
Liebe Unterstützer*innen,
in den letzten Tagen hat unser Anliegen enorme Aufmerksamkeit erregt. Ich und meine Kollegen durften an vielen Stellen erläutern, wie repräsentative Tests aussehen könnten.
Heute erreicht mich die großartige Nachricht, dass nicht nur in Österreich, sondern auch im Landkreis Heinsberg - dort waren die ersten Corona-Fälle in NRW aufgetaucht - repräsentative Stichproben untersucht werden:
- https://science.orf.at/stories/3200456/
- https://www1.wdr.de/nachrichten/rheinland/heinsberg-forschung-bonn100.html
Zwar bedauert der Bonner Virologe Henrik Streeck, der die Studie im Kreis Heinsberg leitet, dass man so viel Zeit verloren habe, aber immerhin werden erste Ergebnisse schon in einer Woche erwartet. Damit folgen wir endlich dem guten Beispiel, das uns Länder wie Island oder Luxemburg vorleben.
Erlauben Sie mir ein paar Worte zu den Einwänden, die derzeit verfügbaren Tests seien nicht für repräsentative Studien geeignet, weil ihre Sensitivität (die Wahrscheinlichkeit, dass sie eine vorhandene Infektion erkennen) und Spezifität (die Wahrscheinlichkeit, dass ein positiv Getesteter tatsächlich infiziert ist) zu gering seien:
Um das Gesamtbild zu erkennen, können wir einen großzügigen Maßstab an die Sensitivität und Spezifität der Tests anlegen. Solange die Fehlerraten bekannt sind und nicht mit der Wahrscheinlichkeit zusammenhängen, in die Stichprobe aufgenommen zu werden, lassen sich die falsch positiven und falsch negativen Ergebnisse herausrechnen. (Ähnlich gehen Wahlforscher vor, um herauszurechnen, dass manche Befragten die Antwort verweigern oder bewusst falsche Angaben machen.) Fehlerraten spielen erst eine Rolle, wenn im Einzelfall ein Verdacht auf COVID-19 vorliegt und man ein zuverlässiges Ergebnis benötigt.
Zur Einschätzung der aktuellen, retrospektiven und prospektiven Infektionsrate könnten wir verschiedene Ansätze kombinieren.
- Zufälliges, wiederholtes Testen mit den verfügbaren PCR-Tests gibt Aufschluss über die Verbreitung und deren Dynamik und kann zudem Cluster Infizierter aufdecken, in denen verstärkt getestet wird oder besondere Vorsichtsmaßnahmen nötig sind.
- Ein Test-Pooling, in dem die Proben mehrerer Personen gemeinsam getestet werden, kann zumindest am Anfang (bei noch geringer "Durchseuchungsrate") effizienter sein. Bei positivem Ergebnis wäre individuell nachzutesten.
- Alle vorhandenen Daten sollten kombiniert und als „Big Data“analysiert werden. Wie alt und krank waren z.B. positiv Getestete im Gegensatz zu negativ Getesteten, waren Menschen mit Symptomen und solche ohne?
Die Bundesregierung hat im November 2019 ein Eckpunktepapier zur Datenstrategie vorgelegt. Es beginnt mit den Worten: „Daten [sind] eine Schlüsselressource (..) für staatliches Handeln. Die Fähigkeit, Daten verantwortungsvoll und selbstbestimmt zu nutzen, (...) ist gleichermaßen Grundlage für (...) das Generieren von Wissen und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“. Als zentrale Handlungsfelder werden die verantwortungsvolle Datennutzung und die Erhöhung der Datenkompetenz gefordert.
Ich bin überzeugt: Wenn es gelingt, dass Virologen und Statistiker, Epidemiologen, Datenschützer, Datenethiker und nicht zuletzt Ökonomen und Soziologen interdisziplinär zusammenarbeiten, dann kann es gelingen, dass wir die negativen Folgen der Krise gemeinsam in den Griff bekommen. Dann kann unser Umgang mit der Corona-Krise ein Lehrstück werden für verantwortungsvolle Datennutzung und Datenkompetenz.
Ich danke Ihnen! Bleiben Sie gesund!
Ihre Katharina Schüller