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Allerhöchste Zeit die Universität zu entkolonialisieren! FU Berlin -Klimawandel in Afrika

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(Statement also in English below: HIGH TIME TO DECOLONISE THE UNIVERSiTY: A STATEMENT BY STUDENTS, ALUMNI AND RESEARCHERS OF THE FREIE UNIVERSITÄT BERLIN (FU) ON THE LECTURE SERIES “KLIMAWANDEL IN AFRIKA” )

Berlin, 8. November 2016


Allerhöchste Zeit die Universität zu entkolonialisieren! Stellungnahme von Studierenden, Alumni und Forschenden der Freien Universität Berlin zur Ringvorlesung „Klimawandel in Afrika“


Wir sind eine Gruppe von Studierenden, Promovierenden und Alumni des Otto-Suhr-Instituts (OSI) für Politikwissenschaft und anderer Fachbereiche der Freien Universität Berlin (FU Berlin). Unser Anliegen ist es, unsere Sorge zum Ausdruck zu bringen über die weitere Marginalisierung Afrikas am OSI, wie sie zurzeit in der Ringvorlesung „Klimawandel in Afrika“ geschieht.


Am 21. Oktober 2016 wand sich eine Gruppe von 20 Personen aus unserem Kreis mit einem Schreiben an die Organisatorin der Ringvorlesung, worüber auch die Direktorin des Instituts informiert wurde.(1) In diesem Schreiben wiesen wir daraufhin, dass die Ringvorlesung offenbar vollständig mit weißen europäischen Vortragenden besetzt wurde. Nicht ein*e einzige*r afrikanische*r Akademiker*in oder Akademiker*innen der afrikanischen Diaspora werden hier sprechen. Was auch immer die Gründe dafür sein mögen, letztlich werden afrikanische Stimmen dadurch völlig zum Schweigen gebracht. In unserem Schreiben baten wir um eine Antwort. Wir haben keine erhalten.


Es ist zutiefst beunruhigend, dass wir im Jahr 2016, also weit im 21. Jahrhundert, immer noch damit beschäftigt sind, das OSI an die Geschichte und das koloniale Erbe Europas zu erinnern, und an die Komplizenschaft der Universitäten. Deutschland hat eine brutale Kolonialgeschichte in Afrika, auch wenn diese zu großen Teilen unbeachtet bleibt. So zeugt bereits der Boden, auf dem das OSI heute in der Ihnestraße 21 steht, von dieser Geschichte: Hier befand sich das „Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik“ (KWI), dessen Arbeiten dazu beitrugen, den Genozid des Naziregimes zu rechtfertigen. Wie Studierende in einer Ausstellung am OSI im Jahr 2013 zeigten, bewahrten die Wissenschaftler*innen des KWI in diesem Gebäude eine Sammlung von Schädeln und Knochen auf, die von ermordeten Afrikaner*innen aus der deutschen Kolonie Süd-West-Afrika (heute Namibia) stammten.


Die Entscheidung, eine komplett weiße Vorlesungsreihe zu veranstalten, ist vor allem dann beunruhigend, wenn wir uns anschauen, warum die Vorlesungsreihe überhaupt ins Leben gerufen wurde. Es handelte sich ursprünglich um eine Vorlesungsreihe die stark durch eine Studierendeninitiative geprägt wurde und das Ziel verfolgte die „vorübergehende“ Lücke zu füllen, die der Abschaffung der Professur „Politik Afrikas“ folgte (zuletzt vertreten durch Prof. Prince Kum’a Ndumbe III). Die Professur wurde Mitte der 90er Jahre aufgrund von Sparmaßnahmen abgeschafft. In der Begründung hieß es damals außerdem, dass das akademische Interesse durch die Professur für Afrikanische Studien an der Humboldt-Universität Berlin abgedeckt werden könne. Der Fokus der Afrikastudien an der HU liegt allerdings auf Literatur; afrikanisches politisches Denken und Epistemologien blieben hier weitgehend außen vor. Dieses Phänomen zeigt sich nicht nur an der Freien Universität und in Berlin, sondern auch in der deutschen Hochschullandschaft allgemein.


