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Prof. Carsten Niemitz: Wir müssen die Bevölkerungszunahme stoppen - Es geht nicht anders!

Achim Wolf
Germany

Sep 9, 2020 — 

Gastbeitrag von Prof. Dr. Carsten Niemitz: Wir müssen die Bevölkerungszunahme stoppen - Es geht nicht anders!
Etwa im Jahr 1500 n.Chr. überschritt die Zahl der Menschen auf dem Globus die Grenze von 0,5 Milliarden.
Der Zuwachs um 1 Milliarde Menschen von 0,5 zu 1,5 Milliarden dauerte 370 Jahre. - Der Zuwachs um 1 Milliarde Menschen von 6,8 bis 7,8 Mrd dauerte rund 10 Jahre von 2010 bis heute.
Die Bevölkerungszunahme der Menschen geht heute mehr als 35-mal so schnell wie in der Zeit vor 1870.

Dabei hieß es bereits in einem wissenschaftlichen Buch von 1991: „Es wird überall davon gesprochen, dass sich die Zunahme der Erdbevölkerung verlangsamen müsse, Das ist zu wenig: Die Erdbevölkerung muss langfristig abnehmen.“ Nur in der kurzen Zeitspanne seit jener Forderung sind wir aber 2,5 Milliarden mehr geworden, soviel Menschen mehr, wie 1950 die ganze Welt bevölkerten.

Auch der Ökologische Fußabdruck der Menschheit hat mit dem Zuwachs von Menschen zugenommen. Nach dem Global Footprint Network verbraucht die Menschheit aktuell etwa 1,74-mal so viel Ressourcen jährlich, wie die Biokapazität der Erde in einem Jahr zur Verfügung stellen kann und erzeugt einen solchen Betrag an Schadstoffen, wie die Welt in ihren Kreisläufen zu verarbeiten vermag. Es gibt hier nur zwei denkbare Lösungsmöglichkeiten: Entweder die Menschheit senkt ihren Ressourcenverbrauch um derzeit rechnerisch zirka 42 Prozent – was eine entsprechende Reduktion auch des Lebensstandards und der Wirtschaft einschließen würde – oder wir exportieren 3,3 Milliarden Menschen auf einen anderen Planeten. Da die zweitgenannte Lösung nicht realisierbar ist, bleibt eigentlich nur die erste – oder aber die Menschheit sorgt anderweitig für eine drastische Abnahme der Individuenzahl. Bei unserer aktuellen Vermehrungsrate werden wir täglich fast genau 260‘000 Menschen mehr auf der Welt – mehr als eine Viertelmillion!

Wären wir aber der rein theoretischen Überlegung entsprechend 3,3 Mrd Menschen weniger, hätten wir jedoch mit der Natur noch keinen Frieden geschlossen. Denn wir würden uns lediglich genau am oberen Limit der planetaren Belastbarkeit befinden. Die verbliebene Bevölkerung würde sich dann nämlich über diese Grenze hinaus mit jedem Tag um ziemlich genau 150‘000 Menschen vermehren, die sich natürlich wieder jenseits der Biokapazität der Erde und der Bioproduktivität befänden. Die eben geschilderte Sachlage ist ebenso logisch wie zwanghaft. Sie ist seit vielen Jahren bekannt und wurde hier lediglich mit den aktuellen Zahlen versehen.

Oft wird darauf verwiesen, dass Afrika der Kontinent mit dem höchsten Bevölkerungszuwachs ist. Das stimmt und hat viele kulturelle, wirtschaftliche und politische Gründe (Bis zum I. Weltkrieg stimmte dieselbe Feststellung übrigens auf ähnlich hohem Niveau für Europa und brach dann mit den Kriegsfolgen dauerhaft ein). Nicht nur an Stammtischen hört man die Forderung, dass man mit der Familienplanung „erst mal in Afrika anfangen“ solle. – Nun kommt aber die Bevölkerung z.B. von Nigeria mit einem Ökologischen Fußabdruck von fast genau 1 gerade noch ohne ökologische Schulden aus, während die deutsche Bevölkerung, auf die Welt übertragen, nicht einen, sondern gut 3 Planeten zum Überleben bräuchte.

Wenn wir auf die Afrikaner warten, bis jene ihre Geburtenziffern auf europäisches Niveau gesenkt haben – und wenn andererseits die Afrikaner – mit demselben Recht! – darauf warten würden, bis wir Europäer eine unsere Existenzgrundlage schonende, nachhaltige Wirtschaft und Lebensweise etabliert hätten – würde, bis beide Ziele erreicht sind, gar nichts passieren. Mit einer solchen Einstellung würden wir uns gegenseitig lähmen. Das Argument: „Sollen doch die Anderen erst mal…“ ist eine selbstmörderische „Ich-tue-nichts-Ausrede“.

