ARD & ZDF sollen diverse/nicht-binäre Personen angemessen berücksichtigen und zeigen!

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Sehr geehrte Verantwortliche in den Rundfunk- und Fernsehräten,

am 26. Mai 2019 waren die Europawahlen und zudem in Bremen Bürgerschafts- und Beiratswahlen sowie ein Volksentscheid. Bei den sogenannten „Exitpolls“, die die Forschungsgruppe Wahlen im Auftrag des ZDF in Bremen und Halle/S. durchführte, waren die beiden unterzeichnenden Personen eingeladen und willens an der Erhebung für die ersten Prognosen teilzunehmen. Dafür haben die Sendeanstalten auch soziodemografische Daten abfragen lassen, nämlich das Alter und das Geschlecht. Die Antwortmöglichkeiten bei „Geschlecht“ waren vorgegeben: es gab hier ausschließlich „weiblich“ und „männlich“. Leerlassen oder Überspringen war laut Aussage der sehr freundlichen, durchführenden Person vor Ort in Bremen keine Möglichkeit.

Dies führte in Bremen im Ergebnis zu einem Ausschluss aus der Befragung, in Halle/S. wurde die Befragung unter nicht passender und damit verfälschender Geschlechtsangabe durchgeführt.

Wir verstehen, dass eventuell eine zu kleine Stichprobe zusammenkommt, um bei der abendlichen Ausstrahlung von Prognosen eine dritte Geschlechterkategorie mit repräsentativer Aussagekraft auszuwerten.

Wir möchten allerdings davor warnen, solche Einschätzungen vorab zu treffen – zum Beispiel aufgrund der bislang erst sehr kurzen Möglichkeit eines „divers“ lautenden oder leeren Geschlechtseintrags im Personenstandsregister. Die kurze Zeit seit Einführung des Gesetzes Ende Dezember 2018 und die immer noch hohen Hürden, um den Eintrag zu korrigieren, dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der (wahlberechtigten) Personen im Land, die nicht mit „weiblich“ oder „männlich“ richtig beschrieben wären, in die Zehntausende oder mehr geht.

Die Auskunft über das eigene Geschlecht ist jederzeit und unabhängig von behördlich geführten Registern möglich. Also kann das von den beauftragten Instituten erhoben werden. Dies tun die Institute auch tagtäglich bei allen Studien, von den Exitpolls bis zu telefonischen Umfragen, nur sind die vorgegebenen Kategorien nie ausreichend gewesen.

Das letztlich von den Sendern als die Auftraggebenden zu verantwortende Umfragedesign schließt die ohnehin bis heute staatlich und gesellschaftlich diskriminierte Personengruppen in ebenfalls diskriminierender Weise aus. Mit der Einführung der dritten Option im Personenstand ist ein wichtiger Schritt bei der rechtlichen Verantwortung des Staates getan worden, die sich aber noch nicht in der alltäglichen Arbeit in Ihren Häusern wiederspiegelt. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes ist darum von uns über diese konkreten Fälle informiert worden.

Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Beschluss vom 10.10.2017 („Dritte Option“) festgehalten, dass in einer Welt, die von einem binären Geschlechterverständnis dominiert wird, Menschen mit einem anderen oder keinem Geschlecht in besonderer Weise in ihrer Entfaltung behindert und beeinträchtigt werden, wenn es keine Repräsentanz und keine positive Benennbarkeit gibt. Es ist gut, dass nun mit der dritten Option im Personenstand immerhin ein Sammelbegriff für die geschlechtliche Vielfalt jenseits binärer Vorstellungen eingeführt wurde. Die Medien-Berichte hierüber haben die rechtliche Entwicklung sehr präsent gemacht.

Nun ist es an der Zeit, die Geschlechtervielfalt nicht mehr allein als ein juristisches Abstraktum zu verstehen, sondern sie in den Alltag aufzunehmen, auch in der medialen Darstellung! Wie soll aber nach den Jahrzehnten und Jahrhunderten des Tabuisierens, des Negierens und des Normierens in ein Zweigeschlechtersystem die Akzeptanz und das Gefühl der Alltäglichkeit steigen, wenn die Sendeanstalten arbeiten, wie bisher und als habe sich nichts verändert?

Denn die Folge des lückenhaften Umfragedesigns war, dass die abendlichen Auswertungen, die ZDF, ARD und radio bremen im TV und über Social Media-Kanäle verbreitete, sich auf „So unterschiedlich wählten Frauen und Männer“ beschränkte.

Kein Hinweis, keine Fußnote, keine Erwähnung weiterer Geschlechter, beispielsweise „Angaben diverser/abinärer Personen wurden nicht erhoben bzw. wegen der zu geringen Stichprobe von XYZ Teilnehmenden nicht ausgewertet“. Damit implizieren die Öffentlich-Rechtlichen Sender weiterhin, dass es nur diese zwei Geschlechter gebe und-oder dass nur diese Personen relevant und damit nennenswert seien.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist hier dem Bildungsauftrag unseres Erachtens in keiner Weise zufriedenstellend gerecht geworden.

Mit diesem offenen Brief reichen wir förmlich Beschwerde ein und stellen Ihnen darüber hinaus folgende Fragen mit der Bitte um senderinterne Aufklärung, Diskussion und Antwort:

  • Welche Umstände führten dazu, dass die beauftragten Umfragen ausschließlich binäre Geschlechterkategorien berücksichtigen? Wie werden ZDF und Radio Bremen (ARD) Abhilfe schaffen und sicherstellen, dass sich solche Umfragedesigns nicht wiederholen?
  • Wie werden die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Sorge tragen dafür, dass die geschlechtliche Vielfalt inklusiv, und selbstverständlich in allen Formaten von den Diskussions- und Informationssendung, über Dokumentationen und Portraits, bis hin zu Spielfilmen, Serien und Unterhaltungssendungen wahrnehmbar wird? Und das in einer angemessenen, nicht-zur-Schau-stellenden, die Integrität von inter, trans* und abinären oder agender Personen wahrenden Weise?
  • Für Texte gibt es mittlerweile sogenannte „Sensitivity Reader“, die Schreibende, Verlage und Redaktionen dabei unterstützen, die vielen Menschen nicht bewussten, marginali-sierte Perspektiven angemessen zu berücksichtigen. Ist eine solches Konzept zeitnah im öffentlich-rechtlichen Funk und Fernsehen als begleitende, Ressort-übergreifende Unterstützungs-Struktur für die Verantwortlichen und Mitarbeitenden in den Redaktionen realisierbar? Vielleicht als gemeinsame Anlaufstelle aller Öffentlich-Rechtlichen?

 

Auf Ihre Antwort freuen sich mit freundlichen Grüßen

Dan* und Tija*

Dieser offene Brief wird unterstützt und mitgezeichnet von:

  • Intersexuelle Menschen e.V. | im-ev.de
  • Bund Lesbischer & Schwuler JournalistInnen e.V. |blsj.de
  • Queer Media Society - Das Netzwerk nicht hetero-normierter Medienschaffender | queermediasociety.org
  • Dr_in Thamar Klein | Universität zu Köln, Humanwissenschaftliche Fakultät, Department Erziehungs- und Sozialwissenschaften
    Methoden der Bildungs- und Sozialforschung unter besonderer Berücksichtigung der Genderforschung