署名活動についてのお知らせKein LNG Terminal (egal ob schwimmenden Anlage oder im Hafen) vor RügenBiologe und Landschaftsökologe Hans Dieter Knapp fasst zusammen
Michael Rohdeドイツ
2023/03/07

[6.3., 22:55] Anne Heinicke: So fasst es der Biologe und Landschaftsökologe Hans Dieter Knapp zusammen. Der 72-jährige groß gewachsene Mann mit Vollbart und weißer Haarmähne gehört zu den Gründervätern der Nationalparks und Biosphärenreservate, die noch in den letzten Monaten der DDR geschaffen wurden. Knapp lebt in dem kleinen Dörfchen Kasnevitz, das eine halbe Autostunde entfernt von Sellin liegt.
[6.3., 22:55] Anne Heinicke: Die Terminals sind knapp 300 Meter lang, 50 Meter breit und 51 Meter hoch
Zu diesem Zweck werden in einem Gebiet, das zwischen viereinhalb und sechseinhalb Kilometer vor dem Selliner Ostseestrand liegt, zwei Steigertürme – sogenannte Risertower – im Meeresboden verankert. An diesen 40 Meter hohen Türmen sollen jeweils zwei „Floating Storage and Regasification Units“ (FSRU) – schwimmende Speicher- und Gasumwandlungsanlagen – festmachen. Diese unter maltesischer Flagge fahrenden Terminals sind knapp 300 Meter lang, fast 50 Meter breit und ragen etwa 51 Meter hoch über die Wasserfläche hinaus. An ihnen sollen die rund 300 Meter langen Gastanker anlegen und ihre Ladung von 170.000 Kubikmeter LNG löschen.

Anschließend wird in den FSRUs während eines fünf- bis siebentägigen Prozesses das auf minus 163 Grad Celsius gekühlte LNG regasifiziert und in die Pipeline Richtung Lubmin gepumpt. Der erste Risertower soll bereits Ende dieses Jahres in Betrieb gehen, der zweite folgt 2024. Ist die Anlage vor Sellin erst einmal fertiggestellt, kann sie jährlich von insgesamt 200 LNG-Tankern angelaufen werden.

Sellins Bürgermeister Reinhard Liedtke hat erstmals Anfang Februar davon gehört, dass die vom Energiekonzern RWE betriebenen LNG-Terminals auf der Ostsee in Sichtweite seiner Gemeinde geplant sind. „Damals kamen Vertreter von RWE und informierten uns über das Projekt“, erzählt der 65-Jährige in seinem Büro in der Kurverwaltung. „Aber nicht etwa in einer öffentlichen Versammlung, wie sich das bei einem Projekt mit solchen schweren Eingriffen für die Gemeinde gehört hätte. Nur wir Bürgermeister der vier unmittelbar betroffenen Gemeinden Sellin, Baabe, Binz und Göhren waren zu dem Gespräch eingeladen.“ Und das Bundeswirtschaftsministerium? Liedtke winkt ab. „Von denen ließ sich bis heute niemand blicken. Und auch unsere Schreiben, die wir an Minister Habeck richteten, sind unbeantwortet geblieben. Die sind in Berlin auf Tauchstation.“
[6.3., 22:55] Anne Heinicke: Die Berliner könnten einen ihrer beliebtesten Urlaubsstrände verlieren, wenn vor Sellin ein LNG-Terminal entsteht. Die Rügener wehren sich. Ein Ortsbesuch.
[6.3., 22:55] Anne Heinicke: Bürgermeister Liedtke, ein zupackender und energischer Mann, ist zornig darüber, das kann man spüren. „Der Habeck versteckt sich hinter seinem LNG-Beschleunigungsgesetz und denkt, damit kann er das alles einfach durchziehen, egal was die Bürger und Gemeinden sagen. Aber da irrt er sich.“

Stolz verweist Liedtke auf den wachsenden Widerstand der Rügener Bevölkerung gegen die LNG-Terminals. So hätten innerhalb kurzer Zeit alle 34 Bürgermeister der Insel eine gemeinsame Protestresolution gegen das Projekt unterzeichnet. Und am vergangenen Wochenende fanden gleich zwei Demonstrationen statt. „Allein in Baabe kamen am Sonntag rund 2500 Menschen zusammen, um gegen die Planungen zu demonstrieren“, erzählt er.