Gleichwohl müssen wir auch mithelfen, dass afrikanische Frauen der Zugang zu Maßnahmen der Verhütung und der Familienplanung verfügbar werden. Minister Müller (BM f wirtschaftl. Zusammenarbeit und Entwicklung) und die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung DSW berichten über große aber eben längst nicht ausreichende Erfolge. Was die Geburtenkontrolle betrifft, kann folgender Vergleich gelten. In einem leckgeschlagenen Schiff kann man nicht zu lange diskutieren, wer denn nun lenzen soll und wer darauf warten soll, dass die Anderen es tun.

Die Länder mit den höchsten Geburtenziffern würden von einer zukunftsorientierten Politik der Familienplanung am meisten profitieren. Vor fast 30 Jahren (!) formulierte es der Club of Rome am Beispiel von Indien mit folgenden Worten: „Rückblickend kann man sich nur fragen, wo reiche Länder wie Indien, das von der Natur so gut ausgestattet wurde, heute stehen würden, wenn ihre Bevölkerungszahl seit Anfang des 20. Jahrhunderts nicht gewachsen wäre“.

Dass unser Thema auch hausgemacht ist und eigene Anstrengungen nötig sind, sieht man beispielsweise an den in Deutschland schrumpfenden Naturflächen. Täglich fallen in Deutschland ca. 60 Hektar Naturflächen dem Wohnungsbau, mit dazugehören Straßen etc. zum Opfer (Wohnungen für Ausländer machen weniger als ein Prozent aus). Dabei sind die Wiesen, Äcker, Moore und Wälder unsere Lebensbasis, auch wenn wir das so nicht sofort merken.

Bei ausnahmslos allen die Menschen bedrohenden Umweltkrisen gilt: Wären wir nur halb so viele Menschen wie 1974, wäre keines der elf drängendsten Umweltprobleme von Bedeutung (siehe: Die Menschheit retten? Packen wir’s an! S. 163). Das ist nicht überholt und „Schnee von gestern“, denn es zeigt die Unausweichlichkeit und Dringlichkeit, sofort zu handeln.

Ein immer wieder fast schon reflexartig vorgebrachtes Argument betrifft die Ablehnung strikter gesetzlicher Vorschriften zur Fami­lienplanung. In der Tat wären sie die denkbar stärksten Eingriffe in die persönliche Lebensführung. Ganz aktuell hat uns das Bemühen von Regierungen, z.B. in Deutschland, um die Verhinderung von vielen Todesfällen im Verlauf der aktuellen Corona-Pandemie jedoch gezeigt, dass auch in demokratischen Ländern notstandsartige Gesetze zur Abwehr größerer Gefahren „im Handumdrehen“ erlassen und durchgesetzt werden können. Sollte eine oder mehrere Regierungen einen anders nicht beherrschbaren Notstand erkennen, muss man einen solchen Schritt für möglich erachten.

Ohne zusätzliche Maßnahmen der Ressourcenreduktion und des Klimaschutzes würden wir also selbst durch eine solche drastische, nur theoretisch realisierbare Maßnahme nicht einmal in den Bereich der Nachhaltigkeit zurückfinden, denn schon damals übernutzte der Mensch die Kapazität der Erde.

Jede und jeder von uns, die oder der gelegentlich Zeitung liest und Nachrichten hört oder sieht, hat in den letzten Jahren möglicherweise weit über einhundertmal ernste Meldungen über die ökologische Entwicklung der Menschen auf der Welt erfahren. Keine und keiner von uns könnte mit gutem Gewissen das Gegenteil behaupten. Gewusst haben wir es also (eigentlich) alle. 1992 haben 1700 Wissenschaftler, darunter Nobelpreisträger und einschlägige Fachleute, einen Aufruf verfasst und der Öffentlichkeit vorgestellt: Wissenschaftler der Welt warnen die Menschheit. Unter dem Punkt ‚Bevölkerung‘ heißt es:

„Die Erde ist endlich. Ihre Fähigkeit, Abfall und zerstörerische Einflüsse zu absorbieren ist endlich. Ihre Fähigkeit zur Bereitstellung von Nahrung und Energie ist endlich. Ihre Fähigkeit zur Versorgung einer wachsenden Anzahl von Menschen ist endlich. Und wir nähern uns schnell vielen der Grenzen dieser Erde….“

Jede und jeder muss sich in der eigenen Familien- und Lebensplanung der nachfolgenden Generation würdig erweisen.

Die Bundeskanzlerin, Frau Dr. Angela Merkel, die Bundesministerin für Familie  Senioren, Frauen und Jugend, Frau Dr. Giffey, die Bundesumweltministerin, Frau Svenja Schulze und der Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Herr Dr. Müller werden hiermit aufgefordert, alles in ihrer Macht stehende zur Abwendung unumkehrbarer Schäden zu tun.

Carsten Niemitz
Scientists for Future, NABU Mölln

Literatur beim Autor.
Twitter: @DrNiemitz

 

 

 

 


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