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Gastbeitrag Professor Dr. Carsten Niemitz - Die Welt retten?

Achim Wolf
Germany

Jan 17, 2020 — 

Gastbeitrag von Professor Dr. Carsten Niemitz:
Zum Werden des ökologischen Phänomens Mensch - Basis für ein neues Menschenbild?
(Auszug, mit freundlicher Genehmigung von Herrn Prof. Niemitz)
...
Auf dem Weg zu einer ökologischen Identität?
Ziemlich genau im Jahr 1800 überschritt die Menschheit die Schwelle der Marke von einer Milliarde Individuen. Die Zahl der Menschen auf der Erde wuchs trotz der Napoleonischen Kriege, trotz des 1. Weltkriegs und auch trotz der Spanischen Grippeepidemie, die allein 1919 nach unterschiedlichen Quellen zwischen 27 und 50 Millionen Menschen dahinraffte. Nach 127 Jahren hatten wir 1927 unsere Zahl verdoppelt und die Zwei-Milliarden-Grenze überschritten. Im Vergleich zur heutigen Zunahme der Weltbevölkerung mutet jene Entwicklung geradezu gemütlich oder schleppend an. 1972, also wesentlich kürzer her als ein Menschenleben, waren wir 3,86 Milliarden und damit halb so viel Menschen auf dieser Erde wie heute. Diese Verdopplungszeit von 47 Jahren entspricht einer 2,7-mal so steilen Kurve der menschlichen Entwicklung.
Spätestens seit jenem Jahr 1972 haben alle heute besorgniserregenden Umweltthemen ebenfalls zugenommen, manche von ihnen in auffälliger Parallelität zur Zahl der Menschen. Auch wurde klar, dass Anstrengungen – beispielsweise zur Steigerung landwirtschaftlicher
Erträge – an enge Grenzen gestoßen sind, weil die Gefahren zunahmen, – um beim Beispiel zu bleiben – die Umwelt durch Dünger, also durch Stickstoffverbindungen zu vergiften.
Mittlerweile hat der Stickstoffeintrag in die Ozeane etwas mehr als die dreieinhalbfache Menge dessen erreicht, was der Stickstoffkreislauf der Welt ertragen könnte (vgl. Umweltbundesamt 2011). Die Nitrifikation der Meere hat ein die ozeanischen Ökosysteme bedrohendes Ausmaß angenommen (Niemitz 2019). Da aber die Landwirtschaft eigentlich den einzigen Zweck hat Menschen zu ernähren, ist die Gefahr, die von einer Störung durch Nitrate ausgeht, mittelbar. Denn die ultimative Ursache für die Entgleisung des planetaren Stickstoffhaushalts ist die Anzahl der zu ernährenden Menschen. Jeder Mensch verbraucht unterschiedlich viele Ressourcen, aber eine kleine Anzahl würde keine Gefahr bedeuten und das durchschnittliche Maß der Naturvernichtung steigt mit der Bevölkerung. Folglich ist die gegenwärtige ökologische Bedrohung der Menschheit fast ausschließlich ein numerisches Problem.
Der Beweis dieser theoretischen Behauptung ist ganz einfach. Eine ganze Anzahl von Autoren hat überzeugend dargelegt, dass sich prähistorische Gesellschaften offenbar nie nachhaltig verhielten (vgl. Denewan 1995; vgl. Henrich 2003; vgl. Kennett/Winterhalder
2006; vgl. Szabo 2015). Jedenfalls konnte die kleine Anzahl von Menschen nur lokale Wirkungen zeitigen und in keiner Weise die Ökologie der Welt im Geringsten aus dem Gleichgewicht bringen, was als empirischer Beweis jener Behauptung gelten mag.