Die Ringvorlesung des OSI Club e.V. stellte damals den Versuch dar, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. In Zusammenarbeit mit Organisationen wie AfricAvenir und LoNam wurde die Vorlesungsreihe seit 2005 zu einem Ort der Begegnung mit Stimmen Afrikas und der afrikanischen Diaspora. Gleichzeitig diente die Reihe auch als Instrument in den Bemühungen um die Wiedereinrichtung einer Afrika-Professur innerhalb der FU Berlin. Den Studierenden sollte es wieder ermöglicht werden, sich produktiv und kritisch mit der Politik Afrikas zu beschäftigen. Weiterhin schuf die Reihe einen Raum für kritische Forschungsansätze, die sich jenseits des Mainstreams bewegen und die der Reproduktion paternalistischer weißer Narrative in Bezug auf den Globalen Süden entgegenwirkten. Im Zentrum all dieser Bemühungen stand das Anliegen, Afrika nicht nur als Adressaten hegemonialer Diskurse zu behandeln, sondern als eigenständige Quelle der Wissensproduktion.

 
Die Tatsache, dass im Jahr 2016 am OSI eine vollständig weiße Vorlesungsreise stattfindet, macht ein Problem sichtbar, das nicht durch Symbolpolitik behoben werden kann. Es muss darum gehen, die Selbstverpflichtung des OSI zu überprüfen, an der Entkolonialisierung der deutschen Wissenschaften mitzuwirken, sofern eine solche Selbstverpflichtung besteht. Es ist nicht mehr länger hinnehmbar, dass eine Universität "normativ, habituell und intellektuell weiß bleibt." (2) Dazu gehört auch, dass die Lehrpläne des OSI wirklich global werden müssen, indem sie Machtgefälle in der Wissensproduktion berücksichtigen und indem sie sich kritisch mit den kolonial geprägten Vorannahmen auseinandersetzen, von denen große Teile der westlichen Forschung über nicht-westliche Regionen geprägt sind. Außerdem ist es nötig, die Beschäftigungsverhältnisse in Forschung und Lehre für Menschen aller gesellschaftlichen Gruppen zu öffnen, um die Heterogenität der Bevölkerung Deutschlands widerzuspiegeln. Wie Studierende in einer Stellungnahme gegenüber dem OSI-Direktorium im letzten Semester bereits zum Ausdruck gebracht haben, stellt auch die Juniorprofessur „Transnationale Politik des Globalen Süden“ eine Möglichkeit für das OSI dar, Schritte in die richtige Richtung zu unternehmen.

 
Unser Aufruf, die Universität zu entkolonialisieren, hallt heute durch Universitäten auf der ganzen Welt, von Südafrika bis England. Studentische Initiativen wie „Rhodes Must Fall“ und „Why is My Curriculum White“ brachten die Debatten über die Legitimierung und Autorisierung der Wissensproduktion zurück. Die Studierenden stellen immer öfter den Zusammenhang zwischen strukturellem Rassismus und dem Wirken des Neoliberalismus an Universitäten her. Unsere Anliegen und Bemühungen sind eng mit diesen Kämpfen verbunden, wie auch mit allen vergangenen und zukünftigen Kämpfen der Studierenden der Freien Universität Berlin und anderswo.

 
Wir fordern das OSI auf, schriftlich auf unseren Brief zu antworten.

 
Wir fordern das OSI und die FU Berlin auf, konkrete und nachhaltige Maßnahmen zur Entkolonialisierung der Universität durchzuführen. Dies schließt eine Überarbeitung der Lehrpläne ein, eine Aufarbeitung des strukturellen Rassismus, eine Herausforderung des Machtwissens und eine Reform der Beschäftigungspolitik, um mehr nicht-weiße Akademiker*innen des Globalen Südens zu integrieren. 


