
"Das Risiko ist relevant bis hoch“: Das sagt ein Experte zum Asbest im Berliner Jahnstadion
Seit vier Wochen lagert der krebserregende Dämmstoff Asbest mitten im Bezirk Prenzlauer Berg. Wie gefährlich ist das? Ein Anruf beim Asbest-Experten Ingo Noack.
Von Niklas Bessenbach
Heute, 12:50 Uhr
Beim Abriss des Jahn-Stadions im Bezirk Prenzlauer Berg wurden gefährliche schwach gebundene Asbest-Reste entdeckt. Berlins Bausenator Christian Gaebler beschwichtigte kürzlich: „Das ist kein Berg von Asbestmüll“. Nur ein kleiner Teil des Bauschutts sei Asbest-belastet, im unteren Bereich des Stadions, er sei dort offenbar zu DDR-Zeiten illegal in Hohlräumen entsorgt worden.
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Die „Bürgerinitiative Jahnsportpark“ hatte das Vorgehen der Senatsbauverwaltung hingegen kritisiert und Strafanzeige gestellt. Sie wirft dem Senat vor, die Asbestfunde über längere Zeit verschleiert, an den Schutzmaßnahmen gespart und damit Anwohner und Sportler großen Gesundheitsgefahren ausgesetzt zu haben.
Wie schätzt ein Experte die Lage ein? Interview mit Ingo Noack, Asbest-Gutachter, der geschult und zertifiziert ist, um Asbest in Gebäuden zu identifizieren, zu bewerten und Empfehlungen zur sicheren Sanierung und Entsorgung zu geben.
Risse, Wind, Hitze
Herr Noack, in der Umgebung der Baustelle, wo der Asbest lagert, leben tausende Menschen. Sie treiben in unmittelbarer Nähe Sport, Kinder spielen im Mauerpark. Muss man sich Sorgen machen?
Das Risiko ist als relevant bis hoch einzuschätzen – insbesondere bei schwach gebundenem Asbest, der dort entdeckt wurde. Diese Form ist besonders gefährlich, weil die Fasern sehr leicht freigesetzt werden können. Der belastete Schutt wurde angeblich mit Wasser befeuchtet. Allerdings verdunstet das Wasser schnell. Ich habe Videos von der Baustelle gesehen. Wie die Planen auf dem Schutt liegen – das ist eine Katastrophe. In den Planen können Risse entstehen, gerade wenn Baumaschinen den Boden zum Vibrieren bringen. Und durch Wind und Hitze können sich Asbestfasern lösen, in die Luft kommen und von Passanten eingeatmet werden. Der Asbest müsste eigentlich luftdicht verschlossen lagern.
Wie misst man den Asbestanteil in der Luft?
Die zuverlässigste Messmethode ist die sogenannte Fasermessung nach VDI 3492. Dabei werden Luftproben durch spezielle Filter gezogen und anschließend in einem Labor mit einem Rasterelektronenmikroskop oder Phasenkontrastmikroskop analysiert. Nur so kann festgestellt werden, ob und wie viele Asbestfasern pro Kubikmeter Luft tatsächlich vorhanden sind. Wie belastet die Luft rund um die Baustelle ist, weiß ich nicht.
Die Bürgerinitiative Jahnsportpark kritisiert, dass die verantwortliche Senatsbauverwaltung die Gesundheit der Anwohner gefährdet. Ab wann ist freigesetzter Asbest in der Umgebungsluft gesundheitsschädlich – auch bei kurzfristigem Aufenthalt?
Es gibt Richtwerte, aber keine unbedenkliche Dosis. Schon das einmalige Einatmen kann der Weltgesundheitsorganisation und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zufolge ein Risiko bergen, weil Asbest ein krebserregender Stoff ohne Schwellenwert ist. Die BAuA hat die sogenannten Technischen Regeln für Gefahrstoffe herausgegeben. Dort steht: Bei Tätigkeiten mit Asbest ist ein Fasergrenzwert von 10.000 Fasern pro Kubikmeter Luft maximal zulässig – schon bei kurzzeitiger Einwirkung. Ein Kubikmeter ist wie ein Würfel, der einen Meter breit, hoch und lang ist.
Diese 10.000 Fasern sind die Obergrenze für Arbeitsbereiche – also dort, wo Bauarbeiter mit Schutzkleidung arbeiten. Für Menschen ohne Schutz – wie Anwohner oder Parkbesucher – wäre das viel zu viel. Für die normale Außenluft gibt es keinen offiziellen Grenzwert, aber das Umweltbundesamt sagt: Vorsicht ab 500 Fasern pro Kubikmeter. Das sind zwanzigmal weniger Fasern, weil im Alltag niemand Schutzanzug und Atemmaske trägt.
„Die Behörden hätten sofort nach dem Asbestfund eine öffentliche Warnung herausgeben müssen“, sagt Ingo Noack, Asbest-Experte.
Bisher steht laut der Senatsbaudirektorin nicht fest, wann der Asbest entsorgt wird, weil das ein komplexer Vorgang sei, ein Ort für die Entsorgung fehle noch, dazu müssten Verträge abgeschlossen werden. Wie sähe eine fachgerechte Sicherung der Baustelle aus?
Eine fachgerechte Sicherung gemäß der Technischen Regeln für Gefahrstoffe müsste mindestens beinhalten: Das Asbestlager müsste vollständig abgedichtet werden durch eine Einhausung. Typischerweise nimmt man dafür Schrumpffolie. Anhand der Videos, die ich von der Baustelle gesehen habe, bezweifele ich, dass die verwendet wurde. Dann müsste der Asbest kontinuierlich befeuchtet werden. Für den Transport sollten luftdichte Big-Bags verwendet werden.
Das Gelände muss so gesichert sein, dass es niemand außer den Arbeitern betreten kann. Wichtig wäre, die Luft im Mauerpark, den Sportanlagen und Spielplätzen zu überwachen und Protokolle anzufertigen, wie hoch die Faserkonzentration ist. Jetzt kommt es darauf an, dass der Asbest möglichst schnell abtransportiert wird und nicht noch länger mitten in einem belebten Viertel lagert. Das offene Lagern, selbst wenn es befeuchtet wurde, widerspricht den bereits erwähnten Technischen Regeln für Gefahrstoffe.
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Was hätte die Verwaltung Ihrer Einschätzung besser machen müssen, um Anwohner und Besucher frühzeitig zu informieren und zu schützen?
Die Behörden hätten aus fachlicher Sicht sofort nach dem Asbestfund eine öffentliche Warnung herausgeben müssen und das Gelände großräumig absperren und sichern sollen. Sie hätten zudem regelmäßige Updates über den Stand der Sanierung und der Gefahrenlage an die Anwohner kommunizieren sollen.
In einem dicht besiedelten innerstädtischen Bereich wie Prenzlauer Berg ist absolute Transparenz und Vorsorge Pflicht – nicht erst auf öffentlichen Druck hin, sondern proaktiv und rechtzeitig." https://www.tagesspiegel.de/berlin/bezirke/pankow/asbest-im-berliner-jahnstadion-das-risiko-ist-relevant-bis-hoch-13696246.html