Mittlerweile aber verbrauchen wir Menschen auf unserem runden, blauen Raumschiff so viel Ressourcen und produzieren eine derartige Menge an Treibhausgasen, Müll und Feinstaub, dass die Biokapazität und Reproduktivität der Welt dies längst nicht mehr zu kompensieren
vermag. Der Ökologische Fußabdruck von Homo sapiens ist inzwischen so groß geworden, dass wir für ein unbeschadetes Überleben mehr als anderthalb solche runden Raumsegler brauchen würden. Diese Angabe basiert auf mehreren tausend alten und oft aktualisierten, neuen Untersuchungen. Die zwingende Logik besagt, dass wir nicht irgendwann in der Zukunft zu viele Passagiere sein werden, sondern wir sind bereits jetzt über 2,8 Milliarden Menschen zu viele Menschen, die auf den etwas mehr als halben, fehlenden Planeten exportiert werden müssten. Die Überfüllung unseres blauen Raumschiffs kam indes keineswegs über Nacht. Denn nach dem II. Weltkrieg hatte die zunehmende Zahl der Passagiere sich durch weitere Plünderung der Vorräte an Kohle, Erdöl und vielen anderen Teilen des Proviants einen durchschnittlich steigenden Lebensstandard erarbeitet. Der mitgeführte Abfall bereitete auch 1971 noch keine Sorgen, als die regenerativen Kräfte der Selbstreinigung und der Nährstoffgeneratoren an Bord nicht mehr ausreichten und es, von den Passagieren noch unbemerkt, an die Reserve ging (Beyer 1998).
Frauen, Kinder und das systematische Defizit
Seither leben wir mit einem systematischen Defizit, das jedoch eine geraume Zeit auch von den allermeisten Fachleuten gar nicht wahrgenommen wurde. Zwei Jahrzehnte später findet man folgendes Zitat: „Jetzt schon ist die ökologische Tragfähigkeit der Welt durch die Anzahl der heute lebenden Menschen überlastet. … Es genügt nicht, wenn Raten der Bevölkerungszunahme gesenkt werden. Wenn die Zahl der Menschen nicht sinkt, sind alle anderen Bemühungen umsonst (Niemitz 1991, S. 71). Die Herleitung jenes Sachverhaltes erfüllte keine wissenschaftlichen Kriterien, war aber einfach und logisch. Seit wir auf der Welt zirka 1,5 Milliarden Menschen geworden waren, „ging es mit der Natur ebenso stetig beschleunigt bergab, wie es mit der Bevölkerungsexplosion aufwärts ging“ (ders., S 71). Der Schwund unserer Lebensbasis war evident, und das negative Korrelat erschien kausal, denn die Selbstheilungskräfte der Natur waren offensichtlich zunehmend überfordert. In Diskussionen mit Fachkollegen erlebte der Autor erwartungsgemäß mehrfach Zweifel an seiner Aussage, die erst später durch die Arbeiten des Global Footprint Network wissenschaftlich Rang erhielt und in der Sache nachträglich bestätigt wurde (vgl. Wackernagel/Rees 1997).
Alle wissenschaftlich wie öffentlich aktuell diskutierten Problemfelder sind jüngeren Datums und erst mit der wachsenden Bevölkerung durch menschliche Eingriffe entstanden. Mit der zunehmenden Zahl von Menschen gibt es auch mehr Frauen im gebärfähigen Alter und
damit auch mehr Kinder pro Jahr. Deshalb war der jährliche Zuwachs 2018 trotz einer global gesunkenen Fertilitätsrate etwas stärker als er beispielsweise 1990 war (UN Department of Economic and Social Affairs 2019). Am 6. August 2019 nahm die Weltbevölkerung nach derselben Quelle um etwas mehr 256 000 Menschen zu, an nur diesem einen Tag. Würden wir von Null beginnen, also die Erde neu besiedeln und uns mit diesem Betrag täglich vermehren, würden wir die Weltbevölkerung von einer Milliarde Individuen im Jahr 1800 in 10,7 Jahren erreichen. Wir propagieren uns nach einem Zinseszinsmodus, was nach wie vor
der Vermehrungsart von Bakterien entspricht (Niemitz 2018, S. 14).
Gleichzeitig wird das Thema der Familienplanung mit dem Ziel einer Verminderung der Geburtenzahlen auf politischer Ebene recht konsequent tabuisiert. Wo immer die Entwicklung der Bevölkerung bei Zukunftsfragen eine Rolle spielt, werden die demografischen Prognosen zugrundgelegt, ohne dass ein Gedanke oder ein Wort über mögliche Einflussnahmen darauf verschwendet wird. Nicht einmal Nichtregierungsorganisationen, NGOs, ziehen einen Einfluss auf Kinderzahlen in Betracht. In einer Online-Broschüre hat der World Wide Fund for Nature WWF zehn „Kluge Lösungen“ zur Bewältigung der Zukunftsprobleme vorgeschlagen. Beispielsweise werden ‚Schutz des Naturkapitals‘ und ‚Gerechte Ressourcenverteilung‘ angemahnt (WWF 2016, S.27, Abb.12).