Wir rufen alle politischen Akademiker*innen auf, eine Teilnahme in Vorlesungsreihen zum Globalen Süden abzulehnen, deren Podien komplett weiß oder komplett europäisch sind, und den Veranstaltenden ihre Ablehnung zu erklären. Wenn sich Akademiker*innen entscheiden, daran teilzunehmen, rufen wir sie dazu auf, sich in diesem Raum für ein Ende ausschließender Praktiken und für eine Entkolonialisierung der Bildung einzusetzen.


Wir fordern die Berufungskomitees der Universität auf, nicht mehr länger die Norm aufrecht zu erhalten, die zur Einstellung weißer Männer in einem Großteil der akademischen Posten führt.

 
Wir rufen die Studierenden, Alumni und Angestellten der Universität auf, unseren Kampf zu unterstützen.

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Fußnoten

(1) http://www.osi-club.de/w/files/dokumente/rv_161013_plakat.pdf
Zuletzt geprüft am 20. Oktober 2016

(2)  Shilliam, R. (2015) “Black Academia: The Doors Have Been Opened butthe Architecture Remains the Same” in Alexander C. and Arday, J. (eds.) Aiming HigherRace, Inequality and Diversity in the Academy. London: Runnymeade.

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Unterstützt uns!

  • Unterzeichnet unsere Stellungnahme.
  • Verbreitet die Stellungnahme.
  • Schickt Unterstützungsmails an die Leitung des OSI und der FU Berlin osirat@zedat.fu-berlin.de und praesident@fu-berlin.de
  • Bringt die oben genannten Forderungen in allen relevanten Foren ein.
  • Informiert uns, wenn Ihr von ähnlichen Initiativen in und außerhalb Deutschlands erfahrt.
  • Wenn Du an der FU bist, beteilige Dich an unserem Kampf. 

Kontakt: decolonisetheFU@gmail.com

!!!! Bitte beim Unterzeichen eure Universität/ Organisation falls gegeben in der Kommentarspalte angeben. Wenn ihr euren Namen nicht öffentlich anzeigen möchtet könnt ihr das Häkchen unter dem "Unterschreiben" Symbol entfernen !!!!

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Berlin, November 8th, 2016


HIGH TIME TO DECOLONISE THE UNIVERSiTY: A STATEMENT BY STUDENTS, ALUMNI AND RESEARCHERS OF THE FREIE UNIVERSITÄT BERLIN (FU) ON THE LECTURE SERIES “KLIMAWANDEL IN AFRIKA” 


We are a diverse group of students, Ph.D. candidates and alumni of the Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft (OSI), and the Freie Universität Berlin more broadly. We are deeply concerned about the further marginalisation of Africa at the OSI, represented most recently in the program of the OSI Club’s lecture series “Klimawandel in Afrika”. 

 
On October 21, 2016, twenty of us sent a letter to the organiser of the lecture series, copying the OSI’s president. In the letter, we pointed out that the program of the series indicates that it will host an all-white, European line-up of speakers this semester. Not a single scholar from Africa or the African diaspora has been afforded the chance to speak at this lecture series about Africa. Whatever the intention, this amounts to a total silencing of African voices. In the letter, we specifically asked for a response. We never received one.

 
It is deeply troubling that in 2016, well into the twenty-first century, we must still remind the OSI of the history and legacy of European colonialism on the African continent, and of the complicity of the academy. Though largely unacknowledged, Germany has a brutal colonial history in Africa. This history is staring us in the face everyday. The very ground on which the OSI stands and the building it now occupies at Ihnestraße 22, once hosted the Kaiser Wilhelm Institute for Anthropology, Human Heredity, and Eugenics (KWI). KWI’s eugenic approach sought to legitimate the genocidal Nazi regime. As students of the OSI shared in an exhibition at the institute in 2013, KWI scientists kept, on the premises, a collection of skulls and bones of murdered Africans from the colony of German South-West Africa (modern day Namibia). 

