Zwei Jahre. Über 1.800 Stimmen. Und immer noch Schweigen.

Liebe Unterstützer:innen,
am 29. September 2024 habe ich diese Petition gestartet. Zwei Jahre später stehen über 1.800 Menschen hinter der Forderung nach Aufklärung der Gewalt in der Außenwohngruppe 1 des Kinderdorfs Duisburg. Dafür danke ich euch allen von Herzen!
Heute möchte ich euch berichten, was seitdem passiert ist, was nicht passiert ist und was mich nach all den Jahren umtreibt.
Das Kinderdorf: Viele Worte, keine Verantwortung
Im Juli 2025 haben wir die Petition unter anderem beim Geschäftsführer des Kinderdorfs Duisburg eingereicht. Damals haben bereits über 1.600 Menschen Aufklärung, Schutz und Konsequenzen gefordert.
Mit der Geschäftsführung liegen mehrere Jahre Korrespondenz hinter mir. Rückblickend zieht sich für mich ein Muster hindurch: Es werden Hoffnungen geweckt, auch sehr persönliche und gefolgt ist daraus bisher nichts: keine unabhängige Untersuchung, keine Transparenz und keine strukturelle Aufarbeitung.
Mir gegenüber wurde außerdem der damalige Ablauf so dargestellt, als habe das Kinderdorf sofort und konsequent gehandelt. Das entspricht nicht dem, was ich erlebt habe. Zunächst gab es ein internes Gespräch, das den Taten und uns Betroffenen in keiner Weise gerecht wurde. Erst als klar war, dass von der Einrichtung keine echte Aufarbeitung zu erwarten ist, habe ich die Geschehnisse dokumentiert und Anzeige erstattet.
Im Februar dieses Jahres habe ich dann die Geschäftsführung noch einmal angeschrieben und drei einfache Dinge erbeten:
1: Die Zustimmung, unsere Korrespondenz geschwärzt veröffentlichen zu dürfen,
2: Einen Kontakt zum Betriebsrat,
3: Die aktuelle Satzung des Vereins.
Daraufhin kam die Einladung zu einem kurzfristigen Gespräch im Büro in Duisburg, ohne Angabe, worum es gehen soll. Ich habe um eine kurze schriftliche Mitteilung zu Ziel und Themen gebeten und erklärt, dass ich nicht mehr in NRW lebe und ein solches Gespräch nur mit Begleitung führen kann.
Die Antwort: Man wolle mir keine Umstände machen und melde sich in der kommenden Woche per Mail.
Das war am 15. Februar 2026.
Seitdem: nichts.
Seit über sieben Monaten keine Mail, keine Antwort auf meine drei Bitten, kein neuer Gesprächsvorschlag.
Ich sage es trotzdem noch einmal deutlich:
Das Kinderdorf Duisburg ist heute für viele Kinder und Jugendliche ein wichtiger Ort. Gerade deshalb verstehe ich nicht, warum man sich der eigenen Vergangenheit nicht stellt. Wer nach eigener Aussage „nichts zu verbergen“ hat, kann eine unabhängige Aufarbeitung eigentlich nur begrüßen.
Der Landtag NRW: ein erster Schritt
Mit dem Petitionsausschuss des Landtags NRW gab es einen ersten Kontakt. Ein Termin steht noch aus. Dass er bisher nicht stattgefunden hat, liegt auch an mir. Ich lebe inzwischen mehrere hundert Kilometer entfernt, und so ein Termin ist nichts, was ich allein bewältigen kann. Ich brauche dafür Begleitung und die Kraft, mich dem Ganzen wieder zu stellen. Das gehört zur Wahrheit dazu: Aufklärung einzufordern kostet Betroffene sehr viel.
Mein Widerspruch: Ich akzeptiere die Ablehnung nicht
Ich habe bei der zuständigen Behörde beantragt, als Betroffener staatlicher Unterstützung anerkannt zu werden. Dieser Antrag wurde im Juni abgelehnt.
Das nehme ich nicht hin. Ich habe fristgerecht Widerspruch eingelegt und Akteneinsicht genommen. Ich habe mit Unterstützung Seite für Seite durchgearbeitet, was über mich und über die damalige Zeit festgehalten ist. Inzwischen ist meine Widerspruchsbegründung offiziell eingereicht.
Darin lege ich ausführlich dar, warum ich die Entscheidung für falsch halte.