Tatsächlich schaffte es die Demonstration, eine der größten in der Rügener Nachwendegeschichte, sogar bis in die Hauptausgabe der „Tagesschau“. Die Menschen im Kurpark von Baabe trugen handgemalte Transparente, auf denen etwa „Rügen wehrt sich“ stand oder auch „RWE go home“ und „Wir sind laut, weil ihr uns die Heimat klaut“. Eine der Demonstrantinnen, ein Schild mit der Aufschrift „Stopp den LNG Wahnsinn“ in der Hand, sagte zornig: „Die Industrie auf der Insel ist plattgemacht worden, die Käsereien sind weg, der Fischfang ist verboten, die fischverarbeitende Industrie ist weg, und wenn jetzt auch noch der Tourismus den Bach runtergeht, dann können wir die Insel zumachen.“

[6.3., 22:55] Anne Heinicke: Für das LNG-Projekt in der Ostsee hat er nur ein fassungsloses Kopfschütteln übrig. „Ich verstehe die Welt nicht mehr: Dieses Vorhaben konterkariert alle Umweltziele, die wir uns als Gesellschaft gestellt haben“, sagt er. „Hier soll in einem ökologisch hochsensiblen Gebiet auf lange Sicht eine Infrastruktur zementiert werden für Fracking-Gas, das unter extrem umweltbelastenden Bedingungen gefördert wird.“ Dass mit Wirtschaftsminister Habeck ausgerechnet ein führender Grünen-Politiker das durchdrücken will, macht es für Knapp zusätzlich schlimm. „Natürlich fühlen wir uns von den Grünen hintergangen“, sagt er. „Man kann es auch drastischer ausdrücken: Wir werden völlig verarscht.“

Verständlich wird der Zorn Knapps, wenn man sich einmal die Dimension des geplanten Gasindustrieprojekts vor Sellin anschaut. Um den jetzigen, allerdings umständlichen und teuren Shuttle-Verkehr nach Lubmin abzulösen, soll das LNG künftig bereits auf See gelöscht und dort regasifiziert, also auf Betriebstemperatur erwärmt und in einen gasförmigen Zustand zurückversetzt werden, um es dann durch eine rund 38 Kilometer lange Pipeline quer durch den Greifswalder Bodden nach Lubmin zu pumpen.
[6.3., 22:55] Anne Heinicke: „Hören Sie das?“ Die alte Dame steht auf der Seebrücke von Sellin, ihre Hand weist hinaus auf die Ostsee. Sie hat den Kopf geneigt und lauscht angestrengt. „Es brummt“, sagt sie schließlich und macht eine wegwerfende Handbewegung. „Und das ist erst der Anfang. Wenn der Habeck das durchzieht, dann kommt hier keiner mehr her.“

Tatsächlich liegt ein leises Dröhnen in der Luft, ein durchgehendes Geräusch wie von einem laufenden Schiffsmotor. 24 Stunden am Tag trägt es der Seewind heran, mal lauter, mal leiser, je nachdem, wie stark die Brise ist. Auf der Seebrücke und an der höher gelegenen Uferstraße von Sellin hört man es am besten; unten am Strand hingegen wird es vom Rauschen der Wellen übertönt. Solange der Wind bläst.
[6.3., 22:55] Anne Heinicke: Die Quelle des Brummens kann man sehen. Es ist ein riesiges Schiff ein paar Kilometer vor der Küste, ein Depot-Tanker, der regelmäßig von ankommenden Spezialschiffen mit LNG beladen wird. LNG ist die Abkürzung von Liquefied Natural Gas, verflüssigtes Erdgas. Weil die LNG-Tanker einen zu großen Tiefgang haben, können sie nicht zum nahe gelegenen Terminal in Lubmin fahren, um ihre Ladung zu löschen. Deshalb wird das auf minus 163 Grad Celsius abgekühlte Gas zunächst auf den Depot-Tanker vor Sellin übertragen, der es dann auf kleinere Shuttle-Tanker überträgt, die das LNG weiter nach Lubmin schaffen.

In Sellin soll das größte LNG-Terminal der Welt entstehen
Dennoch dürfte das Dröhnen, was man jetzt schon vernimmt, noch erträglich sein im Vergleich zu dem, was möglicherweise schon Ende des Jahres in Sellin zu hören sein wird. Denn was der grüne Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck dort „durchziehen“ will, wie die Dame auf der Seebrücke es ausdrückte, ist die Installation eines der größten LNG-Terminals der Welt: Rund fünf Kilometer vor dem Ostseebad soll ein gigantischer Flüssiggashafen entstehen, der deutlich größer werden soll als die gerade erst eingeweihten Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven. Anders gesagt: „Es ist der blanke Irrsinn in jeglicher Hinsicht.“
[6.3., 22:55] Anne Heinicke: In der Tat profitieren die in Deutschland geplanten LNG-Terminalprojekte allesamt von verschiedenen Ausnahmeregelungen, die im LNG-Beschleunigungsgesetz formuliert wurden. Für die schwimmenden Terminalschiffe bedeutet das unter anderem, dass die sonst verpflichtenden Umweltverträglichkeitsprüfungen vor einer Inbetriebnahme entfallen.