Völlig richtig, aber bevölkerungsrelevante Aspekte wie beispielsweise eine Familienplanung werden nicht in Betracht gezogen.
Nach einem Zitat von Aldous Huxley zirka von 1960 gilt: „Wenn wir das Problem der Überbevölkerung der Erde nicht lösen, werden alle anderen Probleme unlösbar“ (nach: Röhrlich 2015).
Die UNO hat optimistische, mittlere und pessimistische Prognosen erstellt, wobei elf Milliarden Menschen zu den relativ optimistischen Vorhersagen gehören. Wenn wir die jetzigen Umweltprobleme betrachten und die aktuelle politische Nervosität, wenn es um wichtige Ressourcen geht, kann man bei zunehmender Enge kaum mit einer wachsenden,
pazifistischen Grundstimmung rechnen. Mit steigender Konkurrenz dürfte die Bereitschaft der Regierungen für ökologische und bevölkerungspolitische Zugeständnisse eher schrumpfen als wachsen. Eher wird wohl die Bereitschaft zu Konflikten und Kriegen wahrscheinlicher. Deshalb müssen die Verhandlungsdelegationen der angestrebten Vertragspartner, wie beim Klimaproblem auch, davon überzeugt werden, dass die Lösungen im Interesse ihres jeweils eigenen Landes sind. Mit der Bewältigung dieser schwierigen Aufgaben muss man unverzüglich beginnen. Der Club of Rome hat bereits 1991 eine „Globale Revolution“ gefordert (King/Schneider 1992). - Eine Revolution! Richard von Weizsäcker, wahrlich viel mehr als besonnener Denker denn als Revolutionär bekannt, war damals im Vorstand des Club of Rome. Gut ein Vierteljahrhundert haben wir inzwischen verplempert. Ganz ohne revolutionären Lärm jedoch hat sich eine höchst bedeutsame
Entwicklung ganz anderer Art großräumig ausgebreitet. In vielen Ländern der Welt haben die Frauen damit begonnen, ein neues Menschenbild zu entwerfen, nämlich das einer selbstbestimmten Frau, die ihre Lebensziele nicht ausschließlich an ihren Kindern und deren Anzahl orientiert. So hat die Fertilitätsrate im Weltdurchschnitt von 1969 bis 2017 nach statischen Angaben der Weltbank rund um die Hälfte abgenommen. Waren es 1960 noch fast fünf, nämlich 4,9 Geburten pro Frau, so sind es nun nur noch 2,6 zur Welt gebrachte Kinder. Wegen der vormals hohen Geburtenziffer war dieser Rückgang bei den islamischen Staaten des Nahen Ostens am dramatischsten. In Saudi Arabien hatte die Fertilitätsrate 1978 mit 7,3 Geburten pro Frau ihren Höhepunkt erreicht und liegt nun bei nur noch etwa 2,5 Geburten; noch niedriger liegt sie inzwischen mit durchschnittlich etwa 1,7 Geburten pro Frau im Iran und damit deutlich unter den Werten für die USA und besonders auch Frankreich, wo sie aktuell 2,1 beträgt (alle Angaben
nach: Fertilitätsraten der UN, Online). Mit Besorgnis muss man dabei aber zur Kenntnis nehmen, dass die hohen Geburtenziffern der 1960iger bis 1980iger Jahre zwei Jahrzehnte später zu einem dramatischen Anstieg fertiler Frauen geführt hat, so dass sich beispielsweise die Bevölkerung Saudi Arabiens gegen den Trend der Fertilität in den letzten nur fünfzig Jahren von 5,4 Millionen auf über 33 Millionen Einwohner versechsfacht hat (Laenderdaten.info, Saudi Arabien, Online). 
