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Literaturkürzung im WDR stoppen

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22. Januar 2021

Sehr geehrter Tom Buhrow, sehr geehrte Valerie Weber, sehr geehrter Matthias Kremin,

als es im März 2020 zum ersten Lockdown kam, dachte WDR3 an seine freien Autor*innen. Aufträge wurden nicht abgesagt, sondern konnten von Zuhause aus produziert werden. Im WDR wurde ein Krisenstab eingerichtet, der seine Hilfsangebote ausdrücklich auch an die freien Mitarbeitenden richtete. – Eine solche Solidarität erlebt man als Freiberuflerin selten.

Wir „Freien“ wiederum unterstützten den WDR. Wir rüsteten auf eigene Kosten technisch auf und zeigten uns flexibel, um den Sendebetrieb mit aufrecht zu halten.

Es scheint, als habe die Solidarität des WDR jetzt auch ihre Grenzen erreicht – wie es bei anderen Sendern schon längst der Fall ist. Am vergangenen Freitag wurden wir von der Literaturredaktion – nicht von den Entscheidungsträgern – davon in Kenntnis gesetzt, dass die tägliche Buchrezension ersatzlos gestrichen werde. Neue Aufträge seien nicht zu erwarten, die Literatur werde bei WDR3 zwar noch eine Rolle spielen, aber in geringerem Umfang. Neue Formate wurden nur vage in Aussicht gestellt.

Wenn die tägliche Buchrezension im „WDR3 Mosaik“ wegfällt, bedeutet das: Es werden im Jahr um die 250 Bücher weniger besprochen. Viele Verlage werden mit ihren Büchern im „Kulturradio“ WDR3 gar nicht mehr vorkommen. Absehbar ist, dass nur noch die wenigen vermeintlich „wichtigen“ Buchtitel besprochen werden. Bücher also, die ohnehin im Gespräch sind. Erfüllt WDR3 so seinen Kulturauftrag? Will man so in der Zukunft als Kultursender bestehen?

Bücher sind kein Luxusgut und die Buchbranche und ihre Konsument*innen keine Nischenbewohner. Die Buchbranche ist ein Wirtschaftszweig, der 2019 über neun Milliarden Euro Umsatz gemacht hat. Dazu tragen Literatur und Sachbuch den Löwenanteil bei. Buch-Lesezeiten steigen in allen Altersgruppen, der Independent-Buchhandel legt zu, das Bedürfnis nach Beratung steigt also. Allein in Buchhandlungen und Verlagen sind mehr als 50.000 Menschen beschäftigt – Leute wie wir (Beschäftigte in Literaturkritik und Literaturvermittlung) also nicht mitgerechnet, von Autorinnen und Autoren ganz zu schweigen. Wer die Möglichkeiten der Vermittlung einschränkt, schadet der ganzen Branche.

Ihre Entscheidung bedeutet die Einschränkung einer demokratischen Öffentlichkeit auf dem Feld der Kultur. Es werden weniger Bücher Aufmerksamkeit bekommen, es werden weniger Perspektiven auf sie sichtbar werden. Der WDR predigt Diversität und kulturelles Engagement, sein Handeln spricht eine andere Sprache.  

Es fällt uns schwer, diese Entscheidung in diesen Zeiten nicht als zynisch aufzufassen. Zeiten, in denen die Sendeanstalten mit den von ihnen Abhängigen solidarisch sein sollten. Zeiten, in denen Literatur eines der wenigen kulturellen Erzeugnisse ist, das auch im Lockdown wahrgenommen werden kann, sofern die Vermittlungsformen intakt bleiben.

Bei allem Verständnis für die schwierige finanzielle Situation, in die der Öffentlich-rechtliche Rundfunk durch die Blockade des neuen Rundfunkbeitrags gekommen ist; bei allem Verständnis für die missliche Lage, in die heutige Entscheidungsträger durch die enormen Ausgaben für Renten infolge der aufgeblähten Apparate der 80er Jahre geraten sind: Wir halten die Entscheidung, ausgerechnet die günstig zu produzierenden Literatursendungen zu reduzieren, für falsch.

Was darüber hinaus schmerzt: Die Unterschätzung der WDR3-Hörer*innen. Offenkundig gehen die Entscheidungsträger im WDR davon aus, dass das Publikum nicht mehr in der Lage ist, sechs Minuten lang einer schlüssigen Argumentation zu folgen. Oder ist das frühere Kernpublikum des „Kulturradios“ WDR3 gar nicht mehr die Zielgruppe des Senders?

Wenn Sie, liebe Valerie Weber, lieber Tom Buhrow und lieber Matthias Kremin, Ihre Hörer*innen als träge Masse sehen: Sie täuschen sich.

Liebe Kölnerinnen und Kölner, liebe Rheinländerinnen, Westfalen und Bewohner des bundesweiten WDR-Sendegebiets, liebe Kolleginnen und Kollegen und Leser*innen darüber hinaus: Wir bitten Sie, Frau Weber, die beiden Herren sowie den WDR-Verwaltungs- und Rundfunkrat vom Gegenteil zu überzeugen. Die Entscheidung, die Sendeplätze für Literatur und Sachbücher zu reduzieren und die tägliche Rezension zu streichen, muss entweder zurückgenommen werden oder es muss ein schlüssiges Konzept vorgelegt werden, wie weiterhin gewährleistet wird, die Vielfalt der Literatur und ihrer Rezeption abzubilden.

Mit freundlichen Grüßen

Jörg Aufenanger

Martin Becker

Stefan Berkholz

Katharina Borchardt

Dorothea Breit

Kurt Darsow

David Eisermann

Tobias Eisermann

Thomas Fechner-Smarsly

Udo Feist

Moses Fendel

Björn Hayer

Peter Henning

Eva Hepper

Martin Hubert

Uli Hufen

Werner Köhne

Brigitta Lindemann

Peter Meisenberg

Corinne Orlowski

Oliver Pfohlmann

Manuela Reichart

Ulrich Rüdenauer

Miryam Schellbach

Wolfgang Schneider

Jakob Stärker

Julia Trompeter

Hermann Wallmann

Insa Wilke

Bereits unterstützt von Kolleginnen, Autoren und Hörerinnen:

Maike Albath

Marija Bakker

Helmut Böttiger

Michael Braun

Jan Faktor

Lothar Fend

Andrea Gerk

Franziska Haug

Holger Heimann

Guy Helminger

Katharina Herrmann

Anja Hirsch

Navid Kermani

Claudia Kramatschek

Hans-Peter Kunisch

Elke Liebs

Dina Netz

Ulrich Peltzer

Jutta Person

Anja Reinhardt

Kathrin Röggla

Julia Schröder

Christoph Schröder

Heike Sicconi

Annette Simon

Angela Steidele

Wolfgang Stenke

Jochen L. Stöckmann

Beate Tröger

Natascha Wodin

 

(Photo by Karolina Grabowska from Pexels)



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