 
The choice to mount an all-white, European lecture series on Africa is especially troubling when considered in light of why the series was established to begin with. It was initially strongly influenced by a student initiative to “temporarily” bridge the gap created in the FU’s political science curriculum following the abolition of the “Politik Afrikas” professorship, last held by Prof. Prince Kum’a Ndumbe III. This professorship was abolished in the mid 1990s due to austerity measures. It was argued at the time that its academic scope can be adequately covered by the chair in African Studies at the Humboldt-Universität zu Berlin (HU). As it turned out, this was not the case. African political thought and epistemologies remain largely unaddressed, not just at the FU or in Berlin, but in the German higher education system more broadly.

 
The OSI Club’s lecture series on Africa has been part of an effort to address these concerns. Since 2005, and in close coordination with organisations like AfricAvenir, and LoNam, the series acted both as a platform for engagement with African and diasporic voices, and as a vehicle to push for the re-establishment of a professorship within the FU that would engage students productively and critically with African politics. Amongst other things, the series made space for critical approaches that challenge the mainstream tendency to reproduce white saviour narratives in relation to the Global South. At the heart of the endeavour was a commitment to treating Africa not only as the subject and recipient of hegemonic discourses, but as a source of knowledge production itself. 

 
The fact that in 2016 an all-white, European lecture series can be mounted at the OSI indicates a problem whose solution is not tokenism. Rather, it calls for a re-evaluation of the OSI’s commitment more generally, if such a commitment exists, to decolonising the German academy. It is no longer acceptable for the university to remain “normatively, habitually and intellectually ‘White’”. This includes ensuring that the OSI’s curriculum is truly global, committed to addressing asymmetries of power in knowledge production and able to critically interrogate the colonial basis that underpins much of western scholarship on non-western peoples of the world. It also includes diversifying the institute’s teaching and research body, at the very least to reflect the heterogeneity of German society. As OSI students highlighted during the summer term in a statement to the leadership of the OSI and the FU, the planned junior professorship "Transnationale Politik des Globalen Süden" offers a chance for the OSI to take a small step in the right direction. 

Today, the call for decolonising the academy is resonating in universities across the globe, from South Africa to the UK. Student-led movements such as “Rhodes Must Fall” and “Why is My Curriculum White” have reopened the debate on the kind of knowledge production universities legitimate and authorise. Students are also increasingly making the connection between structural racism and the operation of neoliberalism at universities. We place our concerns, and future efforts, in context of these struggles, and the struggles of students before us at the Freie Universität Berlin and beyond.

We call on the OSI to respond, in writing, to our letter and statement. 

 
We call on the OSI and the FU’s leadership to put in place concrete and genuine measures to decolonise the university. This includes an overhaul of the curriculum, tackling structural racism, challenging intellectual gatekeeping and reforming policies on hiring to attract and retain non-white scholars and scholars from the Global South. 


We call on all scholars of conscience to refuse to participate in all-white or all-European panels about any region of the Global South, and to clearly explain to the organisers why they are refusing to participate. If scholars do choose to participate, we urge them to use these platforms to advocate for an end to exclusionary practices and to call for a decolonised education.

 
We call on hiring committees within the university to reject the norm of hiring white males for the majority of positions. 


We call on students, alumni and staff of the university to join us in this struggle.

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Endnotes

(1) http://www.osi-club.de/w/files/dokumente/rv_161013_plakat.pdf 
Retrieved on 20. October 2016.

(2)  Shilliam, R. (2015) “Black Academia: The Doors Have Been Opened butthe Architecture Remains the Same” in Alexander C. and Arday, J. (eds.) Aiming HigherRace, Inequality and Diversity in the Academy. London: Runnymeade.


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To show your support:

  • Sign our statement.
  • Distribute widely.
  • Email statements of support to OSI and FU leadership at <osirat@zedat.fu-berlin.de> and <praesident@fu-berlin.de> 
  • Raise the above demands in every relevant forum.
  • Let us know of similar initiatives in Germany or abroad.
  • If you are at the FU, join our struggle.

Contact: decolonisetheFU@gmail.com

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