Zu den Einzelheiten kann ich öffentlich noch nichts sagen, solange das Verfahren läuft. Nur so viel: Diese Arbeit hat mir wieder gezeigt, wie viel über die damaligen Zustände bekannt war und wie wenig daraus gefolgt ist. Ich habe nichts zu verbergen, ganz im Gegenteil: Sobald ich eine rechtliche Einschätzung habe, welche Unterlagen ich in welcher Form veröffentlichen darf, mache ich sie hier öffentlich.
Zwölf Jahre Naivität:
Ich bin enttäuscht. Nicht nur vom Kinderdorf, sondern von all den Menschen.
Viele wissen, was in der AWG1 passiert ist. Manche waren damals dabei. Manche haben etwas gesehen, gehört oder geahnt. Manche arbeiten bis heute in der Einrichtung oder im Umfeld. Und trotzdem sagt niemand etwas. Faktisch niemand von denen, die persönlich mehr wissen, hat sich gemeldet, obwohl sie wissen, was das für die Betroffenen bis heute bedeutet.
Stattdessen erlebe ich, wie ein System geschützt wird. Nicht die Kinder von damals, nicht die Kinder von heute und auch nicht die Mitarbeitenden, die unter solchen Strukturen ebenfalls leiden, sondern das System selbst: Ruf, Abläufe, Zuständigkeiten.
Warum? Ich suche schon lange nach einer Erklärung. Ich finde keine andere als diese: Wer offen spricht, riskiert etwas, einen Posten, eine Position oder ein ruhiges Arbeitsverhältnis. Also wird lieber geschwiegen.
Seit zwölf Jahren kämpfe ich dafür, dass sich eine unabhängige Stelle mit den Vorwürfen befasst. Ich verlange keine Vorverurteilung und keinen Pranger. Ich verlange, dass jemand von außen hinschaut, zuhört und aufschreibt, was war. Das ist das Mindeste.
Kein Einzelfall, sondern ein System
Wenn wir von „schwarzer Pädagogik“ hören, denken viele an die 50er, 60er oder 70er Jahre.
Aber das, was ich und andere erlebt haben, geschah zwischen 1999 und mindestens 2007.
Seit November 2000 haben Kinder in Deutschland ein gesetzlich verankertes Recht auf gewaltfreie Erziehung. Der größte Teil dessen, was wir erleben mussten, geschah also, nachdem dieses Recht bereits galt. Das zeigt (erneut): Ein Gesetz allein schützt kein Kind. Es braucht Kontrolle, unabhängige Beschwerdewege, Menschen, die hinschauen, und Institutionen, die Fehler zugeben können.
Solange Einrichtungen sich selbst kontrollieren und Schweigen belohnt wird, kann sich so etwas wiederholen. Überall.
Wir planen, auf die Straße zu gehen
Wir bereiten gerade eine öffentliche Aktion vor. Dabei soll nicht mein Fall im Mittelpunkt stehen, sondern das System dahinter: fehlende unabhängige Aufarbeitung, fehlender Schutz für Kinder in Einrichtungen und fehlende Anerkennung für die, die Gewalt erlebt haben.
Diese Kundgebung ist keine Sache Einzelner, sondern eine Sache vieler.
Ort und Details folgen u.a. hier in einem weiteren Update.
Was ihr tun könnt
- Teilt und kommentiert diese Petition. In euren Gruppen, Chats und Netzwerken.
Jede neue Unterschrift macht das Schweigen schwerer. - Werdet Teil der Kundgebung: Wir wollen gemeinsam auf die Straße gehen und suchen dafür Mitstreiter:innen: Einzelpersonen, Initiativen, Verbände und Künstler:innen. Diese Kundgebung soll möglichst von vielen getragen werden. Bitte zeigt, dass Gewalt an Kindern kein Thema ist, das weiter ausgesessen werden kann. (Schreib mir gerne ein Mail an: initiative8november@proton.me)
- Wenn du selbst im Kinderdorf Duisburg gelebt oder gearbeitet und Ähnliches erlebt hast, kannst du dich auch anonym bei mir melden. (Du musst deinen Namen nicht nennen. Wenn du anonym bleiben willst, leg dir bspw. einfach eine neue Mailadresse an, die nichts über dich verrät, zum Beispiel ebenfalls kostenlos bei Proton und schreibe mir an die o.g. Mail (initiative8november@proton.me).
Alles, was du mir schreibst, behandle ich vertraulich und gebe es ohne deine Zustimmung nicht weiter.
Du musst nichts öffentlich machen. Du bist nicht allein, und dein Leben mit deiner Geschichte zählt!
DANKE <3
Ihr seid mein Beweis und auch Antrieb, dass dieses Thema nicht egal ist - auch wenn einige es gern so hätten.