Wenn wir Menschen jetzt und sofort ein Nullwachstum durchsetzen würden, müssten wir abwarten, bis wir durch den natürlichen Absterbeprozess allmählich wieder zum Nachhaltigkeitsniveau zurückgelangen würden, auf dem die Ressourcen für alle ausreichen
und wir Atmosphäre, Böden und Meere nicht weiter übermäßig belasten. Wir können hierzu ein rein theoretisches Gedankenexperiment ohne jeden Bezug zu seiner Umsetzbarkeit durchkalkulieren. Die aktuell gut 7,7 Milliarden Menschen haben im globalen Durchschnitt eine Lebenserwartung von 72 Jahren (Laenderdaten.info, Lebenserwartung, Online). So kann man in jedem Jahr das Ableben von etwas mehr als 105 Millionen von ihnen erwarten. Warten wir zwanzig Jahre, werden in jenem Zeitraum ungefähr 2,1 Milliarden Menschen gestorben sein, so dass danach rund 5,6 Milliarden Menschen die Erde bevölkern würden.
Das wären so viele wie 1993, also zu einem Zeitpunkt, in dem wir uns bereits tief in der ökologischen Schuldenzone befunden hatten. Zwanzig Jahre ohne ein Kind auf der Welt würden also nicht genügen, um den Bereich der Nachhaltigkeit zu erreichen. Wir würden unser leck geschlagenes Schiff auch mit dieser harten Maßnahme nicht an ein trockenes Ufer steuern können.
Bei einer Weltbevölkerung von 7,7 Milliarden Menschen und einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 72 Jahren sterben jährlich etwas mehr als 105 Millionen Menschen. Die aktuelle, ungefähre Absterbezone wird durch die dünnen Tangenten repräsentiert. Würde sich die Menschheit theoretisch für die Dauer von zwanzig Jahren auf eine „Null-Kinder-Politik“ einigen, würde sich die Population um zwanzig Jahre in die Absterbezone verlagern. Danach bestünde die Weltbevölkerung nur noch aus den Menschen unterhalb der dicken Geraden. Weiteres siehe Text.
Wenn wir die gegenwärtigen Werte der Umweltbelastungen einsetzten, bliebe die Periode beträchtlicher Gefahr weiterhin bestehen, weil sich alle gegenwärtigen, bedrohlichen Prozesse eine ganze Anzahl von Jahren auf ähnlich hohem Niveau fortsetzen und das Ausmaß der Gefahr weiter anheben würden. Ein Null-Wachstum über zwanzig Jahre und erst recht ein verlangsamtes Wachstum der Menschheit allein kann unsere Aussichten nicht verbessern.
Gleichzeitig ist es in der gegenwärtigen ökologischen Entwicklung offensichtlich, dass wir uns eine Zunahme all jener aktuell problematischen Veränderungen der Umwelt nicht erlauben können (CO2, Müll, Biodiversitätsverlust, Nitrate…). Was die Welt bräuchte, wäre nicht eine Phase des verlangsamten Niedergangs, sondern eine Zeitspanne der Erholung. Wenn eine Verlangsamung der Zunahme der menschlichen Bevölkerung nicht ausreicht und sogar ein Geburtenstopp nur unzulänglich hilft, bleibt uns nicht viel Wahl. Vielleicht sind die Frauen in vielen Ländern der Welt Bewahrende und Zeugende zugleich, Schützende und Vordenkerinnen für ein neues, nachhaltiges Menschenbild.
Paulus schreibt zum Thema der Ehelosigkeit:
Ich meine, es ist gut wegen der bevorstehenden Not, ja, es ist gut für den Menschen, so zu sein. (1. KORINTHER 7,25)
Zitat einer australischen Projektmanagerin und Tauchlehrerin:
Ich will nicht zu der bereits existierenden Ressourcenverknappung beitragen. Ich will auch keine Kinder in eine Welt setzen, die in meinen Augen dem Untergang geweiht ist. - Das klingt vielleicht dramatisch, aber ich bin einfach nur realistisch …. Unser derzeitiger Lebensstil verkraftet einfach keine zusätzlichen Menschen mehr.“ (Zitat in: Yang 2016).

Hinweise:
Neues Buch von Prof. Niemitz "Die Menschheit retten? Packen wir's an!" 
Mehr: https://www.stratum-consult.de/events/weltretten
Über Prof. Niemitz: https://de.wikipedia.org/wiki/Carsten_Niemitz


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