

Gastbeitrag Prof. Dr. Carsten Niemitz:
Kürzlich ist eine der umfassendsten demographischen Analysen der Bevölkerungsentwicklung für 195 Länder erschienen. In Lancet, einer der renommiertesten britischen Medizinzeitschriften, liefern 24 Autoren Vorhersagen, in denen es nicht nur um die Bevölkerungszahlen selbst geht, sondern um Fruchtbarkeit, Sterblichkeit und um eine Prognose der Familienstruktur und des Arbeitsmarktes (Vollset et al. 2020). In den Schlussfolgerungen machen sich die Forscher im letzten Satz lediglich Sorgen um zu wenige Menschen in über fünfzig Jahren. Kein Wort darüber, dass die gegenwärtig steigenden Bevölkerungszahlen und die gleichzeitigen Entwicklungen in der Umwelt ein Problem darstellen könnten. Die derzeitig rapide zunehmenden Umweltprobleme und deren zu erwartende Entwicklung in den nächsten 50 Jahren wird mit keinem Wort erwähnt! Die Autoren ignorieren, dass ihre eigenen Berechnungen höchstwahrscheinlich von der Klimaentwicklung überrannt und über den Haufen geworfen werden.
Dabei braucht man nur zu bemerken, dass die Zunahme der Weltbevölkerung im Jahr 2010 noch rund 84 Millionen Menschen betrug, während sie sich im gerade abgelaufenen Jahr auf 95,2 Millionen belief. An jedem Tag vermehrt sich die Menschheit um 260.000 Menschen, innerhalb von vier Tagen also um eine Million Erdenbürger, die Nahrung, Wasser und andere Ressourcen auf einem nicht mitwachsenden Planeten benötigen, zusätzlich aber Schadstoffe emittieren, usw.
Ausgehend von der aktuellen Bevölkerungspyramide der Welt stellt sich die Frage, was eine Verminderung der Geburtenzahl bewirken könnte (siehe Abbildung). Rein theoretisch kann man fragen, welche Auswirkung es hätte, wenn 20 Jahre lang auf der ganzen Welt keine Kinder geboren würden. Bei der aktuellen durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 70 Jahren werden in 20 Jahren etwas weniger als 30 Prozent der heute lebenden Menschen versterben. Von heute gut 7,8 Milliarden Menschen wären also ungefähr 5½ Milliarden noch am Leben. So viele Menschen waren wir im Jahr 1991. Nach den Angaben des Global Footprint Network hatte die Menschheit damals einen Ökologischen Fußabdruck von 1,05 Planeten, also damals schon über dem Wert von 1 (Beyers et al. 2010). Selbst wenn also alle Frauen der Welt in den nächsten 20 Jahren kein Kind mehr bekämen, würden wir durch die Abnahme der Weltbevölkerung das Niveau der Nachhaltigkeit für ein unbeschadetes Überleben der Menschheit nicht erreichen, denn dafür sind wir jetzt schon zu viele Menschen. Außerdem würde der Fußabdruck von 1,0 – wie bereits erwähnt – die maximal gerade noch tolerable Umweltbelastung der Welt bedeuten, die bei unverändertem Pro-Kopf-Verhalten täglich neu überschritten würde.
Dies lässt nur einen Schluss zu: Es müssen gleichzeitig alle familienpolitischen, geburtenreduzierenden Maßnahmen und alle ressourcenschonenden und emissionssenkenden Schritte gleichzeitig unternommen werden.
(Auszug ist aus meinem letzten Artikel vom Juli 21 mit der zitierbaren Quelle: DOI 10.25671/GNF_Sber_NF_55_01)
Erklärender Text zur Graphik:
Abbildung 7a) Aktuelle Pyramide der Weltbevölkerung in Lebensjahren. Die fein ausgezogene, dachförmige Linie bezeichnet den natürlichen Sterbereich (die sich nach oben durch den Tod der Menschen natürlich verjüngende Pyramidenspitze). Die stärkere Linie darunter verdeutlicht den in 20 Jahren zu erwartenden Sterbebereich.
Abbildung 7b) Ungefährer Zustand der Bevölkerungspyramide nach 20 Jahren unter der Annahme, dass in dieser Zeit weltweit keine Kinder geboren würden. Im angenommenen Fall würde die Weltbevölkerung nur aus Menschen bestehen, die 20 Jahre alt oder älter wären. Erläuterung im Text (aus NIEMITZ 2020).