Landschaftsökologe Hans Dieter Knapp hält das für eine fatale Fehlentscheidung. „Der Einsatz der Biozide bedroht ja nicht nur die Badegewässer vor Sellin“, sagt er. „Das betrifft auch von EU-Recht geschützte Flora-Fauna-Habitate und Vogelschutzgebiete sowie den ohnehin durch das fragile Ökosystem der Ostsee bedrohten Lebensraum vieler Tierarten, beispielsweise die im Greifswalder Bodden gelegenen Laichgebiete des Ostseeherings.“

Knapp schüttelt fassungslos den Kopf. „Das tatsächliche Gefährdungspotenzial des LNG-Projekts wird von den Verantwortlichen gezielt kleingeredet, dabei lässt es sich in der Kürze der Zeit überhaupt nicht abschätzen. Es sind ja nicht nur Vögel und Meerestiere davon betroffen, sondern die ganze Insel. Was dort für Umweltschäden angerichtet werden können, kann man mit irgendwelchen Ausgleichsleistungen und Minderungsmaßnahmen überhaupt nicht kompensieren.“

Inzwischen haben mehrere Umweltverbände – die Mecklenburger Landesverbände von BUND und Nabu sowie WWF und Deutsche Umwelthilfe – eine enge Zusammenarbeit gegen die LNG-Anlagen vor Lubmin und Rügen vereinbart. Das Bündnis will die Planungen für das neue Mega-Terminal vor Sellin und den Bau der Offshore-Pipeline durch den ökologisch hochsensiblen Greifswalder Bodden sowie den Weiterbetrieb des LNG-Terminalschiffs im Hafen von Lubmin stoppen. „Wir werden alle Rechtsmittel ausschöpfen, um die Ostsee zu schützen“, sagt der Bundesgeschäftsführer der Umwelthilfe, Sascha Müller-Kraenner. „Die Ostsee darf nicht für eine unnötige, fossile Energieindustrie geopfert werden.“ Und Rica Münchberger, Geschäftsführerin des Nabu Mecklenburg-Vorpommern, ergänzt: „Die Wahl des Standortes vor Rügen innerhalb sensibler Schutzgebiete offenbart wieder einmal die Ignoranz der Politik gegenüber der ökologischen Belastungsgrenze der Ostsee.“

Sellins Bürgermeister Liedtke begrüßt die Initiative der Umweltverbände. Man ziehe gemeinsam an einem Strang, wenngleich man auch von einer gewissen Arbeitsteilung sprechen könne. „Wir Bürgermeister blenden in unserem Vorgehen gegen das LNG-Projekt die drohenden Umweltbelastungen nicht aus, konzentrieren uns aber vor allem auf die Auswirkungen für den Tourismus und die Interessen unserer Gemeinden“, sagt er. In diesem Zusammenhang haben sie auch eine Hamburger Anwaltskanzlei mit der Vorbereitung einer Klage gegen das LNG-Projekt beauftragt.

Aber sieht er überhaupt eine realistische Chance, die Terminals vor seiner Küste noch zu verhindern? Liedtke nickt. „Der Bund macht sich doch einen schlanken Fuß bei diesem Projekt und überträgt alle Entscheidungsverantwortung auf die Länder“, sagt er. „Und aus dem Schweriner Wirtschaftsministerium haben wir schon deutliche Signale erhalten, die uns Mut machen.“
[6.3., 22:55] Anne Heinicke: Bürgermeister Liedtke: „Wer geht da noch ins Wasser?“
Diese Sorge treibt auch Bürgermeister Liedtke um. „Sie müssen sich das einmal vorstellen“, sagt er und holt ein Foto eines FSRU-Terminals hervor. „Diese stählernen Ungetüme stehen in Sichtweite unserer Küste, da denkt man doch, das ist ein Industriehafen. Wer geht denn da noch ins Wasser?“

Hinzu kommt der Lärm, den diese Terminals bei der Umwandlung des gekühlten Flüssiggases machen. „In Lubmin, wo solch ein Terminal bereits in Betrieb gegangen ist, klagen sogar Anwohner von Gemeinden, die einige Kilometer entfernt liegen, über eine anhaltende Lärmbelästigung Tag und Nacht. Und auch Messungen haben ergeben, dass das Dröhnen dieses Terminals die Grenzwerte übersteigt. Wenn die FSRUs aber erst einmal hier vor unserer Küste ankern, dann haben auch wir und unsere Urlauber keine ruhigen Sommernächte mehr.“

Und dann spricht der Bürgermeister noch einen weiteren Aspekt an, über den sich in den bislang bereitgestellten Planungsunterlagen bisher gar nichts findet – der Einsatz von Chlor und anderen Chemikalien zur Reinigung der Terminals. „Die Anlage, mit der das gekühlte Erdgas erwärmt wird, wird mit Ostseewasser gekühlt“, erklärt er. „Dazu wird das Wasser in Rohren durch die Terminals gepumpt. Damit sich aber in diesen Rohren keine Meerestiere wie Schnecken und Seepocken ansiedeln, sollen sie mit Bioziden gespült werden, insbesondere Chlor, die anschließend wieder in die See zurückfließen. Da geht es um Dutzende Tonnen Chlorverbindungen jährlich, die so in die Ostsee vor Sellins Küste geleitet werden. Wer will denn da noch baden gehen?“

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