Luther-Bibel 2017: Zurück zur Jüngergewinnung in Jesu Missionsbefehl (Mt 28,19-20)

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In der neuen Luther-Bibel 2017 enthält der Missionsbefehl Jesu nach Matthäus 28,18–20 nicht mehr die Aussage „machet zu Jüngern alle Völker“. Stattdessen heißt es in Anlehnung an Luther 1545: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. [19] Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes [20] und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“

Mit dieser Neuübersetzung wird der ökumenische Konsens, die griechische Verbform mathē­teusate als „machet zu Jüngern (facite discipulos)“ zu übersetzen preisgegeben.[1] Nicht nur in den deutsch- bzw. englischsprachige Standardübersetzungen wie Einheitsübersetzung, Zür­cher, Elberfelder, RSV, NRSV, NASB oder NIV, sondern auch in anderen europäischsprachi­gen Übersetzungen – ob Spanisch, Holländisch, Französisch, Portugiesisch, Norwegisch, Schwedisch oder Dänisch – ist einhellig von einem „Jünger-“ bzw. „Lehrling-machen“ die Rede.

Wenn nun die Lutherbibel 2017 in Anlehnung an die Vulgata mathēteusate als „lehret“ (docete) wiedergibt, kann man sich hierfür nicht auf eine gängige Übersetzungspraxis berufen. Schließlich ist im Griechischen das Verb mathēteuō als denominale Ableitung von mathētēs (Jünger) kein geläufiges Wort. Der transitive Ge­brauch gehört zur christlichen Sondersprache und ist in der gesamten antiken Literatur nur viermal belegt. In jedem Falle bedeutet mathē­teusate panta ta ethnē mehr als nur allen Völ­kern Wissenswertes zu „lehren“ (im Sinne eines durativen Verbs), sondern zielt als kausatives bzw. faktitives Verb auf ein Jünger-sein, was ein verbindliches Lern- und Lebensverhältnis zu einem Lehrmeister beinhal­tet. Würde man im Deutschen die denominale Ableitung nachbil­den, hieße es in Jesu Missionsbefehl „jüngeri­siert alle Völker“, womit der Jünger-Status als Ziel der Mission erkennbar wäre.

Wenn in der Vulgata das griechische mathēteusate als docete („lehret“) übersetzt worden ist, verdankt sich dies dem Fehlen eines adäquaten Synonyms in der lateinischen Sprache. Bezüg­lich discipulus („Schüler“/„Lehrling“) gibt es im Spätlateinischen keine denominale Ableitung als transitives Verb (anders im Italienischen, wo das Verb disciplinare existiert). Sowohl Luthers Übersetzung von 1545 wie auch die King James Version von 1611 haben Mt 28,18-20 nicht nach dem griechischen Urtext, sondern nach der lateinischen Vul­gata übersetzt. Über Jahr­hunderte hinweg ist somit im Missionsbefehl ein „lehret alle Völker“ bzw. ein „teach all nations“ zur Geltung gekommen, bis man sich auf den griechischen Urtext besonnen hat.

Dass mathēteusate mehr als nur „lehret“ bedeutet, ist nicht nur semantisch, sondern auch gramma­tikalisch begründet.[2] Als Imperativ sind ihm zwei – eigentlich modal zu übersetzende – Parti­zipien zugeordnet. Was „Jünger machen bzw. gewinnen“ beinhaltet, entfaltet Jesus in der nachfolgenden Partizipialkonstruktion, nämlich „taufen“ (baptízontes – V 19b) und „leh­ren“ (didáskontes – V 20a). Würde man – wie Luther – mathēteusate in Vers 19a als „lehret“ wiedergeben, entstünde damit eine Tautologie „lehret alle Völker, indem ihr lehrt“.

