei Angriffen in Gaza regelmäßig einschränkend ergänzt, dass die Opferzahlen von der "von der Hamas kontrollierten Gesundheits­behörde" stammen und deshalb nicht verifiziert werden können. Dies insinuiert, es handle sich um manipulierte Angaben und fiktive Opfer, obwohl die oben genannten Studien die Opferzahlen bestätigt haben. Dadurch wird das Ausmaß der israelischen Angriffe relativiert. Hinzu kommt, dass in den Artikeln der Tagesschau vielfach darauf verwiesen wird, dass eine Differenzierung zwischen Kämpfern und Zivilist*innen nicht möglich sei. Da jedoch das Alter und das Geschlecht der Opfer Hinweise auf den Zivilenstatus liefern, sollte in allen Artikel dezidiert berichtet werden, ob sich Frauen, Kinder und ältere Menschen unter den Opfern befinden. Etwa 60 Prozent der bisher in Gaza identifizierten Getöteten waren Berichten zufolge Frauen, Kinder oder ältere Menschen. Diese Zahlen lassen den Schluss zu, dass es sich hierbei um zivile Opfer handelt.

Vernachlässigung palästinensischer Kinder in der Berichterstattung: Obwohl ein Großteil der palästinensischen Opfer Kinder sind, finden ihre Schicksale in der Tagesschau kaum Aufmerksamkeit. Die CNN rückt die Folgen des Krieges auf Kinder mit klaren Worten und Schlagzeilen wie „More than 10 children losing legs in Gaza every day as dire health crisis grows, aid groups say” in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung. Leider berichtet die Tagesschau erschreckend wenig über Kinder, die z.B. ihr Leben, Gliedmaßen oder Familienangehörige durch israelische Angriffe verloren haben. In vielen Artikeln wird das Wort „Kinder“ nicht einmal verwendet, selbst bei den zahlreichen Angriffen auf Schulen, bei denen andere Medien von vielen Kindern als Opfern berichten. In den Fällen, in denen die Tötung von Frauen und Kindern erwähnt wird, fällt wiederum auf, dass die Tagesschau eher bemüht ist, die israelischen Angriffe zu rechtfertigen. In dem Anschlag auf die Schulen Nassr und Hassan Salameh in Gaza am 04.08.2024 war die Mehrheit der Getöteten Kinder, trotzdem schreibt der Tagesschau Artikel über die Opfer: „Nach palästinensischen Medienberichten sollen dabei 25 Menschen getötet worden sein”. Im starken Gegensatz steht dazu der Artikel zu dem Raketenanschlag auf den von Israel völkerrechtswidrig besetzten Golanhöhen, in dem die Tagesschau berichtet: „Bei den Opfern handele es sich um Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zehn und 20 Jahren”. Dabei werden erstens die Wörter „Kinder” und „Jugendliche” verwendet, zweitens deren Alter genannt und drittens von dem Fußballplatz als Anschlagsort berichtet. Letzteres erweckt Empathie, da man sich die Opfer arglos beim Spielen vorstellt, während sie getötet wurden. Auch palästinensischen Kindern in der Berichterstattung genügend Aufmerksamkeit einzuräumen ist wichtig, da sie zivile Opfer darstellen und besonders schutzbedürftig sind.

Vorbehalt emotionaler Sprache für israelische Opfer: Emotionale Überschriften wie „Mit der Trauer kommt die Wut“ oder „Sechs Monate nach Hamas-Angriff - Israel zwischen Wut und Trauer“ sind meistens der israelischen Seite vorbehalten, ebenso wie emotionale Zitate. Bei dem genannten Artikel zu dem Raketenanschlag auf den Golanhöhen zitiert die Tagesschau zum Beispiel den israelischen Präsidenten Herzog: 

„[…] Kinder brutal angegriffen und ermordet, deren einziges Verbrechen es war, zum Fußballspielen rauszugehen. Sie sind nicht zurückgekehrt.“ 

Bei den Berichten zu Anschlägen auf Schulen und andere zivile Infrastruktur in Gaza wird wie oben berichtet meist neutral von Toten gesprochen. Auch werden Kinder teilweise mit keinem Wort erwähnt, noch emotionale Verurteilung seitens Politiker*innen, NROs oder z.B. den Vereinten Nationen zitiert.

Fehlende Berichte über Einzelschicksale und persönliche Eindrücke palästinensischer Menschen: Die oben zitierte neutrale Berichterstattung steht in keinem Verhältnis zu dem, was die Menschen und Kinder vor Ort erleben. Eine adäquate Berichterstattung sollte nicht lediglich Zahlen von Getöteten nennen, sondern Einzelschicksale von Menschen, mit denen sich Lesende identifizieren können. Ebenso wie die Tagesschau dem Schicksal israelischer Menschen zahlreiche persönlichen Geschichten mit Bildern und Videos widmet, sollte dies auch für die palästinensischen Menschen erfolgen. Die medizinischen Zustände, der Hunger, das Leid durch die vielen Angriffe und die mentalen Auswirkungen des Krieges sollten deutlich öfter aus den Augen palästinensischer Menschen berichtet werden, ebenso wie über Schicksale von Kindern und Studierenden, die unter diesen unmenschlichen Bedingungen versuchen zu lernen und auf eine friedliche Zukunft hoffen. Das Berichten von Einzelschicksalen und persönlichen Geschichten aus den palästinensischen Gebieten würde auch deren Bewohner*innen eine Stimme geben und Empathie erzeugen.

WIR FORDERN EINE AUSGEWOGENE BERICHTERSTATTUNG, DIE SICH

  • auf vielseitige Quellen stützt und keine Kriegspartei bevorzugt
  • auch palästinensischen Menschen eine Stimme gibt
  • allen die gleiche mediale Aufmerksamkeit und Empathie zuspricht
  • Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit klar benennt und nicht verharmlost

ERSTUNTERZEICHNENDE (alphabetisch)

Maria Cassens-Sasse, Rebecca Hadank-Rauch, Homyra Rahnoma, Simon Schroeder, Ann-Christin Wolf, Lisa Zumegen

 

 

 

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Petition am 8. November 2024 erstellt