Jesu Missionsbefehl befördert keine „gelehrte Religion“ (Kant). Vielmehr geht es in ihm um einen bestimmten „Jünger-sein“-Status von Menschen in Bezug auf Jesus selbst – in Ent­sprechung zu den elf Jüngern (mathētai), die auf dem Berg in Galiläa diesen Befehl selbst empfangen haben (V 16). Taufe auf seinen Namen und Unterwei­sung in Jesu Sinne sind beides Beziehungsgeschehen, die das „Jünger-machen“ in die Tat umsetzen. Dieser Ruf in Nachfolge ist zutiefst personal und als solcher in den gesamtbiblischen Traditionszusammen­hang eines neu geordneten Verhältnisses von Gott und Mensch eingebettet.[3] Jesu Gegenwarts­zusage „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20b) gilt damit sowohl für die elf Jünger auf dem Berg, wie auch für aus den Ethnien neu hinzuzugewinnen­den Jünger. Zu Recht schreibt Ulrich Luz: „‚Jünger‘ sind nicht nur die damaligen zwölf Jün­ger des irdischen Jesus, sondern Jüngerschaft Jesu geschieht überall, wo seine Macht unter den Menschen wirksam wird (V 18b; vgl. 9,8; 10,1) und seine Gebote gehalten werden (V 20a).“[4]

Ohne ein „Jünger-machen“ würde es hingegen eine bleibende Dissonanz zwischen den elf „gelehrten“ Jüngern und den übrigen „belehrten“ Menschen geben. Ein missionarisches „Jün­gerschaftsverhältnis“ hingegen nimmt für alle Christen einen egalitären Charakter an – be­gründet durch die personale Gemeinschaft mit Jesus – und ist damit gerade nicht vor­mund­schaftlich bestimmt.

Diese neue Luther-Übersetzung lässt in Sachen Missionsbefehl den ökumenischen Konsens eines „Jünger-machens“ hinter sich, wie er ja in der Revision des Neuen Testaments von 1956 zur Sprache gekommen ist. Könnte es sein, dass im gegenwärtigen Revisionsprozess „kon­tex­tuelle“ Akzeptanzprobleme hinsichtlich christlicher Mission bzw. Überlegungen zu einem „neuen Missionsbegriff“ Maßstab dieser Übersetzung wurden?[5] Wir können jedenfalls die in der Luther-Bibel 2017 getroffene Revision des Missionsbefehls weder gesamtbiblisch, philo­logisch, missionstheologisch oder ethisch nachvollziehen. Eben so wenig können wir diese Worte Jesu als Aufruf zu einem bildungsmäßig angelegten Dialog zwischen den Religionen verstehen. Wir werden daher bei gottesdienstlichen Lesun­gen, insbesondere bei Taufen, wie auch in der Predigt weiter­hin die sechs Jahrzehnte lang zu Recht gebräuchliche Textfassung „machet zu Jüngern alle Völker“ zur Sprache bringen.

Wir appellieren an Sie, bei einem anstehenden Nachdruck der revidierten Luther-Bibel wieder die bisherige Fassung „machet zu Jüngern alle Völker“ abzudrucken oder aber eine jünger­schaftssensitive Neuformulierung wie beispielsweise „gewinnt zu Jüngern alle Völker“ in den Text aufzunehmen.

Anmerkungen

[1] Dem Versuch von Wolfgang Reinbold, ‚Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker‘? Zur Übersetzung und Interpretation von Mt 28,19f (ZThK 109, Heft 2, Juni 2012, 176-205), den Übersetzungskonsens exegetisch aufzukündigen, hat Johannes Zimmermann, Zwei Mal »Lehren«? Ein Widerspruch zu Wolfgang Reinbolds Auslegung von Mt 28,19 (ZThK 114, Heft 2, Juni 2017, 138-148) überzeugend widersprochen.
[2] Siehe Johannes Zimmermann, Zwei Mal »Lehren«?, a.a.O., 140.
[3] Siehe dazu Peter Stuhlmacher, Zur missionsgeschichtlichen Bedeutung von Matthäus 28,16-20, in: Ders., Biblische Theologie und Evangelium. Gesammelte Aufsätze, WUNT I 146, Tübingen 2002, 88-118.
[4] Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus, 4. Teilband. Mt 26-28, EKK 1/4, Düsseldorf/Zürich u.a. 2002, 443.
[5] So möglicherweise in Anlehnung an Wolfgang Reinbold, ‚Gehet hin und machet zu Jüngern alle Völker‘? a.a.O., 204f. Vgl. außerdem Peter Wick, Abschied vom „Jünger machen“ hin zur „Lerngemeinschaft“ mit allen Völkern, CansteinBrief 2016-2017, 4-6; bzw. Evangelische Kirche im Rheinland (Hg.), Weggemeinschaft und Zeugnis im Dialog mit Muslimen. Arbeitshilfe, Düsseldorf 2015, 14-16.



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